Einnässen (Enuresis) – Differentialdiagnosen
Angeborene Fehlbildungen, Deformitäten und Chromosomenanomalien (Q00-Q99)
- Ektopischer Ureter (fehlmündender Harnleiter) – insbesondere bei Mädchen wichtige organische Differentialdiagnose; typischerweise kontinuierlicher Urinverlust bei ansonsten normalen Miktionen (Blasenentleerungen) und fehlender vollständiger Trockenheit, im Gegensatz zur ausschließlich im Schlaf auftretenden Enuresis (Bettnässen)
- Posteriore Urethralklappen (angeborene Harnröhrenklappen) – bei Jungen mit abgeschwächtem Harnstrahl, verlängerter Miktion, Restharn (nach dem Wasserlassen in der Blase verbleibender Urin), rezidivierenden Harnwegsinfektionen (wiederkehrenden Infektionen der Harnwege) oder zusätzlicher Harninkontinenz (unwillkürlichem Urinverlust) an eine infravesikale Obstruktion (Abflussbehinderung unterhalb der Harnblase) denken
- Spinale Dysraphie (angeborene Fehlbildung von Wirbelsäule und Rückenmark) – kann über eine neurogene Blasenfunktionsstörung (nervlich bedingte Blasenfunktionsstörung) zu nächtlicher und meist auch tagsüber bestehender Harninkontinenz führen; Hinweise sind sakrale Hautveränderungen (Hautveränderungen über dem Kreuzbein), neurologische Auffälligkeiten (Auffälligkeiten des Nervensystems), Gangstörungen oder begleitende Darmfunktionsstörungen
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Diabetes insipidus (Wasserharnruhr) – ausgeprägte Polyurie (vermehrte Urinausscheidung) und Polydipsie (stark gesteigertes Durstgefühl) mit erhöhter nächtlicher Urinproduktion; insbesondere bei neu aufgetretener bzw. sekundärer Enuresis abzuklären
- Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), insbesondere Typ 1 – Polyurie und Polydipsie können sich bei einem zuvor trockenen Kind erstmals als sekundäre Enuresis bemerkbar machen; Gewichtsverlust oder Leistungsknick erhöhen den Verdacht
Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)
- Funktionelle Obstipation (funktionelle Verstopfung) – häufige und klinisch relevante Begleiterkrankung insbesondere der nicht-monosymptomatischen Enuresis; Hinweise sind seltene bzw. schmerzhafte Defäkation (Stuhlentleerung), Stuhlretention (Zurückhalten von Stuhl), großkalibrige Stühle oder Stuhlinkontinenz (unwillkürlicher Stuhlabgang)
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Obstruktives Schlafapnoe-Syndrom (schlafbezogene Atemstörung mit Atemaussetzern) – bei ausgeprägtem Schnarchen, beobachteten Atempausen, Mundatmung, unruhigem Schlaf oder Tagesschläfrigkeit zu berücksichtigen; schlafbezogene Atmungsstörungen sind mit Enuresis assoziiert
Urogenitalsystem (Nieren, Harnwege – Geschlechtsorgane) (N00-N99)
- Dyskoordinierte Miktion (gestörtes Zusammenspiel bei der Blasenentleerung) – funktionelle Störung der Blasenentleerung mit unzureichender Relaxation (Entspannung) von Beckenboden bzw. Sphinkter (Schließmuskel) während der Miktion; Hinweise sind intermittierender Harnstrahl (unterbrochener Harnstrahl), Pressen, Restharn und rezidivierende Harnwegsinfektionen
- Harnwegsinfektion – insbesondere bei plötzlich einsetzender sekundärer Enuresis bzw. zusätzlicher Harninkontinenz; Pollakisurie (häufiges Wasserlassen kleiner Urinmengen), Dysurie (schmerzhaftes oder erschwertes Wasserlassen), imperativer Harndrang (plötzlich zwingender Harndrang) oder Fieber sprechen für eine infektiöse Ursache
- Miktionsaufschub (willkürliches Hinauszögern des Wasserlassens) – habituelles Zurückhalten des Urins mit seltenen Miktionen, typischen Haltemanövern (Verhaltensweisen zum Unterdrücken des Harndrangs) und häufiger Harninkontinenz tagsüber; spricht gegen eine monosymptomatische Enuresis (Bettnässen ohne weitere Beschwerden der unteren Harnwege)
- Überaktive Blase/Dranginkontinenz (plötzlicher Harndrang mit unwillkürlichem Urinverlust) – imperativer Harndrang, erhöhte Miktionsfrequenz (Häufigkeit des Wasserlassens) und gegebenenfalls Harninkontinenz tagsüber kennzeichnen eine Blasenspeicherstörung (Störung der Urinspeicherung in der Blase) und damit eine nicht-monosymptomatische Enuresis
- Unteraktive Blase (zu schwach arbeitende Harnblase) – seltene funktionelle Blasenentleerungsstörung (Störung der Blasenentleerung) mit niedriger Miktionsfrequenz, großen Miktionsvolumina (Urinmengen pro Blasenentleerung), Pressen bei der Miktion und erhöhtem Restharn; insbesondere bei kombinierter Harninkontinenz tagsüber und nachts relevant