Adipositas-Chirurgie (bariatrische Chirurgie): Mikronährstoffmängel und ernährungsmedizinische Nachsorge

Die Adipositas-Chirurgie, auch bariatrische oder metabolische Chirurgie genannt, ist eine wirksame Therapie der schweren Adipositas (Adipositas Grad III mit einem Body-Mass-Index (BMI/Körpermassen-Index) ≥ 40 kg/m²) und ihrer metabolischen Folgeerkrankungen. Durch die operative Veränderung von Magen und Dünndarm entsteht jedoch eine lebenslange Risikokonstellation für Mikronährstoffmängel und eine unzureichende Proteinversorgung. Das individuelle Risiko wird insbesondere durch das Operationsverfahren, bereits präoperativ bestehende Defizite, die postoperative Nahrungsaufnahme, Erbrechen, Malabsorption (verminderte Aufnahme von Nährstoffen aus dem Darm), die regelmäßige Einnahme der Supplemente und die Qualität der Langzeitnachsorge bestimmt [1-3].

Auch nach Verfahren ohne gezielte Umgehung größerer Dünndarmabschnitte können klinisch relevante Defizite auftreten. Nach Operationen mit zusätzlicher Verkürzung der gemeinsamen Verdauungs- und Resorptionsstrecke steigt das Risiko für Proteinmangel und multiple Mikronährstoffdefizite deutlich an [1, 2, 8, 9]. Eine bariatrische Operation erfordert daher eine lebenslange ernährungsmedizinische Betreuung mit verfahrens-, labor- und situationsabhängiger Supplementierung. Langzeituntersuchungen zeigen, dass Vitaminmängel noch 5-17 Jahre nach dem Eingriff nachweisbar sein können. Fallberichte dokumentieren darüber hinaus seltene, aber potentiell irreversible neurologische, ophthalmologische und hämatologische Komplikationen (Schädigungen des Nervensystems, der Augen oder der Blutbildung) bei unzureichender Nachsorge [8, 11].

Ursachen des erhöhten Mikronährstoffrisikos

Postoperative Defizite entstehen meist durch das Zusammenwirken mehrerer Mechanismen [1, 2]:

  • Präoperativ bestehende Defizite: Menschen mit schwerer Adipositas können trotz hoher Energiezufuhr unzureichend mit Vitamin D, Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Thiamin (Vitamin B1) und weiteren Mikronährstoffen versorgt sein. Eine subklinische Inflammation (chronische niedriggradige Entzündung) kann insbesondere die Beurteilung des Eisenstatus erschweren.
  • Verminderte Nahrungsaufnahme: Ein reduziertes Magenvolumen, frühe Sättigung, postoperative Unverträglichkeiten und eine einseitige Lebensmittelauswahl vermindern die Zufuhr von Proteinen (Eiweiß), Vitaminen und Mineralstoffen.
  • Reduzierte Magensäureexposition: Eine verminderte Säurebildung und der kleinere funktionelle Magenanteil können die Freisetzung und Löslichkeit von Eisen, Calcium und Vitamin B12 aus Lebensmitteln beeinträchtigen.
  • Verminderte Verfügbarkeit des Intrinsic-Faktors: Der Intrinsic-Faktor ist ein im Magen gebildetes Transportprotein, das für die reguläre Aufnahme von Vitamin B12 im terminalen Ileum (letzter Abschnitt des Dünndarms) erforderlich ist.
  • Umgehung resorptiver Dünndarmabschnitte: Die Ausschaltung des Duodenums (Zwölffingerdarm) und des proximalen Jejunums (oberer Abschnitt des Leerdarms) beeinträchtigt insbesondere die Aufnahme von Eisen, Calcium und weiteren Mineralstoffen.
  • Verkürzte gemeinsame Resorptionsstrecke: Je kürzer der Darmabschnitt ist, in dem Nahrung und Verdauungssäfte zusammentreffen, desto höher ist das Risiko einer Protein-, Fett- und Mikronährstoffmalabsorption.
  • Erbrechen und Nahrungskarenz: Wiederholtes Erbrechen und eine stark eingeschränkte Nahrungsaufnahme können innerhalb kurzer Zeit zu einem schweren Thiaminmangel führen.
  • Unzureichende Supplementierung: Fehlende Einnahme, ungeeignete Präparate, konkurrierende Einnahme einzelner Mineralstoffe und fehlende Dosisanpassungen sind häufige Ursachen später Defizite.
  • Zusätzliche Risikofaktoren: Schwangerschaft, Menstruationsblutungen, chronische Diarrhoe (Durchfall), Nieren- oder Lebererkrankungen, Alkoholgebrauch, Protonenpumpenhemmer, Metformin und Revisionsoperationen können das Risiko weiter erhöhen.

Verfahrensabhängiges Risikoprofil

Operationsverfahren Ernährungsphysiologische Veränderungen Typische Versorgungsrisiken
Verstellbares Magenband Begrenzung der aufnehmbaren Nahrungsmenge ohne Umgehung von Dünndarmabschnitten; mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeit und wiederholtes Erbrechen Thiamin bei Erbrechen sowie Eisen, Folsäure, Vitamin B12 und Vitamin D bei dauerhaft unzureichender Nahrungsqualität
Schlauchmagenresektion (Sleeve-Gastrektomie; SG) Deutlich reduziertes Magenvolumen, verminderte Säureexposition und reduzierte Verfügbarkeit des Intrinsic-Faktors Vitamin B12, Eisen, Folsäure, Thiamin, Vitamin D und Calcium
Roux-en-Y-Magenbypass (RYGB) Kleiner Vormagen sowie Umgehung von Duodenum (Zwölffingerdarm) und proximalem Jejunum (oberem Abschnitt des Leerdarms) Vitamin B12, Eisen, Calcium, Vitamin D, Thiamin, Folsäure, Zink, Kupfer und Selen; abhängig von der Schenkellänge zusätzlich fettlösliche Vitamine
Magenbypass mit einer Anastomose (One-Anastomosis Gastric Bypass; OAGB) Kleiner Vormagen und Umgehung eines längenabhängigen biliopankreatischen Schenkels (Dünndarmabschnitt, der ausschließlich von Galle und Pankreassekret durchflossen wird) Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Calcium, Vitamin D, Protein, Zink, Kupfer und Selen; bei längerer Umgehungsstrecke zusätzlich Vitamin A, D, E und K
Biliopankreatische Diversion mit Duodenal-Switch (BPD/DS) Ausgeprägte Verkürzung der gemeinsamen Verdauungs- und Resorptionsstrecke Hohes Risiko für Proteinmangel sowie Defizite der Vitamine A, D, E und K, von Calcium, Eisen, Zink, Kupfer, Selen, Thiamin, Folsäure und Vitamin B12
Duodeno-Ileal-Bypass mit einer Anastomose und Schlauchmagen (Single-Anastomosis Duodeno-Ileal Bypass with Sleeve Gastrectomy; SADI-S) Schlauchmagen und verkürzte gemeinsame Resorptionsstrecke; das Risiko hängt wesentlich von der Länge des gemeinsamen Dünndarmabschnitts ab Proteine sowie fettlösliche Vitamine, Calcium, Eisen, Zink, Kupfer, Selen, Thiamin, Folsäure und Vitamin B12

Die klinische Einteilung in restriktive und malabsorptive Verfahren bildet die komplexen physiologischen Veränderungen nur vereinfacht ab. Auch nach einer Schlauchmagenresektion können relevante Defizite auftreten. Eine Metaanalyse randomisierter Studien ergab nach Roux-en-Y-Magenbypass im Vergleich zur Schlauchmagenresektion ein höheres Risiko für einen Vitamin-B12-Mangel. Für Anämie (Blutarmut), Eisen- und Folsäuremangel zeigten sich keine konsistenten signifikanten Unterschiede [4]. Das Gesamtrisiko steigt jedoch mit dem Ausmaß der ausgeschalteten Darmstrecke und ist nach BPD/DS und vergleichbar stark malabsorptiven Verfahren am höchsten [1, 2, 8, 9].

Klinisch besonders relevante Defizite

Thiamin, Vitamin B1: Ein Thiaminmangel kann bereits wenige Wochen nach der Operation auftreten. Besonders gefährdet sind Patienten mit anhaltendem Erbrechen, Dysphagie (Schluckstörung), rascher Gewichtsabnahme, sehr geringer Nahrungsaufnahme, Alkoholgebrauch oder fehlender Supplementierung [1, 2, 5]. Mögliche Folgen sind Polyneuropathie (Schädigung mehrerer peripherer Nerven), Muskelschwäche, kardiale Funktionsstörungen (Beeinträchtigungen der Herzfunktion) und die Wernicke-Enzephalopathie (akute Hirnfunktionsstörung mit möglicher Verwirrtheit, Augenbewegungsstörungen und Gangunsicherheit). Die klassische Symptomtrias ist häufig unvollständig. Bei klinischem Verdacht muss Thiamin unverzüglich und bei schwerer Symptomatik vorzugsweise parenteral verabreicht werden, ohne das Ergebnis einer Laboruntersuchung abzuwarten. Eine erforderliche Behandlung einer Hypoglykämie (Unterzuckerung) darf dadurch nicht verzögert werden [1, 2].

Eisen: Eisenmangel und Eisenmangelanämie gehören zu den häufigsten Langzeitkomplikationen. Besonders gefährdet sind menstruierende Frauen, Patienten mit präoperativ niedrigen Eisenspeichern sowie Personen nach Magenbypass oder stärker malabsorptiven Verfahren [1, 2, 7-9]. Ferritin soll gemeinsam mit dem Blutbild und bei möglicher Entzündung mit dem C-reaktiven Protein (CRP) sowie der Transferrinsättigung (TfS; Anteil des mit Eisen beladenen Transportproteins) beurteilt werden. Ein normales oder erhöhtes Ferritin schließt bei Entzündung einen absoluten oder funktionellen Eisenmangel nicht sicher aus. Bei unzureichender Wirksamkeit oder Verträglichkeit oraler Präparate sowie bei ausgeprägter Malabsorption kann eine intravenöse Eisensubstitution erforderlich sein [1, 2].

Vitamin B12 und Folsäure: Ein Vitamin-B12-Mangel kann sich aufgrund der körpereigenen Speicher erst Jahre nach der Operation manifestieren. Neben einer makrozytären Anämie (Blutarmut mit vergrößerten roten Blutkörperchen) sind Polyneuropathie, sensible Ataxie (Gang- und Standunsicherheit infolge einer gestörten Tiefensensibilität), kognitive Störungen und Myelopathie (Schädigung des Rückenmarks) möglich. Bei einem grenzwertigen Serumwert und begründetem klinischem Verdacht können Methylmalonsäure und Homocystein die Diagnostik ergänzen. Eine isolierte hochdosierte Folsäuregabe kann hämatologische Veränderungen eines Vitamin-B12-Mangels abschwächen, ohne die neurologische Schädigung zu verhindern [1, 2].

Vitamin D und Calcium: Ein Vitamin-D-Mangel besteht häufig bereits präoperativ und kann trotz Gewichtsabnahme und Supplementierung persistieren. Die verminderte Calciumaufnahme und ein unzureichender Vitamin-D-Status begünstigen einen sekundären Hyperparathyreoidismus (kompensatorische Überfunktion der Nebenschilddrüsen), eine erhöhte Knochenresorption, Osteomalazie (unzureichende Mineralisierung des Knochens), Osteoporose und Frakturen [1, 2, 6, 8]. Ein normales Serumcalcium schließt eine negative Calciumbilanz nicht aus, da die Calciumkonzentration durch Parathormon auf Kosten des Knochens stabilisiert werden kann. Zur Beurteilung gehören daher 25-Hydroxyvitamin D, Calcium, Albumin, Parathormon, alkalische Phosphatase und Nierenfunktion sowie situationsabhängig Phosphat und Magnesium [1, 2, 6].

Fettlösliche Vitamine: Mängel der Vitamine A, D, E und K betreffen besonders Patienten nach BPD/DS, SADI-S, langstreckigem OAGB oder anderen Verfahren mit ausgeprägter Fettmalabsorption. Warnzeichen sind Nachtblindheit und Xerophthalmie (Austrocknung von Binde- und Hornhaut) bei Vitamin-A-Mangel, Neuropathie und Muskelschwäche bei Vitamin-E-Mangel sowie Hämatomneigung und verlängerte Gerinnungszeiten bei Vitamin-K-Mangel. In einer Metaanalyse mit mindestens fünfjähriger Nachbeobachtung waren Defizite der Vitamine D, E, A, K und B12 besonders häufig [8].

Zink, Kupfer und Selen: Ein Zinkmangel kann Geschmacksstörungen, Haarausfall, Dermatitis (entzündliche Hautveränderung), verzögerte Wundheilung und Störungen der Immunfunktion verursachen. Ein Kupfermangel kann zu Anämie, Neutropenie (Verminderung bestimmter weißer Blutkörperchen), Polyneuropathie und teilweise irreversibler Rückenmarkschädigung führen. Hochdosiertes Zink kann die intestinale Kupferaufnahme vermindern. Zusätzliche Zink- und Kupfergaben müssen daher aufeinander abgestimmt und laborchemisch überwacht werden. Ein Selenmangel kann Muskelschwäche, Schilddrüsenfunktionsstörungen und in schweren Fällen eine Kardiomyopathie (Erkrankung des Herzmuskels) verursachen [1, 2].

Proteinversorgung: Obwohl Proteine keine Mikronährstoffe sind, muss eine unzureichende Proteinversorgung in die ernährungsmedizinische Beurteilung einbezogen werden. Hypalbuminämie (erniedrigte Albuminkonzentration im Blut), Ödeme (Wassereinlagerungen), Muskelabbau und Leistungsminderung können insbesondere nach stark malabsorptiven Verfahren oder nach Revisionsoperationen auftreten. Bei ausgeprägter Hypalbuminämie müssen zusätzlich Entzündungen, Lebererkrankungen, renale Proteinverluste und andere Ursachen ausgeschlossen werden [1, 2, 9].

Präoperative Diagnostik

Vor der Operation sollen der Ernährungsstatus und die Mikronährstoffversorgung systematisch erfasst werden. Bereits bestehende Defizite sind möglichst präoperativ zu behandeln, da sie durch die postoperative Nahrungseinschränkung und Malabsorption verstärkt werden können [1-3].

Zur Basisdiagnostik gehören:

  • Anamnese: Ernährungsqualität, Supplemente, Alkoholgebrauch, Erbrechen, Diarrhoe, Menstruationsblutungen, gastrointestinale Voroperationen, relevante Medikamente und Schwangerschaftsplanung
  • Hämatologische Diagnostik: Blutbild, Ferritin, Folsäure und Vitamin B12; bei möglicher Entzündung zusätzlich C-reaktives Protein und Transferrinsättigung
  • Knochenstoffwechsel: 25-Hydroxyvitamin D, Calcium, Albumin, Parathormon und alkalische Phosphatase
  • Allgemeine Stoffwechseldiagnostik: Nieren- und Leberparameter sowie Elektrolyte
  • Erweiterte Diagnostik: Thiamin bei entsprechender Risikokonstellation sowie Vitamin A, E und K, Zink, Kupfer und Selen insbesondere vor stark malabsorptiven oder erneuten bariatrischen Eingriffen

Die präoperative Korrektur eines Mangels ersetzt nicht die postoperative Prävention und die lebenslange Nachsorge.

Postoperative Laborkontrollen

Die folgenden Untersuchungen stellen ein orientierendes Basisschema dar. Das tatsächliche Kontrollprogramm muss an das Operationsverfahren, präoperative Defizite, klinische Symptome, Begleiterkrankungen und die Zuverlässigkeit der Supplementierung angepasst werden [1, 2, 7].

Zeitpunkt oder Risikosituation Basisdiagnostik Erweiterte Diagnostik
Etwa 3, 6 und 12 Monate nach Schlauchmagenresektion, Magenbypass oder malabsorptivem Verfahren Blutbild, Ferritin, Folsäure, Vitamin B12, 25-Hydroxyvitamin D, Calcium, Albumin, Parathormon, alkalische Phosphatase, Elektrolyte sowie Nieren- und Leberparameter Je nach Verfahren und Befund Transferrinsättigung, Phosphat, Magnesium, Zink, Kupfer, Selen sowie Vitamine A, E und K
Ab dem zweiten postoperativen Jahr Mindestens jährliche, lebenslange Kontrolle der Basisparameter Bei Bypass- und stark malabsorptiven Verfahren regelmäßige Kontrolle von Zink, Kupfer und Selen; Vitamin A, E und K insbesondere nach BPD/DS, SADI-S, langstreckigem OAGB oder bei klinischem Verdacht
Nach verstellbarem Magenband Mindestens jährliche lebenslange Kontrolle von Blutbild, Ferritin, Folsäure, Vitamin B12, 25-Hydroxyvitamin D, Calcium beziehungsweise Knochenprofil, Elektrolyten sowie Nieren- und Leberparametern Thiamin bei Erbrechen oder stark eingeschränkter Nahrungsaufnahme; Zink, Kupfer, Selen sowie Vitamine A, E und K bei klinischem Verdacht
Erbrechen, Dysphagie, ausgeprägte Nahrungskarenz oder neurologische Symptome Sofortige klinische Beurteilung und unverzügliche Thiamintherapie bei begründetem Verdacht Thiaminstatus, Magnesium, Phosphat, Kalium und weitere neurologisch relevante Mikronährstoffe, ohne den Behandlungsbeginn bis zum Laborergebnis aufzuschieben
Anämie oder Zytopenie (Verminderung einer oder mehrerer Blutzellreihen) unklarer Ursache Blutbild, Ferritin, C-reaktives Protein, Transferrinsättigung, Vitamin B12 und Folsäure Kupfer, Zink, Selen, Retikulozyten (junge rote Blutkörperchen) sowie gegebenenfalls Methylmalonsäure und Homocystein
Schwangerschaft, Adoleszenz, chronische Nieren- oder Lebererkrankung oder Revisionsoperation Individuell verkürzte Kontrollintervalle Umfassende verfahrens- und situationsabhängige Mikronährstoffdiagnostik

Prospektive Untersuchungen zeigen, dass neue Defizite bei strukturierter Supplementierung nicht bei allen Mikronährstoffen gleich häufig auftreten. Gleichzeitig liegen die tatsächlich eingenommenen Dosierungen in der klinischen Praxis häufig unter den empfohlenen Mengen. Ein schematisches Laborscreening ersetzt daher weder die Ernährungsanamnese noch die Kontrolle der Einnahme und der konkreten Präparatezusammensetzung [7, 9].

Grundsätze der Supplementierung

Nach einer bariatrischen Operation ist in der Regel eine lebenslange Basisversorgung mit einem vollständigen Multivitamin-Mineralstoff-Präparat erforderlich. Entscheidend ist nicht die Produktbezeichnung, sondern eine dem Operationsverfahren entsprechende Zusammensetzung. Übliche Multivitaminpräparate für die Allgemeinbevölkerung enthalten häufig zu geringe Mengen einzelner Vitamine und Spurenelemente [1, 2].

Die Supplementierung soll folgende Grundsätze berücksichtigen:

  • Vollständige Basisversorgung: Das Präparat soll insbesondere Thiamin, Folsäure, Eisen, Zink, Kupfer und Selen in einem verfahrensgerechten Verhältnis enthalten.
  • Vitamin B12: Nach einer Schlauchmagenresektion und Bypassverfahren ist häufig eine zusätzliche hochdosierte orale, sublinguale oder parenterale Versorgung erforderlich.
  • Eisen: Der Bedarf richtet sich nach Operationsverfahren, Geschlecht, Menstruation, Schwangerschaft, Laborbefunden und Verträglichkeit.
  • Calcium und Vitamin D: Die Dosierung ist anhand der Calciumzufuhr, des 25-Hydroxyvitamin-D-Werts, des Parathormons, des Operationsverfahrens und der Nierenfunktion anzupassen. Calcium und Eisen sollen zeitlich getrennt eingenommen werden.
  • Fettlösliche Vitamine: Nach BPD/DS, SADI-S und anderen ausgeprägt malabsorptiven Verfahren sind häufig höhere Dosierungen der Vitamine A, D, E und K erforderlich.
  • Zink und Kupfer: Zusätzliche Zinkgaben müssen mit einer ausreichenden Kupferzufuhr kombiniert und laborchemisch überwacht werden.
  • Therapeutische Substitution: Bei nachgewiesenem Mangel reichen präventive Dosierungen häufig nicht aus. Erforderlich sind eine gezielte Behandlung und eine anschließende Erfolgskontrolle.
  • Parenterale Behandlung: Bei schwerer Malabsorption, ausgeprägter Anämie, neurologischer Symptomatik oder fehlendem Ansprechen auf orale Präparate muss eine parenterale Substitution geprüft werden.

Besondere Risikosituationen

Anhaltendes Erbrechen: Wiederholtes Erbrechen ist nach bariatrischer Operation kein erwartbarer Normalzustand. Neben der sofortigen Thiaminversorgung müssen mechanische oder entzündliche Ursachen wie eine Stenose (Verengung), ein Ulkus (tiefer Schleimhautdefekt), eine innere Hernie (Einklemmung von Darmanteilen in einer inneren Bruchlücke) oder eine funktionelle Passagestörung abgeklärt werden [1, 2, 5].

Schwangerschaft: Eine Schwangerschaft nach bariatrischer Operation soll ernährungsmedizinisch vorbereitet und interdisziplinär begleitet werden. Der Ernährungs- und Mikronährstoffstatus ist vor der Konzeption, mindestens einmal je Trimenon (Schwangerschaftsdrittel) und postpartal (nach der Geburt) zu kontrollieren. Zur Basis gehören Blutbild, Eisenstatus, Folsäure, Vitamin B12, Vitamin D, Calcium und Proteinstatus; nach malabsorptiven Verfahren sind zusätzlich die Vitamine A, E und K sowie Zink, Kupfer und Selen zu berücksichtigen. Vitamin A darf in der Schwangerschaft nicht unkontrolliert als Retinol hochdosiert gegeben werden [1, 2, 10].

Adoleszenz (Übergangsphase vom Jugend- zum Erwachsenenalter): Jugendliche benötigen aufgrund von Wachstum, Knochenmineralisation und potenziell eingeschränkter Einnahmezuverlässigkeit besonders strukturierte Kontrollen. Vitamin D, Calcium, Eisen, Vitamin B12, Folsäure, Thiamin und die Proteinversorgung sind von besonderer Bedeutung [1, 2].

Revisions- und Umwandlungsoperationen: Vor einer erneuten Operation müssen das ursprüngliche Verfahren, die Länge der alimentären und biliopankreatischen Schenkel, bestehende Defizite und die aktuelle Proteinversorgung rekonstruiert werden. Nach Umwandlung in ein stärker malabsorptives Verfahren ist das Nachsorge- und Supplementierungsprogramm entsprechend zu intensivieren [1-3].

Klinische Warnzeichen

Folgende Befunde erfordern eine zeitnahe oder sofortige ernährungsmedizinische und gegebenenfalls stationäre Abklärung [1, 2, 11]:

  • Neurologische Symptome: Verwirrtheit, Augenbewegungsstörungen, Gangunsicherheit, Parästhesien (Missempfindungen), Muskelschwäche oder Störungen der Tiefensensibilität
  • Anhaltendes Erbrechen: Besonders in Verbindung mit rascher Gewichtsabnahme oder fehlender Nahrungsaufnahme
  • Therapierefraktäre Anämie: Fehlendes Ansprechen auf Eisen oder Vitamin B12 mit möglichem Kupfer- oder kombiniertem Mikronährstoffmangel
  • Ödeme und Muskelabbau: Mögliche Zeichen eines Proteinmangels oder einer ausgeprägten Malabsorption
  • Nachtblindheit oder trockene Augen: Möglicher Vitamin-A-Mangel
  • Hämatomneigung oder Blutungen: Möglicher Vitamin-K-Mangel oder eine andere Gerinnungsstörung
  • Knochenschmerzen oder Frakturen: Möglicher Vitamin-D- und Calciummangel mit sekundärem Hyperparathyreoidismus oder Osteomalazie
  • Dermatitis, Haarausfall oder Wundheilungsstörung: Möglicher Zink-, Kupfer-, Selen-, Protein- oder Mehrfachmangel

Fazit

Patienten nach Adipositas-Chirurgie bilden unabhängig vom Operationsverfahren eine lebenslang therapeutisch bedingte Risikogruppe für Mikronährstoffmängel. Das höchste Risiko besteht nach Verfahren mit ausgeprägter Malabsorption, doch auch nach einer Schlauchmagenresektion und Magenband können klinisch relevante Defizite auftreten. Entscheidend sind die Korrektur präoperativer Mängel, eine vollständige lebenslange Supplementierung, strukturierte Kontrollen im ersten postoperativen Jahr und mindestens jährliche Laborkontrollen im weiteren Verlauf. Klinische Symptome, anhaltendes Erbrechen, Schwangerschaft, Revisionsoperationen und eine unzuverlässige Supplementeinnahme erfordern verkürzte Kontrollintervalle und eine unverzügliche gezielte Diagnostik.

Hier gelangen Sie zum Kapitel "Adipositas-Chirurgie" mit den verschiedenen Operationsverfahren.

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Leitlinien

  1. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Adipositas (AWMF-Register-Nr. 050-001) Oktober 2024, Version 5.0, gültig bis Oktober 2029, Langfassung.