Benigne Prostatahyperplasie (BPH) – Differentialdiagnosen

Die Differentialdiagnosen (andere mögliche Ursachen) des benignen Prostatasyndroms (BPS; gutartige Beschwerden der Prostata), der benignen Prostatahyperplasie (BPH; gutartige Vermehrung von Prostatagewebe), der benignen Prostatavergrößerung (BPE; gutartige Vergrößerung der Prostata) und der benignen Prostataobstruktion (BPO; gutartige Abflussbehinderung durch die Prostata) orientieren sich an Speicher- (Beschwerden der Harnspeicherung), Entleerungs- (Beschwerden beim Wasserlassen) und Postmiktionssymptomen (Beschwerden nach dem Wasserlassen) sowie an der Frage, ob ein akuter oder chronischer Harnverhalt (Unfähigkeit, die Blase ausreichend zu entleeren) als Ausdruck einer Dekompensation (Entgleisung) vorliegt.

Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)

  • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) – kann durch osmotische Diurese (vermehrte Urinbildung durch gelöste Stoffe), Harnwegsinfektionen und diabetische autonome Neuropathie (diabetische Nervenschädigung des vegetativen Nervensystems) Pollakisurie (häufiges Wasserlassen kleiner Mengen), Nykturie (nächtliches Wasserlassen), Drangsymptomatik (plötzlich starker Harndrang), Restharn (in der Blase verbleibender Urin) und Harnverhalt verursachen

Herzkreislaufsystem (I00-I99)

  • Chronische Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – relevante Differentialdiagnose bei Nykturie durch nächtliche Mobilisation peripherer Flüssigkeitseinlagerungen (Verlagerung von Wassereinlagerungen aus den Beinen im Liegen)

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Chlamydien-Urethritis (Harnröhrenentzündung durch Chlamydien) – sexuell übertragbare Ursache von Dysurie (schmerzhaftes Wasserlassen), Pollakisurie, urethralem Ausfluss (Ausfluss aus der Harnröhre) und irritativen Lower Urinary Tract Symptoms (LUTS; Beschwerden der unteren Harnwege)
  • Gonorrhoische Urethritis (Harnröhrenentzündung durch Gonokokken) – wichtige Differentialdiagnose bei akuter Dysurie, urethralem Ausfluss, Pollakisurie und imperativem Harndrang (nicht aufschiebbarer Harndrang)

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Harnblasenkarzinom (Blasenkrebs) – wichtige Differentialdiagnose bei Hämaturie (Blut im Urin), irritativen LUTS, rezidivierenden Harnwegsinfektionen, Schmerzen oder unklaren Speicherbeschwerden
  • Prostatakarzinom (Prostatakrebs) – muss bei auffälliger digital-rektaler Untersuchung (DRU; Tastuntersuchung der Prostata über den Enddarm), erhöhtem Prostata-spezifischem Antigen (PSA; Blutwert der Prostata), asymmetrischer Prostata, Hämaturie, Knochenschmerzen oder unklarer Progression (Fortschreiten) der Beschwerden abgegrenzt werden

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Autonome Neuropathie – neurogene Ursache (durch Nerven bedingte Ursache) von Detrusorunteraktivität (verminderte Aktivität des Blasenmuskels), Restharn, Harnverhalt oder Überlaufinkontinenz (Urinverlust bei übervoller Blase), insbesondere bei Diabetes mellitus
  • Detrusor-Sphinkter-Dyssynergie (Koordinationsstörung von Blasenmuskel und Schließmuskel) – funktionelle oder neurogene Blasenauslassobstruktion (Abflussbehinderung am Blasenausgang) mit intermittierendem Harnstrahl (unterbrochenem Harnstrahl), Restharn, verlängerter Miktionsdauer (Dauer des Wasserlassens) und erhöhtem Miktionsdruck (Druck beim Wasserlassen)
  • Morbus Parkinson (Parkinson-Krankheit) – kann Drangsymptomatik, Pollakisurie, Nykturie und funktionelle Inkontinenz (Urinverlust durch eingeschränkte Alltagsfunktion) verursachen
  • Multiple Sklerose (MS; entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems) – kann Speicher- und Entleerungsstörungen durch neurogene Blasenfunktionsstörung (Blasenfunktionsstörung durch Nervenstörung) auslösen
  • Rückenmarkläsion/Cauda-equina-Syndrom (Schädigung des Rückenmarks/der Nervenwurzeln am unteren Rückenmark) – Notfalldifferentialdiagnose bei Harnverhalt, Sattelhypästhesie (Taubheitsgefühl im Sitzbereich), radikulären Schmerzen (von Nervenwurzeln ausstrahlenden Schmerzen), neu aufgetretener Beinschwäche oder Störung der Anal- bzw. Sphinkterfunktion (After- bzw. Schließmuskelfunktion)

Symptome und abnorme klinische und Laborbefunde, die anderenorts nicht klassifiziert sind (R00-R99)

  • Nächtliche Polyurie (vermehrte nächtliche Urinproduktion) – häufige Ursache isolierter oder dominanter Nykturie; differentialdiagnostisch durch Miktions- und Trinkprotokoll (Aufzeichnung von Wasserlassen und Trinkmenge) von BPH-assoziierter Nykturie abzugrenzen
  • Polyurie (vermehrte Urinmenge) – spricht eher gegen eine rein obstruktive BPH-Ursache und erfordert Abklärung von Flüssigkeitsaufnahme, Diurese, Glukosurie (Zucker im Urin) und systemischen Ursachen

Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)

  • Akute bakterielle Prostatitis (akute bakterielle Prostataentzündung) – akute LUTS mit Fieber, Schmerzen, Krankheitsgefühl und druckschmerzhafter Prostata; digital-rektale Untersuchung nur vorsichtig
  • Blasenhalsobstruktion/Blasenhalsstenose (Abflussbehinderung/Verengung am Blasenausgang) – mechanische infravesikale Obstruktion (Abflussbehinderung unterhalb der Harnblase) mit abgeschwächtem Harnstrahl, Startverzögerung, Restharn und erhöhtem Miktionsdruck, auch unabhängig von einer BPH möglich
  • Blasensteine (Steine in der Harnblase) – können Pollakisurie, Dysurie, terminale Hämaturie (Blut im Urin am Ende des Wasserlassens), intermittierenden Harnstrahl, Schmerzen und rezidivierende Harnwegsinfektionen verursachen
  • Chronische bakterielle Prostatitis (chronische bakterielle Prostataentzündung) – rezidivierende urogenitale Beschwerden (wiederkehrende Beschwerden an Harn- und Geschlechtsorganen), Beckenbeschwerden, Dysurie und wiederkehrende Harnwegsinfektionen
  • Chronisches Prostatitis-/chronisches Beckenschmerzsyndrom (CP/CPPS; chronische Prostataentzündung bzw. chronisches Schmerzsyndrom im Becken) – Becken-, Perineal- (Damm-) oder Genitalschmerz mit variabler Miktionssymptomatik (Beschwerden beim Wasserlassen) ohne gesicherte bakterielle Infektion
  • Detrusorüberaktivität/überaktive Blase (Overactive Bladder, OAB; überaktiver Blasenmuskel/überaktive Blase) – imperativer Harndrang, Pollakisurie und Nykturie stehen im Vordergrund; Entleerungssymptome fehlen häufig oder sind sekundär
  • Detrusorunteraktivität/Underactive Bladder (UAB) – schwacher Harnstrahl, Startschwierigkeiten, verlängerte Miktion (verlängertes Wasserlassen), Restharn und Harnverhalt können eine BPO imitieren
  • Granulomatöse Prostatitis (knötchenbildende Prostataentzündung) – kann BPH oder Prostatakarzinom durch indurierte Prostata (verhärtete Prostata), PSA-Erhöhung und irritative Symptome imitieren, insbesondere nach Bacillus-Calmette-Guérin (BCG)-Therapie (Behandlung mit abgeschwächten BCG-Bakterien), Tuberkulose (TBC; bakterielle Erkrankung durch Tuberkulosebakterien) oder Eingriffen
  • Harnröhrenstriktur (Verengung der Harnröhre) – wichtige Differentialdiagnose bei abgeschwächtem oder gespaltenem Harnstrahl, Pressen, Restharn, Katheter- oder Instrumentationsanamnese (Vorgeschichte von Untersuchungen oder Eingriffen an Harnröhre oder Blase) und früheren Urethritiden (Harnröhrenentzündungen)
  • Harnwegsinfektion/Zystitis (Blasenentzündung) – Dysurie, Pollakisurie, imperativer Harndrang, Fieber oder positiver Urinbefund sprechen gegen eine alleinige BPH-Symptomatik
  • Interstitielle Zystitis/Bladder-Pain-Syndrom (IC/BPS; chronisches Blasenschmerzsyndrom) – chronische Blasen- oder Beckenschmerzen mit Pollakisurie und Harndrang bei fehlendem Infektnachweis
  • Meatusstenose/Phimose (Verengung der Harnröhrenmündung/Vorhautverengung) – distale Abflussbehinderung (Abflussbehinderung am äußeren Ende der Harnröhre) mit abgeschwächtem, gespaltenem oder verspritztem Harnstrahl
  • Prostataabszess (Eiteransammlung in der Prostata) – schwere bakterielle Prostatainfektion mit Fieber, Schmerzen, Harnverhalt oder Sepsiszeichen (Zeichen einer Blutvergiftung), besonders bei Diabetes mellitus oder Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems)
  • Ureterolithiasis, distal (Stein im unteren Harnleiter) – kann Dysurie, imperativen Harndrang, Pollakisurie und Hämaturie verursachen, häufig mit kolikartigen Schmerzen (wellenförmig auftretenden starken Schmerzen)

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Iatrogene Harnröhren- oder Blasenhalsverengung (durch medizinische Maßnahmen verursachte Verengung von Harnröhre oder Blasenhals) – nach Katheterisierung, transurethralen Eingriffen (Eingriffen durch die Harnröhre), Prostataoperation oder Beckenbestrahlung (Bestrahlung des Beckens) relevante Ursache obstruktiver LUTS

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Becken- oder Harnröhrentrauma (Verletzung des Beckens oder der Harnröhre) – kann akuten Harnverhalt, Hämaturie, Schmerzen oder spätere Harnröhrenstrikturen verursachen

Medikamente

  • Anticholinergika/Antimuskarinika (Medikamente mit hemmender Wirkung auf den Blasenmuskel) wie Ipratropiumbromid, Oxybutynin oder Tolterodin – können Restharn und Harnverhalt durch Hemmung der Detrusorkontraktion (Zusammenziehen des Blasenmuskels) begünstigen
  • Antidepressiva (Medikamente gegen Depressionen) mit anticholinerger oder noradrenerger Wirkung wie Amitriptylin, Duloxetin oder Venlafaxin – können Harnverhalt, abgeschwächte Blasenentleerung oder Speicherbeschwerden verstärken
  • Antihistaminika der ersten Generation (ältere Medikamente gegen Allergien) – können anticholinerg vermittelt Restharn und Harnverhalt auslösen
  • Antiparkinsonmedikamente (Medikamente gegen Parkinson-Beschwerden) mit anticholinerger Wirkung wie Biperiden – können Blasenentleerungsstörungen und Harnverhalt verstärken
  • Antipsychotika (Medikamente gegen Psychosen) – können anticholinerge und sedierende Effekte (beruhigende Effekte) mit Restharn, Harnverhalt oder Inkontinenz verursachen
  • Diuretika (Entwässerungsmedikamente) wie Furosemid – können Pollakisurie und Nykturie imitieren oder verstärken, ohne dass eine primäre BPO besteht
  • Opioide (starke Schmerzmittel) – können Harnverhalt durch verminderte Detrusoraktivität und erhöhten Sphinktertonus (Spannung des Schließmuskels) auslösen
  • Sedativa/Benzodiazepine (Beruhigungs- und Schlafmittel) – können funktionelle Inkontinenz, Harnverhalt oder erschwerte Blasenentleerung begünstigen
  • Sodium-Glucose-Cotransporter-2-Inhibitoren (SGLT2-Inhibitoren; Medikamente zur vermehrten Zuckerausscheidung über den Urin) – können durch Glukosurie Pollakisurie, Nykturie und urogenitale Infektionen begünstigen
  • Sympathomimetika/Alpha-Adrenozeptor-Agonisten (stimulierende Medikamente mit Wirkung auf Alpha-Rezeptoren) wie Pseudoephedrin oder Phenylephrin – können Blasenhals- und Prostatatonus (Spannung der Prostata) erhöhen und akuten Harnverhalt auslösen

Umweltbelastungen – Intoxikationen (Vergiftungen)

  • Alkoholkonsum – kann Diurese, Nykturie, Harndrang und funktionelle Blasenentleerungsstörungen verstärken
  • Koffeinreiche Getränke – können Pollakisurie, Harndrang und Nykturie durch diuretische und blasenreizende Effekte imitieren oder verschlechtern

Weiteres

  • Abendliche Flüssigkeitszufuhr und ungünstige Trinkverteilung – häufige nichtorganische Ursache von Nykturie und Pollakisurie ohne primäre Prostataobstruktion