Ernährungstherapie bei Kopf-Hals-Tumoren
Die Ernährungstherapie bei Kopf-Hals-Tumoren umfasst alle ernährungsmedizinischen Maßnahmen, die darauf ausgerichtet sind, Ernährungszustand, Muskelmasse, körperliche Leistungsfähigkeit, Schluckfunktion und Lebensqualität von Patienten mit malignen (bösartigen) Tumoren im Kopf-Hals-Bereich zu erhalten oder wiederherzustellen. Sie ist ein zentraler Bestandteil der unterstützenden onkologischen Behandlung, weil Tumor und Behandlung unmittelbar jene Strukturen betreffen, die für Kauen, Schlucken, Speichelbildung, Geschmack, Sprechen und sichere Nahrungsaufnahme erforderlich sind [1, 2].
Zu den Kopf-Hals-Tumoren zählen insbesondere Tumoren der Mundhöhle, des Oropharynx (Mundrachen), Hypopharynx (Schlundrachen), Nasopharynx (Nasenrachen), Larynx (Kehlkopf), der Nasen- und Nasennebenhöhlen sowie der Speicheldrüsen. Häufig handelt es sich um Plattenepithelkarzinome. Ernährungsmedizinisch sind diese Tumoren besonders anspruchsvoll, weil bereits die Tumorlokalisation selbst die Nahrungsaufnahme behindern kann. Schmerzen, mechanische Enge, Kauprobleme, Schluckstörungen, eingeschränkte Mundöffnung, Zahnprobleme oder tumorbedingte Entzündung können dazu führen, dass Patienten schon vor Therapiebeginn weniger essen und trinken.
Die onkologische Therapie verstärkt diese Belastung häufig. Operationen können anatomische Strukturen verändern, eine Radiotherapie kann Schleimhäute, Speicheldrüsen und Geschmackssinn beeinträchtigen, und eine Radiochemotherapie kann Mukositis (Schleimhautentzündung), Übelkeit, Appetitverlust, Fatigue (Erschöpfung) und ausgeprägte Schluckschmerzen verursachen. Dadurch entsteht ein hohes Risiko für eine Mangelernährung, Dehydratation (Flüssigkeitsmangel), Sarkopenie (krankheitsbedingter Verlust von Muskelmasse und Muskelkraft), Tumorkachexie (krebsbedingter Kräfte- und Gewichtsverlust) und funktionelle Einschränkungen [1-4].
Die Ernährungstherapie verfolgt deshalb mehrere Ziele gleichzeitig. Sie soll eine ausreichende Energie- und Proteinversorgung sichern, Gewichtsverlust begrenzen, Muskelabbau vermindern, Nebenwirkungen behandelbar machen, Therapieunterbrechungen vermeiden, die Wundheilung unterstützen und die Rückkehr zu einer möglichst normalen oralen Ernährung vorbereiten. Bei Kopf-Hals-Tumoren ist Ernährung immer auch Funktionstherapie: Essen, Trinken, Schlucken, Kauen, Speichelfluss und Mundgesundheit müssen gemeinsam betrachtet werden.
Besonders wichtig ist die frühzeitige Intervention. Viele Patienten wirken bei der Diagnosestellung äußerlich noch stabil, haben aber bereits eine reduzierte Nahrungsaufnahme, eine abnehmende Muskelmasse oder ein hohes Risiko für Schluckprobleme im Therapieverlauf. Die Ernährungstherapie sollte daher bereits bei Diagnosestellung beginnen und nicht erst dann, wenn ein deutlicher Gewichtsverlust oder eine Sondenernährung notwendig geworden ist [1, 2].
Wissenschaftliche Grundlagen
Die Ernährungstherapie bei Kopf-Hals-Tumoren hat sich von einer reaktiven Maßnahme bei bereits eingetretenem Gewichtsverlust zu einem vorausschauenden Bestandteil der onkologischen Behandlung entwickelt. Lange erhielten Patienten häufig erst dann Trinknahrung oder Sondenernährung, wenn sie kaum noch essen konnten oder die Therapie gefährdet war. Heute gelten Mangelernährung, Sarkopenie und Dysphagie (Schluckstörung) als vorhersehbare Risiken, die früh erkannt und strukturiert behandelt werden müssen [1, 2].
Die medizinische Grundlage ist die besondere Vulnerabilität (Verletzlichkeit) dieser Patientengruppe. Tumor, Operation und Bestrahlung können die Nahrungsaufnahme lokal mechanisch oder funktionell erschweren. Systemisch können Tumorentzündung, katabole Stoffwechsellage und Appetitverlust zu Muskelabbau führen. Zusätzlich beeinflussen Schmerzen, Angst, Depression, Alkoholabhängigkeit, Tabakkonsum und soziale Belastungen die Ernährung erheblich.
Leitlinien betonen ein systematisches Vorgehen: Bei Erstkontakt soll ein Malnutritionsscreening erfolgen, bei auffälligem Screening ein ernährungsmedizinisches Assessment. Dabei werden nicht nur Körpergewicht und BMI (Body-Mass-Index/Körpermassen-Index) erfasst, sondern auch Gewichtsverlauf, Nahrungsaufnahme, Muskelstatus, Schluckfunktion, Symptome, Entzündungszeichen, Laborwerte, Medikamente und soziale Unterstützung [1, 2].
Eine zentrale wissenschaftliche Annahme ist, dass ein stabiler Ernährungszustand die Voraussetzungen für eine wirksame Tumortherapie verbessert. Mangelernährung und Muskelverlust sind mit schlechterer Therapietoleranz, höherem Komplikationsrisiko, geringerer Lebensqualität und funktionellen Einschränkungen assoziiert [1-4]. Die Ernährungstherapie soll den Patienten so stabilisieren, dass Operation, Radiotherapie, Chemotherapie, Immuntherapie oder palliative Maßnahmen möglichst sicher durchgeführt werden können.
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Die Zielsetzung besteht darin, den Ernährungszustand vor, während und nach der onkologischen Therapie möglichst stabil zu halten. Primär sollen ungewollter Gewichtsverlust, Muskelabbau, Dehydratation und Therapieunterbrechungen verhindert werden. Klinisch relevante Zielparameter sind Körpergewicht, Gewichtsverlauf, BMI, Muskelmasse, Muskelkraft, Nahrungsaufnahme, Proteinaufnahme, Flüssigkeitszufuhr, Schluckfunktion, Therapietoleranz, Wundheilung, Infektrate, Krankenhausaufenthalte und Lebensqualität [1-4].
Ein besonders wichtiger Zielparameter ist der Gewichtsverlauf. Bereits ein Gewichtsverlust von mehr als 5 % innerhalb kurzer Zeit ist bei Tumorpatienten klinisch relevant, vor allem wenn gleichzeitig Entzündung, reduzierte Nahrungsaufnahme oder Muskelverlust bestehen. Bei Kopf-Hals-Tumoren ist auch ein normaler oder erhöhter BMI nicht automatisch beruhigend, weil eine Sarkopenie trotz Übergewicht vorliegen kann. Deshalb sollten neben dem Gewicht auch Kraft, Mobilität und Alltagsbelastbarkeit beurteilt werden.
Ein weiteres zentrales Ziel ist die Sicherung der Proteinversorgung. Proteine (Eiweiß) sind notwendig für Wundheilung, Immunfunktion, Erhalt der Muskelmasse und funktionelle Erholung. In der Praxis wird die Proteinaufnahme oft unterschätzt, weil Patienten zwar noch essen, aber vor allem weiche kohlenhydratreiche Speisen wie Brei, Suppe oder Pudding zu sich nehmen. Diese liefern Energie, reichen aber für den Muskelerhalt häufig nicht aus.
Die Ernährungstherapie soll die orale Nahrungsaufnahme so lange wie sicher möglich erhalten, Aspiration vermeiden und eine langfristige Sondenabhängigkeit verhindern. Dies gelingt nur durch enge Zusammenarbeit mit Logopädie, Hals-Nasen-Ohrenheilkunde, Onkologie, Zahnmedizin, Pflege, Schmerztherapie und Ernährungsberatung. Bei Dysphagie ist nicht nur die Kalorienmenge entscheidend, sondern auch die Sicherheit des Schluckens.
Sekundäre Ziele sind Symptomkontrolle, Lebensqualität und Rehabilitation. Mukositis, Xerostomie (Mundtrockenheit), Dysgeusie (Geschmacksveränderungen), Schmerzen, Übelkeit, Reflux (Rückfluss von saurem Mageninhalt in die Speiseröhre), Obstipation (Verstopfung) und Fatigue müssen aktiv behandelt werden, weil sie die Nahrungsaufnahme unmittelbar begrenzen. In palliativer Situation stehen Symptomlinderung, Genussfähigkeit, Vermeidung belastender Maßnahmen und Patientenwille im Vordergrund.
Die Leitlinienlogik lautet: Indikation durch Screening und Assessment erfassen, passende Intervention einleiten, Verlauf kontrollieren und Risiken aktiv vermeiden. Interventionen können Beratung, Anreicherung der Kost, Trinknahrung, Konsistenzanpassung, enterale Ernährung (Sondenkost) oder in Ausnahmefällen parenterale Ernährung (unter Umgehung des Magen-Darm-Trakts, über die Vene) sein. Monitoring umfasst Gewicht, Aufnahme, Beschwerden, Laborwerte, Hydratation, Schluckfunktion und Komplikationen wie Refeeding-Syndrom (gefährliche Stoffwechselentgleisung, die entstehen kann, wenn stark mangelernährte Patienten zu schnell wieder ernährt werden – dabei können Phosphat, Kalium und Magnesium stark abfallen), Aspiration (Verschlucken), Elektrolytstörungen, Hyperglykämie (Überzuckerung) oder Sondenprobleme [1, 2].
Grundprinzipien
Das Grundprinzip der Ernährungstherapie bei Kopf-Hals-Tumoren ist ein stufenweises, vorausschauendes und symptomorientiertes Vorgehen. Im Zentrum steht zunächst die orale Ernährung. Sie soll erhalten bleiben, solange sie ausreichend, sicher und zumutbar ist. Dazu werden Mahlzeiten energiereicher gemacht, Proteinquellen gezielt eingebaut, Konsistenzen angepasst, Trinknahrung ergänzt und Beschwerden behandelt. Wenn die orale Aufnahme nicht ausreicht oder unsicher wird, folgt rechtzeitig die enterale Ernährung über eine Sonde. Eine parenterale Ernährung ist nur angezeigt, wenn der Magen-Darm-Trakt nicht ausreichend nutzbar ist [1, 2].
Die Mahlzeitenstruktur unterscheidet sich häufig von einer normalen Ernährung. Viele Patienten kommen mit drei Hauptmahlzeiten nicht zurecht, weil Kauen und Schlucken zu lange dauern, Schmerzen auftreten oder kleine Mengen bereits ermüden. Praktikabler sind 5-8 kleine Ess- und Trinkgelegenheiten pro Tag. Ein energiereicher Milchshake, eine angereicherte Cremesuppe, ein Proteinpudding oder eine Trinknahrung können therapeutisch wertvoller sein als eine große Mahlzeit, die der Patient nicht schafft.
Ein weiteres Grundprinzip lautet: Energie und Protein haben während intensiver Therapie Vorrang vor idealisierter gesunder Kost. Langfristig bleibt eine ausgewogene Ernährung wichtig. Während Radiochemotherapie, schwerer Mukositis oder postoperativer Rekonvaleszenz ist jedoch entscheidend, dass ausreichend Energie, Protein und Flüssigkeit aufgenommen werden. Sahne, Öl, Butter, Nussmus, Vollmilchprodukte, Ei, Käse, Trinknahrung und angereicherte Breie können in dieser Phase medizinisch sinnvoll sein.
Ebenso wichtig ist die Konsistenzanpassung. Bei Dysphagie, Schmerzen, eingeschränkter Mundöffnung oder Schleimhautschäden muss die Nahrung so angepasst werden, dass sie sicher geschluckt werden kann. Das kann weich, püriert, cremig, passiert, angedickt oder feucht-soßig bedeuten. Die Konsistenz sollte bei relevanter Schluckstörung nicht nach Gefühl, sondern nach logopädischer Diagnostik gewählt werden. Besonders problematisch sind trockene, krümelige, harte, faserige oder gemischt-konsistente Speisen.
Die rechtzeitige Entscheidung über enterale Ernährung ist ebenfalls ein Grundprinzip. Eine Sonde ist kein Zeichen des Scheiterns, sondern kann eine sinnvolle Brücke sein, um Therapieabbrüche, Dehydratation und schwere Mangelernährung zu vermeiden. Gleichzeitig sollte eine Sonde nicht dazu führen, dass sichere orale Aktivität vollständig aufgegeben wird. Wenn möglich, sollten Schluckübungen, kleine orale Mengen und logopädische Betreuung fortgeführt werden.
Angestrebte Wirkmechanismen
Die Ernährungstherapie wirkt bei Kopf-Hals-Tumoren vor allem stabilisierend, funktionserhaltend und komplikationsmindernd. Der wichtigste Wirkmechanismus ist die Vermeidung eines Energie- und Proteindefizits. Wenn die Energiezufuhr über Tage oder Wochen zu niedrig ist, baut der Körper nicht nur Fettreserven, sondern auch Muskelproteine ab. Dieser Muskelverlust betrifft auch Atemmuskulatur, Schluckmuskulatur und allgemeine Belastbarkeit. Ausreichende Energie- und Proteinzufuhr sollen diesen katabolen Prozess bremsen [1, 2].
Ein weiterer Wirkmechanismus ist die Unterstützung von Wundheilung und Geweberegeneration. Nach Operationen, Bestrahlung und Schleimhautschäden benötigt der Körper Aminosäuren, Energie, Flüssigkeit, Vitamine, Spurenelemente und Elektrolyte. Besonders bei großen Operationen, Rekonstruktionen, Fisteln, Wundheilungsstörungen oder Infektionen ist eine konsequente Ernährungstherapie daher medizinisch relevant.
Auch die Therapietoleranz kann verbessert werden. Patienten mit besserer Nahrungsaufnahme, stabiler Hydratation und geringerer Mangelernährung können Radiotherapie, Chemotherapie oder kombinierte Therapie häufig besser durchhalten. Ernährungstherapie kann dazu beitragen, ungeplante Therapiepausen, stationäre Aufnahmen, Dehydratation und schwere funktionelle Einbrüche zu reduzieren. Die Evidenz zeigt vor allem den Nutzen strukturierter ernährungsmedizinischer Betreuung und oraler Nahrungssupplemente auf Ernährungsstatus, Nährstoffzufuhr und Lebensqualität [3].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Patienten mit Tumoren der Mundhöhle, des Oro-/Hypopharynx, Larynx, Nasopharynx, der Nasen-/Nasennebenhöhlen und Speicheldrüsen
- Patienten vor Operation, Radiotherapie, Chemotherapie, Radiochemotherapie, Immuntherapie oder palliativer Tumortherapie
- Patienten mit ungewolltem Gewichtsverlust, reduzierter Nahrungsaufnahme, Appetitverlust, Dysphagie, Schmerzen beim Schlucken, Mukositis, Xerostomie, eingeschränkter Mundöffnung, Dysgeusie oder Übelkeit
- Patienten mit Sarkopenie, Frailty (Gebrechlichkeit), hohem Alter, eingeschränkter Mobilität, Alkoholabhängigkeit, Tabakkonsum, Depression oder sozialer Vulnerabilität
- Kinder und Jugendliche: Ernährungstherapie nur in pädiatrisch-onkologischen Zentren mit alters- und wachstumsangepasster Beurteilung
- Schwangere: Sehr seltene Situation; Betreuung nur interdisziplinär durch Onkologie, Gynäkologie, Ernährungsmedizin und Neonatologie
- Geriatrische (ältere) Patienten: Besonders hohes Risiko für Sarkopenie, Frailty, Dehydratation, Stürze und funktionellen Abbau; frühe Proteinsicherung, Schluckdiagnostik und alltagsnahe Unterstützung sind besonders wichtig
Eingeschränkte Eignung
-
Patienten mit schwerer Dysphagie, Aspiration, Sondenernährung, Refeeding-Risiko, schwerer Mangelernährung oder komplexen Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) sollten nicht allein über allgemeine Ernährungsempfehlungen geführt werden
Komorbiditäten mit Anpassungsbedarf
-
Diabetes mellitus, chronische Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Herzinsuffizienz (Herzschwäche), Lebererkrankung, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), neurologische Schluckstörungen, Demenz, Alkoholabhängigkeit und Antikoagulation (Therapie mit Blutverdünnern) erfordern eine individuelle Planung.
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Die Durchführung beginnt idealerweise unmittelbar nach Diagnosestellung, spätestens aber vor Operation, Radiotherapie oder Radiochemotherapie. Erfasst werden Gewicht, Gewichtsverlust in den vergangenen 1, 3 und 6 Monaten, BMI, Nahrungsaufnahme, Proteinaufnahme, Flüssigkeitszufuhr, Appetit, Kau- und Schluckfunktion, Schmerz, Mundschleimhaut, Zahnstatus, Geschmack, Speichelfluss, Stuhlgang, Übelkeit, Medikamente, Alkohol- und Tabakkonsum, körperliche Leistungsfähigkeit und soziale Unterstützung. Bei auffälligem Screening folgt ein umfassendes Assessment. Bei Verdacht auf Sarkopenie können Handkraft, Ganggeschwindigkeit und vorhandene CT-Bildgebung ergänzend genutzt werden [1, 2].
Typische Fehler zu Beginn sind eine zu späte Intervention, zu starke Fokussierung auf leichte oder kalorienarme Kost, zu wenig Protein, fehlende Schmerztherapie, unzureichende Mundpflege, ungeeignete Konsistenzen und Angst vor Trink- oder Sondennahrung.
Eine sinnvolle Übergangsphase besteht darin, die Ernährung schon vor Therapiebeginn energiereicher und proteinreicher zu gestalten. Nicht jeder Patient benötigt sofort Trinknahrung oder eine Sonde. Aber Patienten sollten wissen, wie sie Speisen anreichern, welche Eiweißquellen weich und gut verträglich sind, wie kleine Mahlzeiten geplant werden und wann sie sich melden müssen. Warnzeichen sind weniger als 50-75 % der üblichen Nahrungsmenge über mehrere Tage, deutlicher Durst, dunkler Urin, Schwindel, rascher Gewichtsverlust, zunehmende Schluckschmerzen, Husten beim Trinken oder Fieber.
Im Verlauf erfolgt ein Stufenschema. Zunächst wird die normale Kost angepasst: weicher, feuchter, milder, energiedichter und proteinreicher. Reicht dies nicht aus, wird Trinknahrung ergänzt. Wenn trotz Beratung und Trinknahrung keine ausreichende Aufnahme möglich ist oder die orale Aufnahme unsicher wird, ist enterale Ernährung über Sonde angezeigt. Ob eine Magensonde oder eine PEG (Ernährungssonde durch die Bauchdecke in den Magen) sinnvoller ist, hängt von Dauer, Therapiesituation, Aspirationsrisiko, Anatomie, Patientenpräferenz und lokaler Expertise ab.
Während Radiotherapie oder Radiochemotherapie ist meist eine wöchentliche Kontrolle sinnvoll. Nach Therapieende bessern sich Beschwerden oft verzögert; Mukositis, Xerostomie, Geschmacksverlust und Dysphagie können Wochen bis Monate anhalten. Deshalb endet die Ernährungstherapie nicht mit der letzten Bestrahlung, sondern erst, wenn Gewicht, Aufnahme, Flüssigkeitshaushalt, Schluckfunktion und Alltagsernährung stabil sind.
Der Übergang in den Alltag erfolgt schrittweise. Bei Sondenernährung wird nicht abrupt beendet, sondern die orale Aufnahme parallel aufgebaut. Erst wenn der Patient über mehrere Tage ausreichend Energie, Protein und Flüssigkeit oral aufnehmen kann und das Schlucken sicher ist, wird die Sondenernährung reduziert. Bei langfristiger Xerostomie, Geschmacksstörung oder Dysphagie kann eine dauerhafte Anpassung der Ernährung notwendig sein.
Empfohlene Lebensmittel
Empfohlen werden Lebensmittel, die Energie, hochwertiges Protein, Mikronährstoffe und eine gut schluckbare Konsistenz liefern. Die Auswahl richtet sich nach Beschwerden, Schluckdiagnostik, Geschmack und Therapieziel.
- Proteinreiche Lebensmittel: Eier, Fisch, Geflügel, weiches Fleisch, Hackfleischgerichte mit Soße, Joghurt, Quark, Skyr, Käse, Milch, Sojajoghurt, Tofu, Hülsenfruchtpürees und proteinangereicherte Milchprodukte
- Energiedichte Lebensmittel: Rapsöl, Olivenöl, Butter, Sahne, Crème fraîche, Nussmus, Avocado, Vollmilch, Käse, Mascarpone, energiereiche Suppen, Smoothies und Trinknahrung
- Weiche Kohlenhydratquellen: Kartoffelpüree, Polenta, Grießbrei, Haferbrei, Milchreis, Risotto, weiche Nudeln, gut gegarter Reis, Pfannkuchen, weiches Brot ohne harte Kruste und Breie
- Milde Gemüse- und Obstformen: Cremesuppen, püriertes Gemüse, weich gegartes Gemüse, Kompott, Banane, Birnenmus, Apfelmus ohne Säureüberschuss und milde Smoothies
- Feuchte Speisen: Gerichte mit Soße, Brühe, Joghurt, Quark, Öl, Sahne oder pürierter Gemüsebasis
- Therapeutische Trinknahrung: Hochkalorische und proteinreiche Trinknahrung, wenn normale Kost nicht ausreicht
- Andickungsmittel: Nur bei entsprechender Schluckdiagnostik und konkreter Empfehlung, wenn dünnflüssige Getränke aspiriert werden
- Kühle oder lauwarme Speisen: Häufig besser verträglich bei Mukositis und Schluckschmerzen
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Eingeschränkt werden Lebensmittel, die Schmerzen, Schleimhautreizungen, Schluckprobleme, Aspirationsrisiko, Reflux oder Kariesrisiko verstärken können.
- Scharfe Speisen: Chili, scharfe Soßen, viel Pfeffer, scharfer Senf und stark gewürzte Speisen bei Mukositis oder Schleimhautbrennen
- Saure Lebensmittel: Zitrusfrüchte, Essig, saure Säfte, saure Bonbons, saure Marinaden und stark säurehaltige Smoothies bei Schleimhautreizungen
- Trockene, krümelige Speisen: Zwieback, Kekse, Chips, trockenes Brot, Cracker, Müsli und bröseliger Kuchen bei Dysphagie
- Harte oder kantige Speisen: Nüsse, harte Rohkost, harte Brotrinden, knusprige Krusten und scharfkantige Snacks bei Schmerzen oder Schleimhautschäden
- Faserige Speisen: Zähes Fleisch, Spargel, Ananas, faserige Gemüsestücke oder schlecht zerkleinerte Salate bei Kau- und Schluckproblemen
- Sehr heiße Speisen und Getränke: Können Schleimhautschmerzen verstärken
- Alkoholhaltige Speisen und Getränke: Besonders während Radiotherapie, Chemotherapie, Mukositis und bei alkoholassoziierten Tumoren vermeiden
- Unkontrollierte Supplemente: Hochdosierte Antioxidantien, Kräuterextrakte, „Anti-Krebs-Präparate“ und nicht geprüfte Mischpräparate nur nach onkologischer Rücksprache
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Tabak erhöht das Risiko für Zweittumoren, Wundheilungsstörungen, Schleimhautreizungen, Infektionen und schlechtere funktionelle Erholung.
- Fortgesetztes Rauchen kann die Verträglichkeit und Wirksamkeit der onkologischen Therapie ungünstig beeinflussen.
- Klare Empfehlung: vollständiger Rauchstopp
- Rauchstopp bleibt auch nach abgeschlossener Tumortherapie ein zentrales Präventionsziel.
Alkohol
- Alkohol ist bei Kopf-Hals-Tumoren nicht protektiv, sondern ein relevanter Risikofaktor, besonders in Kombination mit Tabak.
- Bei Operation, Radiotherapie, Radiochemotherapie, Mukositis, Schluckschmerzen und Dehydratationsrisiko sollte Alkohol vollständig vermieden werden.
- Bei alkoholassoziierten Tumoren, Lebererkrankung, Abhängigkeit, relevanter Medikation oder Rezidivrisiko ist Abstinenz medizinisch am sinnvollsten.
- Alkohol kann Schleimhäute reizen, sedierende Medikamente verstärken, Sturzrisiko erhöhen, Lebertoxizität fördern und die Nahrungsaufnahme verschlechtern.
- Niedrigrisikokonsum (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Koffein
- Kaffee ist nicht grundsätzlich verboten. Bei Mundtrockenheit, Reflux, Schlafstörungen, Herzrasen oder Flüssigkeitsmangel sollte Koffein reduziert werden.
- Kaffee kann bei guter Verträglichkeit mit Milch, Sahne oder proteinreicher Trinknahrung angereichert werden.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Für den Einkauf sollten Lebensmittel gewählt werden, die schnell verfügbar, weich zubereitbar und leicht anzureichern sind. Sinnvoll sind Vollmilch, Sahne, Butter, Rapsöl, Olivenöl, Eier, Joghurt, Quark, Skyr, Käse, Kartoffelpüree, Haferflocken, Grieß, Milchreis, Nudeln, Reis, Tiefkühlgemüse, Cremesuppen, Kompott, Bananen, Nussmus, Tofu, weiches Fischfilet, Hackfleisch, Brühe, milde Saucen und Trinknahrung. Ein kleiner Vorrat an „Notfallkalorien“ ist hilfreich: Trinknahrung, haltbare Suppen, Proteinpudding, Milchpulver, Instant-Haferbrei, Nussmus und fertige Pürees.
Beim Kochen ist Anreicherung der wichtigste Hebel. Eine normale Suppe kann durch Öl, Sahne, Milchpulver, Käse, Ei, Hülsenfruchtpüree oder Proteinpulver deutlich nährstoffreicher werden. Kartoffelpüree lässt sich mit Butter, Rapsöl, Sahne, Quark oder Käse aufwerten. Haferbrei wird durch Vollmilch, Nussmus, Banane und Proteinpulver energiereicher. Entscheidend ist, dass kleine Portionen möglichst viel Energie und Protein enthalten, weil große Mengen oft nicht geschafft werden.
Bei Mukositis (Schleimhautentzündung) helfen häufig kühle, milde und weiche Speisen. Geeignet sind gekühlter Milchreis, Joghurt, Quarkcreme, Eis auf Milchbasis, milde Smoothies ohne Zitrusfrüchte, lauwarme Cremesuppen und weiche Eierspeisen. Scharfe, saure, harte oder sehr heiße Speisen sollten vermieden werden. Schmerztherapie sollte möglichst rechtzeitig vor dem Essen geplant werden, nicht erst danach.
Bei Xerostomie (Mundtrockenheit) ist Feuchtigkeit entscheidend. Trockene Speisen werden oft schlecht toleriert. Brot sollte mit reichlich Aufstrich, Frischkäse, Avocado, Soße oder Suppe kombiniert werden. Fleisch sollte weich, fein geschnitten oder als Hackfleisch mit Soße angeboten werden. Reis, Nudeln und Kartoffeln sollten nicht trocken, sondern immer mit Soße gegessen werden. Zuckerfreie Kaugummis oder Lutschpastillen können bei vorhandener Speicheldrüsenfunktion helfen. Bei hohem Kariesrisiko ist zahnärztliche Betreuung wichtig.
Bei Geschmacksstörungen ist systematisches Ausprobieren sinnvoll. Manche Patienten vertragen kalte Speisen besser als warme, andere bevorzugen kräftigere Aromen oder mild-süßliche Speisen. Bei Metallgeschmack kann Kunststoffbesteck helfen. Wenn Fleisch unangenehm schmeckt, können Eier, Milchprodukte, Fisch, Tofu, Hülsenfruchtpürees oder Trinknahrung alternative Proteinquellen sein.
Bei Dysphagie (Schluckstörung) sollte die Konsistenz nicht improvisiert werden. Wenn Husten beim Trinken, Verschlucken, gurgelige Stimme, Fieber, häufiges Räuspern oder Angst vor Flüssigkeiten auftreten, ist eine logopädische Schluckdiagnostik notwendig. Dünnflüssige Getränke sind nicht immer sicherer als cremige oder angedickte Konsistenzen. Gemischt-konsistente Speisen wie Suppe mit Stückchen, Müsli mit Milch oder Obst mit Saft können besonders problematisch sein.
Für den Tagesablauf ist ein Essplan oft hilfreicher als Appetitsteuerung. Viele Patienten haben keinen Hunger, müssen aber trotzdem essen. Praktisch ist ein Rhythmus mit kleinen Mahlzeiten alle 2-3 Stunden. Beispiel: morgens Haferbrei mit Vollmilch und Nussmus, vormittags Trinknahrung, mittags Cremesuppe mit Öl und Ei, nachmittags Quarkcreme, abends weiches Fisch- oder Eigericht mit Kartoffelpüree, spätabends Milchshake.
Angehörige sollten konkret eingebunden werden. Hilfreich sind vorbereitete Portionen im Kühlschrank, kleine beschriftete Behälter, sichtbare Trinknahrung, ein Ess- und Trinkprotokoll und klare Absprachen: Wer kauft ein? Wer kocht? Wer erinnert an Trinkmengen? Die Unterstützung sollte entlasten, nicht drängen. Druck beim Essen führt häufig zu Abwehr und Schuldgefühlen.
Ein einfaches häusliches Monitoring ist sehr wertvoll. Patienten sollten sich mindestens 1-2-mal pro Woche wiegen, bei hohem Risiko häufiger. Zusätzlich können Trinkmenge, Mahlzeiten, Eiweißportionen, Schmerzen, Stuhlgang und Schluckprobleme notiert werden. Kritisch sind rascher Gewichtsverlust, weniger als 1 Liter Flüssigkeit pro Tag, kaum Urin, Schwindel, Fieber, zunehmendes Verschlucken, nicht beherrschbare Schmerzen oder mehrere Tage mit sehr geringer Nahrungsaufnahme. Dann sollte frühzeitig das Behandlungsteam kontaktiert werden.
Ernährungsphysiologische Bewertung
Die Energiezufuhr muss individuell festgelegt werden. Als pragmatischer Ausgangspunkt werden bei vielen Tumorpatienten etwa 25-30 kcal/kg Körpergewicht pro Tag angesetzt; bei Untergewicht, Wundheilungsproblemen, starker kataboler Belastung oder dem Ziel der Gewichtsstabilisierung kann der Bedarf höher liegen. Bei schwerer Mangelernährung darf die Zufuhr jedoch nicht abrupt gesteigert werden, weil ein Refeeding-Syndrom drohen kann. Dann sind langsamer Aufbau, Thiamingabe (Vitamin B1) und Elektrolytkontrollen notwendig [1, 2].
Proteine sind die zentrale makronährstoffbezogene Zielgröße. Häufig werden 1,2-1,5 g Protein/kg Körpergewicht pro Tag angestrebt. Bei Sarkopenie, Wundheilungsstörungen, ausgeprägter Therapiebelastung oder Rehabilitation kann ein höherer Zielbereich sinnvoll sein, sofern Nierenfunktion, Leberfunktion und Stoffwechsellage dies erlauben [2]. Bei chronischer Niereninsuffizienz muss die Proteinmenge differenziert geplant werden.
Fett ist in der Akutphase ein wichtiger Energieträger. Rapsöl, Olivenöl, Butter, Sahne, Nussmus und fettreiche Milchprodukte können helfen, kleine Portionen energiedicht zu machen. Eine fettarme Ernährung ist bei Gewichtsverlust meist ungünstig. Kohlenhydrate liefern gut verfügbare Energie und sind besonders in weichen Speisen einfach umzusetzen. Bei Diabetes mellitus oder steroidinduzierter Hyperglykämie müssen Blutzuckerwerte kontrolliert und die Ernährung angepasst werden.
Ballaststoffe sind langfristig wichtig für Darmfunktion und Mikrobiom (Darmflora), müssen aber situationsabhängig angepasst werden. Bei Obstipation durch Opioide (starke Schmerzmittel), Bewegungsmangel oder geringe Trinkmenge können lösliche Ballaststoffe, ausreichende Flüssigkeit und Bewegung hilfreich sein. Bei Diarrhoe (Durchfall), schwerer Mukositis, Sondennahrung oder sehr eingeschränkter Aufnahme kann eine ballaststoffreiche Kost vorübergehend schlecht verträglich sein. Entscheidend ist die individuelle gastrointestinale Verträglichkeit.
Die Flüssigkeitsversorgung ist ein häufig unterschätztes Kernproblem. Patienten mit Mundschmerzen, Dysphagie oder Übelkeit trinken oft zu wenig. Dehydratation kann Schwindel, Verwirrtheit, Nierenfunktionsverschlechterung, Obstipation und stationäre Aufnahmen auslösen. Bei normaler Herz- und Nierenfunktion muss eine ausreichende Trinkmenge aktiv geplant werden. Bei Herzinsuffizienz, Niereninsuffizienz oder Hyponatriämie ist die Flüssigkeitszufuhr individuell festzulegen.
Mikronährstoffe (Vitalstoffe) sollen strikt evidenzbasiert betrachtet werden. Nicht jeder Patient benötigt pauschal hochdosierte Supplemente, aber Mängel müssen aktiv erkannt und behandelt werden.
- Eine aktuelle systematische Übersicht beschreibt Vitamin D-Mangel bei Kopf-Hals-Tumoren als häufig und klinisch bedeutsam; Zusammenhänge wurden unter anderem mit Prognose, Therapienebenwirkungen, Malnutrition und postoperativen Komplikationen diskutiert [6]. Daraus folgt nicht, dass Vitamin D eine Tumortherapie ist. Sinnvoll ist aber die Bestimmung von 25(OH)D bei Risikopatienten und der Ausgleich eines Mangels nach gängigen Standards.
- Calcium ist vor allem relevant, wenn Vitamin D-Mangel, geringe Milchproduktzufuhr, Immobilität, Osteoporoserisiko, Kortikosteroidtherapie oder Hypogonadismus (Unterfunktion der Keimdrüsen) bestehen. Eisen sollte bei Anämie (Blutverlust), Blutverlust, chronischer Entzündung, perioperativer Situation oder Fatigue geprüft werden. Dabei helfen Ferritin, Transferrinsättigung und Entzündungszeichen bei der Einordnung. Eine blinde Eisengabe ohne Diagnostik ist nicht sinnvoll.
- Vitamin B12 und Folsäure sind relevant bei eingeschränkter Kost, Alkoholabhängigkeit, veganer Ernährung, makrozytärer Anämie (Blutarmut mit vergrößerten roten Blutkörperchen), neurologischen Symptomen oder längerer Sondenernährung. Thiamin ist besonders wichtig bei Alkoholabhängigkeit, schwerer Mangelernährung, längerem Fasten oder Refeeding-Risiko. Zink kann bei Wundheilungsproblemen, Geschmacksstörungen, Diarrhoe oder nachgewiesenem Mangel relevant sein. Eine routinemäßige Hochdosisgabe ohne Mangel ist jedoch nicht ausreichend belegt. Selen sollte vor allem bei nachgewiesenem Mangel, schwerer Malabsorption, parenteraler Ernährung oder stark eingeschränkter Kost berücksichtigt werden.
- Elektrolyte sind bei Kopf-Hals-Tumoren besonders wichtig. Phosphat, Kalium und Magnesium müssen bei Refeeding-Risiko, Cisplatintherapie, Erbrechen, Diarrhoe, Diuretika (entwässernde Medikamente), geringer Aufnahme oder parenteraler Ernährung kontrolliert werden. Hypomagnesiämie kann insbesondere unter Cisplatin relevant sein. Eine Hypophosphatämie kann beim Refeeding-Syndrom lebensbedrohlich werden. Daher gehört die Elektrolytbeurteilung zu den Kernaufgaben der Ernährungstherapie.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Die wichtigsten medizinischen Risiken entstehen durch Mangelernährung, Sarkopenie, Dehydratation, Dysphagie, Aspiration, Elektrolytstörungen, Refeeding-Syndrom und ungeeignete Supplementierung. Diese Risiken verstärken sich häufig gegenseitig: Mukositis führt zu weniger Nahrungsaufnahme, Gewichtsverlust, Schwäche, Flüssigkeitsmangel und höherem Aspirationsrisiko. Ernährungstherapie muss solche Kaskaden früh unterbrechen.
Mangelernährung ist das zentrale Risiko. Sie kann bereits vor Therapiebeginn bestehen und sich unter Radiotherapie oder Radiochemotherapie rasch verschlechtern. Folgen sind Muskelverlust, Fatigue, Infektanfälligkeit, schlechtere Wundheilung, höhere Komplikationsrate, geringere Therapietoleranz und reduzierte Lebensqualität [1-4]. Auch übergewichtige Patienten können mangelernährt sein.
Sarkopenie ist klinisch besonders relevant, weil sie Kraft, Selbstständigkeit, Sturzrisiko, Therapietoleranz und Rehabilitation beeinträchtigt. Eine reine Gewichtskontrolle reicht daher nicht aus: Bleibt das Gewicht stabil, während Muskelmasse verloren geht, kann sich der Ernährungszustand trotzdem verschlechtern.
Dysphagie und Aspiration gehören zu den gefährlichsten funktionellen Risiken. Gelangen Nahrung, Speichel oder Flüssigkeit in die Atemwege, können Husten, Erstickungsangst, Pneumonien (Lungenentzündungen) und stationäre Aufnahmen folgen. Hinweise sind gurgelige Stimme, wiederholtes Räuspern, Fieber, unklare Atemwegsinfekte oder Angst vor dem Trinken. Dann ist eine logopädische Abklärung erforderlich.
Dehydratation ist häufig, weil Mundtrockenheit, Schluckschmerzen, Übelkeit und Fatigue die Trinkmenge reduzieren. Flüssigkeitsmangel kann Nierenfunktionsstörungen, Elektrolytverschiebungen, Obstipation, Delir, Kreislaufprobleme und Therapieunterbrechungen begünstigen. Bei Cisplatintherapie ist die Nierenfunktion zusätzlich besonders zu beachten.
Das Refeeding-Syndrom ist eine potentiell lebensbedrohliche Komplikation bei schwer mangelernährten Patienten oder nach längerer, sehr geringer Nahrungsaufnahme. Wird die Ernährung zu schnell gesteigert, können Phosphat, Kalium und Magnesium stark abfallen. Mögliche Folgen sind Herzrhythmusstörungen, Atemmuskelschwäche, Ödeme, Krampfanfälle, Verwirrtheit und Herzversagen. Risikopatienten benötigen langsamen Kostaufbau, Thiamin, engmaschige Elektrolytkontrollen und ärztliche Überwachung [1, 2].
Sondenernährung kann notwendig und lebensrettend sein, bringt aber Risiken wie lokale Infektionen, Schmerzen, Sondenverstopfung, Dislokation, Reflux, Übelkeit, Diarrhoe, Obstipation und psychische Belastung mit sich. Bei PEG-Anlage müssen Gerinnung, Antikoagulation, Infektionsrisiko und Anatomie geprüft werden.
Parenterale Ernährung ist selten die erste Wahl, kann aber bei nicht nutzbarem Gastrointestinaltrakt, schwerer Malabsorption, Ileus (Darmverschluss), postoperativen Komplikationen oder unzureichender enteraler Ernährung erforderlich sein. Risiken sind Katheterinfektionen, Hyperglykämie, Leberfunktionsstörungen, Elektrolytverschiebungen und Flüssigkeitsüberlastung.
Medikamenteninteraktionen sind praktisch relevant: Opioide fördern Obstipation, Übelkeit und Sedierung. Sedativa (Beruhigungsmittel) können den Schluckreflex beeinträchtigen. Diuretika (entwässernde Medikamente) beeinflussen Flüssigkeit und Elektrolyte. Antidiabetika (blutzuckersenkende Medikamente) müssen bei wechselnder Nahrungsaufnahme angepasst werden. Antikoagulantien (Blutverdünner) sind bei PEG-Anlage und Blutungsrisiko zu berücksichtigen.
Hochdosierte Supplemente sollten während Radiotherapie und Chemotherapie nicht ohne onkologische Rücksprache eingesetzt werden. Glutamin kann laut Metaanalyse die Schwere und Dauer strahleninduzierter oraler Mukositis reduzieren, ist aber keine pauschale Standardtherapie für alle Patienten [7].
Langfristige Risiken betreffen chronische Dysphagie, dauerhafte Xerostomie, Karies, Osteoradionekrose-Risiko (Risiko für Absterben von Knochengewebe nach Bestrahlung), anhaltende Geschmacksstörungen, sozialen Rückzug, Depression, Alkoholrückfall, erneuten Gewichtsverlust und kardiometabolische Folgen. Nachsorge bedeutet auch Funktionskontrolle, Schluckrehabilitation, Zahngesundheit, Gewichtsstabilisierung, Muskelaufbau und Lebensqualität.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Fehlender Patientenwille
- Unkontrollierter Schock – keine reguläre enterale Ernährung bei schwerer hämodynamischer Instabilität.
- Akutes Abdomen (akut bedrohliche Baucherkrankung) oder Ileus (Darmverschluss) – keine enterale Ernährung ohne ärztliche bzw. chirurgische Klärung
- Nicht beherrschbare Aspiration (Verschlucken) – keine orale oder gastrale Ernährung, wenn keine sichere Aufnahme möglich ist
- Terminale Sterbephase ohne Nutzenperspektive
Relative Kontraindikationen mit Monitoringbedarf
- Schwere Dysphagie (Schluckstörung) – orale Ernährung nur nach Schluckdiagnostik und Konsistenzanpassung
- Hohes Refeeding-Risiko – langsamer Ernährungsaufbau, Thiamin und Elektrolytkontrollen erforderlich
- Schwere Mukositis (Schleimhautentzündung) – orale Aufnahme oft nur eingeschränkt möglich; Schmerztherapie und ggf. Sonde nötig
- Fortgeschrittene Herzinsuffizienz (Herzschwäche) – Flüssigkeits- und Natriumzufuhr individuell anpassen
- Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) – Protein-, Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr individuell festlegen
- Diabetes mellitus – hochkalorische Trink- oder Sondennahrung mit Blutzuckermonitoring
- Antikoagulation (Therapie mit Blutverdünnern) – PEG-Anlage und invasive Maßnahmen gerinnungsmedizinisch planen
- Schwere Alkoholabhängigkeit – Thiamin, Elektrolyte, Entzugsrisiko und Leberfunktion berücksichtigen
Vorteile
- Stabilisierung – Gewicht, Muskelmasse, Kraft und Flüssigkeitshaushalt können besser erhalten werden.
- Therapietoleranz – Das Risiko für Therapieunterbrechungen, Dehydratation und stationäre Aufnahmen kann reduziert werden.
- Funktionserhalt – Schlucken, Kauen und orale Ernährung können länger erhalten oder gezielter wieder aufgebaut werden.
- Wundheilung – Eine ausreichende Protein-, Energie- und Mikronährstoffversorgung unterstützt postoperative und schleimhautbezogene Regeneration.
- Lebensqualität – Weniger Essangst, weniger Erschöpfung und mehr soziale Teilhabe sind realistische Ziele.
- Prävention – Langfristig unterstützt Ernährungstherapie Rauchstopp, Alkoholverzicht, Muskelaufbau und kardiometabolische Stabilisierung.
Grenzen
- Tumorprogression – Ernährung kann eine fortschreitende Tumorerkrankung nicht aufhalten.
- Tumorkachexie – Eine ausgeprägte entzündliche Kachexie lässt sich durch Ernährung allein oft nicht vollständig umkehren.
- Schwere Dysphagie (Schluckstörung) – Bei hohem Aspirationsrisiko kann orale Ernährung trotz Wunsch des Patienten unsicher sein.
- Mukositis – Bei schwerer Schleimhautentzündung reicht normale Kost häufig nicht aus.
- Langfristige Sondenabhängigkeit – Sie kann trotz guter Betreuung auftreten, besonders bei schweren Schluckschäden.
- Soziale Faktoren – Alleinleben, Armut, Sucht, Depression und geringe Unterstützung können die Umsetzung erheblich begrenzen.
- Evidenzgrenzen – Für viele einzelne Supplemente ist die Datenlage nicht ausreichend für eine generelle Empfehlung.
Wissenschaftliche Einordnung
Wissenschaftlich ist die Ernährungstherapie bei Kopf-Hals-Tumoren gut begründet. Leitlinien und aktuelle Übersichtsarbeiten zeigen übereinstimmend, dass diese Patienten ein hohes Risiko für Mangelernährung, Muskelverlust und funktionelle Ernährungsprobleme haben und deshalb frühzeitig ernährungsmedizinisch betreut werden sollten [1-4].
Die stärkste Evidenz besteht für ein strukturiertes Vorgehen mit Screening, Assessment, individueller Beratung, Energie- und Proteinsicherung, Symptommanagement, Trinknahrung bei unzureichender Aufnahme und enteraler Ernährung bei fehlender oder unsicherer oraler Ernährung [1, 2].
Systematische Reviews zeigen, dass Ernährungstherapie durch qualifizierte Fachkräfte, besonders in Kombination mit oralen Nahrungssupplementen, Nährstoffzufuhr, Gewicht, Lebensqualität und Therapietoleranz verbessern kann. Die Studienlage ist jedoch heterogen, sodass die Therapie individuell und nicht schematisch erfolgen sollte [3].
Die Entscheidung für eine prophylaktische oder reaktive Sondenernährung bleibt risikoadaptiert. Eine prophylaktische PEG kann bei Hochrisikopatienten Gewichtsverlust und Dehydratation vermeiden, kann aber auch zu unnötiger Sondenanlage oder längerer Sondenabhängigkeit führen. Daher gilt: Entscheidung nach Tumorlokalisation, Therapieintensität, Ernährungszustand, Schluckfunktion und Patientenpräferenz [5].
Für Mikronährstoffe gilt: Nachgewiesene Mängel, etwa bei Vitamin D, Thiamin, Eisen, Vitamin B12, Folsäure oder Elektrolyten, sollten korrigiert werden. Eine pauschale hochdosierte Supplementierung ohne Mangel ist dagegen nicht leitlinienbasiert. Vitamin D ist prüfenswert, sollte aber nicht als antitumorale Therapie missverstanden werden [6].
Fazit
Die Ernährungstherapie bei Kopf-Hals-Tumoren ist ein unverzichtbarer Bestandteil der onkologischen Behandlung. Sie sollte früh beginnen, strukturiert durchgeführt und über die Akuttherapie hinaus fortgesetzt werden. Ihr Hauptziel ist die Sicherung von Energie, Protein, Flüssigkeit, Mikronährstoffen, Muskelmasse, Schluckfunktion und Lebensqualität.
Kurzfristig entscheidet die Ernährungstherapie darüber, ob Patienten Operation, Radiotherapie, Chemotherapie oder Radiochemotherapie ausreichend stabil durchlaufen können. Besonders wichtig sind frühes Screening, konsequente Proteinsicherung, energiedichte Kost, Trinknahrung, rechtzeitige enterale Ernährung, Schmerz- und Mukositismanagement sowie sichere Konsistenzanpassung.
Langfristig rücken Schluckrehabilitation, Rückkehr zur oralen Ernährung, Muskelaufbau, Mund- und Zahngesundheit, Rauchstopp, Alkoholverzicht und eine ausgewogene präventionsorientierte Ernährung in den Vordergrund. Dabei muss realistisch bleiben: Ernährungstherapie ersetzt keine Tumortherapie, kann aber die Voraussetzungen verbessern, damit die Tumortherapie durchgeführt, vertragen und funktionell überstanden wird.
Die klare Gesamtbewertung lautet: Bei Kopf-Hals-Tumoren ist Ernährungstherapie medizinisch notwendig, frühzeitig einzuleiten, interdisziplinär zu führen und individuell zu überwachen. Besonders Patienten mit Dysphagie, Mukositis, Gewichtsverlust, Sarkopenie, hohem Alter oder intensiver Radiochemotherapie profitieren von einem vorausschauenden Ernährungskonzept.
Literatur
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- Muscaritoli M, Arends J, Bachmann P, Baracos V, Barthelemy N, Bertz H et al.: ESPEN practical guideline: Clinical Nutrition in cancer. Clin Nutr. 2021 May;40(5):2898-2913. doi: 10.1016/j.clnu.2021.02.005.
- Leis C, Arthur AE, Chen X, Greene MW, Frugé AD: Systematic Review of Nutrition Interventions to Improve Short Term Outcomes in Head and Neck Cancer Patients. Cancers (Basel). 2023 Jan 29;15(3):822. doi: 10.3390/cancers15030822.
- Chen X, Beilman B, Gibbs HD, Hamilton JL, Parker N, Bur AM et al.: Nutrition in head and neck cancer care: a roadmap and call for research. Lancet Oncol. 2025 Jun;26(6):e300-e310. doi: 10.1016/S1470-2045(25)00087-7.
- Mellors K, Ye X, Van Den Brande J, Mak TW, Brown T, Findlay M, Bauer J: Comparison of prophylactic percutaneous endoscopic gastrostomy with reactive enteral nutrition in patients with head and neck cancer undergoing radiotherapy or chemoradiotherapy: A systematic review. Clin Nutr ESPEN. 2021 Dec:46:87-98. doi: 10.1016/j.clnesp.2021.09.724.
- Mot CI, Horhat DI, Balica NC, Hirtie B, Varga NI, Prodan-Barbulescu C, Alexandru A, Ciurariu E, Galis R: Vitamin D and Clinical Outcomes in Head and Neck Cancer: A Systematic Review. Nutrients. 2025 Mar 21;17(7):1100. doi: 10.3390/nu17071100.
- Alsubaie HM, Alsini AY, Alsubaie KM, Abu-Zaid A, Alzahrani FR, Sayed S et al.: Glutamine for prevention and alleviation of radiation-induced oral mucositis in patients with head and neck squamous cell cancer: Systematic review and meta-analysis of controlled trials. Head Neck. 2021 Oct;43(10):3199-3213. doi: 10.1002/hed.26798.