Herpes genitalis

Herpes genitalis (Genitalherpes) ist eine sexuell übertragbare Virusinfektion (Infektion durch Viren) durch Herpes-simplex-Viren (Herpesviren), meist durch Herpes-simplex-Virus Typ 2 (HSV-2), zunehmend aber auch durch Herpes-simplex-Virus Typ 1 (HSV-1). HSV-1 ist klassischerweise mit Lippenherpes verbunden, kann jedoch durch Oralverkehr auch eine genitale Infektion verursachen [1-3].

Nach der Erstinfektion (erste Ansteckung) verbleiben die Viren lebenslang in sensiblen Nervenganglien (Nervenknoten). Von dort können sie reaktiviert werden, also erneut aktiv werden, und wieder Beschwerden verursachen. Wiederkehrende Episoden treten bei genitaler HSV-2-Infektion häufiger auf als bei genitaler HSV-1-Infektion [1, 2].

Die Inkubationszeit (Zeit von der Ansteckung bis zum Ausbruch der Erkrankung) liegt typischerweise bei etwa 2-12 Tagen. Viele Infektionen verlaufen asymptomatisch (ohne Beschwerden) oder oligosymptomatisch (mit nur geringen Beschwerden), sodass die Infektion häufig unerkannt bleibt. Eine Übertragung ist auch ohne sichtbare Bläschen möglich, da es zu subklinischer Virusausscheidung (Virenabgabe ohne erkennbare Krankheitszeichen) kommen kann [1-3].

Symptome – Beschwerden

Folgende Symptome und Beschwerden können auf einen Herpes genitalis hinweisen:

  • Juckreiz
  • Brennen
  • Kribbeln oder Spannungsgefühl im Genitalbereich (Bereich der Geschlechtsorgane)
  • Schmerzhafte Papeln (Knötchen), Vesikel (Bläschen), Erosionen (oberflächliche Hautdefekte) oder Ulzera (Geschwüre) im Bereich von Vulva (äußeres weibliches Genitale), Vagina (Scheide), Zervix (Gebärmutterhals), Penis, Skrotum (Hodensack), Perineum (Damm), Perianalregion (Afterumgebung), Analregion (Afterbereich), Gesäß oder Oberschenkelinnenseite
  • Dysurie (Schmerzen beim Wasserlassen), insbesondere bei vulvovaginalem Befall
  • Fluor vaginalis (Scheidenausfluss), Zervizitis (Entzündung des Gebärmutterhalses) oder Urethritis (Harnröhrenentzündung)
  • Proktitis (Enddarmentzündung), insbesondere bei anorektaler Exposition
  • Schmerzhafte regionale Lymphadenopathie (Lymphknotenschwellung)
  • Fieber, Krankheitsgefühl, Myalgien (Muskelschmerzen) und Kopfschmerzen, besonders bei der Primärinfektion
  • Harnverhalt (Unfähigkeit, Wasser zu lassen) bei schwerer Erstmanifestation
  • Meningitis (Hirnhautentzündung), Meningismus (schmerzhafte Nackensteifigkeit) oder radikuläre Schmerzen (von Nervenwurzeln ausgehende Schmerzen) als seltene neurologische Komplikationen

Ursachen

Die Ansteckung erfolgt vor allem durch direkten Schleimhaut- oder Hautkontakt mit infektiösen Sekreten oder Läsionen (krankhafte Haut- oder Schleimhautveränderungen), insbesondere beim vaginalen, analen oder oralen Geschlechtsverkehr. Das Übertragungsrisiko ist während sichtbarer Läsionen oder prodromaler Symptome (Frühzeichen vor dem Ausbruch) am höchsten, eine Übertragung kann jedoch auch ohne sichtbare Beschwerden erfolgen [1-3].

HSV-2 wird überwiegend sexuell übertragen und verursacht häufiger Rezidive (Wiederauftreten der Erkrankung) sowie häufigere Virusausscheidung als HSV-1. HSV-1 kann durch Oralverkehr auf den Genitalbereich übertragen werden und verursacht dort im Vergleich zu HSV-2 meist seltener wiederkehrende Episoden [1, 2].

Nach der Erstinfektion wandern die Viren entlang sensibler Nervenfasern in Nervenganglien und verbleiben dort latent (ruhend). Eine Reaktivierung kann durch individuelle Faktoren begünstigt werden, zum Beispiel durch andere Infektionen, Fieber, lokale Schleimhautreizung, Menstruation, Stress, Schlafmangel, Immunsuppression (geschwächte Immunabwehr) oder intensive UV-Exposition (Sonnenlichtbelastung). Bei vielen Patienten lässt sich jedoch kein eindeutiger Auslöser feststellen.

Eine besondere Bedeutung hat Herpes genitalis in der Schwangerschaft (Zeit der Entwicklung des Kindes im Mutterleib), da vor allem eine neu erworbene Infektion im späten Schwangerschaftsverlauf das Risiko einer neonatalen Herpesinfektion (Herpesinfektion des Neugeborenen) erhöht [1, 4].

Diagnostik

Laborparameter 1. Ordnung – obligate Laboruntersuchungen

  • HSV-1/HSV-2-DNA-Nachweis mittels PCR (Polymerase-Kettenreaktion) oder anderer Nukleinsäureamplifikationstests aus frischer Läsion, Bläscheninhalt, Ulkusgrund oder Abstrichmaterial
    • Diagnostischer Goldstandard bei klinischem Verdacht auf Herpes genitalis
    • Abstrich möglichst früh im Krankheitsverlauf entnehmen, da die Nachweiswahrscheinlichkeit bei frischen Läsionen am höchsten ist
    • HSV-Typisierung in HSV-1 und HSV-2 durchführen, da Rezidivrisiko, Beratung und Langzeitmanagement hiervon abhängen [1, 2]
  • Klinische Untersuchung des gesamten anogenitalen Bereichs
    • Beurteilung von Lokalisation, Ausdehnung, Schmerzhaftigkeit, Ulzera, Lymphadenopathie und Hinweisen auf Proktitis
    • Klinische Diagnose allein möglichst vermeiden, da atypische Verläufe häufig sind und andere Ursachen genitaler Ulzerationen abgegrenzt werden müssen [1]
  • HIV-Test
    • Bei gesichertem oder wahrscheinlichem Herpes genitalis empfohlen, da sexuell übertragbare Infektionen gemeinsam auftreten können und HSV-2 mit einem erhöhten Risiko für HIV-Erwerb assoziiert ist [1, 2]
  • Syphilis-Serologie
    • Bei genitalen Ulzera obligat differentialdiagnostisch berücksichtigen

Laborparameter 2. Ordnung – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und den obligaten Laborparametern – zur differentialdiagnostischen Abklärung

  • HSV-1/HSV-2-IgG, typspezifisch
    • Nicht zur Routinediagnostik einer akuten Läsion geeignet
    • Sinnvoll bei unklarer Anamnese, wiederkehrenden typischen Beschwerden mit negativer PCR, Partnerdiagnostik bei diskordanten Paaren oder zur Einordnung einer möglichen Erstinfektion in der Schwangerschaft
    • Frühe Infektionen können seronegativ sein; bei klinischem Verdacht kann eine Wiederholung erforderlich sein
  • HSV-IgM
    • Nicht empfohlen, da geringe Spezifität, Kreuzreaktionen und fehlende sichere Unterscheidung zwischen Primärinfektion und Rezidiv [1]
  • Viruskultur aus Läsionsmaterial
    • Nur falls PCR nicht verfügbar ist; geringere Sensitivität, besonders bei älteren, verkrusteten oder abheilenden Läsionen
  • Varizella-Zoster-Virus-PCR
    • Bei einseitiger, dermatomaler Bläschenbildung oder klinischem Verdacht auf Herpes zoster (Gürtelrose)
  • Weitere STI-Diagnostik
    • Chlamydia trachomatis, Neisseria gonorrhoeae, Mycoplasma genitalium und Trichomonas vaginalis bei entsprechender Exposition, Urethritis, Zervizitis, Proktitis oder erhöhtem STI-Risiko [1]
  • Mpox-PCR
    • Bei passender Exposition, schmerzhaften genitalen oder perianalen Läsionen, systemischen Symptomen oder epidemiologischem Verdacht
  • Bakteriologische Abstrichdiagnostik
    • Bei Verdacht auf bakterielle Superinfektion (zusätzliche bakterielle Infektion), Impetiginisierung (bakterielle Überlagerung der Haut), ausgeprägte Eiterung oder fehlendes Ansprechen auf antivirale Therapie
  • Liquordiagnostik
    • Bei Verdacht auf Meningitis, Enzephalitis (Gehirnentzündung), ausgeprägte neurologische Symptome oder schwere disseminierte Infektion
    • HSV-PCR im Liquor (Nervenwasser) ist bei neurologischer Beteiligung das zentrale Nachweisverfahren
  • Schwangerschaftsbezogene Diagnostik
    • Bei Schwangeren mit Verdacht auf Herpes genitalis grundsätzlich HSV-PCR aus Läsionen und typspezifische HSV-Serologie zur Unterscheidung von Primärinfektion, nicht primärer Erstinfektion und Rezidivinfektion
    • Geburtshilfliche Mitbeurteilung bei Erstmanifestation in der Schwangerschaft, Läsionen am Termin, Prodromalsymptomen oder Verdacht auf neonatales Risiko

Therapie

Die Therapie richtet sich nach Erstmanifestation, Rezidivhäufigkeit, Schweregrad, Schwangerschaft, Immunstatus und Komplikationen.

  • Allgemeine Maßnahmen
    • Sexuelle Kontakte bei Läsionen, Schmerzen, Brennen oder prodromalen Symptomen vermeiden
    • Kondome reduzieren das Übertragungsrisiko, schließen es aber nicht vollständig aus
    • Partnerinformation und Beratung zu Übertragung, Rezidiven und asymptomatischer Virusausscheidung
    • Schmerztherapie mit geeigneten Analgetika (Schmerzmitteln)
    • Sitzbäder oder lokale Kühlung zur Symptomlinderung
    • Bei starker Dysurie Wasserlassen im Sitzbad oder unter laufendem Wasser erwägen
  • Antivirale Therapie der Erstmanifestation
    • Orale Virostatika (virushemmende Medikamente) möglichst früh beginnen, idealerweise bei klinischem Verdacht und ohne Abwarten des PCR-Ergebnisses
    • Aciclovir, Valaciclovir oder Famciclovir verkürzen Dauer und Schwere der Episode, beseitigen das Virus jedoch nicht dauerhaft aus dem Körper [1, 2]
    • Typische Behandlungsdauer je nach Leitlinie und Verlauf 5-10 Tage; bei anhaltenden neuen Läsionen, schweren Beschwerden oder Komplikationen Verlängerung erforderlich
  • Rezidivtherapie
    • Episodische Kurzzeittherapie bei wiederkehrenden Episoden möglichst innerhalb von 24 Stunden nach Symptombeginn oder bereits bei Prodromalsymptomen beginnen
    • Patienten mit wiederkehrendem Herpes genitalis sollten ein Rezept beziehungsweise Medikamentenvorrat für den frühen Therapiebeginn erhalten
  • Suppressive Therapie (Dauertherapie zur Unterdrückung von Ausbrüchen)
    • Indiziert bei häufigen, schweren oder psychisch stark belastenden Rezidiven
    • Bei symptomatischer HSV-2-Infektion kann die suppressive Therapie die Rezidivhäufigkeit und die Übertragung auf seronegative Partner reduzieren [2]
    • Bei genitaler HSV-1-Infektion wegen geringerer Rezidiv- und Ausscheidungsrate in der Regel nur bei häufigen Rezidiven erwägen
  • Schwere Verläufe und Komplikationen
    • Stationäre Behandlung bei Harnverhalt, schwerer Dehydratation (Austrocknung), ausgeprägter Schmerzsymptomatik, Meningitis, Enzephalitis, disseminierter Infektion (im Körper ausgebreitete Infektion) oder schwerer Immunsuppression
    • Intravenöses Aciclovir bei schwerer systemischer oder neurologischer Beteiligung
  • Schwangerschaft
    • Bei Erstinfektion, nicht primärer Erstinfektion oder Rezidiv in der Schwangerschaft ist eine geburtshilfliche Mitbetreuung erforderlich
    • Bei bekannter Herpes-genitalis-Anamnese oder Infektion in der Schwangerschaft kann eine antivirale Prophylaxe (vorbeugende Behandlung) im späten Schwangerschaftsverlauf indiziert sein
    • Bei aktiven genitalen Läsionen oder Prodromalsymptomen zum Geburtszeitpunkt muss das neonatale Übertragungsrisiko geburtshilflich bewertet werden [1, 4]
  • Antibiotika
    • Nur bei klinischem Verdacht auf bakterielle Superinfektion; nicht zur Behandlung der HSV-Infektion selbst
  • Topische Therapie
    • Topische antivirale Mittel werden bei Herpes genitalis nicht als Standardtherapie empfohlen, da sie deutlich weniger wirksam sind als orale Virostatika [1]
    • Zinkmixturen können allenfalls symptomlindernd wirken, ersetzen aber keine antivirale Therapie bei Erstmanifestation, schwerem Verlauf, Schwangerschaft oder Immunsuppression

Literatur

  1. Patel R, Moran B, Clarke E, Geretti AM, Lautenschlager S, Green J et al.: 2024 European guidelines for the management of genital herpes. J Eur Acad Dermatol Venereol. 2025;39(4):742-758. https://doi.org/10.1111/jdv.20450
  2. Workowski KA, Bachmann LH, Chan PA, Johnston CM, Muzny CA, Park I et al.: Sexually Transmitted Infections Treatment Guidelines, 2021. MMWR Recomm Rep. 2021;70(4):1-187. https://doi.org/10.15585/mmwr.rr7004a1
  3. Johnston C, Corey L. Current concepts for genital herpes simplex virus infection: diagnostics and pathogenesis of genital tract shedding. Clin Microbiol Rev. 2016;29(1):149-161. https://doi.org/10.1128/CMR.00043-15
  4. Money D, Steben M; Society of Obstetricians and Gynaecologists of Canada. Guidelines for the management of herpes simplex virus in pregnancy. J Obstet Gynaecol Can. 2017;39(8):e199-e205. https://doi.org/10.1016/j.jogc.2017.04.015