Bondage – Medizinische Einordnung einer konsensuellen sexuellen Praxis zwischen Körperfixierung, Kontrolle und Sicherheit

Bondage bezeichnet eine konsensuelle sexuelle Praxis, bei der es zur zeitlich begrenzten Fixierung oder Bewegungseinschränkung des Körpers kommt. Die Fixierung erfolgt freiwillig, informiert und widerrufbar und kann mit erotischer Erregung, Intimität oder einem Erleben von Kontrolle beziehungsweise Kontrollabgabe verbunden sein. Bondage ist dem weiteren Spektrum von BDSM-Praktiken zuzuordnen und kann eigenständig oder im Rahmen von Dominanz/Submission-Dynamiken praktiziert werden.

Klassifikation und nosologische Einordnung

Bondage stellt weder im ICD-10 noch im ICD-11 oder im DSM-5-TR eine psychische Störung dar. Als sexuelle Praxis ist sie als Normvariante sexuellen Verhaltens einzuordnen, sofern Einvernehmlichkeit, Entscheidungsfähigkeit und psychische Stabilität gegeben sind. Eine psychopathologische Relevanz ergibt sich ausschließlich bei fehlendem Konsens, erheblichem subjektivem Leidensdruck oder im Rahmen anderer psychischer Störungen.

Epidemiologie und Verbreitung

Bevölkerungsbasierte Studien zeigen, dass Fantasien und Erfahrungen mit Bondage und verwandten Praktiken in der Allgemeinbevölkerung relativ häufig auftreten. Entsprechende Interessen finden sich über unterschiedliche Altersgruppen, Geschlechter und Bildungsniveaus hinweg und sind nicht auf spezifische Subpopulationen beschränkt [1].

Systematische Übersichtsarbeiten bestätigen, dass Bondage als Teil des BDSM-Spektrums eine relevante, aber häufig unterschätzte Erscheinungsform sexueller Vielfalt darstellt [3].

Psychologische Aspekte

Psychologische Untersuchungen zeigen, dass Personen, die konsensuelle Bondage-Praktiken ausüben, im Durchschnitt keine erhöhte Prävalenz psychischer Störungen aufweisen. Im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung finden sich häufig vergleichbare oder günstigere psychologische Parameter, darunter emotionale Stabilität, Offenheit für Erfahrungen und ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten [2].

Bondage kann mit einem subjektiven Erleben von Vertrauen, Nähe und emotionaler Intensität verbunden sein. Die bewusste Aushandlung von Grenzen und Rollen wird in der Literatur als zentraler Schutzfaktor beschrieben [3].

Physiologische und medizinische Aspekte

Aus medizinischer Sicht sind bei Bondage vor allem kurzfristige körperliche Effekte relevant. Dazu zählen Veränderungen der Durchblutung, Sensibilitätsstörungen durch Druck oder Zug sowie muskuläre Belastungen. In der Mehrzahl der Fälle sind diese Effekte reversibel.

Als potenzielle Risiken sind Nervenkompressionssyndrome, insbesondere an den oberen Extremitäten, beschrieben worden. Fallberichte und klinische Serien weisen darauf hin, dass eine akute radiale Kompressionsneuropathie eine der häufigsten dokumentierten Verletzungsformen im Zusammenhang mit Seilbondage darstellt [4].

Sicherheit, Konsens und Risikominimierung

Zentrale Voraussetzungen für Bondage sind informierter Konsens, klare Kommunikation und die Möglichkeit des jederzeitigen Abbruchs. Sicherheitsmechanismen wie vereinbarte Safewords, kontinuierliche Rückversicherung und Kenntnisse über anatomische Risikozonen gelten als wesentliche Elemente der Risikominimierung.

Die medizinische Literatur betont, dass schwerwiegende oder tödliche Komplikationen selten sind und überwiegend im Kontext von mangelnder Erfahrung, fehlender Sicherheitsmaßnahmen oder nicht-konsensuellen Situationen auftreten [5].

Abgrenzung zu problematischen Konstellationen

Bondage ist klar von nicht-konsensueller Fixierung, sexueller Gewalt oder Freiheitsberaubung abzugrenzen. Eine klinische Abklärung kann angezeigt sein, wenn Bondage-Praktiken mit Angst, Kontrollverlust, Zwangsdynamiken oder erheblichen körperlichen Verletzungen einhergehen.

Entscheidend für die medizinische Bewertung ist nicht die Praxis an sich, sondern der Kontext, in dem sie stattfindet.

Klinische Relevanz und ärztliche Perspektive

Für Ärzte und Psychotherapeuten ist eine sachliche, wertfreie Haltung essenziell. Bondage stellt für sich genommen keine Behandlungsindikation dar. Medizinische Aufmerksamkeit ist angezeigt bei Verletzungen, neurologischen Symptomen, anhaltenden Schmerzen oder psychischem Leidensdruck.

Eine differenzierte Einordnung trägt zur Entstigmatisierung bei und verhindert Fehldiagnosen, insbesondere die fälschliche Gleichsetzung konsensueller sexueller Praktiken mit psychopathologischem Verhalten.

Zusammenfassung

Bondage ist eine konsensuelle sexuelle Praxis und als normvariante Ausdrucksform menschlicher Sexualität einzuordnen. Die wissenschaftliche Evidenz zeigt keine erhöhte psychische Morbidität bei einvernehmlicher Ausübung. Medizinische Relevanz entsteht primär im Zusammenhang mit Sicherheitsaspekten, körperlichen Komplikationen oder fehlendem Konsens. Eine evidenzbasierte, nicht moralisierende Betrachtung ist Voraussetzung für eine angemessene medizinische Bewertung [1-5].

Literatur

  1. Holvoet L, Huys W, Coppens V, Seeuws J, Goethals K, Morrens M. Fifty Shades of Belgian Gray: The Prevalence of BDSM-Related Fantasies and Activities in the General Population. The Journal of Sexual Medicine. 2017;14(9):1152-1159. doi: https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2017.07.003
  2. Wismeijer AAJ, van Assen MALM. Psychological characteristics of BDSM practitioners. The Journal of Sexual Medicine. 2013;10(8):1943-1952. doi: https://doi.org/10.1111/jsm.12192
  3. Brown A, Barker ED, Rahman Q. A Systematic Scoping Review of the Prevalence, Etiological, Psychological, and Interpersonal Factors Associated with BDSM. The Journal of Sex Research. 2020;57(6):781-811. doi: https://doi.org/10.1080/00224499.2019.1665619
  4. Khodulev VI, Zharko M, Vlasava S, Charnenka N. Acute Radial Compressive Neuropathy: The Most Common Injury Induced by Japanese Rope Bondage. Cureus. 2023;15(6):e39588. doi: https://doi.org/10.7759/cureus.39588
  5. Schori A, Jackowski C, Schön CA. How safe is BDSM? A literature review on fatal outcome in BDSM play. International Journal of Legal Medicine. 2022;136(1):287-295. (Epub 2021 Aug 12) doi: https://doi.org/10.1007/s00414-021-02674-0