Herzbeutelentzündung (Perikarditis) – Medikamentöse Therapie

Therapieziele

  • Rasche Kontrolle von Schmerzen und perikardialer Entzündung (Entzündung des Herzbeutels)
  • Erreichen einer anhaltenden klinischen Remission (Rückbildung der Krankheitszeichen)
  • Vermeidung von Rezidiven (erneuten Krankheitsschüben), Glucocorticoid-Abhängigkeit und therapiebedingten Komplikationen
  • Ursachenspezifische Behandlung bei gesicherter Ätiologie sowie rechtzeitige Behandlung eines hämodynamisch relevanten Perikardergusses (einer die Herz-Kreislauf-Funktion beeinträchtigenden Flüssigkeitsansammlung im Herzbeutel)

Therapieempfehlungen

Die Behandlung richtet sich nach Ätiologie, Entzündungsaktivität, Verlauf und Begleiterkrankungen. Grundlage ist der Therapiealgorithmus der European Society of Cardiology (ESC) von 2025. Die nachfolgenden Dosierungen beziehen sich auf Erwachsene; Organfunktionsstörungen, Wechselwirkungen und die Fachinformation des konkret verwendeten Präparats sind zu berücksichtigen [LL1, LL2].

  • Stationäre Behandlung:
    • Bei Fieber > 38 °C, subakutem Beginn, großem Perikarderguss, Herzbeuteltamponade (bedrohlicher Beeinträchtigung der Herzfüllung durch Druck im Herzbeutel) oder fehlendem Ansprechen auf eine ausreichend dosierte antientzündliche Behandlung ist eine stationäre Abklärung angezeigt.
    • Auch bei Begleitmyokarditis (begleitender Herzmuskelentzündung), Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr), Trauma (Verletzung), oraler Antikoagulation (Einnahme gerinnungshemmender Arzneimittel) oder Verdacht auf eine spezifische Ursache, z. B. Tuberkulose oder bakterielle Infektion oder Neoplasie (Tumorerkrankung), ist die Schwelle zur stationären Behandlung niedrig [LL1].
  • Akute Perikarditis, erste Episode:
    • Erstlinientherapie ist Acetylsalicylsäure (ASS) oder ein nichtsteroidales Antirheumatikum (NSAR), üblicherweise Ibuprofen, jeweils zusammen mit einem Protonenpumpenhemmer und niedrig dosiertem Colchicin.
    • Colchicin wird von Beginn an als Zusatztherapie eingesetzt; es ist nicht erst bei Versagen von ASS oder NSAR vorgesehen. In der ICAP-Studie verminderte es den kombinierten Endpunkt aus persistierender oder rezidivierender Perikarditis von 37,5 % auf 16,7 % [1].
    • Bei ischämischer Herzkrankheit (Herzerkrankung durch unzureichende Durchblutung) oder bereits bestehender ASS-Therapie zur Thrombozytenaggregationshemmung ist ASS bevorzugt. Eine niedrig dosierte ASS-Dauertherapie ersetzt die zur Perikarditisbehandlung erforderliche antientzündliche Dosierung nicht.
    • Colchicin wird bei der ersten Episode mindestens drei Monate fortgeführt. Die volle ASS-/NSAR-Dosis wird bis zur Kontrolle von Beschwerden und Entzündungsaktivität beibehalten und anschließend schrittweise reduziert [LL1].
  • Persistierende oder rezidivierende Perikarditis:
    • Erneut ASS oder NSAR plus Colchicin; bei persistierenden und rezidivierenden Verläufen Colchicin mindestens sechs Monate, bei schwierigen Verläufen ggf. länger.
    • In CORP-2 reduzierte Colchicin bei Patienten mit mehrfachen Rezidiven weitere Rückfälle von 42,5 % auf 21,6 % [2].
    • Vor einer Eskalation sind Diagnose, Einnahmetreue, ausreichende Dosierung und Behandlungsdauer sowie eine spezifische Ursache zu überprüfen.
    • Bei fehlendem Ansprechen kann nach Ausschluss einer relevanten Infektion niedrig bis moderat dosiertes Prednison oder Prednisolon ergänzt werden. Wenn ASS oder NSAR weiterhin vertragen werden, kommt eine Dreifachtherapie aus ASS/NSAR, Colchicin und Glucocorticoid infrage [LL1].
  • Glucocorticoide:
    • Ohne spezifische Indikation keine routinemäßige Erstlinientherapie der idiopathischen Perikarditis (Herzbeutelentzündung ohne nachweisbare Ursache).
    • Geeignete Indikationen sind insbesondere eine behandlungsbedürftige systemische entzündliche Grunderkrankung, relevante Kontraindikationen oder Unverträglichkeit von ASS/NSAR sowie ein unzureichendes Ansprechen auf eine sachgerecht durchgeführte Erstlinientherapie.
    • Eine bakterielle oder tuberkulöse Ursache muss vor einer unspezifischen immunsuppressiven Behandlung ausreichend ausgeschlossen bzw. gezielt behandelt werden.
    • Bevorzugt werden 0,2-0,5 mg/kg Körpergewicht täglich als Prednisonäquivalent. Eine pauschale Anfangsdosis von 40-80 mg täglich und eine feste dreimonatige Behandlung sind nicht gerechtfertigt.
    • Höhere Dosierungen erhöhen die Gefahr von Nebenwirkungen und Glucocorticoid-Abhängigkeit; eine ältere vergleichende Beobachtungsstudie unterstützt die Bevorzugung niedrigerer Dosierungen [3, LL1].
    • Bei einem Rückfall während der Dosisreduktion Glucocorticoide möglichst nicht reflexartig erhöhen oder erneut beginnen. Entzündungsaktivität prüfen, ASS/NSAR und Colchicin optimieren und bei geeignetem Verlauf eine steroid­sparende Eskalation erwägen [LL1].
  • Interleukin-1-Hemmung:
    • Interleukin-1-(IL-1-)Hemmer sind eine gezielte Eskalation bei persistierender oder rezidivierender entzündlicher Perikarditis, insbesondere bei Colchicin-Resistenz und Glucocorticoid-Abhängigkeit.
    • Die stärkste randomisierte Evidenz betrifft Patienten mit objektiv nachgewiesener Entzündungsaktivität, insbesondere erhöhtem C-reaktivem Protein (CRP). Anakinra und Rilonacept verminderten in AIRTRIP bzw. RHAPSODY die Rezidivhäufigkeit deutlich [4, 5].
    • Ein normales CRP schließt eine aktive perikardiale Entzündung nicht sicher aus. Bei entsprechendem Nachweis in der kardialen Magnetresonanztomographie kann eine IL-1-Hemmung im spezialisierten Zentrum ebenfalls erwogen werden [LL1].
    • Keine pauschale Anwendung bei isoliertem Erguss ohne Entzündungsnachweis oder bei Brustschmerzen ohne gesicherte entzündliche Perikarditis.
    • Bei stabiler Remission unter sehr niedrig dosiertem Glucocorticoid plus Colchicin ist ein Wechsel auf einen IL-1-Hemmer individuell abzuwägen.
    • Anakinra wird bei isolierter Perikarditis außerhalb der zugelassenen Indikationen eingesetzt. Rilonacept besitzt eine US-Zulassung für rezidivierende Perikarditis; eine entsprechende EU-Zulassung besteht nicht. Zulassungsstatus, Verfügbarkeit und Kostenübernahme sind vor Beginn zu klären [FI3, FI4, FI5].
  • Weitere Reserveoptionen:
    • Azathioprin kann in ausgewählten Fällen als langsam wirkende steroid­sparende Therapie eingesetzt werden; es eignet sich nicht zur raschen Kontrolle eines akuten Schmerzanfalls.
    • Intravenöse Immunglobuline kommen bei besonders therapierefraktären Verläufen nach individueller Beurteilung infrage.
    • Die Evidenz ist deutlich schwächer als für Colchicin und die IL-1-Hemmung. Die Anwendung gehört in ein spezialisiertes Zentrum und richtet sich auch nach einer möglichen systemischen Grunderkrankung [8, 10, LL1, LL2].

Perikarderguss

  • Entzündlicher Erguss bei Perikarditis: Behandlung der zugrunde liegenden Perikarditis nach dem oben dargestellten Algorithmus. Glucocorticoide nur bei einer entsprechenden Indikation; der Erguss allein begründet keine Steroidtherapie [LL1].
  • Erguss ohne Entzündungsnachweis: Keine empirische Behandlung mit ASS/NSAR, Colchicin oder Glucocorticoiden allein wegen des Ergusses. Vorrangig sind Ursachenklärung, ursachenspezifische Therapie und Verlaufskontrolle. In POPE-2 verminderte Colchicin einen bereits bestehenden postoperativen Perikarderguss weder relevant noch verhinderte es eine späte Tamponade [7, LL1].
  • Herzbeuteltamponade: Dringliche Entlastung durch Perikardpunktion (Entnahme von Flüssigkeit aus dem Herzbeutel mit einer Nadel) bzw. operative Drainage (chirurgische Ableitung der Flüssigkeit). Eine medikamentöse Entzündungshemmung ersetzt die Entlastung nicht [LL1].
  • Persistierender symptomatischer Erguss: Bei mittelgroßem bis großem Erguss trotz Behandlung sowie bei Verdacht auf eine bakterielle oder neoplastische Ursache ist eine diagnostische und ggf. therapeutische Drainage zu prüfen [LL1].

Spezielle Behandlungssituationen

  • Postperikardiotomie-Syndrom (entzündliche Erkrankung nach einer Herzoperation): Bei klinisch entzündlichem Syndrom ASS/NSAR plus Colchicin nach dem Perikarditisalgorithmus. Ein asymptomatischer postoperativer Erguss ohne Entzündungszeichen ist davon zu unterscheiden. Colchicin kann zur Prävention des Postperikardiotomie-Syndroms erwogen werden; in COPPS-2 war die Wirkung mit vermehrten gastrointestinalen Nebenwirkungen verbunden [6, 7, LL1].
  • Perikarditis nach Myokardinfarkt (Herzinfarkt): ASS ist gegenüber anderen NSAR bevorzugt; Colchicin kann ergänzend eingesetzt werden. Behandlung unter Berücksichtigung der koronaren Therapie und des Blutungsrisikos [LL1].
  • Purulente Perikarditis (eitrige Herzbeutelentzündung): Unverzügliche systemische Antibiotikatherapie nach mikrobiologischer Probengewinnung, ohne bei instabilen Patienten den Therapiebeginn zu verzögern; zusätzlich vollständige Drainage. Anpassung an Erregernachweis und Resistenztestung [LL1].
  • Tuberkulöse Perikarditis: Antituberkulöse Kombinationstherapie nach aktuellem Tuberkuloseprotokoll. Eine zusätzliche Glucocorticoidtherapie ist eine ätiologiespezifische Entscheidung und keine allgemeine Empfehlung für Perikardergüsse [LL1].
  • Vermutete virale oder idiopathische Perikarditis: Keine routinemäßige Antibiotikatherapie, Virostase oder Interferontherapie ohne spezifische, belegte Indikation [LL1].
  • Begleitmyokarditis: Bei Myokardbeteiligung und insbesondere eingeschränkter linksventrikulärer Funktion (Pumpfunktion der linken Herzkammer) ist ein gesondertes kardiologisches Behandlungskonzept erforderlich. Das Perikarditisregime darf nicht unkritisch auf eine überwiegende Myokarditis (Herzmuskelentzündung) übertragen werden [LL1].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Acetylsalicylsäure und nichtsteroidale Antirheumatika

Wirkstoff Besonderheiten
Acetylsalicylsäure (ASS) Bevorzugt bei ischämischer Herzkrankheit oder bestehender ASS-Therapie. Kombination mit Colchicin und Protonenpumpenhemmer. Blutungsrisiko und Organfunktion beachten [LL1].
Ibuprofen Häufig verwendete Erstlinienoption. Ab 2.400 mg täglich erhöhtes kardiovaskuläres Risiko; diese Dosierung bei entsprechender kardiovaskulärer Vorerkrankung vermeiden. Wechselwirkung mit niedrig dosierter ASS berücksichtigen [LL1, FI6].
Indometacin Alternative, vor allem bei persistierenden oder rezidivierenden Verläufen. Zentrale Nebenwirkungen und gastrointestinale Verträglichkeit beachten [LL1].
  • Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung mit verminderter Prostaglandinsynthese; antientzündliche und analgetische Wirkung.
  • Indikationen: Akute, persistierende und rezidivierende entzündliche Perikarditis, in der Regel zusammen mit Colchicin.
  • Kontraindikationen: Insbesondere aktive gastrointestinale Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) oder Ulzera (Geschwüre), relevante Überempfindlichkeit einschließlich NSAR-induzierter Atemwegsreaktionen sowie schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (schwere Funktionsschwäche von Nieren, Leber oder Herz); präparatespezifische Gegenanzeigen beachten. Bei Antikoagulation individuelle Bewertung des Blutungsrisikos.
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ulzera und Blutungen, Nierenfunktionsverschlechterung, Flüssigkeitsretention (Einlagerung von Flüssigkeit), Blutdruckanstieg und Überempfindlichkeitsreaktionen; bei ASS zusätzlich Tinnitus (Ohrgeräusche) als mögliches Zeichen einer zu hohen Exposition. Nicht mehrere NSAR miteinander kombinieren.

Colchicin

Wirkstoff Besonderheiten
Colchicin Zusatztherapie von Beginn an. Dosis bei eingeschränkter Organfunktion und relevanten Wechselwirkungen individuell anpassen. In der Regel kein Ausschleichen erforderlich; nach anhaltender Remission als letztes konventionelles antientzündliches Arzneimittel beenden. Zulassungsstatus des verwendeten Präparats prüfen [1, 2, LL1, FI1].
  • Wirkweise: Bindung an Tubulin und Hemmung der Mikrotubuli; dadurch Hemmung neutrophiler Entzündungsreaktionen und inflammasomabhängiger Signalwege.
  • Indikationen: Zusatztherapie der akuten, persistierenden und rezidivierenden Perikarditis zur Verbesserung der Krankheitskontrolle und Verminderung von Rezidiven; ausgewählte perioperative Prävention des Postperikardiotomie-Syndroms [1, 2, 6].
  • Kontraindikationen: Schwere Nieren- oder Leberfunktionsstörungen nach Fachinformation; besonders gefährlich ist die Kombination mit starken CYP3A4-Hemmern oder P-Glykoprotein-Hemmern bei eingeschränkter Nieren- oder Leberfunktion. Eine leichte Organfunktionsstörung ist nicht pauschal mit einer absoluten Kontraindikation gleichzusetzen [FI1].
  • Nebenwirkungen: Vor allem Diarrhoe (Durchfall), Übelkeit und Bauchschmerzen; selten Myopathie (Muskelerkrankung), Rhabdomyolyse (Zerfall von Muskelgewebe), Knochenmarkdepression (verminderte Bildung von Blutzellen) oder Hepatotoxizität (Leberschädigung). Enge therapeutische Breite; Überdosierungen können tödlich verlaufen [FI1].

Vor der Verordnung Wechselwirkungen prüfen, insbesondere mit Clarithromycin, Azol-Antimykotika, Ciclosporin, Verapamil und bestimmten antiviralen Arzneimitteln. Bei gleichzeitiger Statintherapie auf mögliche muskuläre Toxizität achten [FI1].

Systemische Glucocorticoide

Wirkstoff Besonderheiten
Prednison oder Prednisolon Nur bei spezifischer Indikation oder als Zweitlinientherapie, möglichst zusammen mit Colchicin. Das Ausschleichschema bedeutet keine Empfehlung, mit hohen Dosierungen zu beginnen. Dosisreduktion erst bei Beschwerdefreiheit und kontrollierter Entzündungsaktivität; besonders langsam im niedrigen Dosisbereich [3, LL1].
  • Wirkweise: Aktivierung intrazellulärer Glucocorticoidrezeptoren mit Hemmung entzündlicher Genexpression und Immunreaktionen. Die Suppression der körpereigenen Cortisolproduktion ist eine Folge der Therapie, nicht ihr therapeutischer Hauptmechanismus.
  • Indikationen: Behandlungsbedürftige systemische entzündliche Grunderkrankung, relevante ASS-/NSAR-Kontraindikation oder Unverträglichkeit sowie unzureichendes Ansprechen auf eine angemessene Erstlinientherapie. Keine eigenständige Indikation durch einen Perikarderguss [LL1].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei unkontrollierter Infektion keine unspezifische Immunsuppression. Zahlreiche Begleiterkrankungen erfordern eine strenge Nutzen-Risiko-Abwägung und ggf. zusätzliche Behandlung [FI2].
  • Nebenwirkungen: Infektanfälligkeit, Hyperglykämie (erhöhter Blutzucker), arterielle Hypertonie (Bluthochdruck), Osteoporose (Knochenschwund), Gewichtszunahme, psychische Veränderungen, Myopathie, Katarakt (grauer Star), Glaukom (grüner Star) und Suppression der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse. Zusätzlich Gefahr von Rezidiven und Glucocorticoid-Abhängigkeit bei zu rascher Dosisreduktion [3, FI2].

Bei längerer Anwendung Frakturrisiko (Risiko für Knochenbrüche), Calciumzufuhr und Vitamin-D-Versorgung beurteilen und eine medikamentöse Osteoporoseprophylaxe entsprechend dem individuellen Risiko prüfen. Ein abruptes Absetzen nach längerer Therapie ist zu vermeiden [LL1, FI2].

Interleukin-1-Hemmer

Wirkstoff Besonderheiten
Anakinra Off-Label-Use bei isolierter Perikarditis. Kurze Halbwertszeit. Kein abruptes Absetzen nach kurzer Behandlung; engmaschige Verlaufskontrolle [4, LL1, FI3].
Rilonacept US-Zulassung für rezidivierende Perikarditis ab zwölf Jahren; die hier genannten Dosierungen gelten für Erwachsene. Keine entsprechende EU-Zulassung. Rezidive nach Therapieunterbrechung oder Absetzen sind möglich [5, 9, FI4, FI5].
  • Wirkweise: Anakinra blockiert den IL-1-Rezeptor und damit die Wirkung von IL-1α und IL-1β; Rilonacept bindet beide Zytokine als lösliche IL-1-Falle.
  • Indikationen: Persistierende oder rezidivierende entzündliche Perikarditis mit unzureichendem Ansprechen auf konventionelle Therapie, insbesondere bei Colchicin-Resistenz und Glucocorticoid-Abhängigkeit [4, 5, LL1].
  • Kontraindikationen: Präparatespezifische Überempfindlichkeit; Anakinra nicht bei vorbestehender Neutropenie (Mangel an bestimmten weißen Blutzellen) beginnen. Bei aktiver relevanter Infektion keinen IL-1-Hemmer neu einleiten. Keine Kombination mit einem weiteren IL-1-Hemmer; Kombination mit Tumornekrosefaktor-Hemmern vermeiden. Lebendimpfstoffe während der Behandlung vermeiden [FI3, FI4].
  • Nebenwirkungen: Reaktionen an der Injektionsstelle und Infektionen; unter Anakinra zusätzlich Neutropenie und mögliche Leberwerterhöhungen, unter Rilonacept mögliche Lipiderhöhungen. Selten schwere Überempfindlichkeitsreaktionen [FI3, FI4].

Vor Beginn Infektionsscreening einschließlich Tuberkulose sowie Hepatitis B (durch das Hepatitis-B-Virus verursachter Leberentzündung), Hepatitis C (durch das Hepatitis-C-Virus verursachter Leberentzündung) und humanem Immundefizienzvirus (HIV), Impfstatusprüfung und Erhebung von Blutbild, Nieren- und Leberfunktion. Unter Anakinra Neutrophilenzahl vor Beginn, in den ersten sechs Monaten monatlich und anschließend vierteljährlich kontrollieren; weitere Kontrollen nach klinischem Verlauf [LL2, FI3].

In RHAPSODY traten während der randomisierten Absetzphase Rezidive bei 7 % unter Rilonacept und 74 % unter Placebo auf. Diese Ergebnisse stammen aus einer ausgewählten entzündlichen Rezidivpopulation nach vorherigem Ansprechen auf Rilonacept und dürfen nicht auf sämtliche Patienten mit Perikarditis übertragen werden [5].

Purinanaloga als Reservebehandlung

Wirkstoff Besonderheiten
Azathioprin Off-Label-Use bei isolierter Perikarditis. Verzögerter Wirkungseintritt. Vor Beginn Thiopurin-S-Methyltransferase-(TPMT-)Status und ggf. NUDT15-Varianten berücksichtigen; Blutbild und Leberwerte engmaschig kontrollieren [10, LL1, FI7].
  • Wirkweise: Hemmung des Purinstoffwechsels und der Lymphozytenproliferation.
  • Indikationen: Ausgewählte steroidabhängige oder therapierefraktäre rezidivierende Perikarditis, insbesondere bei geeigneter systemischer Grunderkrankung oder fehlender Eignung anderer Eskalationsoptionen.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; relevante Infektionen sowie schwere Knochenmark- oder Leberfunktionsstörungen erfordern eine besonders strenge Bewertung. Präparatespezifische Gegenanzeigen, insbesondere zu Lebendimpfstoffen und Stillzeit, beachten [FI7].
  • Nebenwirkungen: Myelosuppression (Unterdrückung der Blutbildung im Knochenmark), Infektionen, Hepatotoxizität, Pankreatitis (Bauchspeicheldrüsenentzündung) und langfristig erhöhtes Risiko bestimmter Neoplasien. Kritische Wechselwirkungen mit Allopurinol und Febuxostat beachten [FI7].

Intravenöse Immunglobuline als Reservebehandlung

Wirkstoff Besonderheiten
Humanes normales Immunglobulin Off-Label-Use bei Perikarditis. Begrenzte Evidenz, unter anderem aus kleinen pädiatrischen Fallserien. Infusionsgeschwindigkeit, Nierenfunktion und thromboembolisches Risiko (Risiko für Gefäßverschlüsse durch Blutgerinnsel) beachten [8, LL1, FI8].
  • Wirkweise: Immunmodulation durch polyklonale Immunglobuline.
  • Indikationen: Ausgewählte besonders therapierefraktäre rezidivierende Perikarditis nach Versagen oder fehlender Eignung etablierter Behandlungen; Entscheidung im spezialisierten Zentrum.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit, insbesondere bei selektivem Immunglobulin-A-Mangel mit Anti-IgA-Antikörpern; weitere Gegenanzeigen richten sich nach dem Präparat [FI8].
  • Nebenwirkungen: Infusionsreaktionen, Kopfschmerzen, aseptische Meningitis (Hirnhautentzündung ohne bakterielle Ursache), Hämolyse (Zerfall roter Blutzellen), thromboembolische Ereignisse und akute Nierenfunktionsstörungen [FI8].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Protonenpumpenhemmer zur Gastroprotektion

Wirkstoff Besonderheiten
Pantoprazol Begleitend während der hoch dosierten ASS-/NSAR-Therapie. Nach deren Ende fortbestehende Indikation überprüfen [LL1, FI9].
  • Wirkweise: Hemmung der gastralen Protonenpumpe mit verminderter Magensäuresekretion.
  • Indikationen: Gastroprotektion während der antientzündlichen ASS-/NSAR-Behandlung; keine direkte Wirkung auf die Perikarditis.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; relevante Wechselwirkungen und präparatespezifische Einschränkungen beachten [FI9].
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden und Kopfschmerzen; bei längerer Anwendung unter anderem Hypomagnesiämie und erhöhtes Risiko bestimmter gastrointestinaler Infektionen [FI9].

Beachte

  • Entzündungsaktivität und Remission: Symptome, CRP-Verlauf und Echokardiographie gemeinsam beurteilen. Bei komplizierten oder schwer behandelbaren Verläufen kann eine kardiale Magnetresonanztomographie die Therapieentscheidung unterstützen. Die Behandlungsdauer darf nicht allein aus einem einzelnen CRP-Wert abgeleitet werden [LL1].
  • Ausschleichen: Arzneimittel nacheinander reduzieren. Bei erfolgreicher IL-1-Hemmung Glucocorticoide unter Beachtung einer möglichen Nebennierenrindeninsuffizienz (unzureichenden Hormonproduktion der Nebennierenrinde) bevorzugt abbauen; Colchicin bei Verträglichkeit länger fortführen. Nicht mehrere antientzündliche Arzneimittel gleichzeitig abrupt absetzen [LL1].
  • Therapiesicherheit: Unter ASS/NSAR Blutungsrisiko, Blutdruck und Nierenfunktion überwachen; unter Colchicin Blutbild, Nieren- und Leberfunktion sowie bei muskulären Beschwerden Creatinkinase kontrollieren. Kontrolldichte nach Organfunktion, Begleitmedikation und Therapiedauer festlegen [LL1, FI1].
  • Körperliche Belastung: Während aktiver Perikarditis körperliche Schonung und Verzicht auf intensive Belastung. Wiederaufnahme der Belastung nach klinischer Remission und individueller kardiologischer Beurteilung [LL1].
  • Schwangerschaft und Stillzeit: Gesonderte Nutzen-Risiko-Abwägung unter Berücksichtigung von Gestationsalter und präparatespezifischer Fachinformation; die hier dargestellten Standardschemata nicht unverändert übernehmen.

Supplemente (Nahrungsergänzungsmittel; Vitalstoffe)

Geeignete Nahrungsergänzungsmittel für das Immunsystem sollten die folgenden Vitalstoffe enthalten:

  • Vitamine (A, C, E, D3, B1, B2, Niacin (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), B6, B12, Folsäure, Biotin)
  • Spurenelemente (Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Molybdän, Selen, Zink)
  • Fettsäuren (Omega-3-Fettsäuren: Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA))
  • Sekundäre Pflanzenstoffe (Beta-Carotin, Flavonoide (Citrusfrüchte), Lycopin (Tomaten), Proanthocyanidine (Cranberrys), Polyphenole)
  • Weitere Vitalstoffe (probiotische Kulturen: Laktobazillen, Bifidobakterien)

Beachte: Die aufgeführten Vitalstoffe sind kein Ersatz für eine medikamentöse Therapie. Nahrungsergänzungsmittel sind dazu bestimmt, die allgemeine Ernährung in der jeweiligen Lebenssituation zu ergänzen.

Für Fragen zum Thema Nahrungsergänzungsmittel stehen wir Ihnen gerne kostenfrei zur Verfügung.

Nehmen Sie bei Fragen dazu bitte per E-Mail – info@docmedicus.de – Kontakt mit uns auf, und teilen Sie uns dabei Ihre Telefonnummer mit und wann wir Sie am besten erreichen können.

Abkürzungen

  • ACC: American College of Cardiology
  • AIRTRIP: Anakinra – Treatment of Recurrent Idiopathic Pericarditis
  • ASS: Acetylsalicylsäure
  • COPPS-2: Colchicine for Prevention of the Postpericardiotomy Syndrome 2
  • CORP-2: Colchicine for Recurrent Pericarditis 2
  • CRP: C-reaktives Protein
  • CYP3A4: Cytochrom P450 3A4
  • DHA: Docosahexaensäure
  • EPA: Eicosapentaensäure
  • ESC: European Society of Cardiology
  • EU: Europäische Union
  • FI: Fachinformation bzw. regulatorische Information
  • HIV: Humanes Immundefizienzvirus
  • ICAP: Investigation on Colchicine for Acute Pericarditis
  • IgA: Immunglobulin A
  • IL-1: Interleukin-1
  • LL: Leitlinie bzw. Expertenkonsensus
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika
  • NUDT15: Nudix-Hydrolase 15
  • POPE-2: Post-Operative Pericardial Effusion 2
  • RHAPSODY: Rilonacept Inhibition of Interleukin-1 Alpha and Beta for Recurrent Pericarditis: A Pivotal Symptomatology and Outcomes Study
  • TPMT: Thiopurin-S-Methyltransferase
  • US: United States, Vereinigte Staaten

Literatur

  1. Imazio M, Brucato A, Cemin R et al.: A randomized trial of colchicine for acute pericarditis. N Engl J Med. 2013;369(16):1522-1528. doi: 10.1056/NEJMoa1208536.
  2. Imazio M, Belli R, Brucato A et al.: Efficacy and safety of colchicine for treatment of multiple recurrences of pericarditis (CORP-2): a multicentre, double-blind, placebo-controlled, randomised trial. Lancet. 2014;383(9936):2232-2237. doi: 10.1016/S0140-6736(13)62709-9.
  3. Imazio M, Brucato A, Cumetti D et al.: Corticosteroids for recurrent pericarditis: high versus low doses: a nonrandomized observation. Circulation. 2008;118(6):667-671. doi: 10.1161/CIRCULATIONAHA.107.761064.
  4. Brucato A, Imazio M, Gattorno M et al.: Effect of Anakinra on Recurrent Pericarditis Among Patients With Colchicine Resistance and Corticosteroid Dependence: The AIRTRIP Randomized Clinical Trial. JAMA. 2016;316(18):1906-1912. doi: 10.1001/jama.2016.15826.
  5. Klein AL, Imazio M, Cremer P et al.: Phase 3 Trial of Interleukin-1 Trap Rilonacept in Recurrent Pericarditis. N Engl J Med. 2021;384(1):31-41. doi: 10.1056/NEJMoa2027892.
  6. Imazio M, Brucato A, Ferrazzi P et al.: Colchicine for prevention of postpericardiotomy syndrome and postoperative atrial fibrillation: the COPPS-2 randomized clinical trial. JAMA. 2014;312(10):1016-1023. doi: 10.1001/jama.2014.11026.
  7. Meurin P, Lelay-Kubas S, Pierre B et al.: Colchicine for postoperative pericardial effusion: a multicentre, double-blind, randomised controlled trial. Heart. 2015;101(21):1711-1716. doi: 10.1136/heartjnl-2015-307827.
  8. Del Fresno MR, Peralta JE, Granados MÁ et al.: Intravenous immunoglobulin therapy for refractory recurrent pericarditis. Pediatrics. 2014;134(5):e1441-e1446. doi: 10.1542/peds.2013-3900.
  9. Imazio M, Klein AL, Brucato A et al.: Sustained Pericarditis Recurrence Risk Reduction With Long-Term Rilonacept. J Am Heart Assoc. 2024;13(6):e032516. doi: 10.1161/JAHA.123.032516.
  10. Vianello F, Cinetto F, Cavraro M et al.: Azathioprine in isolated recurrent pericarditis: a single centre experience. Int J Cardiol. 2011;147(3):477-478. doi: 10.1016/j.ijcard.2011.01.027.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. ESC-Leitlinie: Schulz-Menger J, Collini V, Gröschel J et al.: 2025 ESC Guidelines for the management of myocarditis and pericarditis. Eur Heart J. 2025;46(40):3952-4041. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf192. Langfassung [LL1]
  2. ACC-Expertenkonsensus: Wang TKM et al.: 2025 Concise Clinical Guidance: An ACC Expert Consensus Statement on the Diagnosis and Management of Pericarditis: A Report of the American College of Cardiology Solution Set Oversight Committee. J Am Coll Cardiol. 2025. doi: 10.1016/j.jacc.2025.05.023. Volltext [LL2]

Fachinformationen und regulatorische Informationen

  1. Strides Pharma UK Ltd: Colchicine 500 microgram Tablets. Summary of Product Characteristics. Produktinformation. Für die Verordnung in Deutschland ist zusätzlich die Fachinformation des verwendeten Präparats maßgeblich [FI1]
  2. acis Arzneimittel GmbH: Prednisolon acis. Fachinformation [FI2]
  3. European Medicines Agency: Kineret, Anakinra. EU-Produktinformation [FI3]
  4. Kiniksa Pharmaceuticals: ARCALYST, Rilonacept. US-Prescribing Information [FI4]
  5. European Medicines Agency: Rilonacept FGK Representative Service GmbH; zurückgenommener Zulassungsantrag für idiopathische Perikarditis. Regulatorische Information [FI5]
  6. European Medicines Agency: Updated advice on use of high-dose ibuprofen. Sicherheitsinformation [FI6]
  7. Viatris: Azathioprin dura Filmtabletten. Mai 2026. Fachinformation [FI7]
  8. European Medicines Agency: Privigen, humanes normales Immunglobulin. EU-Produktinformation [FI8]
  9. ratiopharm GmbH: Pantoprazol-ratiopharm 20 mg magensaftresistente Tabletten. Juni 2026. Fachinformation [FI9]