Nagelbettentzündung (Paronychie) – Medizingerätediagnostik

Die Diagnose der Paronychie (Nagelbettentzündung) wird primär klinisch gestellt.

Die Medizingerätediagnostik (apparative Untersuchung) hat bei der unkomplizierten akuten oder chronischen Paronychie keinen regelhaften bestätigenden Stellenwert. Apparative Verfahren sind nur bei unklarem Lokalbefund (örtlicher Befund), Verdacht auf Abszedierung (Eiteransammlung), Fremdkörper (eingedrungener Gegenstand), Trauma (Verletzung), Ausbreitung in tiefe Weichteilkompartimente (Weichteilräume), Gelenkbeteiligung (Mitbeteiligung eines Gelenks) oder Knochenbeteiligung (Mitbeteiligung des Knochens) indiziert [1-4].

Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese, körperlichen Untersuchung, Labordiagnostik (Laboruntersuchungen) und obligaten Medizingerätediagnostik – zur differentialdiagnostischen Abklärung 

  • Sonographie (Ultraschalluntersuchung) der betroffenen Finger- oder Zehenendglieder
    • Indikationen (Anwendungsgebiete): Bei klinisch nicht eindeutig abgrenzbarer Fluktuation (tastbare Flüssigkeitsbewegung), Verdacht auf Abszess (Eiterhöhle), subunguale (unter dem Nagel gelegene) Eiteransammlung, Ausbreitung in benachbarte Weichteile (weiches Körpergewebe) oder zur Differenzierung (Unterscheidung) zwischen entzündlicher Weichteilschwellung und drainierbarer Eiterkollektion [1, 2].
    • Bewertbare Befunde (Untersuchungsergebnisse): Flüssigkeitskollektion (Flüssigkeitsansammlung), Abszesshöhle, subunguale Ausdehnung, perifokale (um den Entzündungsherd gelegene) Weichteilschwellung, gegebenenfalls Fremdkörpernachweis bei sonographisch (mittels Ultraschall) darstellbaren Fremdkörpern [2].
    • Klinische Einordnung: Die Sonographie ersetzt nicht die klinische Beurteilung, kann aber die Drainageindikation (Notwendigkeit einer Eiterableitung) und die Ausdehnung der Infektion (Entzündung durch Krankheitserreger) präzisieren [1, 2].
  • Röntgenaufnahmen des betroffenen Fingers oder Zehs in 2 Ebenen
    • Indikationen: Bei Verdacht auf Fremdkörper, vorausgegangenem Trauma, Verdacht auf Fraktur (Knochenbruch), persistierender (anhaltender) oder progredienter (fortschreitender) Infektion trotz adäquater Therapie (Behandlung), ausgeprägter Schwellung, starken Schmerzen, Immunsuppression (Unterdrückung der körpereigenen Abwehr), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) oder klinischem Verdacht auf Ausbreitung der Entzündung auf Knochen beziehungsweise Gelenk [1, 3, 4].
    • Bewertbare Befunde: Radiopake (im Röntgenbild sichtbare) Fremdkörper, Fraktur, knöcherne Destruktion (Zerstörung), Osteolyse (Knochenauflösung), periostale Reaktion (Reaktion der Knochenhaut), subkutanes Gas (Gas unter der Haut), Gelenkspaltveränderung [3, 4].
    • Klinische Einordnung: Röntgenaufnahmen sind bei unkomplizierter Paronychie nicht erforderlich, sind aber die erste apparative Bildgebung (bildgebende Untersuchung) bei Verdacht auf Osteomyelitis (Knochenentzündung), septische Arthritis (bakterielle Gelenkentzündung), Fremdkörper oder knöcherne Begleitverletzung [3, 4].
  • Magnetresonanztomographie (MRT) des betroffenen Fingers oder Zehs
    • Indikationen: Bei persistierendem Verdacht auf Osteomyelitis, septische Arthritis, tiefe Weichteilinfektion, Ausbreitung in Sehnenscheiden (Hüllen der Sehnen) oder Weichteilkompartimente, insbesondere wenn Röntgenaufnahmen unauffällig oder nicht ausreichend aussagekräftig sind [3, 4].
    • Bewertbare Befunde: Knochenmarködem (Flüssigkeitseinlagerung im Knochenmark), kortikale Destruktion (Zerstörung der Knochenrinde), Abszess, Sehnenscheidenbeteiligung, Gelenkerguss (Flüssigkeitsansammlung im Gelenk), Weichteilphlegmone (flächige eitrige Weichteilentzündung), Ausdehnung der Infektion vor operativer Sanierung (chirurgischer Behandlung) [3, 4].
    • Klinische Einordnung: Die Magnetresonanztomographie (MRT) ist bei Verdacht auf frühe Osteomyelitis sensitiver (empfindlicher) als die Projektionsradiographie (klassische Röntgenaufnahme) und dient vor allem der Beurteilung tiefer Infektionsausbreitung [3, 4].
  • Computertomographie (CT) des betroffenen Fingers oder Zehs
    • Indikationen: Bei Verdacht auf knöcherne Destruktion, radiopaken Fremdkörper, komplexe knöcherne Begleitverletzung oder wenn eine Magnetresonanztomographie (MRT) kontraindiziert (nicht angezeigt) beziehungsweise nicht verfügbar ist [3, 4].
    • Bewertbare Befunde: Kortikale Destruktion, Sequester (abgestorbenes Knochenstück), knöcherne Fremdkörper, gasbildende Weichteilinfektion, Fraktur [3, 4].
    • Klinische Einordnung: Die Computertomographie (CT) ist nicht die Routinediagnostik (Standarduntersuchung) bei Paronychie, kann aber bei spezifischer Fragestellung zur knöchernen Struktur oder Fremdkörperlokalisation (Ortung eines Fremdkörpers) sinnvoll sein [3, 4].

Keine routinemäßige apparative Diagnostik bei unkomplizierter Paronychie

  • Nicht indiziert sind routinemäßige Röntgenaufnahmen, Magnetresonanztomographie (MRT), Computertomographie (CT) oder nuklearmedizinische Verfahren (Untersuchungen mit schwach radioaktiven Stoffen) bei oberflächlicher, klinisch eindeutiger Paronychie ohne Red Flags (Warnzeichen) [1, 3].
  • Die apparative Diagnostik soll gezielt eingesetzt werden, wenn die klinische Untersuchung eine komplizierte Paronychie, ein Panaritium (eitrige Entzündung am Finger oder Zeh), eine Fremdkörperreaktion, eine knöcherne Beteiligung oder eine tiefe Infektion vermuten lässt [1, 3, 4].

Klinische Hinweise

  • Eine schmerzhafte, pralle Schwellung mit Fluktuation spricht für eine Abszedierung und erfordert primär die klinische Entscheidung zur Drainage (Ableitung von Eiter); die Sonographie ist vor allem bei unklarem Befund hilfreich [1, 2].
  • Persistierende Schmerzen, Therapieversagen, zunehmende Schwellung, Bewegungsschmerz, Druckschmerz über dem Endgliedknochen, Fieber, Immunsuppression oder Diabetes mellitus erhöhen die Wahrscheinlichkeit einer komplizierten Infektion und rechtfertigen eine erweiterte Bildgebung [1, 3, 4].
  • Bei Verdacht auf Osteomyelitis oder septische Arthritis sind Röntgenaufnahmen als initiale (erste) Bildgebung sinnvoll; bei weiterhin bestehendem Verdacht trotz unauffälligem Röntgenbefund ist die Magnetresonanztomographie (MRT) das bevorzugte weiterführende Verfahren [3, 4].

Literatur

  1. Relhan V, Bansal A. Acute and Chronic Paronychia Revisited: A Narrative Review. J Cutan Aesthet Surg. 2022;15(1):1-16. https://doi.org/10.4103/JCAS.JCAS_30_21
  2. Gottlieb M, Avila J, Chottiner M, Peksa GD. Point-of-Care Ultrasonography for the Diagnosis of Skin and Soft Tissue Abscesses: A Systematic Review and Meta-analysis. Ann Emerg Med. 2020;76(1):67-77. https://doi.org/10.1016/j.annemergmed.2020.01.004
  3. Pierce JL, Perry MT, Smith DK et al.: ACR Appropriateness Criteria® Suspected Osteomyelitis, Septic Arthritis, or Soft Tissue Infection (Excluding Spine and Diabetic Foot): 2022 Update. J Am Coll Radiol. 2022;19(11S):S473-S487.
     ://doi.org/10.1016/j.jacr.2022.09.013
  4. Sendi P, Kaempfen A, Uçkay I, Meier R. Bone and joint infections of the hand. Clin Microbiol Infect. 2020;26(7):848-856. https://doi.org/10.1016/j.cmi.2019.12.007