Somatopause – Medizingerätediagnostik
Obligate Medizingerätediagnostik
Bei der Somatopause (altersbedingte Abnahme der Wachstumshormonwirkung) bestehen keine obligaten medizingerätediagnostischen Untersuchungen. Der Begriff Somatopause bezeichnet den physiologischen, altersassoziierten Rückgang der Aktivität der Wachstumshormon-(GH-)/Insulin-like-growth-factor-1-(IGF-1-)Achse und ist nicht mit einem pathologischen Wachstumshormonmangel des Erwachsenen (krankhaft verminderte Bildung bzw. Wirkung von Wachstumshormon) gleichzusetzen [1, 2]. Die Diagnose eines tatsächlichen Wachstumshormonmangels basiert auf der klinischen Prätestwahrscheinlichkeit und der endokrinologischen Funktionsdiagnostik mit validierten GH-Stimulationstests; medizingerätediagnostische Verfahren können einen Wachstumshormonmangel weder nachweisen noch ausschließen [LL1, LL2].
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von Anamnese, körperlicher Untersuchung und klinischer Verdachtsdiagnose – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- Magnetresonanztomographie (MRT) des Schädels mit gezielter Darstellung der Hypophysen-/Sellaregion (Bereich der Hirnanhangsdrüse) – bei klinischen, hormonellen oder anamnestischen Hinweisen auf eine strukturelle hypothalamisch-hypophysäre Erkrankung (Erkrankung von Zwischenhirn und Hirnanhangsdrüse) zur ätiologischen Abklärung; insbesondere bei bekannter oder vermuteter Hypophysen-/Hypothalamuserkrankung, multiplen Hypophysenhormonausfällen (Ausfall mehrerer Hormone der Hirnanhangsdrüse) sowie nach Operation oder Bestrahlung der Sellaregion [LL1, LL2]
- Die MRT dient der Erkennung bzw. Charakterisierung struktureller Ursachen wie Hypophysenadenomen (gutartigen Tumoren der Hirnanhangsdrüse), anderen sellären bzw. suprasellären Raumforderungen (Gewebeveränderungen im oder oberhalb des Bereichs der Hirnanhangsdrüse) oder posttherapeutischen Veränderungen.
- Eine MRT ist nicht Bestandteil der Diagnostik einer physiologischen Somatopause und dient nicht dem funktionellen Nachweis eines Wachstumshormonmangels.
- Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA; Osteodensitometrie) der Lendenwirbelsäule und des proximalen Femurs – bei eigenständiger klinischer Indikation zur Osteoporosediagnostik (Abklärung einer verminderten Knochenfestigkeit) bzw. Frakturrisikobeurteilung (Beurteilung des Knochenbruchrisikos), beispielsweise bei erhöhtem Frakturrisiko, Fragilitätsfraktur (Knochenbruch bei geringer Belastung) oder relevanten Osteoporoserisikofaktoren [LL3]
- Die DXA ist das Standardverfahren zur Bestimmung der Knochenmineraldichte.
- Eine DXA allein aufgrund einer Somatopause oder eines altersassoziierten Rückgangs der GH-/IGF-1-Aktivität ist nicht indiziert.
- Bildgebung der Brust- und Lendenwirbelsäule mittels konventionellem Röntgen bzw. Vertebral Fracture Assessment (VFA) im Rahmen einer DXA-Untersuchung – bei klinischem Verdacht auf vertebrale Fragilitätsfrakturen (Wirbelkörperbrüche bei geringer Belastung) bzw. bei entsprechender osteologischer Indikation [LL3]
- Handkraftmessung mittels Dynamometrie – bei klinischem Verdacht auf Sarkopenie (alters- oder krankheitsbedingten Verlust von Muskelkraft und Muskelmasse) zur objektiven Erfassung einer verminderten Muskelkraft; eine reduzierte Muskelkraft begründet nach dem EWGSOP2-Konzept den Verdacht auf eine wahrscheinliche Sarkopenie [3]
- Bestimmung der Körperzusammensetzung mittels Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) oder bioelektrischer Impedanzanalyse (BIA) – bei Verdacht auf Sarkopenie zur Bestimmung der Muskelquantität und Bestätigung einer Sarkopenie bei bereits nachgewiesener bzw. verminderter Muskelkraft [3]
- Mittels DXA kann insbesondere die appendikuläre Skelettmuskelmasse (Muskelmasse der Arme und Beine) bzw. appendikuläre fettfreie Masse quantifiziert werden.
- Die BIA ermöglicht eine indirekte Abschätzung der Muskelmasse; Messergebnisse sind geräte-, populations- und hydratationsabhängig zu interpretieren.
- DXA und BIA dienen nicht dem Nachweis oder der Stadieneinteilung einer Somatopause.
- Computertomographie (CT) bzw. Magnetresonanztomographie (MRT) zur quantitativen Beurteilung der Skelettmuskulatur – nur bei speziellen klinischen bzw. wissenschaftlichen Fragestellungen; aufgrund begrenzter standardisierter klinischer Referenzwerte, Kosten und bei der CT zusätzlich der Strahlenexposition keine Routinediagnostik der Sarkopenie und keine Diagnostik der Somatopause [3]
Hinweise zur Befundinterpretation
- Die mit zunehmendem Lebensalter abnehmende pulsatile GH-Sekretion und die Abnahme der IGF-1-Konzentration sind physiologische Bestandteile des Alterns. Ein altersentsprechender Rückgang der somatotropen Achse (Wachstumshormon-Regelkreis) darf daher nicht mit einem pathologischen Wachstumshormonmangel des Erwachsenen gleichgesetzt werden [1, 2].
- Ein pathologischer Wachstumshormonmangel des Erwachsenen ist insbesondere bei struktureller hypothalamisch-hypophysärer Erkrankung, vorausgegangener Operation oder Bestrahlung der Sellaregion sowie bei weiteren Hypophysenhormonausfällen in Betracht zu ziehen. Die Diagnosesicherung erfolgt durch die endokrinologische Funktionsdiagnostik und nicht durch bildgebende Verfahren [LL1, LL2].
- Medizingerätediagnostische Untersuchungen dienen bei Personen mit altersassoziierter Abnahme der GH-/IGF-1-Aktivität ausschließlich der Abklärung eigenständiger Differentialdiagnosen, struktureller hypothalamisch-hypophysärer Erkrankungen oder klinisch relevanter Begleiterkrankungen wie Osteoporose (verminderte Knochenfestigkeit) und Sarkopenie [2, 3, LL1-LL3].
- Es existiert kein medizingerätediagnostischer Befund, anhand dessen eine physiologische Somatopause als eigenständige Erkrankung diagnostiziert oder quantifiziert werden kann [1, 2].
Literatur
- Hoffman AR, Maldonado Gangotena A: Treatment of the somatopause: A perennial question. Growth Horm IGF Res. 2026;85:101718. DOI: 10.1016/j.ghir.2026.101718
- Cappola AR, Auchus RJ, El-Hajj Fuleihan G et al.: Hormones and Aging: An Endocrine Society Scientific Statement. J Clin Endocrinol Metab. 2023;108(8):1835-1874. doi: 10.1210/clinem/dgad225
- Cruz-Jentoft AJ, Bahat G, Bauer J et al.: Sarcopenia: revised European consensus on definition and diagnosis. Age Ageing. 2019;48(1):16-31. doi: 10.1093/ageing/afy169
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Yuen KCJ, Biller BMK, Radovick S et al.: American Association of Clinical Endocrinologists and American College of Endocrinology Guidelines for Management of Growth Hormone Deficiency in Adults and Patients Transitioning from Pediatric to Adult Care. Endocr Pract. 2019;25(11):1191-1232. doi: 10.4158/GL-2019-0405 [LL1]
- Molitch ME, Clemmons DR, Malozowski S et al.: Evaluation and Treatment of Adult Growth Hormone Deficiency: An Endocrine Society Clinical Practice Guideline. J Clin Endocrinol Metab. 2011;96(6):1587-1609. doi: 10.1210/jc.2011-0179 [LL2]
- S3-Leitlinie: Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern ab dem 50. Lebensjahr. (AWMF-Registernummer 183-001). September 2023 Langfassung [LL3]