Einnässen (Enuresis) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Enuresis (nächtliches Einnässen) mitbedingt sein können:

Die primäre monosymptomatische Enuresis (ausschließlich nachts auftretendes Einnässen ohne weitere Blasenbeschwerden) ist somatisch in der Regel benigne. Die klinisch relevanten Folgen liegen vor allem im psychosozialen Bereich und in einer Beeinträchtigung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität [2-5, LL1-LL3]. Strukturelle Nieren- bzw. Harntraktschäden (Schäden an Nieren bzw. Harnwegen), rezidivierende Harnwegsinfektionen (wiederkehrende Infektionen der Harnwege), Obstipation (Verstopfung), schlafbezogene Atmungsstörungen (Atemstörungen im Schlaf) und Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (Aufmerksamkeits- und Hyperaktivitätsstörung) (ADHS) sind dagegen nicht als typische Folgeerkrankungen einer monosymptomatischen Enuresis zu werten, sondern – je nach Konstellation – als Differentialdiagnosen, Komorbiditäten bzw. prognostisch relevante Begleitfaktoren [LL1, LL2].

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Beeinträchtigtes Selbstwertgefühl bzw. negatives Selbstbild – Kinder und Jugendliche mit Enuresis weisen häufiger ein vermindertes Selbstwertgefühl und ein ungünstigeres Selbstbild auf; die Beeinträchtigung kann sich nach erfolgreichem Erreichen der nächtlichen Kontinenz (Fähigkeit, nachts den Urin zu halten) deutlich bessern [LL3].
  • Psychische Belastungsreaktionen (seelische Belastungsreaktionen) – insbesondere Scham, Verlegenheit, emotionaler Distress, Sorge vor dem Bekanntwerden des Einnässens sowie bei jüngeren Kindern auch Ängste; die Belastung nimmt insbesondere bei persistierender Enuresis und zunehmendem Alter an klinischer Bedeutung zu [1, 5, LL1, LL3].
  • Soziale und interpersonelle Probleme – erschwerte Peer-Beziehungen, sozialer Rückzug bzw. Vermeidungsverhalten und bei Jugendlichen eine Assoziation mit Peer-Viktimisierung; longitudinale Daten sprechen dafür, dass insbesondere persistierende Kontinenzprobleme (anhaltende Probleme beim Halten des Urins) mit späteren Problemen in Peer-Beziehungen verbunden sind [4, 5, LL3].

Abgrenzung: Depressive Symptome (Anzeichen einer Depression), Angstsymptome (Anzeichen von Angst), ADHS und weitere psychische Störungen (seelische Erkrankungen) treten bei Kindern mit Enuresis häufiger auf [1, LL1, LL3]. Die Daten belegen jedoch überwiegend Assoziationen und teilweise bidirektionale Zusammenhänge; klinisch manifeste psychiatrische Erkrankungen (deutlich ausgeprägte seelische Erkrankungen) dürfen daher nicht pauschal als durch die Enuresis verursachte Folgeerkrankungen klassifiziert werden. Psychische Belastungsreaktionen infolge des Einnässens sind von eigenständigen psychiatrischen Störungen zu unterscheiden [LL3].

Weiteres

  • Beeinträchtigung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität – konsistent nachgewiesen, insbesondere in den Bereichen Selbstwertgefühl, emotionales Wohlbefinden, Alltagsaktivitäten sowie Beziehungen zu Familie und Freunden; ein erfolgreiches Erreichen der Kontinenz kann die Lebensqualität verbessern [2-4, LL1, LL3].
  • Familiäre Belastung – erhöhter Betreuungs- und Versorgungsaufwand, elterlicher Stress sowie mögliche Belastungen der Eltern-Kind-Interaktion; die Belastung kann mit der Häufigkeit des Einnässens zunehmen [2, LL1, LL3].
  • Einschränkung der sozialen Teilhabe – Vermeidung bzw. erschwerte Teilnahme an Übernachtungen bei Freunden, Klassenfahrten, Ferienlagern oder vergleichbaren außerhäuslichen Übernachtungssituationen, insbesondere aus Sorge vor einer Offenlegung der Enuresis [4, LL3].

Prognosefaktoren

  • Spontanremission (spontanes Verschwinden der Beschwerden) – insgesamt günstiger natürlicher Verlauf mit einer spontanen jährlichen Remissionsrate von etwa 15 %; die Prävalenz sinkt von etwa 5-10 % im Alter von sieben Jahren auf etwa 1-2 % im Jugendalter [LL1].
  • Persistenz bis ins Erwachsenenalter – trotz der hohen Spontanremissionsrate persistiert die Enuresis bei einer Minderheit; nach den aktuellen EAU-Daten nässen etwa sieben von 100 bettnässenden Siebenjährigen noch im Erwachsenenalter ein [LL1].
  • Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung und weitere psychische Komorbiditäten – bei komorbider ADHS sind häufiger eine ausgeprägtere Enuresis, ein verzögerter Therapieerfolg und höhere Rezidivraten (Rückfallraten) zu erwarten; psychische Komorbiditäten können darüber hinaus die Therapieadhärenz beeinträchtigen [LL1, LL3].
  • Adipositas (Fettleibigkeit) – ist mit einer geringeren Wirksamkeit der Enuresistherapie assoziiert; die Evidenz beschreibt eine Assoziation, keinen gesicherten kausalen Effekt [LL1].
  • Obstipation bzw. Darmfunktionsstörung (Störung der Darmfunktion) – eine gleichzeitig bestehende Obstipation ist mit ungünstigeren Behandlungsergebnissen assoziiert und sollte parallel behandelt werden [LL1, LL2].
  • Therapieadhärenz und familiäre Motivation – insbesondere bei der Alarmtherapie (Behandlung mit einem Einnässalarm) sind eine aktive Mitarbeit des Kindes, Unterstützung durch die Familie und konsequente Anwendung wesentliche Voraussetzungen für den Therapieerfolg; mangelnde Adhärenz ist auch eine wichtige Ursache eines unzureichenden Ansprechens auf Desmopressin [LL1, LL2].
  • Phänotyp der Enuresis – eine hohe nächtliche Urinproduktion ist mit einem besseren Ansprechen auf Desmopressin assoziiert; eine nächtliche Blasenreservoir-Dysfunktion (Störung der nächtlichen Speicherfunktion der Harnblase) bzw. nächtliche überaktive Blase (übermäßig aktive Harnblase in der Nacht) kann dagegen ein unzureichendes Ansprechen auf Desmopressin erklären [LL1].
  • Prädiktoren eines besseren Desmopressin-Ansprechens – höheres Kindesalter, geringere Zahl nasser Nächte und eine ausgeprägte nächtliche Polyurie (vermehrte nächtliche Urinausscheidung) sind mit einer höheren Erfolgswahrscheinlichkeit assoziiert [LL1].
  • Persistierende Enuresis im Jugendalter – geht mit einer zunehmenden psychosozialen Krankheitslast einher; insbesondere Selbstbild, Peer-Beziehungen und soziale Teilhabe können betroffen sein [4, 5, LL3].

Literatur

  1. Aymerich C, Pedruzo B, Pacho M et al.: Relationship between elimination disorders and internalizing-externalizing problems in children: A systematic review and meta-analysis. JCPP Adv. 2023;3(3):e12185. doi: 10.1002/jcv2.12185.
  2. Naitoh Y, Kawauchi A, Soh J et al.: Health related quality of life for monosymptomatic enuretic children and their mothers. J Urol. 2012;188(5):1910-1914. doi: 10.1016/j.juro.2012.07.012.
  3. Iscan B, Ozkayin N: Evaluation of health-related quality of life and affecting factors in child with enuresis. J Pediatr Urol. 2020;16(2):195.e1-195.e7. doi: 10.1016/j.jpurol.2019.12.018.
  4. Jönson Ring I, Nevéus T, Markström A et al.: Nocturnal enuresis impaired children's quality of life and friendships. Acta Paediatr. 2017;106(5):806-811. doi: 10.1111/apa.13787.
  5. Grzeda MT, Heron J, von Gontard A et al.: Effects of urinary incontinence on psychosocial outcomes in adolescence. Eur Child Adolesc Psychiatry. 2017;26(6):649-658. doi: 10.1007/s00787-016-0928-0.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. European Association of Urology (EAU): EAU Guidelines on Paediatric Urology 2026. Chapter 14: Monosymptomatic Nocturnal Enuresis – Bedwetting. Leitlinie. [LL1]
  2. Nevéus T, Fonseca E, Franco I et al.: Management and treatment of nocturnal enuresis-an updated standardization document from the International Children's Continence Society. J Pediatr Urol. 2020;16(1):10-19. doi: 10.1016/j.jpurol.2019.12.020. [LL2]
  3. von Gontard A, Joinson CJ, Barroso U et al.: Psychological and Psychiatric Issues in Enuresis and Urinary Incontinence—A Revised and Updated Document of the International Children's Continence Society (ICCS). Neurourol Urodyn. 2026;45(6):1019-1034. doi: 10.1002/nau.70323. [LL3]