Benigne Prostatahyperplasie (BPH) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
Die benigne Prostatahyperplasie (BPH) (gutartige Vermehrung des Prostatagewebes) ist eine histologische Diagnose (durch Gewebeuntersuchung festgestellte Diagnose). Klinisch maßgeblich ist das benigne Prostatasyndrom (BPS) (gutartige Prostataerkrankung mit Beschwerden beim Wasserlassen), bei dem Lower Urinary Tract Symptoms (LUTS) (Beschwerden der unteren Harnwege), eine benigne Prostatavergrößerung (BPE) (gutartige Vergrößerung der Prostata) und eine benigne Prostataobstruktion (BPO) (gutartige, durch die Prostata verursachte Behinderung des Harnabflusses) einzeln oder in variabler Kombination auftreten können. LUTS umfassen Speicher-, Entleerungs- und Postmiktionssymptome (Beschwerden beim Speichern und Entleeren des Urins sowie unmittelbar nach dem Wasserlassen) und sind nicht spezifisch für eine BPH [LL1-LL3].
Die körperliche Untersuchung dient insbesondere der Erfassung einer Prostatavergrößerung, möglicher Folgen einer Blasenentleerungsstörung (Störung beim Entleeren der Harnblase) und relevanter Differentialdiagnosen (anderer möglicher Ursachen) [LL1-LL3].
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht, Körpergröße und BMI (Body-Mass-Index, Körpermasse-Index); des Weiteren:
- Inspektion (Betrachtung)
- Abdomen (Bauch) und suprapubische Region (Bereich oberhalb des Schambeins) [suprapubische Vorwölbung bei überdehnter Harnblase, Operationsnarben, Hernien (Brüche)]
- Perineum (Damm) und äußeres Genitale (äußere Geschlechtsorgane) [unwillkürlicher Urinverlust, irritative Hautveränderungen (durch Reizung verursachte Hautveränderungen) bei Harninkontinenz (unwillkürlichem Urinverlust), entzündliche Veränderungen, Narben]
- Untere Extremitäten (Beine) [periphere Ödeme (Flüssigkeitseinlagerungen in den Beinen) als möglicher Hinweis auf eine nächtliche Flüssigkeitsmobilisation (nächtliche Rückverlagerung eingelagerter Flüssigkeit in den Blutkreislauf) und Mitursache einer Nykturie (nächtlichen Wasserlassens)]
- Palpation und Perkussion des Abdomens (Abtasten und Abklopfen des Bauches)
- Suprapubische Palpation und Perkussion der Harnblase [tastbare bzw. perkutorisch abgrenzbare Blasenfüllung bei Harnverhalt (Unfähigkeit, die gefüllte Harnblase zu entleeren), Druckdolenz (Druckschmerz)]
- Untersuchung der Nierenlager (Körperbereiche über den Nieren) und Flanken bei klinischem Verdacht auf eine Beteiligung des oberen Harntrakts (Nieren und Harnleiter) [Nierenlagerklopfschmerz, tastbare Raumforderung (ungewöhnliche Gewebevergrößerung)]
- Untersuchung des äußeren Genitales
- Inspektion und Palpation von Penis, Präputium (Vorhaut) und Meatus urethrae (äußerer Harnröhrenöffnung) [Phimose (Vorhautverengung), Meatusstenose (Verengung der äußeren Harnröhrenöffnung), urethraler Ausfluss (Ausfluss aus der Harnröhre), entzündliche oder tumorverdächtige Läsion (auffällige Gewebeveränderung)]
- Palpation von Skrotum (Hodensack), Hoden und Nebenhoden bei Beschwerden bzw. auffälligem Inspektionsbefund [Schwellung, Raumforderung, Druckdolenz]
- Digital-rektale Untersuchung (DRU) (Tastuntersuchung über den Enddarm)
- Beurteilung der Prostata (Vorsteherdrüse) hinsichtlich Größe, Form, Symmetrie, Kontur, Oberfläche, Konsistenz, Sulcus medianus (mittlere Furche der Prostata) und Druckdolenz [mit einer benignen Prostatavergrößerung vereinbarer Befund: symmetrische, glatt begrenzte, elastische und nicht druckdolente Vergrößerung; malignitätsverdächtiger Befund (auf eine bösartige Erkrankung hinweisender Befund): derbe Konsistenz, Knoten, Induration (Verhärtung), Asymmetrie oder aufgehobene Organbegrenzung; prostatitisverdächtiger Befund (auf eine Prostataentzündung hinweisender Befund): ausgeprägte Druckdolenz]
- Beurteilung des Analsphinktertonus (Spannung des Afterschließmuskels) im Rahmen des orientierenden neuro-urologischen Status (orientierende Untersuchung der Nervenfunktion der Harnorgane) [verminderter oder erhöhter Analsphinktertonus]
- Orientierender neuro-urologischer Status
- Beurteilung von Gangbild, Motorik (Bewegungsfunktion), Sensibilität (Empfindungsvermögen) und Reflexstatus (Reflexprüfung) der unteren Extremitäten [Gangstörung, Parese (Lähmungserscheinung), Sensibilitätsstörung, pathologischer Reflexbefund (krankhaft veränderter Reflexbefund)]
- Prüfung der Sensibilität von Perineum und äußerem Genitale [perineale bzw. genitale Hypästhesie (verminderte Empfindlichkeit im Damm- bzw. Genitalbereich), Reithosenanästhesie (Taubheitsgefühl im Gesäß-, Genital- und inneren Oberschenkelbereich)]
- Bei Verdacht auf eine neurogene Blasenfunktionsstörung (durch eine Nervenstörung verursachte Störung der Blasenfunktion): erweiterte neurologische Untersuchung einschließlich Prüfung der sakralen Reflexe (Reflexe der Kreuzbeinnerven) [fehlender Bulbokavernosusreflex (fehlender Reflex der Beckenbodenmuskulatur), fehlender Analreflex (fehlender Reflex des Afterschließmuskels)] [LL1]
- Gezielte Zusatzuntersuchung bei besonderer Symptomkonstellation (Kombination von Beschwerden)
- Bei Harninkontinenz gezielte Beurteilung des Urinverlusts und bei Verdacht auf eine Belastungsinkontinenz (Urinverlust bei körperlicher Belastung) Husten- bzw. Pressversuch bei ausreichend gefüllter Harnblase [unwillkürlicher Urinverlust bei Husten oder Pressen] [LL2]
- Bei Becken- bzw. Perinealschmerzen oder Verdacht auf eine Beckenbodendysfunktion (Funktionsstörung der Beckenbodenmuskulatur) digital-rektale Beurteilung der Beckenbodenmuskulatur [erhöhter Muskeltonus (erhöhte Muskelspannung), Druckdolenz, insuffiziente willkürliche Kontraktion (unzureichende bewusste Anspannung), Koordinationsstörung, fehlende Relaxation (fehlende Entspannung)] [LL4]
- Inspektion (Betrachtung)
Die DRU erlaubt lediglich eine orientierende Beurteilung der Prostatagröße und -beschaffenheit. Sie kann weder eine BPH noch eine BPO beweisen und ersetzt keine sonographische Bestimmung des Prostatavolumens (Bestimmung der Prostatagröße mittels Ultraschall). Die Übereinstimmung zwischen der rektalen Größenschätzung (Größenschätzung durch die Tastuntersuchung über den Enddarm) und dem sonographisch bestimmten Prostatavolumen ist gering; ab einem Prostatavolumen von 40 cm³ kann die DRU das tatsächliche Volumen um 25-55 % unterschätzen [LL1, LL2].
Eine Prostatavergrößerung belegt keinen ursächlichen Zusammenhang mit den LUTS. Umgekehrt schließen eine unauffällige Prostatagröße oder ein unauffälliger Palpationsbefund (Tastbefund) eine klinisch relevante Blasenfunktionsstörung bzw. andere Ursachen der LUTS nicht aus [LL1-LL3].
Die Untersuchung intimer Körperregionen und die DRU erfolgen nach vorheriger Aufklärung und Einwilligung unter Wahrung der Intimsphäre. Eine Assistenz- bzw. Vertrauensperson kann entsprechend dem Wunsch des Patienten und den lokalen Standards hinzugezogen werden. Eine aktuelle Befragungsstudie dokumentiert, dass subjektives Unbehagen, Zeitmangel und organisatorische Hindernisse zum Unterlassen indizierter (medizinisch angezeigter) digital-rektaler bzw. pelviner Untersuchungen (Untersuchungen des Beckens) beitragen können; diese Barrieren verändern den leitliniengerechten Stellenwert der körperlichen Untersuchung bei LUTS nicht [1, LL1-LL3].
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.
Literatur
- McLeod K, Youssef M, Rogers M et al.: Pelvic and Digital Rectal Examinations to Evaluate Lower Urinary Tract Symptoms. JAMA Netw Open. 2026;9(4):e269267. doi:10.1001/jamanetworkopen.2026.9267
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- S2e-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Benignen Prostatasyndroms (BPS). (AWMF-Registernummer: 043-034), Version 5.0, 28. Februar 2023. Langfassung [LL1]
- European Association of Urology: EAU Guidelines on the Management of Non-neurogenic Male LUTS. Edition presented at the EAU Annual Congress London 2026. Langfassung [LL2]
- American Urological Association: Management of Lower Urinary Tract Symptoms Attributed to Benign Prostatic Hyperplasia: AUA Guideline. 2026. Langfassung [LL3]
- American Urological Association: Diagnosis and Management of Male Chronic Pelvic Pain (Chronic Prostatitis/Chronic Pelvic Pain Syndrome and Chronic Scrotal Content Pain): AUA Guideline. 2025. Langfassung [LL4]