Kollagen-I-Telopeptid

Kollagen-I-Telopeptid ist ein Knochenresorptionsmarker (Marker für den Knochenabbau) und erfasst Abbauprodukte des Typ-I-Kollagens (wichtigstes Strukturprotein des Knochens). Der Begriff ist in der Praxis allerdings uneinheitlich und kann assayabhängig (abhängig vom Testverfahren) unterschiedliche Telopeptid-Fragmente meinen, insbesondere CTX, NTX oder ICTP.

Für die heutige osteologische Routinediagnostik (Standarddiagnostik von Knochenerkrankungen) sind nicht mehr urinbasierte Kollagen-I-Telopeptid-Bestimmungen der Standard, sondern β-CTX-I im Blut als Referenzmarker der Knochenresorption (Knochenabbau). Die frühere Aussage, Kollagen-I-Telopeptid solle grundsätzlich zusammen mit Desoxypyridinolin gemessen werden, ist daher in dieser Allgemeinheit nicht mehr leitliniengerecht (entspricht nicht den aktuellen medizinischen Leitlinien).

Synonyme

  • Typ-I-Kollagen-Telopeptid
  • C-terminales Typ-I-Kollagen-Telopeptid (CTX/CTX-I, β-CTX-I) – assayabhängig (abhängig vom Testverfahren)
  • N-terminales Typ-I-Kollagen-Telopeptid (NTX/NTX-I) – assayabhängig (abhängig vom Testverfahren)
  • Cross-linked carboxyterminal telopeptide of type I collagen (ICTP) – nicht identisch mit β-CTX-I

Der genaue Analyt (zu messender Laborparameter) sollte auf dem Laborauftrag immer spezifiziert werden, da „Kollagen-I-Telopeptid“ kein eindeutig standardisierter Einzelparameter ist.

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Bevorzugt: EDTA-Plasma (Blutprobe mit Gerinnungshemmstoff) für β-CTX-I
    • Alternativ je nach Testsystem: Serum (flüssiger Anteil des Blutes ohne Gerinnungsfaktoren)
    • Urin nur noch assay- und fragestellungsabhängig (abhängig vom Testverfahren und der klinischen Fragestellung); urinbasierte Bestimmungen sind präanalytisch (vor der eigentlichen Analyse) störanfälliger und in der Routinediagnostik deutlich zurückgedrängt
  • Vorbereitung des Patienten
    • Morgendliche Blutentnahme (Blutabnahme), möglichst zwischen 7:30 und 10:00 Uhr
    • Nüchtern nach nächtlicher Fastenphase (ohne vorherige Nahrungsaufnahme)
    • Verlaufskontrollen möglichst immer zur gleichen Tageszeit und mit gleichem Probentyp/gleicher Methode durchführen
  • Störfaktoren
    • Ausgeprägte zirkadiane Rhythmik (tageszeitliche Schwankungen), besonders bei β-CTX-I
    • Nahrungsaufnahme mit deutlicher Absenkung von β-CTX-I
    • Körperliche Aktivität, Immobilisation (Bewegungsmangel), akute Frakturheilung (Heilung eines Knochenbruchs)
    • Niereninsuffizienz (eingeschränkte Nierenfunktion), insbesondere bei β-CTX-I und totalem PINP
    • Unterschiedliche Assays/Matrixeffekte (unterschiedliche Testverfahren und Probenarten); Ergebnisse verschiedener Methoden sind nur eingeschränkt vergleichbar
    • Bei Urinmethoden zusätzlich: Sammelfehler, Kreatinin-Korrektur (Anpassung an die Kreatininausscheidung), Tag-zu-Tag-Variabilität (tägliche Schwankungen)
  • Methode
    • Immunoassay (laborchemisches Verfahren zum Nachweis von Eiweißstoffen mittels Antikörpern)
    • Heute bevorzugt standardisierte/harmonisierte Blutassays (standardisierte Testverfahren im Blut) für β-CTX-I
    • Urinbasierte CTX-/NTX-/ICTP-Verfahren sind historisch etabliert, aber nicht mehr bevorzugter Referenzstandard

Normbereiche (je nach Labor)

  • Es existiert kein einheitlicher, methodenübergreifend gültiger Referenzbereich für „Kollagen-I-Telopeptid“.
  • Referenzintervalle (Normbereiche) sind abhängig von
    • gemessenem Fragment (β-CTX-I, NTX, ICTP),
    • Matrix (EDTA-Plasma, Serum, Urin),
    • Testsystem,
    • Alter, Geschlecht und Menopausenstatus (Zeit nach der letzten Regelblutung).
  • Bei Urinmethoden erfolgt die Angabe meist kreatininbezogen (im Verhältnis zum Kreatinin im Urin).
  • Normbereiche sind methoden- und laborabhängig.

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Verlaufskontrolle einer antiresorptiven Osteoporosetherapie (Behandlung des Knochenschwunds mit Hemmung des Knochenabbaus)
  • Beurteilung der Therapieadhärenz (Therapietreue) und des frühen Therapieansprechens, typischerweise nach 3-12 Monaten
  • Monitoring (Überwachung) nach Absetzen von Denosumab bzw. bei geplanter Sequentialtherapie (aufeinanderfolgende Therapie); in der DVO-Leitlinie (medizinische Behandlungsleitlinie) werden hierfür CTX und P1NP explizit herangezogen
  • Ergänzende Beurteilung bei Verdacht auf Zustände mit hohem Knochenumsatz (verstärkter Knochenumbau), jedoch nicht als alleiniger Erstlinienparameter zur Diagnosestellung einer Osteoporose (Knochenschwund)
  • Bei fortgeschrittener chronischer Nierenkrankheit (dauerhafte Nierenerkrankung) sollten statt β-CTX-I bevorzugt BALP und/oder TRACP5b erwogen werden

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Gesteigerte Knochenresorption (vermehrter Knochenabbau)
    • Unbehandelte Osteoporose (Knochenschwund) mit hohem Knochenumsatz
    • Postmenopausaler Knochenumbau (Knochenveränderungen nach den Wechseljahren)
    • Immobilisation (Bewegungsmangel)
    • Primärer oder sekundärer Hyperparathyreoidismus (Überfunktion der Nebenschilddrüsen)
    • Hyperthyreose (Überfunktion der Schilddrüse)
    • Morbus Paget (Knochenerkrankung mit gestörtem Knochenumbau)
    • Osteolytische Knochenmetastasen (knochenabbauende Tochtergeschwülste) oder multiples Myelom (bösartige Erkrankung des Knochenmarks)
    • Frische Fraktur (Knochenbruch) bzw. Frakturheilung (Heilung eines Knochenbruchs) als wichtige Differenzialursache (mögliche andere Ursache)
  • Erniedrigte Werte
    • Suppression der Knochenresorption (Hemmung des Knochenabbaus) unter wirksamer antiresorptiver Therapie
    • Niedriger Knochenumsatz (verminderter Knochenumbau)
    • Isoliert erniedrigte Werte sind diagnostisch meist weniger aussagekräftig als pathologisch erhöhte oder im Verlauf deutlich fallende Werte
  • Spezifische Konstellationen
    • Für die Routinediagnostik der Osteoporose (Knochenschwund) sind heute PINP und β-CTX-I im Blut die bevorzugten Referenzmarker
    • Bei CKD (chronische Nierenkrankheit) können β-CTX-I und totales PINP durch renale Retention (verminderte Ausscheidung über die Niere) erhöht sein; dort sind BALP, TRACP5b und gegebenenfalls intaktes PINP geeigneter
    • Nach Denosumab-Absetzen nennt die DVO-Leitlinie (medizinische Behandlungsleitlinie) als relevante Schwellen CTX > 0,280 ng/ml oder P1NP > 35 µg/L für die Steuerung der Zoledronat-Sequenztherapie

Weiterführende Diagnostik

  • Knochenaufbaumarker
    • PINP
    • knochenspezifische alkalische Phosphatase (BALP)
  • Weitere Laborparameter
    • Calcium, Phosphat, alkalische Phosphatase
    • Kreatinin bzw. geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (Maß für die Nierenfunktion)
    • Parathormon (Hormon der Nebenschilddrüsen)
    • 25-OH-Vitamin D (Speicherform von Vitamin D)
    • gegebenenfalls TSH (Thyreoidea-stimulierendes Hormon; Steuerhormon der Schilddrüse)
  • Bei spezieller Fragestellung
    • TRACP5b, insbesondere bei CKD (chronische Nierenkrankheit)
    • Serum-/Urin-Elektrophorese (Auftrennung von Eiweißen im Blut oder Urin) und freie Leichtketten (Bestandteile von Antikörpern) bei Verdacht auf multiples Myelom (bösartige Erkrankung des Knochenmarks)
    • bildgebende Diagnostik (Untersuchungen mit bildgebenden Verfahren), insbesondere Dual-Röntgen-Absorptiometrie (DXA) (Knochendichtemessung mittels Röntgen) und bei Verdacht auf fokale Knochenläsionen (umschriebene Knochenschäden) ergänzende Bildgebung

Literatur

  1. Bhattoa HP, Vasikaran S, Trifonidi I et al.: Update on the role of bone turnover markers in the diagnosis and management of osteoporosis: a consensus paper from The European Society for Clinical and Economic Aspects of Osteoporosis, Osteoarthritis and Musculoskeletal Diseases (ESCEO), International Osteoporosis Foundation (IOF), and International Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (IFCC). Osteoporos Int. 2025;36(4):579-608. https://doi.org/10.1007/s00198-025-07422-3
  2. Lombardi G, Cavalier E, Jørgensen NR et al.: Guidelines for the correct use of the nomenclature of biochemical indices of bone status: a position statement of the Joint IOF Working Group and IFCC Committee on Bone Metabolism. Clin Chem Lab Med. 2024;63(4):704-711. https://doi.org/10.1515/cclm-2024-1148
  3. Pfeil A, Lange U. Update on the DVO Guideline 2023 „Prophylaxis, diagnosis and treatment of osteoporosis in postmenopausal women and in men aged over 50“ - What’s new for rheumatology? Z Rheumatol. 2024;83(5):401-406. https://doi.org/10.1007/s00393-024-01495-x
  4. Dachverband Osteologie. DVO-Leitlinie 2023 zur Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose bei postmenopausalen Frauen und bei Männern. AWMF/DVO; 2023.
    https://register.awmf.org/assets/guidelines/183-001k_S3_Prophylaxe-Diagnostik-Therapie-der-Osteoporose_2023-11.pdf?utm_source=chatgpt.com