Benigne Prostatahyperplasie (BPH) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine benigne Prostatahyperplasie (BPH; gutartige Vergrößerung der Prostata) mitbedingt sein können:

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Benigne Prostataobstruktion (BPO; gutartige Verengung am Blasenauslass durch die Prostata; engl.: bladder outlet obstruction, BOO) – zentrale pathophysiologische Folge einer klinisch relevanten BPH mit erhöhtem Blasenauslasswiderstand, typischer Hochdruck-/Niedrigfluss-Konstellation und möglicher Progression zu Restharn, Harnverhalt und operationspflichtigen Komplikationen [1, 2, LL 1, LL 2, LL 3]
  • Detrusorhypertrophie (Verdickung des Blasenmuskels) und trabekulierte Harnblase (balkenartig umgebaute Harnblase) – strukturelle Anpassung der Blasenwand an eine chronische Blasenauslassobstruktion; kann mit abnehmender Compliance, Speicherbeschwerden und späterer Dekompensation assoziiert sein [4, 5, LL 2]
  • Blasendivertikel (Ausstülpung der Harnblasenwand) – mögliche Folge langjährig erhöhter intravesikaler Druckbelastung; klinisch relevant vor allem bei Restharn, Infekten, Steinen oder persistierender Obstruktion [LL 1, LL 2]
  • Detrusorüberaktivität (überaktiver Blasenmuskel) und überaktive Blase (overactive bladder, OAB) – Speicherfunktionsstörung mit imperativem Harndrang, Pollakisurie, Nykturie und möglicher Dranginkontinenz; die Wahrscheinlichkeit steigt mit Alter und Grad der Blasenauslassobstruktion [5, LL 2]
  • Detrusorunteraktivität (zu schwacher Blasenmuskel) – mögliche Spätfolge chronischer Obstruktion mit ineffektiver Blasenentleerung, hohem Restharn und erhöhtem Risiko für Harnverhalt bzw. Infekte [4, LL 2]
  • Dranginkontinenz (unwillkürlicher Urinverlust bei plötzlichem Harndrang) – kann bei BPH-assoziierter Detrusorüberaktivität auftreten und ist typischerweise Teil der Speicherbeschwerden [5, LL 1, LL 2]
  • Überlaufinkontinenz (Urinverlust bei übervoller Blase) – mögliche Folge eines chronischen Harnverhalts mit hoher Restharnmenge und Blasenüberdehnung [LL 1, LL 2]
  • Rezidivierende Harnwegsinfektionen (HWI; wiederkehrende Harnwegsinfektionen) – können durch Restharnbildung und unvollständige Blasenentleerung begünstigt werden; bei rezidivierenden Infekten gilt eine BPH-assoziierte Obstruktion als komplikationsrelevant [2, LL 1, LL 3]
  • Blasensteine – können durch chronischen Restharn und Harnstase begünstigt werden; rezidivierende Blasensteine gehören zu den leitlinienrelevanten BPH-Komplikationen [LL 1, LL 3]
  • Oberer Harntraktstau (Rückstau in Harnleiter und Nierenbecken) mit Harnleiterektasie (Erweiterung des Harnleiters), Nierenbeckenektasie (Erweiterung des Nierenbeckens) und Hydronephrose (Wassersackniere) – kann bei chronischer Hochdruckretention oder ausgeprägter Blasenauslassobstruktion auftreten und ist wegen möglicher postrenaler Nierenfunktionsverschlechterung klinisch relevant [LL 1, LL 2, LL 3]
  • Postrenale Nierenfunktionsverschlechterung (Nierenfunktionsverschlechterung durch Abflussstörung nach der Niere) bis Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) – seltene, aber klinisch wichtige Komplikation bei fortgeschrittener Obstruktion oder chronischer Hochdruckretention; eine BPH-bedingte Niereninsuffizienz ist eine leitlinienrelevante Therapie- bzw. Operationsindikation [2, LL 1, LL 3]

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Symptome des unteren Harntraktes (lower urinary tract symptoms, LUTS; Beschwerden der unteren Harnwege) – umfassen Speicher-, Entleerungs- und postmiktionelle Symptome; sie sind nicht beweisend für eine Obstruktion, aber klinisch zentral für Schweregrad, Leidensdruck und Verlaufskontrolle [LL 1, LL 2]
  • Imperativer Harndrang (plötzlich zwingender Harndrang) – typisches Speicherbeschwerdebild bei BPH-assoziierter Detrusorüberaktivität oder koexistierender überaktiver Blase [5, LL 2]
  • Pollakisurie (häufiges Wasserlassen kleiner Mengen) – häufiges Speichersymptom bei BPH/LUTS, insbesondere bei Detrusorüberaktivität, Restharn oder verminderter funktioneller Blasenkapazität [LL 1, LL 2]
  • Nykturie (nächtliches Wasserlassen) – häufiges, multifaktorielles Symptom; bei BPH relevant vor allem im Kontext von Speicherbeschwerden, Restharn und Blasenauslassobstruktion [LL 1, LL 2]
  • Schwacher Harnstrahl, intermittierender Harnstrahl (unterbrochener Harnstrahl), Startverzögerung der Miktion (verzögerter Beginn des Wasserlassens), Pressmiktion (Wasserlassen nur mit Pressen) und terminales Tröpfeln (Nachtröpfeln am Ende des Wasserlassens) – typische Entleerungssymptome bei möglicher benigner Prostataobstruktion [LL 1, LL 2]
  • Gefühl der unvollständigen Blasenentleerung und Nachträufeln – postmiktionelle Symptome (Beschwerden nach dem Wasserlassen), die mit Restharnbildung und gestörter Blasenentleerung assoziiert sein können [LL 1, LL 2]
  • Vermehrter Restharn (in der Blase verbleibender Urin nach dem Wasserlassen) – wichtiger klinischer Verlaufs- und Risikomarker; relevant wegen Assoziation mit Harnverhalt, Infekten, Blasenfunktionsstörung und oberem Harntraktstau [LL 1, LL 2]
  • Akuter Harnverhalt bzw. Ischurie (Unfähigkeit, die Blase trotz Füllung zu entleeren) – klassische Progressionskomplikation der BPH/BPO und urologischer Akutfall; die Evidenz zur Therapie des BPO-assoziierten Harnverhalts wurde systematisch aufgearbeitet [2, 3, 6, LL 1, LL 2, LL 3]
  • Chronischer Harnverhalt (dauerhaft unvollständige Blasenentleerung) – kann oligosymptomatisch verlaufen und durch hohe Restharnmengen, Überlaufinkontinenz, Infekte, Hydronephrose oder Nierenfunktionsverschlechterung auffallen [LL 1, LL 2, LL 3]
  • Makrohämaturie (sichtbares Blut im Urin) – kann bei BPH auftreten, darf jedoch nur nach Ausschluss anderer Ursachen, insbesondere Urothelkarzinom, Urolithiasis, Infektion und iatrogener Ursachen, der BPH zugeschrieben werden [LL 1, LL 3]

Prognosefaktoren

  • Höheres Lebensalter – konsistent mit höherem Risiko für akuten Harnverhalt, stärkere Blasenauslassobstruktion und Detrusorüberaktivität assoziiert [5, 6, LL 1, LL 2]
  • Größeres Prostatavolumen (Größe der Prostata) – wichtiger Progressionsmarker; insbesondere Volumina oberhalb von etwa 30-40 ml sind mit höherem Risiko für Symptomprogression, akuten Harnverhalt und invasive Therapie assoziiert [2, 6, 7, LL 1, LL 2]
  • Erhöhtes prostataspezifisches Antigen (PSA; Prostatawert im Blut) – dient bei Ausschluss eines Prostatakarzinoms als Surrogatmarker für Prostatavolumen und Progressionsrisiko; höhere PSA-Werte sagen akuten Harnverhalt und Operationsbedarf voraus [7, LL 1, LL 2]
  • Ausgeprägte Symptomlast im International Prostate Symptom Score (IPSS; internationaler Fragebogen zur Stärke der Prostatabeschwerden) – höherer Ausgangs-IPSS ist mit klinischer Progression und stärkerem Therapiebedarf assoziiert [2, LL 1, LL 2]
  • Reduzierte maximale Harnflussrate (Qmax; maximaler Harnfluss) – Hinweis auf relevante Entleerungsstörung; in Kombination mit Restharn, Prostatavolumen und Symptomlast prognostisch bedeutsam [LL 1, LL 2]
  • Erhöhter Restharn – relevanter Risikomarker für Harnverhalt, Infekte, Blasenfunktionsstörung und oberen Harntraktstau [LL 1, LL 2]
  • Nachgewiesene Blasenauslassobstruktion bzw. hoher Bladder Outlet Obstruction Index (BOOI; Messwert für die Stärke der Blasenauslassobstruktion) – stärkerer Obstruktionsgrad ist mit Detrusorüberaktivität, Symptomlast und Progressionsrisiko assoziiert [1, 5, LL 2]
  • Intravesikale Prostataprotrusion (Vorwölbung der Prostata in die Harnblase) bzw. obstruktiver Mittellappen – morphologischer Risikofaktor für relevante Obstruktion, Restharn und schlechteres Ansprechen auf rein medikamentöse Strategien [LL 1, LL 2]
  • Vorangegangener akuter Harnverhalt – starker klinischer Marker für Progression und erneuten Interventionsbedarf [3, LL 1, LL 3]
  • Prostatische Entzündungsinfiltrate (Entzündungszellen im Prostatagewebe) – in der MTOPS-Gewebeanalyse waren CD45-, CD4- und CD68-positive Entzündungsmarker mit klinischer BPH-Progression assoziiert; CD4 zeigte dabei die stärkste Risikoassoziation [8]

Literatur

  1. Creta M, Russo GI, Bhojani N, Drake MJ, Gratzke C, Peyronnet B et al.: Bladder Outlet Obstruction Relief and Symptom Improvement Following Medical and Surgical Therapies for Lower Urinary Tract Symptoms Suggestive of Benign Prostatic Hyperplasia: A Systematic Review. Eur Urol. 2024;86(4):315-326. doi: 10.1016/j.eururo.2024.04.031.
  2. McConnell JD, Roehrborn CG, Bautista OM, Andriole GL Jr, Dixon CM, Kusek JW et al.: The Long-Term Effect of Doxazosin, Finasteride, and Combination Therapy on the Clinical Progression of Benign Prostatic Hyperplasia. N Engl J Med. 2003;349(25):2387-2398. doi: 10.1056/NEJMoa030656.
  3. Karavitakis M, Kyriazis I, Omar MI, Gravas S, Cornu JN, Drake MJ et al.: Management of Urinary Retention in Patients with Benign Prostatic Obstruction: A Systematic Review and Meta-analysis. Eur Urol. 2019;75(5):788-798. doi: 10.1016/j.eururo.2019.01.046.
  4. Fusco F, Creta M, De Nunzio C, Iacovelli V, Mangiapia F, Li Marzi V et al.: Progressive bladder remodeling due to bladder outlet obstruction: a systematic review of morphological and molecular evidences in humans. BMC Urol. 2018;18:15. doi: 10.1186/s12894-018-0329-4.
  5. Oelke M, Baard J, Wijkstra H, de la Rosette JJ, Jonas U, Höfner K: Age and bladder outlet obstruction are independently associated with detrusor overactivity in patients with benign prostatic hyperplasia. Eur Urol. 2008;54(2):419-426. doi: 10.1016/j.eururo.2008.02.017.
  6. Jacobsen SJ, Jacobson DJ, Girman CJ, Roberts RO, Rhodes T, Guess HA et al.: Natural history of prostatism: risk factors for acute urinary retention. J Urol. 1997;158(2):481-487. doi: 10.1016/S0022-5347(01)64508-7.
  7. Roehrborn CG, McConnell JD, Lieber M, Kaplan S, Geller J, Malek GH et al.: Serum prostate-specific antigen concentration is a powerful predictor of acute urinary retention and need for surgery in men with clinical benign prostatic hyperplasia. Urology. 1999;53(3):473-480. doi: 10.1016/S0090-4295(98)00654-2.
  8. Torkko KC, Wilson RS, Smith EE, Kusek JW, van Bokhoven A, Lucia MS: Prostate Biopsy Markers of Inflammation are Associated with Risk of Clinical Progression of Benign Prostatic Hyperplasia: Findings from the MTOPS Study. J Urol. 2015;194(2):454-461. doi: 10.1016/j.juro.2015.03.103.

Leitlinien

  1. S2e-Leitlinie: Diagnostik und Therapie des Benignen Prostatasyndroms (BPS). (AWMF-Registernummer 043-034), Version 5.0, Stand 28.02.2023. Langfassung.
  2. European Association of Urology (EAU): Guidelines on the Management of Non-neurogenic Male LUTS. 2026. Leitlinie.
  3. American Urological Association (AUA): Management of Lower Urinary Tract Symptoms Attributed to Benign Prostatic Hyperplasia: AUA Guideline. 2026. Leitlinie.