Gallensäuren
Gallensäuren sind amphiphile Steroidverbindungen (fett- und wasserlösliche Verbindungen) und Endprodukte des Cholesterinstoffwechsels (Verarbeitung von Blutfetten). Sie werden in der Leber (zentrales Stoffwechselorgan) synthetisiert (gebildet), in der Galle (Verdauungsflüssigkeit) sezerniert (abgegeben) und spielen eine zentrale Rolle bei der Emulgation (Zerkleinerung) und Resorption (Aufnahme) von Fetten sowie fettlöslichen Vitaminen.
In der klinischen Labordiagnostik dient die Bestimmung der Gallensäuren vor allem der Beurteilung hepatobiliärer Funktionsstörungen (Erkrankungen von Leber und Gallenwegen) und – in der Schwangerschaft – der Diagnostik einer intrahepatischen Schwangerschaftscholestase (Gallenstau in der Leber während der Schwangerschaft). Erhöhte nüchterne Serum-Gallensäuren gelten als sensitiver Marker (empfindlicher Hinweiswert) einer gestörten hepatischen Aufnahme (Leberaufnahme), Sekretion (Abgabe) oder enterohepatischen Zirkulation (Kreislauf zwischen Darm und Leber) [1-5].
Synonyme
- Gesamt-Gallensäuren
- Serum-Gallensäuren
- Total bile acids (TBA)
- Bile acids
- Gallensalze
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Serum
- Für Spezialdiagnostik gegebenenfalls Plasma oder spezielle Probengewinnung für Gallensäureprofile mittels Flüssigkeitschromatographie-Massenspektrometrie (LC-MS/MS)
- Vorbereitung des Patienten
- Für die allgemeine hepatobiliäre Labordiagnostik möglichst nüchterne Blutentnahme, da postprandial ein Anstieg der Serum-Gallensäuren auftreten kann
- In der Diagnostik der intrahepatischen Schwangerschaftscholestase werden nach aktuellen geburtshilflichen Leitlinien nicht-nüchterne Gesamt-Gallensäuren akzeptiert; ein Wert >19 µmol/l stützt die Diagnose
- Bei weiter bestehendem Pruritus (Juckreiz) und Werten ≤ 19 µmol/l sind Verlaufskontrollen sinnvoll
- Störfaktoren
- Postprandiale Probenentnahme mit physiologischem Anstieg der Gallensäuren
- Therapie mit Ursodeoxycholsäure (UDCA) kann die Aussage konventioneller enzymatischer Gesamt-Gallensäure-Assays erheblich beeinflussen; Proben unter laufender Gallensäuretherapie sind für viele Routinemethoden nur eingeschränkt interpretierbar
- Methodenabhängige Unterschiede zwischen kommerziellen enzymatischen Assays; insbesondere die Wiederfindung einzelner Gallensäuren ist assayabhängig
- Methode
- Routinediagnostik meist enzymatischer zyklischer Assay auf Basis der 3α-Hydroxysteroid-Dehydrogenase
- Spezialdiagnostik und Differenzierung einzelner Gallensäuren mittels Flüssigkeitschromatographie-Massenspektrometrie (LC-MS/MS)
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Alter | Referenzbereich |
|---|---|
| Neugeborene, nüchtern | |
| 1 Monat bis | |
| 6 Monate bis | |
| Ab 1 Jahr bis Erwachsene, nüchtern | |
| Random-Probe | |
| Erwachsene, andere aktuelle Routinelabore, nüchtern | häufig ≤10 µmol/l |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.
Indikationen
- Abklärung einer intra- oder extrahepatischen Cholestase (Gallenstau)
- Ergänzende Beurteilung hepatobiliärer Funktionsstörungen (Erkrankungen von Leber und Gallenwegen)
- Diagnostik und Verlaufskontrolle bei Verdacht auf intrahepatische Schwangerschaftscholestase (Gallenstau in der Schwangerschaft)
- Gegebenenfalls Spezialdiagnostik bei Verdacht auf angeborene Störungen der Gallensäuresynthese (Bildung von Gallensäuren) oder des Gallensäuretransports
- Ergänzende Einordnung unklarer cholestatischer Leberwerterhöhungen, insbesondere wenn Bilirubin, alkalische Phosphatase (AP), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT) und Alanin-Aminotransferase (ALT) mitbeurteilt werden
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Intrahepatische und extrahepatische Cholestase (Gallenstau)
- Schwangerschaftsassoziierte Cholestase (Gallenstau in der Schwangerschaft)
- Hepatozelluläre Erkrankungen (Leberzellschäden) mit gestörter hepatischer Clearance (verminderte Entgiftungsleistung der Leber), unter anderem Hepatitis (Leberentzündung), Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber), steatotische und cholestatische Lebererkrankungen sowie hepatobiliäre Neoplasien (Tumoren von Leber und Gallenwegen)
- Seltener angeborene Defekte der Gallensäuresynthese oder des Gallensäuretransports
- Erniedrigte Werte
- In der Routinediagnostik meist ohne eigenständige klinische Relevanz
- Eine weiterführende Abklärung erniedrigter Gesamt-Gallensäuren ist in der Regel nicht erforderlich
- Spezifische Konstellationen
- Intrahepatische Schwangerschaftscholestase (Gallenstau in der Schwangerschaft): Nach aktueller Leitlinie stützt ein nicht-nüchterner Gesamt-Gallensäurewert >19 µmol/l bei passender Klinik die Diagnose
- Schweregrad/Risikostratifikation in der Schwangerschaft: Werte ab ≥ 100 µmol/l sind mit einem signifikant erhöhten Risiko für Totgeburt (Tod des ungeborenen Kindes) assoziiert; das Risiko nimmt insbesondere nach 35 Schwangerschaftswochen zu
- Persistierender Pruritus (Juckreiz) bei zunächst normalen Werten: Wiederholungsmessungen sind erforderlich, da Gallensäuren initial noch normal sein können
- Unter UDCA-Therapie: Konventionelle enzymatische Gesamt-Gallensäuremessungen können die tatsächliche Krankheitsaktivität unzureichend abbilden; methodische Limitationen müssen berücksichtigt werden
Weiterführende Diagnostik
- Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT), Aspartat-Aminotransferase (AST), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
- Gerinnungsparameter – insbesondere bei ausgeprägter Cholestase
- Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane)
- Bei Schwangerschaft: geburtshilfliche Mitbeurteilung, serielle Gallensäurekontrollen und Einordnung nach höchstem gemessenem Wert
- Bei Verdacht auf seltene hereditäre Cholestasen oder Gallensäuresynthesedefekte: Gallensäureprofil mittels Flüssigkeitschromatographie-Massenspektrometrie (LC-MS/MS) und molekulargenetische Diagnostik
Literatur
- European Association for the Study of the Liver. EASL Clinical Practice Guidelines on the management of liver diseases in pregnancy. J Hepatol. 2023;79(3):768-828. https://doi.org/10.1016/j.jhep.2023.03.006
- Hobson SR, Cohen ER, Gandhi S, Jain V, Niles KM, Roy-Lacroix MÈ, Wo BL. Guideline No. 452: Diagnosis and Management of Intrahepatic Cholestasis of Pregnancy. J Obstet Gynaecol Can. 2024;46(8):102618. https://doi.org/10.1016/j.jogc.2024.102618
- Hague WMB, Williamson C, Beuers U. Intrahepatic cholestasis of pregnancy: Introduction and overview 2024. Obstet Med. 2024;17(3):138-143. https://doi.org/10.1177/1753495X241265772
- Grimmler M, Frömel T, Masetto A, Müller H, Leber T, Peter C. Performance evaluation of enzymatic total bile acid (TBA) routine assays: systematic comparison of five fifth-generation TBA cycling methods and their individual bile acid recovery from HPLC-MS/MS reference. Clin Chem Lab Med. 2025;63(4):763-774. https://doi.org/10.1515/cclm-2024-1029
- Mitchell AL, Ovadia C, Papacleovoulou G, Chambers J, Geenes V, Williamson C. Re-evaluating diagnostic thresholds for intrahepatic cholestasis of pregnancy: case-control and cohort study. BJOG. 2021;128(2):330-337. https://doi.org/10.1111/1471-0528.16669