Fastenkuren
Unter dem Begriff Fasten werden unterschiedliche Ernährungsinterventionen (gezielte Veränderungen der Ernährung) zusammengefasst, bei denen die Energiezufuhr für einen definierten Zeitraum vollständig oder teilweise eingeschränkt wird. Fasten ist daher nicht mit einer einheitlichen Diätform gleichzusetzen. Es umfasst zeitlich begrenzte tägliche Essensfenster, intermittierende Fastentage, mehrtägiges modifiziertes Fasten, ausschließlich flüssigkeitsbasierte Verfahren sowie das totale Fasten ohne Zufuhr energieliefernder Nährstoffe.
Nach dem internationalen Konsens zur Fastenterminologie von 2024 liegt modifiziertes Fasten (Fasten mit sehr geringer Energiezufuhr) vor, wenn höchstens 25 % des individuellen Energiebedarfs zugeführt werden. Als Intervallfasten (Fasten in regelmäßig wiederkehrenden Zeitabschnitten) gelten wiederkehrende Fastenperioden von höchstens 48 Stunden, während eine kontinuierliche Fastendauer von mindestens vier aufeinanderfolgenden Tagen als prolongiertes Fasten (länger andauerndes Fasten) eingeordnet wird [1]. Traditionelle Fastenkuren wie das Heilfasten nach Buchinger oder die Schroth-Kur lassen sich diesen Kategorien nur teilweise zuordnen, da sie zusätzliche ernährungsbezogene, bewegungstherapeutische und teilweise naturheilkundliche Komponenten umfassen.
Für die klinische Bewertung müssen Fastenform, Dauer, Energie- und Proteinzufuhr, Flüssigkeits- und Elektrolytmanagement (Steuerung des Mineralstoffhaushalts), Begleiterkrankungen, Medikation sowie der Ernährungszustand (Versorgungszustand des Körpers) getrennt beurteilt werden. Ergebnisse zu einer Fastenform dürfen nicht unkritisch auf andere Verfahren übertragen werden.
Physiologische Grundlagen (Grundlagen der Körperfunktionen)
Die metabolische Reaktion (Stoffwechselreaktion) auf eine reduzierte Energiezufuhr ist ein gradueller Anpassungsprozess. Mit sinkender exogener Glukosezufuhr (Zufuhr von Traubenzucker von außen) nehmen Insulinsekretion (Ausschüttung des Hormons Insulin) und hepatische Glykogenspeicherung (Speicherung von Zuckerreserven in der Leber) ab, während Glykogenolyse (Abbau gespeicherter Zuckerreserven), Glukoneogenese (Neubildung von Glukose), Lipolyse (Abbau von Körperfett) und Ketogenese (Bildung von Ketonkörpern) an Bedeutung gewinnen. Der Zeitpunkt des Übergangs hängt unter anderem vom Ausgangsernährungszustand, vom Leberglykogengehalt, von der körperlichen Aktivität, von der Körperzusammensetzung und von der vorausgehenden Makronährstoffzufuhr (Zufuhr von Kohlenhydraten, Fetten und Eiweiß) ab [1, 6].
Bei längerem Fasten werden freie Fettsäuren und Ketonkörper (Ersatzenergieträger aus dem Fettstoffwechsel) zunehmend zur Energieversorgung genutzt. Ein vollständiger Schutz der fettfreien Körpermasse (Körpermasse ohne Fettgewebe) besteht jedoch nicht. Das Ausmaß des Proteinabbaus wird durch Fastendauer, Ausgangsgewicht, Proteinzufuhr, körperliche Aktivität, Lebensalter und Begleiterkrankungen beeinflusst. Insbesondere bei älteren, vorerkrankten oder bereits sarcopenen Personen (Personen mit alters- oder krankheitsbedingtem Muskelabbau) kann eine ausgeprägte Energierestriktion (Verringerung der Energiezufuhr) den Verlust an Muskelmasse und Muskelkraft beschleunigen.
Die initiale Natriurese (vermehrte Natriumausscheidung über die Nieren) und Diurese (vermehrte Harnausscheidung) können zu einem raschen Gewichtsverlust führen, der nicht mit einem entsprechenden Verlust an Fettmasse gleichzusetzen ist. Gleichzeitig können Blutdruck, Flüssigkeitsbedarf, Nierenfunktion, Harnsäurekonzentration sowie die Konzentrationen von Natrium, Kalium, Magnesium und Phosphat verändert werden.
Fasteninduzierte Veränderungen von Ketonkörpern, zellulären Stressantworten, Autophagie (zellulärer Abbau- und Wiederverwertungsprozess), Insulin-like Growth Factor 1 (insulinähnlicher Wachstumsfaktor 1) und weiteren Signalwegen (Steuerungswegen in Zellen) sind Gegenstand intensiver Forschung. Aus mechanistischen oder tierexperimentellen Befunden (Ergebnissen aus Tierversuchen) können derzeit jedoch weder eine klinisch relevante Aktivierung der Autophagie noch eine Lebensverlängerung, Tumorprävention (Vorbeugung von Krebserkrankungen) oder allgemeine Krankheitsheilung beim Menschen abgeleitet werden [1, 6, 8].
Therapeutische Zielsetzung und Evidenz
Die belastbarste klinische Evidenz liegt für Intervallfasten bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas (Fettleibigkeit) vor. Relevante Zielgrößen sind vor allem Körpergewicht, Taillenumfang, Blutdruck, Glukosestoffwechsel (Zuckerstoffwechsel) und Lipidparameter (Blutfettwerte). Die Effekte beruhen überwiegend auf einer Verringerung der mittleren Energiezufuhr und der daraus resultierenden Gewichtsabnahme.
Eine Netzwerk-Metaanalyse (statistische Gesamtauswertung direkter und indirekter Studienvergleiche) von 99 randomisierten klinischen Studien (Studien mit zufälliger Gruppenzuteilung) mit 6.582 Erwachsenen zeigte für Intervallfasten insgesamt vergleichbare Effekte wie für eine kontinuierliche Energierestriktion. Lediglich das Alternate-Day Fasting (ADF; alternierendes Tagesfasten) führte gegenüber der kontinuierlichen Energierestriktion zu einer zusätzlichen Gewichtsabnahme von durchschnittlich 1,29 kg. Dieser Unterschied lag unterhalb der von den Autoren definierten klinisch relevanten Schwelle von 2 kg und wurde überwiegend in kürzeren Studien beobachtet [2].
Der Cochrane-Review (systematische Übersichtsarbeit nach Cochrane-Standards) von 2026 ergab ebenfalls keinen überzeugenden Hinweis auf eine klinisch relevante langfristige Überlegenheit des Intervallfastens gegenüber einer konventionellen Ernährungsberatung oder kontinuierlichen Energierestriktion. Die Evidenzsicherheit (Verlässlichkeit der wissenschaftlichen Belege) für längerfristige Effekte, Lebensqualität und unerwünschte Ereignisse wurde überwiegend als niedrig oder sehr niedrig bewertet [3]. Auch Metaanalysen von Interventionen mit einer Dauer von mindestens sechs Monaten zeigen keine konsistente Überlegenheit einer bestimmten Intervallfastenstrategie [4].
Die deutsche S3-Leitlinie zur Prävention und Therapie der Adipositas führt Intervallfasten daher als eine von mehreren möglichen Ernährungsstrategien zur Erzielung einer moderaten Energierestriktion auf. Die Auswahl soll sich an individuellen Präferenzen, Umsetzbarkeit, Adhärenz (Therapietreue), Begleiterkrankungen und der langfristigen Sicherung einer bedarfsdeckenden Ernährung orientieren [LL1].
Für mehrtägiges modifiziertes Fasten, Saftfasten, Buchinger-Fasten, Schroth-Kuren und totales Fasten ist die Evidenz deutlich begrenzter. Häufig liegen unkontrollierte Prä-post-Studien (Untersuchungen mit einem Vergleich vor und nach der Maßnahme), selektierte Kollektive aus spezialisierten Fasteneinrichtungen oder Studien mit kurzen Nachbeobachtungszeiten vor. Aussagen über langfristige Gewichtsstabilität, kardiovaskuläre Ereignisse (Erkrankungsereignisse des Herz-Kreislauf-Systems), Diabetesmanifestation (erstmaliges Auftreten einer Zuckerkrankheit), Mortalität (Sterblichkeit) oder Lebensverlängerung sind daraus nicht möglich [6-8].
„Entgiftung“ und „Entschlackung“: Diese Begriffe beschreiben keine anerkannten medizinischen Diagnosen oder validierten klinischen Endpunkte (wissenschaftlich geprüfte medizinische Zielgrößen). Leber, Nieren, Gastrointestinaltrakt (Magen-Darm-Trakt), Lunge und Haut sind kontinuierlich an Biotransformation (chemische Umwandlung von Stoffen im Körper) und Ausscheidung beteiligt. Für die Behauptung, Fastenkuren entfernten unspezifische „Schlacken“ oder Umwelttoxine (Umweltgifte) aus dem Körper, besteht keine belastbare klinische Evidenz. Ebenso wenig lassen sich pauschale Aussagen über eine generelle „Reinigung“, „Entsäuerung“ oder Aktivierung unspezifischer Selbstheilungskräfte wissenschaftlich begründen.
Einordnung der nachfolgenden Fastenformen
Intervallfasten: Intervallfasten umfasst unter anderem die zeitlich begrenzte Nahrungsaufnahme, beispielsweise 14:10 oder 16:8, das 5:2-Fasten sowie das Alternate-Day Fasting. Es ist die am besten untersuchte Fastenform. Bei geeigneten Erwachsenen kann es als Alternative zur kontinuierlichen Energierestriktion eingesetzt werden, sofern Nährstoffqualität, Proteinzufuhr, Gesamtenergieaufnahme und langfristige Adhärenz berücksichtigt werden [2-5, LL1].
Markert-Diät: Die Markert-Diät ist ein kommerziell geprägtes, sehr niedrigenergetisches Diätkonzept mit formula- bzw. proteinbasierter Nährstoffzufuhr und begleitender körperlicher Aktivität. Sie entspricht keiner international einheitlich definierten Fastenkategorie. Für einen spezifischen Zusatznutzen der Markert-Diät gegenüber einer konventionellen, strukturierten Energierestriktion liegt keine hinreichende aktuelle, methodisch belastbare Evidenz vor. Ihre Bewertung muss sich daher an den allgemeinen Kriterien sehr niedrigenergetischer und formula-basierter Diäten orientieren.
Modifiziertes Fasten: Beim modifizierten Fasten werden höchstens 25 % des individuellen Energiebedarfs zugeführt [1]. Je nach Konzept können geringe Mengen Kohlenhydrate, Protein, Fett, Gemüsebrühe, Säfte oder Formula-Produkte (industriell zusammengesetzte Ersatznahrungen) enthalten sein. Eine gezielte Protein-, Vitamin-, Mineralstoff- und Elektrolytzufuhr kann bei entsprechender Indikation sinnvoll sein, um das Risiko einer inadäquaten Mikronährstoffversorgung (Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen) und eines übermäßigen Verlustes fettfreier Körpermasse zu reduzieren. Die konkrete Zusammensetzung ist jedoch nicht standardisiert und muss für jedes Verfahren separat beurteilt werden.
Saftfasten und Heilfasten nach Buchinger: Diese Verfahren sind Formen eines flüssigkeitsbasierten, modifizierten Fastens. Neben Wasser und Tee werden typischerweise geringe Energiemengen über Gemüsebrühen und Obst- oder Gemüsesäfte zugeführt. Eine prospektive Beobachtungsstudie mit 1.422 Teilnehmenden dokumentierte unter stationären bzw. strukturierten Bedingungen bei einer Energiezufuhr von etwa 200-250 kcal täglich eine kurzfristige Gewichtsabnahme und Veränderungen kardiometabolischer Surrogatparameter (Ersatzmesswerte für Herz-Kreislauf- und Stoffwechselrisiken) [7]. Wegen des fehlenden Kontrollarms (fehlenden Vergleichsgruppe), des selektierten Patientenkollektivs (gezielt ausgewählten Gruppe von Patientinnen und Patienten) und bestehender Interessenkonflikte belegt die Studie jedoch weder eine kausale therapeutische Wirksamkeit noch eine langfristige Sicherheit.
Schroth-Kur: Die Schroth-Kur ist ein historisches naturheilkundliches Kombinationsverfahren aus energiereduzierter Kost, wechselnder Flüssigkeitszufuhr und physikalischen Anwendungen. Sie entspricht keiner standardisierten evidenzbasierten Ernährungstherapie. Insbesondere restriktive Trinkphasen sind wegen des Risikos von Dehydration (Flüssigkeitsmangel), Hypotonie (niedriger Blutdruck), Nierenfunktionsstörungen und Elektrolytveränderungen kritisch zu bewerten. Ein über die allgemeine Wirkung einer Energierestriktion hinausgehender therapeutischer Nutzen ist durch hochwertige aktuelle Vergleichsstudien nicht belegt.
Totales Fasten beziehungsweise Null-Diät: Beim totalen Fasten werden keine energieliefernden Nährstoffe aufgenommen; erlaubt sind ausschließlich energiefreie Flüssigkeiten. Diese Form weist das höchste Risiko für Proteinverlust, Elektrolytstörungen, Hyperurikämie (erhöhter Harnsäurespiegel im Blut), Kreislaufdysregulation (Störung der Kreislaufregulation), Herzrhythmusstörungen (Störungen des Herzschlags) und ein Refeeding-Syndrom (gefährliche Stoffwechselentgleisung bei erneuter Nahrungszufuhr) auf. Sie ist keine reguläre ambulante Methode zur Adipositastherapie und sollte außerhalb wissenschaftlich oder klinisch begründeter Ausnahmefälle nicht eingesetzt werden [6, 8].
Indikationsstellung (Festlegung der medizinischen Behandlungsnotwendigkeit) und Patientenselektion (Auswahl geeigneter Patientinnen und Patienten)
Eine allgemeine medizinische Indikation für „Fastenkuren“ besteht nicht. Die Entscheidung muss sich auf ein konkret definiertes Therapieziel, die Evidenz der jeweiligen Methode sowie das individuelle Nutzen-Risiko-Verhältnis beziehen.
Bei Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas kann Intervallfasten als eine mögliche Strategie zur Reduktion der Gesamtenergieaufnahme angeboten werden, sofern es den individuellen Präferenzen entspricht und in ein langfristiges multimodales Behandlungskonzept (Behandlung mit mehreren aufeinander abgestimmten Maßnahmen) aus Ernährungstherapie, körperlicher Aktivität, Verhaltensmodifikation (gezielte Veränderung von Verhaltensweisen) und erforderlichenfalls Pharmakotherapie (Behandlung mit Arzneimitteln) eingebettet ist [2-4, LL1].
Mehrfach tägliche oder mehrtägige Fastenperioden sind nicht grundsätzlich wirksamer als eine konventionelle Energierestriktion. Die Wahl der Methode sollte daher nicht anhand vermuteter „Stoffwechselreinigung“, sondern anhand von Adhärenz, Sicherheit, Nährstoffversorgung, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und langfristiger Gewichtsstabilisierung erfolgen.
Mehrtägiges modifiziertes oder totales Fasten erfordert insbesondere bei Vorerkrankungen, höherem Lebensalter, regelmäßiger Medikation oder erhöhtem Mangelernährungsrisiko (unzureichende Versorgung mit Energie oder Nährstoffen) eine ärztliche Indikationsprüfung und Verlaufskontrolle. Der Expertenkonsensus zur Fastentherapie von 2013 kann Hinweise zur praktischen Durchführung geben, besitzt jedoch nicht den Evidenzgrad einer aktuellen S3-Leitlinie [LL2].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Therapeutisches mehrtägiges Fasten ist regelhaft kontraindiziert (medizinisch nicht angezeigt) bzw. nur unter spezialisierten Ausnahmebedingungen vertretbar bei:
- Schwangerschaft und Stillzeit,
- aktiver oder anamnestisch (aus der Krankengeschichte bekannt) instabiler Essstörung, insbesondere Anorexia nervosa (Magersucht), Bulimia nervosa (Ess-Brech-Sucht) oder Binge-Eating-Störung (Essanfälle ohne regelmäßiges Erbrechen) mit restriktivem Kompensationsverhalten,
- Untergewicht, manifester Mangelernährung oder Kachexie (krankheitsbedingte starke Auszehrung),
- ausgeprägter Frailty (ausgeprägte körperliche Gebrechlichkeit) oder Sarkopenie,
- Kindern und Jugendlichen außerhalb spezialisierter medizinischer Behandlungskonzepte,
- dekompensierter Herzinsuffizienz (schwerer, nicht mehr ausreichend ausgeglichener Herzschwäche) oder instabiler koronarer Herzerkrankung (instabiler Durchblutungsstörung des Herzmuskels),
- fortgeschrittener oder akut dekompensierter Nieren- bzw. Leberinsuffizienz (Nieren- bzw. Leberfunktionsschwäche),
- akuter schwerer Erkrankung, fieberhafter Infektion oder unmittelbar postoperativem Zustand (Zustand unmittelbar nach einer Operation),
- Typ-1-Diabetes (Zuckerkrankheit durch absoluten Insulinmangel), rezidivierenden schweren Hypoglykämien (Unterzuckerungen) oder vorausgegangener diabetischer Ketoazidose (stoffwechselbedingter Übersäuerung durch Insulinmangel), sofern kein spezialisiertes diabetologisches Protokoll vorliegt,
- schlecht eingestelltem Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) unter Insulin oder insulinotropen Arzneimitteln (Arzneimitteln, die die Insulinfreisetzung steigern),
- dekompensierter endokriner Erkrankung (Erkrankung des Hormonsystems),
- schwerer instabiler psychiatrischer Erkrankung (seelischer Erkrankung),
- fortgeschrittener kognitiver Einschränkung (Beeinträchtigung von Denken und Gedächtnis) oder fehlender Fähigkeit zur eigenständigen Flüssigkeitsaufnahme und Symptombeobachtung.
Das individuelle Risiko kann auch bei Erkrankungen erhöht sein, die keine absolute Kontraindikation darstellen. Dazu gehören Gicht, Nephrolithiasis (Nierensteinleiden), symptomatische Cholelithiasis (Gallensteinleiden), orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen), Herzrhythmusstörungen, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (lang andauernde entzündliche Darmerkrankungen), relevante Motilitätsstörungen (Störungen der Beweglichkeit des Verdauungstrakts) und eine erhöhte Sturzgefährdung.
Medikationsmanagement (Steuerung der Arzneimittelbehandlung) und ärztliches Monitoring (medizinische Überwachung)
Vor Beginn einer Fastenintervention muss die gesamte Medikation einschließlich nicht verschreibungspflichtiger Präparate und Nahrungsergänzungsmittel überprüft werden. Arzneimittel dürfen nicht eigenständig pausiert oder in ihrer Dosierung verändert werden.
Besondere Aufmerksamkeit erfordern:
- Insulin und Sulfonylharnstoffe (blutzuckersenkende Arzneimittel): erhöhtes Hypoglykämierisiko (Risiko einer Unterzuckerung),
- Natrium-Glukose-Cotransporter-2-(SGLT2)-Hemmer (Arzneimittel, die die Glukoseausscheidung über den Urin steigern): erhöhtes Risiko einer euglykämischen Ketoazidose (Übersäuerung bei nur gering erhöhtem Blutzucker), insbesondere bei ausgeprägter Kohlenhydratrestriktion (Einschränkung der Kohlenhydratzufuhr), Dehydration oder längeren Fastenperioden,
- Antihypertensiva (blutdrucksenkende Arzneimittel) und Diuretika (harntreibende Arzneimittel): Risiko von Hypotonie, Orthostase (Kreislaufbeschwerden beim Aufstehen), Volumenmangel (Flüssigkeitsmangel im Kreislauf) und Elektrolytveränderungen,
- Lithium: Risiko toxischer Konzentrationen bei veränderter Natrium- und Flüssigkeitsbilanz,
- Antiepileptika (Arzneimittel gegen Krampfanfälle) und andere Arzneimittel mit enger therapeutischer Breite (geringem Abstand zwischen wirksamer und schädlicher Dosis): mögliche Veränderungen von Resorption (Aufnahme über den Darm), Proteinbindung (Bindung von Arzneimitteln an Eiweiße im Blut) und Metabolismus (Abbau und Umwandlung im Körper),
- Antikoagulanzien (blutgerinnungshemmende Arzneimittel): präparatespezifische Anforderungen an Nahrungsaufnahme und mögliche Veränderungen der Gerinnungskontrolle (Überwachung der Blutgerinnung),
- Arzneimittel, die mit einer Mahlzeit eingenommen werden müssen: veränderte Resorption oder gastrointestinale Verträglichkeit.
Eine pauschale Abschwächung der Wirkung oraler Kontrazeptiva (Antibabypillen) allein durch Fasten ist nicht belegt. Relevant können jedoch Erbrechen, schwere Diarrhö (Durchfall), Resorptionsstörungen (Störungen der Aufnahme über den Darm) oder Arzneimittelinteraktionen sein.
Vor längerem modifiziertem oder totalem Fasten sollten mindestens Ernährungszustand, Gewichtsverlauf, Muskelmasse bzw. Muskelkraft, Blutdruck einschließlich Orthostase, Glukosestoffwechsel, Nieren- und Leberfunktion, Blutbild (laborchemische Bestimmung der Blutzellen) sowie Natrium, Kalium, Magnesium, Phosphat und Harnsäure beurteilt werden. Bei kardialem Risiko (Risiko einer Herzerkrankung) kann ein Elektrokardiogramm (EKG, Aufzeichnung der elektrischen Herzaktivität) erforderlich sein.
Art und Häufigkeit der Verlaufskontrollen richten sich nach Fastendauer, Vorerkrankungen und Medikation. Klinische Abbruchkriterien sind insbesondere Synkope (kurzzeitige Ohnmacht), persistierende symptomatische Hypotonie, schwere oder rezidivierende Hypoglykämie, Bewusstseinsstörung, anhaltendes Erbrechen, klinisch relevante Dehydration, Herzrhythmusstörungen, metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung des Blutes), akute Nierenfunktionsverschlechterung oder relevante Elektrolytstörungen.
Fastenbrechen und Refeeding (schrittweise Wiederaufnahme der Ernährung)
Nach längerem Fasten sollte die Energiezufuhr stufenweise gesteigert und an den Ernährungszustand sowie das individuelle Risiko angepasst werden. Die Notwendigkeit eines kontrollierten Nahrungsaufbaus beruht vor allem auf metabolischen und elektrolytbezogenen Veränderungen sowie auf der gastrointestinalen Verträglichkeit (Verträglichkeit durch Magen und Darm). Die häufig vertretene Vorstellung einer generellen „Stilllegung“ sämtlicher Verdauungsdrüsen mit unmittelbarer Ausscheidung größerer Mahlzeiten ist physiologisch nicht haltbar.
Bei gefährdeten Personen kann die erneute Kohlenhydratzufuhr einen raschen Insulinanstieg mit intrazellulärer Verschiebung (Verlagerung in die Körperzellen) von Phosphat, Kalium und Magnesium sowie Natrium- und Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung) auslösen. Klinische Folgen können Herzinsuffizienz, Herzrhythmusstörungen, neurologische Symptome (Beschwerden des Nervensystems), respiratorische Insuffizienz (unzureichende Atmung) und Multiorganversagen (gleichzeitiges Versagen mehrerer Organe) sein. Vor und während der Wiederernährung müssen deshalb das Refeeding-Risiko, der Thiaminstatus (Versorgungszustand mit Vitamin B1) bzw. eine indizierte Thiaminsubstitution (gezielte Gabe von Vitamin B1) sowie Phosphat, Kalium, Magnesium und Flüssigkeitsbilanz berücksichtigt werden [LL3].
Eine starre, für alle Personen identische Zahl von „Aufbautagen“ ist nicht evidenzbasiert. Umfang und Geschwindigkeit der Wiederernährung richten sich nach Fastendauer, vorausgegangener Energieaufnahme, Gewichtsverlust, Ernährungszustand und Begleiterkrankungen.
Mögliche Komplikationen
Bei zeitlich begrenztem Intervallfasten wurden in randomisierten Studien mit selektierten Erwachsenen mit Übergewicht oder Adipositas insgesamt keine höheren Raten unerwünschter Ereignisse als bei Vergleichsdiäten beobachtet [5]. Diese Ergebnisse dürfen jedoch nicht auf prolongiertes oder totales Fasten, vulnerable Patientengruppen oder nicht überwachte Fastenkuren übertragen werden.
Mögliche unerwünschte Wirkungen sind:
- Hunger, Kopfschmerzen, Müdigkeit, Reizbarkeit und Konzentrationsstörungen,
- Schwindel, orthostatische Beschwerden und Synkopen,
- Übelkeit, Obstipation (Verstopfung), Diarrhö (Durchfall) oder abdominelle Beschwerden (Bauchbeschwerden),
- Dehydration (Austrocknung) und akute Nierenfunktionsverschlechterung,
- Hypoglykämie oder diabetische Ketoazidose bei disponierten Personen,
- Störungen von Natrium, Kalium, Magnesium und Phosphat,
- Hyperurikämie und Auslösung eines Gichtanfalls,
- Verlust an fettfreier Körpermasse, Muskelkraft und körperlicher Leistungsfähigkeit,
- Cholelithiasis bei rascher Gewichtsabnahme,
- Herzrhythmusstörungen bei Elektrolyt- oder Volumenstörungen,
- Exazerbation (Verschlechterung) einer Essstörung oder Entwicklung eines rigiden, kompensatorischen Essverhaltens,
- Refeeding-Syndrom nach längerem Fasten oder bei vorbestehender Mangelernährung.
Eine aktuelle kleine mechanistische Studie an 20 Erwachsenen beobachtete während eines medizinisch überwachten, durchschnittlich etwa zehntägigen Wasserfastens eine akute Zunahme inflammatorischer Marker (Entzündungswerte) sowie von Parametern der Thrombozytenaktivierung (Aktivierung der Blutplättchen). Die klinische Langzeitbedeutung ist unklar; die Ergebnisse widersprechen jedoch einer pauschalen Charakterisierung prolongierten Fastens als generell antiinflammatorisch (entzündungshemmend) [8].
Weiterführende Fachartikel
- Intervallfasten
- Markert-Diät
- Modifiziertes Fasten
- Saftfasten/Heilfasten nach Buchinger
- Schroth-Kur
- Totales Fasten (Null-Diät)
Fazit
Fastenkuren umfassen physiologisch und klinisch sehr unterschiedliche Verfahren. Intervallfasten kann bei ausgewählten Erwachsenen als praktikable Alternative zur kontinuierlichen Energierestriktion eingesetzt werden, ist dieser hinsichtlich Gewichtsabnahme und kardiometabolischer Surrogatparameter jedoch im Durchschnitt nicht klinisch relevant überlegen. Entscheidend sind langfristige Adhärenz, Ernährungsqualität, ausreichende Protein- und Mikronährstoffversorgung sowie die Einbindung in ein multimodales Behandlungskonzept.
Für die Markert-Diät, die Schroth-Kur und andere historisch oder kommerziell geprägte Verfahren besteht keine hinreichende Evidenz für einen spezifischen Zusatznutzen. Beobachtungsdaten zum Buchinger-Fasten können eine Durchführbarkeit unter strukturierten medizinischen Bedingungen beschreiben, ersetzen aber keine kontrollierten Wirksamkeits- und Sicherheitsstudien.
Prolongiertes modifiziertes Fasten und insbesondere totales Fasten sind mit klinisch relevanten Risiken verbunden und erfordern eine sorgfältige Patientenselektion, Medikationsanpassung, Überwachung der Flüssigkeits- und Elektrolytbilanz sowie ein risikoadaptiertes Refeeding. Aussagen über „Entgiftung“, generelle Krankheitsheilung, Autophagie als klinischen Therapieeffekt oder Lebensverlängerung sind durch die derzeitige Humanstudienlage (Stand der Forschung aus Studien am Menschen) nicht belegt.
Literatur
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