Radikuläre Zyste – Folgeerkrankungen

Die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine radikuläre Zyste (entzündliche Kieferzyste an der Zahnwurzel) mitbedingt sein können, sind:

Atmungssystem (J00-J99)

  • Odontogene Sinusitis maxillaris (durch Zahnerkrankung verursachte Kieferhöhlenentzündung) – bei Oberkieferläsionen (Veränderungen im Oberkiefer) mit Ausdehnung in Richtung Sinus maxillaris (Kieferhöhle) beziehungsweise bei sekundärer odontogener Infektion (durch Zahnerkrankung verursachte Infektion) [LL1]
  • Abszess (Eiteransammlung) der Kieferhöhle – selten; meist bei infizierter radikulärer Oberkieferzyste mit Beteiligung des Sinus maxillaris [LL1, LL2]

Augen und Augenanhangsgebilde (H00-H59)

  • Orbitale Cellulitis (entzündliche Infektion der Augenhöhle)/orbitaler Abszess – sehr selten; möglich bei fortgeleiteter odontogener Infektion über die Nasennebenhöhlen mit orbitaler Ausbreitung [LL2]

Haut und Unterhaut (L00-L99)

  • Extraorale Fistelung (Gangbildung nach außen) – bei chronisch infizierter oder rezidivierend infizierter radikulärer Zyste mit Durchbruch durch die Kortikalis (Knochenrinde) und Drainage (Ableitung) nach extraoral [LL2]
  • Faziale Weichteilschwellung (Schwellung der Gesichtsweichteile) – bei akuter Exazerbation (Verschlechterung) beziehungsweise sekundärer Infektion der Zyste [LL2]

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Akute odontogene Infektion – bei sekundärer bakterieller Infektion einer radikulären Zyste, meist ausgehend von einem devitalen Zahn (abgestorbenen Zahn) beziehungsweise einer apikalen Parodontitis (Entzündung an der Zahnwurzelspitze) [LL2, LL3]
  • Sepsis (Blutvergiftung) – sehr selten; keine typische Folge einer unkomplizierten radikulären Zyste, sondern nur bei progredienter odontogener Infektion (fortschreitender Infektion) mit systemischer Ausbreitung, Immunsuppression (Unterdrückung des Immunsystems), relevanten Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) oder verzögerter Behandlung [LL2]

Mund, Ösophagus (Speiseröhre), Magen und Darm (K00-K67; K90-K93)

  • Abszessbildung – bei sekundär infizierter radikulärer Zyste oder akuter Exazerbation einer apikalen Entzündung [LL2, LL3]
  • Alveolarknochenexpansion (Ausdehnung des Zahnfachknochens) – bei langsam progredienter Größenzunahme der Zyste mit Auftreibung der Kortikalis
  • Infektion der Zyste – Übergang einer chronisch entzündlichen radikulären Zyste in eine akute odontogene Infektion [LL2, LL3]
  • Intraorale Fistelung (Gangbildung in die Mundhöhle) – bei chronischer Drainage einer infizierten radikulären Zyste in die Mundhöhle [LL2]
  • Kortikalisperforation (Durchbruch der Knochenrinde) – bei großen radikulären Zysten mit Ausdünnung und Durchbruch der bukkalen (wangenseitigen), palatinalen (gaumenseitigen) oder lingualen Kortikalis (zungenseitigen Knochenrinde)
  • Ostitis des Kiefers (Knochenentzündung des Kiefers) – lokal begrenzte entzündliche Beteiligung des Kieferknochens bei fortgeleiteter odontogener Infektion [LL2]
  • Verdrängung benachbarter Zähne – bei großen Zysten durch expansives Wachstum
  • Wurzelresorption (Abbau der Zahnwurzel) benachbarter Zähne – selten; möglich bei länger bestehender großer Zyste mit Kontakt zu Nachbarwurzeln
  • Zahnlockerung beziehungsweise Zahnverlust – bei ausgeprägter periapikaler Knochenresorption (Knochenabbau um die Zahnwurzelspitze) und Verlust des parodontalen Stützgewebes (Zahnhalteapparats) [LL3]

Muskel-Skelett-System und Bindegewebe (M00-M99)

  • Kieferosteolyse (Knochenauflösung des Kiefers) – Folge der zystischen Expansion mit lokaler Knochenresorption (Knochenabbau)
  • Osteomyelitis des Kiefers (Knochenmarkentzündung des Kiefers) – selten; bei fortgeleiteter odontogener Infektion, Risikokonstellationen oder inadäquater Drainage/Therapie [LL2]
  • Pathologische Fraktur des Kiefers (krankheitsbedingter Knochenbruch des Kiefers) – sehr selten; Risiko vor allem bei großen mandibulären Zysten (Unterkieferzysten) mit erheblicher kortikaler Ausdünnung (Ausdünnung der Knochenrinde)

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Maligne Transformation (bösartige Umwandlung) – extrem selten; beschrieben sind vor allem primär intraossäre Plattenepithelkarzinome (im Knochen entstandene bösartige Tumoren der Deckzellschicht), die aus odontogenen Zysten hervorgehen können. Für radikuläre/residuale Zysten beruht die Evidenz im Wesentlichen auf systematischen Reviews (systematischen Übersichtsarbeiten) von Fallberichten und Fallserien [1, 2]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Hypästhesie/Parästhesie (vermindertes Gefühl/Missempfindung) im Versorgungsgebiet benachbarter Nerven – selten; möglich bei großen Zysten mit Druck auf den Nervus alveolaris inferior (Unterkiefernerv), Nervus mentalis (Kinnnerv) oder benachbarte sensible Nervenäste (gefühlsleitende Nervenäste)
  • Schmerz – meist Ausdruck einer sekundären Infektion, akuten Exazerbation oder Druckwirkung; unkomplizierte radikuläre Zysten bleiben häufig asymptomatisch (ohne Beschwerden) [LL2, LL3]

Prognosefaktoren

  • Zystengröße und Lokalisation
    • Große Läsionen, mandibuläre Lokalisation (Lage im Unterkiefer) und Nähe zum Canalis mandibulae (Unterkieferkanal) erhöhen das Risiko für Knochendefekt (Knochenschaden), Nervenirritation (Nervenreizung) und pathologische Fraktur.
    • Oberkieferläsionen mit Ausdehnung zum Sinus maxillaris erhöhen das Risiko für odontogene Sinusitis maxillaris [LL1].
  • Infektionsstatus
    • Sekundäre Infektion, Abszedierung (Abszessbildung), Fistelbildung und Ausbreitungstendenz verschlechtern die Prognose und erfordern konsequente lokale Sanierung, Drainage und gegebenenfalls systemische Therapie [LL2].
  • Ursachenzahn und endodontische Sanierbarkeit
    • Erhaltungswürdigkeit, endodontische Behandelbarkeit (Behandelbarkeit des Zahninneren) und suffiziente Infektionskontrolle des ursächlichen Zahnes bestimmen Rezidivrisiko (Rückfallrisiko) und Therapieerfolg [LL3].
  • Histopathologische Sicherung
    • Bei großen, atypischen, rezidivierenden oder klinisch/radiologisch nicht eindeutigen Läsionen ist die histopathologische Untersuchung (feingewebliche Untersuchung) relevant, um odontogene Tumoren oder seltene maligne Transformationen auszuschließen [1, 2].
  • Immunkompetenz und Komorbiditäten
    • Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Immunsuppression, schwere Allgemeinerkrankungen und verzögerte Behandlung erhöhen das Risiko progredienter odontogener Infektionen [LL2].

Literatur

  1. Borrás-Ferreres J, Sánchez-Torres A, Gay-Escoda C. Malignant changes developing from odontogenic cysts: A systematic review. J Clin Exp Dent. 2016;8(5):e622-e628. https://doi.org/10.4317/jced.53256
  2. Sulistyani LD, Iskandar L, Zairinal VN, Arlen AK, Purba F, Ariawan D. Transformation of Odontogenic Cysts to Neoplasms - A Systematic Review. Ann Maxillofac Surg. 2023;13(1):76-80. https://doi.org/10.4103/ams.ams_226_22

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Odontogene Sinusitis maxillaris. (AWMF-Registernummer 007-086). März 2026 Langfassung
  2. S3-Leitlinie: Odontogene Infektionen. (AWMF-Registernummer 007-006) September 2021 Langfassung
  3. Duncan HF, Kirkevang LL, Peters OA, El-Karim I, Krastl G, Del Fabbro M et al.: Treatment of pulpal and apical disease: The European Society of Endodontology (ESE) S3-level clinical practice guideline. Int Endod J. 2023;56(S3):238-295. https://doi.org/10.1111/iej.13974