Offene Beziehung/Konsensuelle Nicht-Monogamie – Definition, Einordnung und Abgrenzung
Der Begriff konsensuelle Nicht-Monogamie (CNM) bezeichnet partnerschaftliche Beziehungsmodelle, bei denen alle beteiligten Personen einvernehmlich zustimmen, dass romantische und/oder sexuelle Beziehungen zu mehr als einer Person gleichzeitig möglich sind. Die offene Beziehung stellt eine spezifische Ausprägung dar, bei der eine bestehende Primärbeziehung fortbesteht, während zusätzliche sexuelle oder emotionale Kontakte nach zuvor vereinbarten Regeln erlaubt sind [1, 2].
Charakteristisch für diese Beziehungsformen sind Transparenz, fortlaufende Kommunikation und Zustimmung aller Beteiligten. Konsensuelle Nicht-Monogamie ist damit klar von Untreue oder heimlichem Fremdgehen abzugrenzen, bei denen Einvernehmlichkeit und Offenheit fehlen [1].
Einordnung im Spektrum partnerschaftlichen und sexuellen Verhaltens
Offene Beziehungen und andere Formen konsensueller Nicht-Monogamie sind als normvariante partnerschaftliche Lebensmodelle einzuordnen. Sie stellen keine psychische Störung dar und sind nicht per se mit Beziehungsinstabilität oder psychischer Belastung verbunden [1, 3].
Aus medizinisch-wissenschaftlicher Perspektive ist entscheidend, dass diese Beziehungsmodelle auf freiwilliger Zustimmung, klaren Absprachen und der Fähigkeit zur offenen Kommunikation beruhen. Die Abweichung von monogamen Normvorstellungen allein begründet keine klinische Relevanz [2, 4].
Gesellschaftlicher und kultureller Kontext
In westlichen Gesellschaften gilt Monogamie weiterhin als kulturelle Leitnorm für intime Beziehungen. Vor diesem Hintergrund werden offene Beziehungen häufig mit Instabilität, Bindungsangst oder moralischer Grenzüberschreitung assoziiert. Empirische Studien zeigen jedoch, dass Personen in konsensuell nicht-monogamen Beziehungen hinsichtlich Beziehungszufriedenheit, psychischem Wohlbefinden und sexueller Gesundheit keine grundsätzlich schlechteren Werte aufweisen als monogam lebende Personen [1, 3, 5].
Die zunehmende Sichtbarkeit unterschiedlicher Beziehungsmodelle spiegelt gesellschaftliche Pluralisierungstendenzen wider und erfordert eine differenzierte Betrachtung jenseits normativer Bewertungen [2, 4].
Abgrenzung zu problematischen oder behandlungsbedürftigen Konstellationen
Offene Beziehungen und konsensuelle Nicht-Monogamie sind klar abzugrenzen von Konstellationen, in denen Zustimmung fehlt, Absprachen wiederholt verletzt werden oder erheblicher Leidensdruck entsteht. Konflikte ergeben sich dabei weniger aus dem Beziehungsmodell selbst als aus unklarer Kommunikation, ungleichen Machtverhältnissen oder nicht kongruenten Bedürfnissen der Beteiligten [1, 2].
In solchen Fällen liegt keine Problematik der Nicht-Monogamie an sich vor, sondern eine partnerschaftliche oder individuelle Belastung, die unabhängig vom gewählten Beziehungsmodell zu betrachten ist.
Klinische Relevanz – wann Aufmerksamkeit sinnvoll ist
Eine medizinische oder psychologische Aufmerksamkeit kann sinnvoll sein, wenn offene Beziehungsmodelle mit anhaltendem emotionalem Leidensdruck, ausgeprägten Eifersuchtsdynamiken, Vertrauensverlust oder erheblichen Belastungen der psychischen Gesundheit einhergehen. Auch hier steht nicht das Modell der konsensuellen Nicht-Monogamie im Vordergrund, sondern dessen subjektive Verarbeitung und funktionale Bedeutung für die beteiligten Personen [3-5].
Zusammenfassung
Offene Beziehungen und konsensuelle Nicht-Monogamie bezeichnen partnerschaftliche Modelle, die auf Einvernehmlichkeit, Transparenz und Kommunikation beruhen und von kulturell vorherrschenden monogamen Normen abweichen. Sie sind nicht per se pathologisch und weisen in der wissenschaftlichen Literatur keine grundsätzlichen Nachteile hinsichtlich psychischer Gesundheit, Beziehungszufriedenheit oder sexueller Gesundheit auf. Eine sachliche medizinisch-wissenschaftliche Einordnung erfordert die klare Trennung zwischen Normabweichung, individuellen Beziehungskonflikten und tatsächlicher klinischer Relevanz [1-5].
Literatur
- Rubel AN, Bogaert AF: Consensual nonmonogamy: Psychological well-being and relationship quality correlates. J Sex Res. 2015;52(9):961-982. DOI: https://doi.org/10.1080/00224499.2014.942722
- Haupert ML, Gesselman AN, Moors AC, Fisher HE, Garcia JR: Prevalence of Experiences With Consensual Nonmonogamous Relationships: Findings From Two National Samples of Single Americans. J Sex Marital Ther. 2017;43(5):424-440. DOI: https://doi.org/10.1080/0092623X.2016.1178675
- Grunt-Mejer K, Campbell C: Around Consensual Nonmonogamies: Assessing Attitudes Toward Nonexclusive Relationships. J Sex Res. 2016;53(1):45-53. DOI: https://doi.org/10.1080/00224499.2015.1010193
- Balzarini RN, Shumlich EJ, Kohut T, Campbell L: Dimming the "Halo" Around Monogamy: Re-assessing Stigma Surrounding Consensually Non-monogamous Romantic Relationships as a Function of Personal Relationship Orientation. Front Psychol. 2018;9:894. DOI: https://doi.org/10.3389/fpsyg.2018.00894
- Lehmiller JJ: A Comparison of Sexual Health History and Practices among Monogamous and Consensually Nonmonogamous Sexual Partners. J Sex Med. 2015;12(10):2022-2028. DOI: https://doi.org/10.1111/jsm.12987