Ernährung zur Unterstützung antineoplastischer Therapien

Die Ernährungstherapie zur Unterstützung antineoplastischer Therapien umfasst strukturierte, evidenzbasierte ernährungsmedizinische Maßnahmen bei Patienten mit malignen (bösartigen) Erkrankungen, die sich unter Chemo-, Immun-, zielgerichteter oder Strahlentherapie befinden. Sie dient nicht der direkten Tumorbehandlung, sondern stellt eine zentrale supportive Säule dar, die den Verlauf, die Verträglichkeit und den Erfolg der onkologischen Therapie maßgeblich beeinflusst.

Tumorerkrankungen führen häufig zu tiefgreifenden Veränderungen im Stoffwechsel. Der Körper befindet sich dabei in einer Art Dauerstress: Entzündungsprozesse im gesamten Organismus, hormonelle Veränderungen und der Tumor selbst beeinflussen den Energie- und Nährstoffhaushalt. In der Folge baut der Körper vermehrt eigene Reserven ab – insbesondere Muskelmasse und Fettgewebe. Gleichzeitig reagieren die Körperzellen weniger empfindlich auf Insulin (Insulinresistenz), was den Stoffwechsel zusätzlich belastet.

Hinzu kommen therapiebedingte Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen, Entzündungen der Schleimhäute (Mukositis), Schluckbeschwerden, Geschmacksveränderungen oder ausgeprägte Erschöpfung (Fatigue). Diese führen häufig dazu, dass Betroffene weniger essen können oder wollen. Bereits früh im Krankheitsverlauf kann sich so eine krankheitsassoziierte Mangelernährung entwickeln, die den weiteren Verlauf der Erkrankung ungünstig beeinflusst.

Die Ernährungstherapie zielt darauf ab, diesen Veränderungen gezielt entgegenzuwirken. Sie umfasst die Sicherstellung einer bedarfsgerechten Energie- und Nährstoffzufuhr, den Erhalt der fettfreien Masse (insbesondere der Skelettmuskulatur), die Unterstützung der Immunfunktion sowie die Stabilisierung der körperlichen Leistungsfähigkeit. Ferner trägt sie dazu bei, Therapieabbrüche zu reduzieren, die Verträglichkeit intensiver Behandlungsregime zu verbessern und die Lebensqualität zu erhöhen.

Leitlinien (z. B. ESPEN) betonen, dass die Ernährungstherapie frühzeitig beginnen und im Verlauf kontinuierlich angepasst werden sollte, da Mangelernährung ein unabhängiger negativer Prognosefaktor für Morbidität (Krankheitsanfälligkeit) und Mortalität (Sterblichkeit) ist [1, 2].

Wissenschaftliche Grundlagen

Die moderne onkologische Ernährungstherapie basiert auf der Erkenntnis, dass Tumorerkrankungen nicht nur lokal wirken, sondern den gesamten Stoffwechsel des Körpers beeinflussen. Es kommt zu systemischen, metabolischen Veränderungen.

Ein zentraler Mechanismus ist eine chronische systemische Inflammation (dauerhafte Entzündungsreaktion im ganzen Körper). Dabei werden vermehrt Zytokine (entzündungsfördernde Botenstoffe, z. B. TNF-α, IL-6), freigesetzt. Diese führen dazu, dass der Körper verstärkt körpereigene Substanzen abbaut – insbesondere Muskeleiweiß (Proteolyse). Die Folge ist ein fortschreitender Verlust an Muskelmasse.

Gleichzeitig ist die Fähigkeit des Körpers eingeschränkt, auf Nahrungszufuhr mit Muskelaufbau zu reagieren. Dies wird als anabole Resistenz bezeichnet (verminderte Aufbau-Reaktion auf Nährstoffe). Selbst, wenn ausreichend Kalorien aufgenommen werden, kann der Muskelabbau weiter fortschreiten [1, 3].

Ein weiterer wichtiger Mechanismus ist die sogenannte tumorassoziierte Kachexie. Dabei handelt es sich um ein komplexes Auszehrungssyndrom mit Gewichtsverlust, Muskelabbau und nachlassender körperlicher Leistungsfähigkeit. Charakteristisch ist, dass sich dieser Zustand nicht allein durch eine erhöhte Kalorienzufuhr vollständig rückgängig machen lässt.

Zusätzlich entwickeln viele Patienten eine Insulinresistenz (verminderte Wirkung des Hormons Insulin), wodurch die Aufnahme und Verwertung von Glucose gestört sind. Auch der Lipidstoffwechsel (Fettstoffwechsel) verändert sich, sodass Energie weniger effizient genutzt wird.

Antineoplastische Therapien (z. B. Chemotherapie, Strahlentherapie) verstärken diese Prozesse zusätzlich. Sie können die Schleimhäute schädigen, das Immunsystem beeinträchtigen und den Magen-Darm-Trakt belasten. Dies führt häufig zu einer verminderten Nahrungsaufnahme sowie zu Malabsorption (gestörte Aufnahme von Nährstoffen im Darm). Gleichzeitig kann der Energiebedarf durch die Erkrankung und die Therapie erhöht sein.

Vor diesem Hintergrund ist die Ernährungstherapie nicht nur eine unterstützende Maßnahme, sondern ein gezielter therapeutischer Ansatz. Ziel ist es, den krankheitsbedingten Abbauprozessen entgegenzuwirken, den Muskelverlust zu verlangsamen und die funktionellen Reserven des Körpers möglichst lange zu erhalten.

Zielsetzung der Ernährungstherapie

Im Zentrum der Ernährungstherapie steht die Vermeidung bzw. Behandlung von Mangelernährung und Sarkopenie (Verlust von Muskelmasse, Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit), da beide Faktoren eng mit einer erhöhten Komplikationsrate, einer reduzierten Therapietoleranz und einer schlechteren Prognose assoziiert sind [1, 2].

Primäre therapeutische Zielparameter sind die Stabilisierung des Körpergewichts, der Erhalt oder Aufbau der fettfreien Masse sowie die Sicherstellung einer ausreichenden Energie- und Proteinzufuhr. Ergänzend können laborchemische Parameter wie Albumin, Präalbumin oder Entzündungsmarker zur Verlaufsbeurteilung herangezogen werden.

Sekundäre Ziele umfassen die Reduktion therapieassoziierter Nebenwirkungen (z. B. Fatigue (Erschöpfung), Mukositis (Schleimhautentzündung), Übelkeit), die Verbesserung der Lebensqualität sowie die Sicherstellung der Therapieadhärenz. Eine adäquate Ernährung kann dazu beitragen, Dosisreduktionen oder Therapieabbrüche zu vermeiden.

Im Sinne der Leitlinienlogik ergibt sich folgender Ablauf: Bei onkologischer Erkrankung erfolgt ein frühzeitiges Screening auf Mangelernährung, gefolgt von einer individualisierten Ernährungstherapie mit regelmäßigem Monitoring. Dabei müssen potentielle Risiken wie Refeeding-Syndrom (potentiell lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung, die auftreten kann, wenn stark mangelernährte Patienten zu schnell wieder ernährt werden), Überernährung oder metabolische Entgleisungen berücksichtigt werden.

Kurzfristig liegt der Fokus auf der Sicherstellung der Energiezufuhr, langfristig auf dem Erhalt der funktionellen Kapazität und der Verbesserung der Prognose.

Grundprinzipien

Die Ernährungstherapie folgt dem Prinzip „so viel wie nötig, so physiologisch wie möglich“. Die orale Ernährung hat stets Vorrang und sollte individuell an Symptome, Vorlieben und den klinischen Zustand angepasst werden. Bei unzureichender oraler Zufuhr sollten frühzeitig orale Nahrungssupplemente eingesetzt werden. Reicht dies nicht aus, erfolgt eine Eskalation zur enteralen und gegebenenfalls parenteralen Ernährung. Dieses stufenweise Vorgehen entspricht den aktuellen Leitlinienempfehlungen [1, 2].

Eine zentrale Rolle spielt die Energiedichte der Nahrung, da viele Patienten nur kleine Mengen aufnehmen können.

Eine proteinreiche Ernährung ist essentiell, um den Muskelabbau zu begrenzen.

Gleichzeitig sollte die Mahlzeitenfrequenz erhöht werden, um die Aufnahme zu erleichtern und metabolische Belastungen zu reduzieren. Kleine, häufige Mahlzeiten sind meist besser verträglich als wenige große Portionen.

Angestrebte Wirkmechanismen

Die Ernährungstherapie entfaltet ihre Wirkung primär über die Modulation des Energiestoffwechsels und die Stabilisierung der Körperzusammensetzung. Eine ausreichende Proteinzufuhr unterstützt die Muskelproteinsynthese und wirkt der tumorassoziierten Sarkopenie entgegen. Dies ist klinisch relevant, da die Muskelmasse ein unabhängiger Prognosefaktor ist [3].

Ferner können bestimmte Nährstoffe inflammatorische (entzündliche) Prozesse modulieren. Omega-3-Fettsäuren (Eicosapentaensäure (EPA) und Docosahexaensäure (DHA)) zeigen beispielsweise antiinflammatorische (entzündungshemmende) Effekte und können den Gewichtsverlust bei Kachexie positiv beeinflussen. Mikronährstoffe wie Vitamin D, Vitamin C, Zink und Selen tragen zur normalen Funktion des Immunsystems bei und unterstützen antioxidative Schutzmechanismen.

Ein weiterer Effekt ist die Stabilisierung der gastrointestinalen Barriere und des intestinalen Mikrobioms (Darmflora), was insbesondere unter Chemo- und Strahlentherapie relevant ist. Eine intakte Darmbarriere reduziert das Risiko für Infektionen und systemische Entzündungsreaktionen.

Zielgruppen und Ausschlusskriterien

Geeignete Zielgruppen

  • Patienten mit soliden Tumoren und hämatologischen Neoplasien (kein fester Tumor, sondern Blut oder lymphatisches System sind betroffen)
  • Patienten unter Chemo-, Immun- oder Strahlentherapie
  • Patienten mit Gewichtsverlust > 5 % in 3 Monaten
  • Geriatrische (ältere) Patienten mit erhöhtem Sarkopenierisiko
  • Kinder und Jugendliche mit onkologischen Erkrankungen (angepasste Therapie)

Eingeschränkte Eignung

  • Schwere gastrointestinale Funktionsstörungen
  • Ausgeprägte Malabsorption

Indikationsbezogene Eignung

  • Besonders relevant bei gastrointestinalen Tumoren, Kopf-Hals-Tumoren und Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs)

Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie

Die Durchführung der Ernährungstherapie beginnt idealerweise unmittelbar nach der Diagnosestellung mit einem strukturierten Screening, um das Risiko für Mangelernährung frühzeitig zu identifizieren. Bereits ein Gewichtsverlust von ≥ 5 % in 3 Monaten oder eine reduzierte Nahrungsaufnahme (< 50-75 % des Bedarfs über > 1 Woche) sollte als Warnsignal gewertet werden.

Auf dieser Basis erfolgt eine individuelle Bedarfsberechnung. Als Richtwerte gelten:

  • Energiebedarf: ca. 25-30 kcal/kg Körpergewicht/Tag
  • Proteinbedarf: ca. 1,2-1,5 g/kg Körpergewicht/Tag
  • Bei ausgeprägter Katabolie (Stoffwechselzustand, in dem der Körper vermehrt eigene Substanz abbaut, um Energie bereitzustellen) oder Sarkopenie: bis 1,5-2,0 g/kg KG/Tag

Ein häufiger Fehler ist das Abwarten bis zum Auftreten eines deutlichen Gewichtsverlusts. Ebenso wird der Proteinbedarf häufig unterschätzt, obwohl dieser entscheidend für den Erhalt der Muskelmasse ist. Ziel ist es, den Bedarf möglichst früh zu decken und eine negative Energiebilanz zu vermeiden.

In der praktischen Umsetzung erfolgt zunächst die Optimierung der normalen Ernährung:

  • Mahlzeitenfrequenz: 5-7 kleine Mahlzeiten/Tag
  • Energieanreicherung: +300-500 kcal/Tag durch Zusatz von Fetten (z. B. Öl, Sahne)
  • Proteinverteilung: möglichst gleichmäßig über den Tag (ca. 20-30 g pro Mahlzeit)

Reicht die orale Nahrungsaufnahme nicht aus (< 75 % des Bedarfs), sollten frühzeitig orale Nahrungssupplemente (Trinknahrung) eingesetzt werden. Diese liefern typischerweise:

  • 300-600 kcal pro Portion
  • 15-30 g Protein pro Portion

Bei persistierend unzureichender Zufuhr (< 50-60 % des Bedarfs über mehrere Tage) erfolgt eine Eskalation:

  • Enterale Ernährung (Sondenernährung) bei funktionierendem Darm
  • Parenterale Ernährung bei nicht ausreichender gastrointestinaler Funktion (Nährstoffzufuhr intravenös)

Die Energiezufuhr sollte insbesondere bei mangelernährten Patienten schrittweise gesteigert werden (z. B. initial 10-15 kcal/kg KG/Tag), um das Risiko eines Refeeding-Syndroms zu vermeiden.

Die Ernährungstherapie sollte kontinuierlich über den gesamten Verlauf der Tumorerkrankung erfolgen – einschließlich Therapiepausen und Nachsorge. Regelmäßige Verlaufskontrollen sind essentiell:

  • Gewicht (1-2x/Woche)
  • Nahrungsaufnahme (Ernährungsprotokoll)
  • Ggf. Muskelmasse und funktionelle Parameter

Das therapeutische Setting ist sowohl ambulant als auch stationär möglich und sollte idealerweise interdisziplinär erfolgen (Ärzte, Ernährungsmedizin, Pflege).

Empfohlene Lebensmittel

Die Lebensmittelauswahl sollte sich an drei zentralen Prinzipien orientieren: hohe Energie- und Proteindichte, gute Verträglichkeit und symptomadaptierte Auswahl. Ziel ist es, mit möglichst kleinen Mengen eine ausreichende Nährstoffzufuhr zu erreichen.

  • Energie- und proteinreiche Lebensmittel
    • Fleisch, Fisch, Eier, Milchprodukte
    • Ggf. proteinangereicherte Produkte (z. B. Eiweißpulver, Trinknahrung)
    • Hülsenfrüchte (bei guter Verträglichkeit)
      → Ziel: ca. 1,2-1,5 g Protein/kg KG/Tag
  • Hochkalorische Lebensmittel
    • Pflanzenöle (z. B. Raps-, Olivenöl)
    • Butter, Sahne
    • Nüsse, Nussmus, Avocado
      → gezielte Anreicherung möglich (+300-500 kcal/Tag)
  • Leicht verdauliche Kohlenhydrate
    • Reis, Kartoffeln, Haferflocken
    • Weißbrot oder Toast (bei Schleimhautproblemen oft besser verträglich als Vollkorn)
      → wichtige, gut verfügbare Energiequelle
  • Mikronährstoffreiche Lebensmittel
    • Gemüse und Obst (individuell angepasst)
    • Bei eingeschränkter Aufnahme ggf. püriert oder als Smoothie

Symptombezogene Ernährung

Nebenwirkungen antineoplastischer Therapien treten häufig auf und beeinflussen die Nahrungsaufnahme maßgeblich. Die Ernährung sollte daher gezielt an die jeweilige Symptomatik angepasst werden.

Die nachfolgend aufgeführten Beschwerden gehören zu den häufigsten und ernährungsrelevantesten Nebenwirkungen. Ferner können weitere Symptome (z. B. Fatigue (Erschöpfung), frühe Sättigung oder gastrointestinale Beschwerden) auftreten, die ebenfalls individuell berücksichtigt werden müssen.

Maßnahmen nach Symptom:

Anorexie (Appetitlosigkeit):

  • Kleine, häufige Mahlzeiten (5-7/Tag)
  • Energie- und proteinreiche Anreicherung (z. B. Öl, Sahne, Nussmus)
  • Essen nach Tagesform, nicht nach festen Zeiten
  • Frühzeitiger Einsatz von Trinknahrung

Übelkeit/Erbrechen:

  • Kleine, leicht verdauliche Mahlzeiten
  • Fettarme, eher trockene Lebensmittel (z. B. Toast, Zwieback)
  • Kalte oder lauwarme Speisen (geruchsarm)
  • Essen und Trinken zeitlich trennen

Mukositis (Schleimhautentzündung):

  • Weiche, pürierte oder flüssige Kost
  • Milde, nicht saure und nicht scharfe Speisen
  • Vermeidung von sehr heißen oder harten Lebensmitteln
  • Ggf. hochkalorische Trinknahrung

Xerostomie (Mundtrockenheit):

  • Weiche, saftige oder leicht gleitfähige Speisen (z. B. Soßen, Suppen)
  • Trockene, krümelige Lebensmittel vermeiden
  • Regelmäßige Flüssigkeitszufuhr in kleinen Schlucken
  • Ggf. Kauen von zuckerfreiem Kaugummi oder Lutschen von Bonbons zur Speichelstimulation

Dysphagie (Schluckstörung):

  • Passierte oder angedickte Kost
  • Kleine Bissen, langsames Essen
  • Gut gleitfähige, homogene Speisen
  • Ggf. frühzeitige enterale Ernährung

Dysgeusie (Geschmacksveränderungen):

  • Individuelle Anpassung der Speisen (Ausprobieren!)
  • Intensiver oder neutraler Würzen, je nach Empfinden
  • Ggf. Vermeidung von Metallbesteck
  • Alternative Proteinquellen testen

Diarrhoe (Durchfall):

  • Leicht verdauliche, fettarme Kost
  • Ballaststoffarme Ernährung (akut)
  • Ausreichende Flüssigkeits- und Elektrolytzufuhr
  • Kleine, häufige Mahlzeiten

Obstipation (Verstopfung):

  • ausreichende Flüssigkeitszufuhr
  • Ballaststoffreiche Ernährung (wenn verträglich)
  • Regelmäßige Mahlzeiten
  • Bewegung soweit möglich

Genussmittelkonsum

Tabak (Rauchen)

  • Verschlechterung von Therapieansprechen und Prognose
  • Erhöhtes Komplikationsrisiko
  • Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz

Alkohol

  • Evidenz: überwiegend schädlich im onkologischen Kontext
  • Interaktionen mit Therapien möglich
  • Empfehlung: möglichst Verzicht

Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag

  • Energie gezielt erhöhen:
    • Bereits kleine Anpassungen machen einen großen Unterschied: Suppen und Pürees mit Sahne oder Öl anreichern, Kartoffelpüree mit Butter verfeinern, Joghurt mit Nussmus ergänzen. Ziel ist es, mit kleinen Portionsgrößen möglichst viele Kalorien aufzunehmen.
  • Essrhythmus anpassen:
    • Nicht auf Hunger warten, sondern feste Essenszeiten einplanen (alle 2-3 Stunden). Auch kleine Snacks zählen therapeutisch.
  • Trinknahrung frühzeitig einsetzen:
    • Nicht erst bei starkem Gewichtsverlust beginnen. Trinknahrung kann gezielt als Zwischenmahlzeit eingesetzt werden.
  • Vorrat strategisch planen:
    • Energie- und proteinreiche Lebensmittel griffbereit halten (z. B. Nüsse, Käse, Fertigsmoothies).
  • Essen entlasten:
    • Wenn möglich, Unterstützung durch Angehörige oder Essensdienste nutzen, um Energie für die Therapie zu sparen.

Ernährungsphysiologische Bewertung

Die Ernährungstherapie bei onkologischen Patienten ist in der Regel hyperkalorisch und proteinreich ausgelegt, da der Energiebedarf häufig erhöht und gleichzeitig die Nahrungsaufnahme reduziert ist [1, 2].

Protein spielt eine zentrale Rolle, da es für den Erhalt der Muskelmasse und die Immunfunktion essentiell ist. Eine unzureichende Proteinzufuhr führt rasch zu einem Verlust an fettfreier Masse, was wiederum mit einer schlechteren Prognose assoziiert ist. Dabei ist nicht nur die Menge, sondern auch die Verteilung über den Tag relevant, da die Muskelproteinsynthese durch wiederholte Aminosäureimpulse stimuliert wird.

Fette stellen eine wichtige Energiequelle dar, insbesondere bei reduzierter Kohlenhydrattoleranz oder Appetitmangel. Sie ermöglichen eine hohe Energiedichte bei geringem Volumen. Kohlenhydrate sollten individuell angepasst werden, insbesondere bei Insulinresistenz oder steroidinduzierter Hyperglykämie.

Mikronährstoffe (Vitalstoffe) verdienen besondere Aufmerksamkeit. Die Vitamine D, C, A, Zink, Selen sowie B-Vitamine (insbesondere Vitamin B6, Vitamin B12 und Folsäure) tragen nachweislich zu einer normalen Funktion des Immunsystems bei und sind insbesondere bei eingeschränkter Nahrungsaufnahme kritisch. Eine routinemäßige hochdosierte Supplementierung ohne nachgewiesenen Mangel wird jedoch nicht generell empfohlen, da potentielle Interaktionen mit onkologischen Therapien diskutiert werden [4] – siehe auch unter "Ernährungstherapie bei sekundären Immundefekten".

Ballaststoffe sollten je nach gastrointestinaler Verträglichkeit angepasst werden. Während sie grundsätzlich positive Effekte auf das Mikrobiom haben, können sie bei Durchfall oder Mukositis reduziert werden müssen.

Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen

Trotz ihrer zentralen Bedeutung ist die Ernährungstherapie nicht frei von Risiken und erfordert eine sorgfältige ärztliche Begleitung.

Ein wesentliches Risiko stellt das Refeeding-Syndrom dar, insbesondere bei stark mangelernährten Patienten. Durch eine rasche Wiederernährung kommt es zu einer Verschiebung von Elektrolyten (insbesondere Phosphat), was potentiell lebensbedrohlich sein kann. Daher ist eine schrittweise Steigerung der Energiezufuhr unter engmaschigem Monitoring erforderlich [2].

Eine Überernährung kann ebenfalls problematisch sein, da sie zu metabolischen Komplikationen wie Hyperglykämie (Überzuckerung), Hyperlipidämien (Fettstoffwechselstörungen) oder Steatosis hepatis (Leberverfettung) führen kann. Dies ist insbesondere bei parenteraler Ernährung relevant.

Mikronährstoffimbalancen sind sowohl in Form von Defiziten als auch Überdosierungen möglich. Während Defizite die Immunfunktion und Regeneration beeinträchtigen, können hochdosierte Antioxidantien theoretisch die Wirkung bestimmter Chemotherapeutika beeinflussen, da diese teilweise über oxidative Mechanismen wirken. Die Evidenz hierzu ist jedoch heterogen und erfordert eine individuelle Bewertung [5].

Gastrointestinale Nebenwirkungen wie Diarrhoe (Durchfall), Obstipation (Verstopfung) oder Blähungen können durch die Ernährung beeinflusst und müssen symptomorientiert adressiert werden.

Langfristig kann eine inadäquate Ernährung zu einem Fortschreiten der Kachexie, einer Verschlechterung der funktionellen Kapazität und einer reduzierten Überlebenswahrscheinlichkeit führen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer frühzeitigen und kontinuierlichen Ernährungstherapie.

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Absolute Kontraindikationen

  • Keine

Relative Kontraindikationen (ggf. mit Monitoringbedarf)

  • Schwere metabolische Entgleisungen
  • Intestinale Obstruktion (Verschluss des Darms) → enterale Ernährung nicht möglich, sondern parenterale Ernährung (über die Vene)
  • Schwere Resorptionsstörungen

Vorteile

  • Verbesserung des Ernährungszustandes
  • Erhalt der Muskelmasse
  • Reduktion von Therapieabbrüchen
  • Verbesserung der Lebensqualität

Grenzen

  • Keine direkte Tumorwirkung
  • Individuelle Variabilität der Verträglichkeit

Wissenschaftliche Einordnung

Die wissenschaftliche Evidenz zur Ernährungstherapie in der Onkologie ist insgesamt robust und wird durch internationale Leitlinien, insbesondere der ESPEN, klar gestützt. Es besteht ein hoher Konsens darüber, dass ein frühzeitiges Screening, eine individualisierte Ernährungstherapie sowie eine ausreichende Energie- und Proteinzufuhr essentiell sind [1, 2].

Gut belegt ist insbesondere der Zusammenhang zwischen Mangelernährung, Sarkopenie und einer schlechteren Prognose sowie einer reduzierten Therapietoleranz. Ebenso existiert überzeugende Evidenz für den Nutzen oraler Nahrungssupplemente und strukturierter ernährungstherapeutischer Interventionen [3].

Fazit

Die Ernährungstherapie ist ein zentraler, evidenzbasierter Bestandteil der supportiven Behandlung onkologischer Patienten.

Kurzfristig verbessert sie die Verträglichkeit antineoplastischer Therapien, reduziert Nebenwirkungen und stabilisiert den Ernährungszustand. Langfristig trägt sie entscheidend zum Erhalt der Muskelmasse, zur funktionellen Kapazität und zur Prognose bei.

Die Ernährungstherapie ist kein optionaler Zusatz, sondern ein integraler Bestandteil moderner Krebsmedizin.

Literatur

  1. Arends J, Bachmann P, Baracos V, Barthelemy N, Bertz H, Bozzetti F et al.: ESPEN guidelines on nutrition in cancer patients. Clin Nutr. 2017 Feb;36(1):11-48. doi: 10.1016/j.clnu.2016.07.015.
  2. Muscaritoli M, Arends J, Bachmann P et al.: ESPEN practical guideline: Clinical Nutrition in cancer. Clin Nutr. 2021 May;40(5):2898-2913. doi: 10.1016/j.clnu.2021.02.005.
  3. Baldwin C, Spiro A, Ahern R, Emery PW: Oral nutritional interventions in malnourished patients with cancer: a systematic review and meta-analysis. J Natl Cancer Inst. 2012 Mar 7;104(5):371-85. doi: 10.1093/jnci/djr556.
  4. Prado CM, Purcell SA, Alish C et al.: Implications of low muscle mass across the continuum of care: a narrative review. Ann Med. 2018 Dec;50(8):675-693. doi: 10.1080/07853890.2018.1511918.
  5. Laviano A, Di Lazzaro L, Koverech A: Nutrition support and clinical outcome in advanced cancer patients. Proc Nutr Soc. 2018 Nov;77(4):388-393. doi: 10.1017/S0029665118000459.