Akute myeloische Leukämie (AML) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Körpertemperatur, Puls, Blutdruck und Atemfrequenz; des Weiteren:
    • Beurteilung des Allgemein- und Kreislaufzustands sowie des funktionellen Leistungsstatus (körperliche Belastbarkeit)
    • Inspektion von Haut und sichtbaren Schleimhäuten [Blässe; Petechien (punktförmige Hautblutungen); Ekchymosen (flächenhafte Hautblutungen); Purpura (kleinfleckige Hautblutungen); Schleimhautblutungen (Blutungen der Schleimhäute); kutane leukämische Infiltrate (Ansammlungen von Leukämiezellen in der Haut) (Leukemia cutis (Leukämiebefall der Haut)), insbesondere bei myelomonozytärer bzw. monoblastärer Differenzierung (bestimmten Reifungsformen der Leukämiezellen)]
    • Inspektion der Mundhöhle, Zähne und Gingiva (Zahnfleisch) sowie Suche nach lokalen Infektionsherden [Gingivahyperplasie (Zahnfleischvergrößerung) und Gingivablutungen (Zahnfleischblutungen), insbesondere bei myelomonozytärer bzw. monoblastärer Differenzierung]
    • Inspektion der Perianalregion (Bereich um den After) bei Beschwerden oder Verdacht auf einen lokalen Infektionsherd
    • Palpation der Lymphknotenstationen (Lymphknotenregionen) (zervikal, supraclavicular, axillär, inguinal) [Lymphadenopathie (Lymphknotenvergrößerung)]
    • Auskultation von Herz und Lunge; bei Dyspnoe (Atemnot) zusätzliche Bestimmung der Sauerstoffsättigung mittels Pulsoxymetrie [Tachypnoe (beschleunigte Atmung) und Hypoxämie (Sauerstoffmangel im Blut) bei pulmonaler Leukostase (Blutflussstörung in der Lunge durch sehr viele Leukämiezellen)]
    • Untersuchung des Abdomens
      • Inspektion, Perkussion und Palpation, insbesondere von Leber und Milz [Hepatomegalie (Lebervergrößerung) und/oder Splenomegalie (Milzvergrößerung); insbesondere bei myelomonozytärer bzw. monoblastärer Differenzierung infolge extramedullärer leukämischer Infiltration (Leukämiebefall außerhalb des Knochenmarks)]
    • Bei männlichen Patienten Inspektion und Palpation der Hoden [Hodenvergrößerung bei extramedullärer leukämischer Infiltration]
  • Neurologische Untersuchung – insbesondere bei neurologischen Symptomen, ausgeprägter Hyperleukozytose (stark erhöhter Zahl weißer Blutkörperchen) oder Verdacht auf eine Beteiligung des Zentralnervensystems (Gehirn und Rückenmark); Prüfung von Bewusstseinslage, Hirnnerven (Nerven des Gehirns), Motorik (Bewegungsfunktion), Sensibilität (Empfindungsvermögen), Reflexen und Koordination [Bewusstseinsstörung, fokal-neurologische Defizite (örtlich begrenzte neurologische Ausfälle) oder Meningismus (Nackensteifigkeit durch Reizung der Hirnhäute) bei Leukostase bzw. leukämischer Beteiligung des Zentralnervensystems]
  • Orientierende ophthalmologische Untersuchung (augenärztliche Untersuchung) – bei Visusstörungen oder ausgeprägter Hyperleukozytose; Visusprüfung mit vorhandener Korrektur, Pupillenreaktion und Funduskopie [retinale Blutungen (Netzhautblutungen) bei Leukostase bzw. ausgeprägter Thrombozytopenie (Mangel an Blutplättchen)]

Red Flags (Warnzeichen) bei akuter myeloischer Leukämie 

  • Neu aufgetretene Dyspnoe, Hypoxämie, Bewusstseinsstörung, fokal-neurologische Ausfälle oder Visusstörungen bei Hyperleukozytose – Verdacht auf Leukostase; hämatologischer Notfall.
  • Ausgeprägte oder rasch zunehmende Blutungen, insbesondere Schleimhautblutungen, großflächige Hämatome (Blutergüsse) oder neurologische Symptome – Verdacht auf schwere Thrombozytopenie bzw. Gerinnungsstörung (Störung der Blutgerinnung); bei Verdacht auf eine akute Promyelozytenleukämie (Unterform der akuten myeloischen Leukämie) ist insbesondere an eine disseminierte intravasale Gerinnung (schwere Gerinnungsstörung mit Verbrauch von Gerinnungsfaktoren) zu denken.
  • Fieber mit Kreislaufinstabilität (instabilem Kreislauf), Tachypnoe oder Bewusstseinsstörung – Verdacht auf schwere Infektion bzw. Sepsis (Blutvergiftung) bei Neutropenie (Mangel an bestimmten weißen Blutkörperchen).

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.