Neuroblastom – Medikamentöse Therapie
Therapieziel
- Heilung durch risikoadaptierte Behandlung und Vermeidung eines Rezidivs (Rückfalls); zugleich Begrenzung akuter Toxizität (schädigende Wirkung) und langfristiger Organ-, Fertilitäts- und Entwicklungsfolgen.
- Bei günstigem Risikoprofil Vermeidung unnötiger Chemotherapie; bei nicht kurativ (auf Heilung ausgerichtet) behandelbarer Erkrankung Tumorkontrolle, Symptomlinderung und Erhalt der Lebensqualität.
Therapieempfehlungen
Die Behandlung erfolgt in einem kinderonkologischen Zentrum nach aktuellem Studien- oder Therapieprotokoll. Entscheidend sind das INRG-Stadium (L1, L2, M oder MS), Alter, Histologie, MYCN-Status, weitere Tumorbiologie und Therapieansprechen. Stadium und Risikogruppe sind nicht gleichbedeutend. Die deutsche S1-Leitlinie von 2019 ist abgelaufen und dient nur der historischen Einordnung; sie ersetzt kein aktuelles Protokoll [LL1, Q1].
Risikoadaptierte Erstlinientherapie
- Niedriges Risiko: Bei ausgewählten asymptomatischen (beschwerdefreien) Säuglingen mit günstiger Tumorbiologie ist kontrolliertes Beobachten möglich; ansonsten steht häufig die Operation im Vordergrund. Eine unvollständige Resektion begründet allein keine postoperative Chemotherapie. Eine medikamentöse Behandlung wird bei relevanten Symptomen, Organbedrohung, Progression (Fortschreiten der Erkrankung) oder entsprechendem biologischem Risiko erwogen [10, 11].
- Intermediäres Risiko: Reduzierte, am Ansprechen orientierte Polychemotherapie, beispielsweise mit Carboplatin, Etoposid, Cyclophosphamid und gegebenenfalls Doxorubicin. Zahl und Intensität der Zyklen richten sich nach Protokoll und Risikofaktoren. Hochdosistherapie und Anti-GD2-Erhaltung sind hier kein allgemeiner Standard [12].
- Stadium MS: Bei günstiger Biologie und fehlender Organbedrohung kann spontane Regression (Rückbildung des Tumors) abgewartet werden. Eine rasch zunehmende Hepatomegalie (Vergrößerung der Leber) mit respiratorischer (die Atmung betreffender) oder anderer Organbeeinträchtigung erfordert dagegen eine zeitnahe Behandlung; das Stadium allein rechtfertigt keine pauschale Chemotherapieverordnung [Q1].
- Hohes Risiko: Multimodale Therapie aus Induktionschemotherapie, Operation, myeloablativer Konsolidierung mit autologer Stammzellrückgabe, lokaler Strahlentherapie sowie Postkonsolidierung mit Anti-GD2-Immuntherapie und Isotretinoin [1, 5, 6].
Hochrisiko-Neuroblastom (bösartiger Tumor unreifer Nervenzellen): Induktion und Konsolidierung
Die Induktion kombiniert mehrere Zytostatika. Beispiele sind das europäische Rapid-COJEC-Schema mit Cisplatin, Carboplatin, Etoposid, Cyclophosphamid und Vincristin oder andere kooperative Protokolle mit unter anderem Doxorubicin beziehungsweise Ifosfamid. Einzelsubstanzen und Zyklen dürfen nicht zwischen Protokollen ausgetauscht werden. Die Stammzellsammlung wird frühzeitig eingeplant [13].
Bei ausreichendem Ansprechen folgt die Hochdosistherapie mit autologer Stammzellrückgabe. Im europäischen HR-NBL1/SIOPEN-Vergleich war Busulfan/Melphalan dem untersuchten Carboplatin/Etoposid/Melphalan-Regime hinsichtlich des ereignisfreien Überlebens überlegen: Das 3-Jahres-EFS betrug 50 % gegenüber 38 % (p = 0,0005). Dies begründet Busulfan/Melphalan als wichtigen europäischen Konsolidierungsstandard, jedoch keine allgemeine Überlegenheit gegenüber sämtlichen heutigen Konditionierungsstrategien. In nordamerikanischen Protokollen werden auch Tandemtransplantationen eingesetzt [1, Q1].
Postkonsolidierung: Anti-GD2-Immuntherapie und Isotretinoin
- Isotretinoin (13-cis-Retinsäure): Etablierter differenzierungsfördernder Bestandteil der Hochrisikotherapie zur Bekämpfung minimaler Resterkrankung (verbliebene Tumorzellen). Ein klassisches Schema umfasst 160 mg/m²/Tag p.o. in zwei Einzeldosen über jeweils 14 Tage, insgesamt sechs Zyklen; Einordnung und Zyklusabstände werden mit dem Antikörperprotokoll abgestimmt. Die onkologische Anwendung liegt bei üblichen deutschen Aknepräparaten außerhalb der zugelassenen Indikation. Bei kleinen Kindern sind Darreichung und tatsächlich aufgenommene Dosis besonders zu beachten [5, 6, 9].
- Dinutuximab beta (Qarziba; EU): In der EU seit 2017 zugelassen ab zwölf Monaten nach mindestens partiellem Ansprechen auf Induktionschemotherapie und anschließender myeloablativer Therapie mit Stammzelltransplantation sowie bei anamnestisch rezidivierter oder refraktärer Erkrankung (einer Erkrankung, die nicht ausreichend auf die Behandlung anspricht) mit oder ohne Resttumor. Bei aktiv progredientem Rezidiv ist die Erkrankung vor Beginn durch geeignete Maßnahmen zu stabilisieren. Qarziba besitzt keine entsprechende FDA-Zulassung [FI1].
- Interleukin-2 bei Dinutuximab beta: Die randomisierte HR-NBL1/SIOPEN-Studie zeigte für die untersuchte zusätzliche subkutane IL-2-Gabe keinen Überlebensvorteil, jedoch mehr Toxizität. Daraus folgt keine generelle IL-2-Indikation für alle Erstlinienpatienten. Davon zu unterscheiden ist die weiterhin geltende Qarziba-Fachinformation: Bei anamnestisch rezidivierter/refraktärer Erkrankung sowie ohne komplettes Ansprechen nach Erstlinientherapie sollte die Kombination mit IL-2 erfolgen. Ein Verzicht in diesen Situationen weicht von dieser Fachinformationsempfehlung ab und ist im Zentrum protokollbezogen zu begründen [2, FI1].
- Dinutuximab (Unituxin; USA): Eigenständiges Antikörperpräparat mit anderer Herstellung und Dosierung. Die FDA-Zulassung seit 2015 umfasst pädiatrische Hochrisikopatienten mit mindestens partiellem Ansprechen auf vorausgegangene multimodale Erstlinientherapie, in Kombination mit GM-CSF, IL-2 und Isotretinoin. Die frühere EU-Zulassung wurde 2017 auf Herstellerantrag wegen Versorgungsproblemen zurückgenommen. Die US-Kombinationszulassung und die europäische Dinutuximab-beta-Evidenz dürfen nicht gleichgesetzt werden; die Präparate und ihre Dosierungen sind nicht beliebig austauschbar [6, FI2, FI7].
Voraussetzungen und Überwachung der Dinutuximab-beta-Therapie
- Vor jedem Zyklus müssen die klinischen und laborchemischen Voraussetzungen der Fachinformation erfüllt sein: Sauerstoffsättigung unter Raumluft >94 %, absolute Neutrophilenzahl ≥500/µl, Thrombozyten ≥20.000/µl, Hämoglobin >8 g/dl, ALT/AST <5-fache obere Normgrenze sowie Kreatinin-Clearance beziehungsweise GFR >60 ml/min/1,73 m². Bei Nichterreichen wird der Zyklus verschoben [FI1].
- Vorbeugende Analgesie einschließlich intravenöser Opioide, Gabapentin und nichtopioider Analgetika sowie antihistaminerge Prämedikation sind einzuplanen. Kontinuierliche klinische Überwachung, Flüssigkeitsbilanz und sofortige Behandlung schwerer Infusionsreaktionen müssen gewährleistet sein [FI1].
- Systemische Corticosteroide werden wegen ihrer immunsuppressiven Wirkung im in der Fachinformation genannten Zeitraum grundsätzlich vermieden; eine lebensbedrohliche Reaktion wird selbstverständlich entsprechend behandelt. Dosisunterbrechungen und dauerhaftes Absetzen bei schwerer Toxizität erfolgen nach Fachinformation [FI1].
Rezidivierte oder refraktäre Erkrankung
Erforderlich sind erneute Ausbreitungsdiagnostik, Bewertung der Vorbehandlung und nach Möglichkeit eine aktuelle molekulare Charakterisierung. Therapieziele, Organreserve, Knochenmarkbefall und MIBG-Aufnahme bestimmen die Auswahl; klinische Studien sind besonders wichtig. Ein lokalisiertes Rezidiv nach initial günstigem Risiko kann anders behandelt werden als ein disseminiertes (im Körper ausgebreitetes) Hochrisikorezidiv [Q1].
- Chemoimmuntherapie: Irinotecan/Temozolomid plus Dinutuximab und GM-CSF ist durch COG-Studien gestützt. Diese Daten sind kein Beleg für identische Wirksamkeit oder Zulassung jeder Kombination mit Dinutuximab beta. Die 2026 veröffentlichte randomisierte Phase-II-Studie BEACON Immuno untersuchte dagegen ausdrücklich Dinutuximab beta zusätzlich zu Temozolomid allein oder Temozolomid/Topotecan. Bei 65 randomisierten Patienten betrugen die Ansprechraten 30,2 % mit und 18,2 % ohne Antikörper; das mediane progressionsfreie Überleben lag bei 11,1 beziehungsweise 3,8 Monaten. Die kleine Studienpopulation und Therapiewechsel erschweren insbesondere die Beurteilung des Gesamtüberlebens. Das Schema ist nicht mit Irinotecan/Temozolomid gleichzusetzen und begründet keine neue pauschale Zulassungsindikation [7, 8, 15].
- Weitere Zytostatika: Protokollabhängige Optionen umfassen beispielsweise Topotecan/Cyclophosphamid. Vorbehandlung, Resistenzmuster und verbleibende Organ- beziehungsweise Knochenmarkreserve sind zu berücksichtigen [Q1].
- Anti-GD2-Therapie: Dinutuximab beta besitzt die beschriebene EU-Rezidiv-/Refraktärindikation. Naxitamab mit GM-CSF ist eine gesonderte US-Option bei eng definierter Knochen-/Knochenmarkerkrankung; es ist kein EU-zugelassener allgemeiner Ersatz für Qarziba [FI1, FI3].
- Gezielte und nuklearmedizinische Behandlung: Bei aktivierender ALK-Veränderung kann Lorlatinib in Studien oder als begründete Off-label-Behandlung infrage kommen. Bei MIBG-speicherndem Tumor ist eine 131I-MIBG-Therapie im spezialisierten Zentrum eine Option; Knochenmarktoxizität (Schädigung des Knochenmarks) und gegebenenfalls erforderliche Stammzellunterstützung müssen eingeplant werden [14, FI8, Q1].
- Allogene beziehungsweise haploidentische Stammzelltransplantation: Kein allgemeiner Rezidivstandard. Die Phase-I/II-Studie zu Dinutuximab beta und niedrig dosiertem IL-2 nach haploidentischer Transplantation berichtete ein 5-Jahres-EFS von 43 % und ein 5-Jahres-Gesamtüberleben von 53 %. Ohne randomisierte Vergleichsgruppe ist damit keine Überlegenheit dieses Vorgehens belegt [3].
- Experimentelle Zelltherapie: GD2-gerichtete CAR-T-Zellen zeigen Aktivität in frühen klinischen Studien. Sie sind weiterhin eine Studienoption und keine allgemein zugelassene Neuroblastom-Standardtherapie [16].
- Eflornithin: Die US-Zulassung von Iwilfin betrifft eine Rückfallrisikoreduktion nach mindestens partiellem Ansprechen auf multimodale Behandlung einschließlich Anti-GD2-Immuntherapie; dies ist keine Akuttherapie einer progredienten Erkrankung. Die Wirksamkeitsbewertung beruht auf einem Vergleich mit einer externen Kontrollgruppe, nicht auf einer randomisierten Zulassungsstudie. Der europäische Zulassungsantrag für Ifinwil wurde 2025 zurückgezogen; die US-Zulassung begründet keinen deutschen Standard [FI4, FI5].
Beachte
- Dosierung: Intensive Polychemotherapie und Konditionierung werden nach dem vollständigen pädiatrischen Protokoll verordnet, einschließlich Alters-/Gewichtsanpassung, Organfunktion, Interaktionen und vorausgegangener kumulativer Dosen.
- Supportivtherapie: Protokollgerechte Antiemese, Infektionsprophylaxe, Transfusionsstrategie und gegebenenfalls G-CSF; Hydratation/Elektrolytausgleich bei Platintherapie, Mesna bei entsprechender Oxazaphosphorinexposition sowie Fertilitätsberatung vor gonadotoxischer Therapie.
- Anti-GD2-Therapie: Schmerzen, Hypersensitivität (Überempfindlichkeitsreaktion), Kapillarleck (Austritt von Flüssigkeit aus kleinen Blutgefäßen) und Kreislaufveränderungen erfordern vorbeugende Analgesie und engmaschige Überwachung. Qarziba ist nur mit unmittelbar verfügbarer Reanimationsmöglichkeit und entsprechend erfahrenem Personal anzuwenden [FI1].
- Monitoring: Blutbild, Leber-/Nierenfunktion und Elektrolyte; zusätzlich substanzabhängig Hördiagnostik, Herzfunktion, neurologischer Status und langfristige Nachsorge. Fieber bei Neutropenie (Mangel an neutrophilen weißen Blutkörperchen) ist ein kinderonkologischer Notfall.
Weitere Hinweise
Die 2025 publizierte Arbeit zu extrachromosomaler DNA beschreibt, wie variable MYCN-Kopienzahlen unterschiedliche Zellzustände und Anpassung an Therapiedruck begünstigen. Ergebnisse aus experimentellen Modellen und untersuchtem Patientenmaterial erklären mögliche Resistenzmechanismen; sie begründen derzeit keine zugelassene MYCN-gerichtete Arzneimitteltherapie oder routinemäßige zusätzliche Medikation [4].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Alkylanzien
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Cyclophosphamid | Hydratation und protokollabhängig Mesna; kumulative Gonadotoxizität (Schädigung der Keimdrüsen). |
| Ifosfamid | Mesna und Hydratation; tubuläre Nierenschädigung (Schädigung der Nierenkanälchen) und Enzephalopathie (Funktionsstörung des Gehirns) beachten. |
| Busulfan | Therapeutisches Drug-Monitoring und antikonvulsive Prophylaxe; sinusoidales Obstruktionssyndrom (Schädigung und Verengung kleiner Lebergefäße). |
| Melphalan | Nur mit geplanter autologer Stammzellrückgabe; schwere Mukositis (Schleimhautentzündung) und Myelosuppression (Hemmung der Blutbildung) [1]. |
- Wirkweise: DNA-Alkylierung und Quervernetzung mit Störung der Zellteilung.
- Indikation: Protokollabhängig Induktion, Rezidivtherapie oder myeloablative Konsolidierung.
- Kontraindikationen: Substanz- und präparatespezifisch prüfen, insbesondere Überempfindlichkeit. Schwere Organstörungen und unkontrollierte Infektionen sind vor Verordnung zu bewerten. Die geplante Myeloablation im Transplantationskonzept ist gesondert zu berücksichtigen.
- Nebenwirkungen: Myelosuppression, Infektionen, Mukositis, Übelkeit, Alopezie (Haarausfall), Infertilität (Unfruchtbarkeit) und sekundäre Malignome (später auftretende weitere bösartige Tumoren); substanzspezifisch Uro-, Nephro-, Neuro- und Hepatotoxizität (leberschädigende Wirkung).
Platinverbindungen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Cisplatin | Intensive Hydratation; Magnesium, Nierenfunktion und Gehör kontrollieren. |
| Carboplatin | Auch Bestandteil einiger Konditionierungsschemata; Erwachsenen-AUC-Schemata nicht ohne pädiatrische Vorgabe übernehmen. |
- Wirkweise: Bildung von DNA-Addukten und Quervernetzungen.
- Indikation: Risikoadaptierte Polychemotherapie; einzelne Hochdosisregime [1, 12, 13].
- Kontraindikationen: Platinüberempfindlichkeit und präparatespezifisch relevante Nierenfunktionsstörung. Eine bestehende Hörschädigung verlangt eine sorgfältige Nutzen-Risiko-Bewertung.
- Nebenwirkungen: Oto-, Nephro- und Neurotoxizität (schädigende Wirkungen auf Gehör, Nieren und Nervensystem), Elektrolytverluste, Emesis (Erbrechen), Hypersensitivität; Carboplatin besonders myelosuppressiv.
Topoisomerase-II-Hemmer und Anthrazykline
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Etoposid | Infusionsgeschwindigkeit und Organanpassung beachten; sekundäre Leukämien (später auftretende Formen von Blutkrebs). |
| Doxorubicin | Kardiologische Ausgangsuntersuchung und Verlaufskontrollen; stark gewebeschädigend bei Paravasation (Austritt eines Medikaments aus dem Blutgefäß ins umliegende Gewebe). |
- Wirkweise: Topoisomerase-II-Hemmung; Doxorubicin zusätzlich DNA-Interkalation und weitere zellschädigende Mechanismen.
- Indikation: Protokollabhängige Kombinationstherapie; Etoposid gegebenenfalls Konsolidierung [1, 12, 13].
- Kontraindikationen: Präparatespezifisch; bei Doxorubicin insbesondere relevante kardiale Erkrankung beziehungsweise ausgeschöpfte kumulative Anthrazyklinexposition berücksichtigen.
- Nebenwirkungen: Myelosuppression, Mukositis, Alopezie, Emesis; Etoposid infusionsbedingte Hypotonie (zu niedriger Blutdruck)/Hypersensitivität, Doxorubicin akute und späte Kardiotoxizität (herzschädigende Wirkung).
Vincaalkaloide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Vincristin | Niemals intrathekal: tödliche Neurotoxizität. Azol-Antimykotika und weitere CYP3A-Interaktionen beachten. |
- Wirkweise: Hemmung der Mikrotubulusbildung und Mitose.
- Indikation: Bestandteil bestimmter Induktionsregime [13].
- Kontraindikationen: Unter anderem demyelinisierende Form der Charcot-Marie-Tooth-Erkrankung (erblich bedingte Erkrankung der peripheren Nerven); bei ausgeprägter Neuropathie (Nervenschädigung) oder Ileus (Darmverschluss) Behandlung überprüfen.
- Nebenwirkungen: Periphere/autonome Neuropathie, Obstipation (Verstopfung) bis Ileus, Kiefer- und Nervenschmerzen, SIADH.
Retinoide
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Isotretinoin | Off-label-Onkologie; verlässliche Darreichung bei Kleinkindern, Leberwerte und Lipide kontrollieren [5, 6, 9]. |
- Wirkweise: Retinoidvermittelte Differenzierung und Wachstumshemmung von Neuroblastomzellen.
- Indikation: Postkonsolidierung beim Hochrisiko-Neuroblastom; kein Ersatz für die Induktionschemotherapie.
- Kontraindikationen: Schwangerschaft/Stillzeit, fehlende Umsetzung erforderlicher Schwangerschaftsverhütung bei Schwangerschaftspotenzial, Leberinsuffizienz (unzureichende Funktion der Leber), ausgeprägt erhöhte Blutfette, Hypervitaminose A (Überschuss an Vitamin A) und gleichzeitige Tetrazykline; zusätzlich präparatespezifische Allergien beachten. Onkologischer Off-label-Einsatz und Sicherheitsmaßnahmen sind im Zentrum festzulegen [FI6].
- Nebenwirkungen: Cheilitis (Lippenentzündung) und Schleimhauttrockenheit, Transaminasen- und Lipidanstieg, muskuloskelettale Beschwerden (Beschwerden an Muskeln, Knochen oder Gelenken); ausgeprägte Teratogenität (fruchtschädigende Wirkung). Psychische Beschwerden im Verlauf aktiv erfassen.
Anti-GD2-Antikörper
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Dinutuximab beta (Qarziba) | EU-Zulassung ab zwölf Monaten; Vorgaben zu Beginn, Unterbrechung und Abbruch sowie gegebenenfalls IL-2-Kombination [FI1]. |
| Dinutuximab (Unituxin) | Mit GM-CSF, IL-2 und Isotretinoin. Eigenständiges US-Präparat; EU-Zulassung 2017 auf Herstellerantrag wegen Versorgungsproblemen zurückgenommen [FI2, FI7]. |
- Wirkweise: Bindung an GD2 mit antikörperabhängiger zellulärer und komplementvermittelter Zytotoxizität (zellschädigende Wirkung).
- Indikation: Präparatespezifische Postkonsolidierungs- beziehungsweise Rezidiv-/Refraktärindikation; siehe oben.
- Kontraindikationen: Qarziba: Überempfindlichkeit sowie akute Graft-versus-Host-Erkrankung (Reaktion, bei der transplantierte Immunzellen den Körper angreifen) Grad 3/4 oder ausgedehnte chronische Graft-versus-Host-Erkrankung. Unituxin: vorausgegangene Anaphylaxie (schwere allergische Reaktion) auf Dinutuximab [FI1, FI2].
- Nebenwirkungen: Starke neuropathische Schmerzen (durch eine Nervenschädigung verursachte Schmerzen), Infusionsreaktion/Anaphylaxie, Kapillarleck, Hypotonie, Fieber, Zytopenien (Verminderung von Blutzellen), periphere Neuropathie und okuläre Störungen (Augenbeschwerden); selten schwere zentrale Neurotoxizität einschließlich PRES und transverser Myelitis (Entzündung des Rückenmarks). Vorbeugend bei Qarziba intravenöse Opioidanalgesie, Gabapentin, nichtopioide Analgesie und H1-Antihistaminikum gemäß Fachinformation; Vitalparameter, Flüssigkeitsbilanz und Organfunktion überwachen [FI1].
Zytokine als Immuntherapie-Begleitmedikation
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Interleukin-2 (Aldesleukin) | Qarziba-Zulassungsvorgaben und SIOPEN-Erstlinienevidenz getrennt berücksichtigen; keine beliebige Übernahme des US-Schemas [2, FI1, FI2]. |
| GM-CSF (Sargramostim) | Begleitmedikation bei Dinutuximab beziehungsweise Naxitamab; keine generelle Voraussetzung jeder europäischen Dinutuximab-beta-Behandlung. GM-CSF und G-CSF sind unterschiedliche Wachstumsfaktoren [FI2, FI3]. |
- Wirkweise: Immunzellaktivierung beziehungsweise Stimulation myeloischer Effektorzellen.
- Indikation: Definierte Anti-GD2-Kombinationsbehandlung.
- Kontraindikationen: Präparatebezogene Überempfindlichkeit und weitere fachinformationsspezifische Ausschlusskriterien; schwere kardiorespiratorische oder andere Organfunktionsstörungen vor Anwendung bewerten.
- Nebenwirkungen: Fieber, Kapillarleck, Hypotonie und Flüssigkeitsretention (Zurückhalten von Flüssigkeit im Körper); zusätzliche Organ- und Infusionstoxizität. IL-2 kann die Belastung der Anti-GD2-Therapie deutlich erhöhen [2].
Wirkstoffe (Nebenindikationen und besondere Behandlungssituationen)
Die folgende Einordnung betrifft das Neuroblastom-Rezidiv, molekular ausgewählte Situationen oder regional begrenzte Zulassungen. Sie bezeichnet keine allgemein zugelassenen zusätzlichen Indikationen der Substanzen.
Rezidivchemotherapie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Irinotecan / Temozolomid | COG-Evidenz mit Dinutuximab; Kombination und indikationsbezogener Off-label-Status gesondert prüfen [7, 8]. |
| Topotecan | Vorbehandlung, Knochenmarkreserve und Nierenfunktion berücksichtigen; BEACON-Chemoimmuntherapie gesondert einordnen [15]. |
- Wirkweise: Irinotecan/Topotecan hemmen Topoisomerase I; Temozolomid wirkt DNA-alkylierend.
- Indikation: Rezidiviertes/refraktäres Neuroblastom im Zentrum; keine pauschale Neuroblastom-Zulassung aus Studienergebnissen ableiten.
- Kontraindikationen: Substanzspezifisch, unter anderem Überempfindlichkeit und relevante Organ- oder Knochenmarkfunktionsstörung außerhalb eines vorgesehenen Supportivkonzepts; bei Irinotecan Darmobstruktion (Darmverschluss) beachten.
- Nebenwirkungen: Myelosuppression und Infektionen; Irinotecan insbesondere akutes cholinerges Syndrom und verzögerte schwere Diarrhö (Durchfall), Temozolomid zusätzlich Lymphopenie (Mangel an einer Untergruppe der weißen Blutkörperchen) und selten schwere Hepatotoxizität.
Molekular gezielte und nuklearmedizinische Optionen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Lorlatinib | Nur bei passender ALK-Veränderung; keine Neuroblastomzulassung. Phase-I-Evidenz [14, FI8]. |
| 131I-MIBG | MIBG-Avidität erforderlich; Schilddrüsenblockade, Strahlenschutz und gegebenenfalls Stammzellreserve [Q1]. |
- Wirkweise: Lorlatinib hemmt ALK; radioaktiv markiertes MIBG wird über den Noradrenalintransporter aufgenommen und vermittelt lokale Strahlenwirkung.
- Indikation: Molekular ausgewähltes beziehungsweise MIBG-positives Rezidiv, vorzugsweise in Studien.
- Kontraindikationen: Lorlatinib: insbesondere starke CYP3A4/5-Induktoren; übrige Fachinformation prüfen. 131I-MIBG: Schwangerschaft/Stillzeit; Organ- und Knochenmarkfunktion sowie Umsetzbarkeit des Strahlenschutzes müssen ausreichend sein [FI8].
- Nebenwirkungen: Lorlatinib: Hyperlipidämie (erhöhte Blutfettwerte), Gewichtszunahme, Ödeme (Schwellungen durch Flüssigkeitseinlagerung), neurokognitive/psychische Effekte und Interaktionen. 131I-MIBG: Myelosuppression, Schilddrüsenschädigung, Übelkeit und Spätfolgen der Strahlenexposition.
Weitere US-zugelassene Optionen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Naxitamab (Danyelza) | Beschleunigte FDA-Zulassung ab einem Jahr und bei Erwachsenen: rezidiviertes/refraktäres Hochrisiko-Neuroblastom in Knochen/Knochenmark nach partiellem oder geringfügigem Ansprechen oder Stabilisierung auf Vortherapie; keine EU-Zulassung [FI3]. |
| Eflornithin (Iwilfin) | Rückfallrisikoreduktion nach mindestens partiellem Ansprechen auf multimodale Therapie einschließlich Anti-GD2; europäischer Ifinwil-Antrag 2025 zurückgezogen [FI4, FI5]. |
- Wirkweise: Naxitamab bindet GD2; Eflornithin hemmt irreversibel die Ornithindecarboxylase und damit die Polyaminsynthese.
- Indikation: Ausschließlich die jeweils bezeichnete US-Zulassung; keine pauschale Übertragung auf die EU-Versorgung.
- Kontraindikationen: Naxitamab: schwere Überempfindlichkeit gegen Naxitamab. Für Eflornithin nennt die US-Fachinformation keine formalen Kontraindikationen; Warnhinweise und erforderliches Monitoring bleiben zu beachten.
- Nebenwirkungen: Naxitamab: schwere Infusionsreaktionen, Schmerzen, Neurotoxizität und Blutdruckveränderungen. Eflornithin: Hörverlust, Otitis (Ohrentzündung), Diarrhö, Myelosuppression, Hepatotoxizität und embryo-fetale Risiken; Blutbild, Leberwerte und Gehör kontrollieren [FI3, FI4].
Abkürzungsverzeichnis
- ALK: anaplastische Lymphomkinase
- ALT: Alanin-Aminotransferase
- AST: Aspartat-Aminotransferase
- AUC: Fläche unter der Konzentrations-Zeit-Kurve
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften
- CAR-T: T-Zellen mit chimärem Antigenrezeptor
- COG: Children’s Oncology Group
- CYP3A, CYP3A4/5: Enzyme der Cytochrom-P450-Familie
- DNA: Desoxyribonukleinsäure
- EFS: ereignisfreies Überleben
- EMA: Europäische Arzneimittel-Agentur
- EPAR: Europäischer Öffentlicher Beurteilungsbericht
- EU: Europäische Union
- FDA: US-amerikanische Arzneimittelbehörde (Food and Drug Administration)
- G-CSF: Granulozyten-Kolonie-stimulierender Faktor
- GD2: Disialogangliosid 2
- GFR: glomeruläre Filtrationsrate
- GM-CSF: Granulozyten-Makrophagen-Kolonie-stimulierender Faktor
- H1: Histamin-1-Rezeptor
- HR-NBL1: Bezeichnung einer Studie zum Hochrisiko-Neuroblastom
- IL-2: Interleukin 2
- INRG: International Neuroblastoma Risk Group
- i.v.: intravenös, in eine Vene
- L1, L2, M, MS: Stadien des INRG-Systems
- MIBG: Meta-Iodbenzylguanidin
- MYCN: Bezeichnung des N-myc-Gens
- PDQ: Physician Data Query, Informationsangebot des US-amerikanischen National Cancer Institute
- p.o.: per os, über den Mund
- PRES: posteriores reversibles Enzephalopathiesyndrom
- Rapid-COJEC: Bezeichnung eines Chemotherapieprotokolls
- S1: Leitlinienklasse mit informeller Konsensfindung
- SIADH: Syndrom der inadäquaten Ausschüttung des antidiuretischen Hormons
- SIOPEN: Europäische Neuroblastomgruppe der International Society of Paediatric Oncology
- USA, US: Vereinigte Staaten von Amerika
- 131I: Jod-131
Literatur
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- Locatelli F et al.: GD2-targeting CAR T cells in high-risk neuroblastoma: a phase 1/2 trial. Nat Med 2025;31:3689–3699. doi: 10.1038/s41591-025-03874-6.
Leitlinien
- Gesellschaft für Pädiatrische Onkologie und Hämatologie: S1-Leitlinie Neuroblastom, AWMF-Registernummer: 025-008, Stand Juni 2019; abgelaufen, keine aktuelle Leitlinie. Archivierte Langfassung [LL1].
Fachinformationen und regulatorische Quellen
- EMA: Qarziba – aktuelle Produktinformation. Fachinformation [FI1].
- FDA: Unituxin – Prescribing Information, Stand 10/2025. US-Fachinformation [FI2].
- FDA: Danyelza (Naxitamab) – aktuelle Fachinformation. US-Fachinformation [FI3].
- FDA: Iwilfin (Eflornithin) – Prescribing Information, Stand 11/2024. US-Fachinformation [FI4].
- EMA: Ifinwil – am 18. Juli 2025 zurückgezogener Zulassungsantrag. Regulatorische Einordnung [FI5].
- Isotretinoin 20 mg – Summary of Product Characteristics; zugelassene Aknetherapie, Sicherheitsangaben. Fachinformation [FI6].
- EMA: Unituxin – Rücknahme der EU-Zulassung am 20. März 2017. EPAR [FI7].
- EMA: Lorviqua – aktuelle Produktinformation; zugelassene Indikation ALK-positives nichtkleinzelliges Lungenkarzinom bei Erwachsenen. Fachinformation [FI8].
Weitere fachliche Quellen
- National Cancer Institute: Neuroblastoma Treatment (PDQ®)–Health Professional Version. Aktualisierte Evidenzübersicht; keine formale deutsche Leitlinie. Abruf: 17.10.2026 [Q1].