Dominanz/Submission (D/s): Medizinische Einordnung konsensueller Macht- und Rollendynamiken

Dominanz/Submission (D/s) beschreibt konsensuelle sexuelle oder beziehungsbezogene Interaktionen, bei denen Macht-, Kontroll- oder Rollenverteilungen freiwillig und bewusst zwischen den beteiligten Personen übernommen werden. Die dominante Person übt situativ oder strukturell Kontrolle aus, während die submissive Person diese Kontrolle einvernehmlich akzeptiert. Zentrale Merkmale sind Freiwilligkeit, Transparenz, jederzeitige Widerrufbarkeit sowie klare Kommunikation der Grenzen.

D/s ist dem Spektrum konsensueller BDSM-Praktiken zuzuordnen, stellt jedoch keine eigenständige psychiatrische Diagnose dar. In der medizinisch-wissenschaftlichen Literatur wird Dominanz/Submission überwiegend als normvariante sexuelle Ausdrucksform eingeordnet, sofern Einvernehmlichkeit, Entscheidungsfähigkeit und psychische Stabilität gegeben sind [1-3].

Klassifikation und nosologische Einordnung

Dominanz/Submission ist weder im ICD-10 noch im ICD-11 als psychische Störung klassifiziert und findet sich auch im DSM-5-TR nicht als eigenständige Diagnose. Klinische Relevanz entsteht ausschließlich dann, wenn Macht- oder Kontrollmuster nicht einvernehmlich sind, mit erheblichem Leidensdruck einhergehen oder Ausdruck einer anderen psychischen Störung darstellen. In der internationalen Literatur werden Thesaurusbegriffe wie dominance/submission, consensual power exchange oder BDSM verwendet [2-5].

Epidemiologie und Verbreitung

Populationsbasierte Untersuchungen zeigen, dass Fantasien oder Erfahrungen mit Macht- und Rollendynamiken in der Allgemeinbevölkerung häufiger vorkommen, als dies im klinischen Alltag wahrgenommen wird. D/s-bezogene Fantasien und Praktiken finden sich über Alters-, Geschlechts- und Bildungsgruppen hinweg [4].

Die Mehrheit der Personen mit entsprechenden Interessen weist keine Hinweise auf erhöhte psychische Morbidität auf; vielmehr werden vergleichbare oder teilweise günstigere psychologische Parameter im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung beschrieben [2].

Psychologische und biopsychosoziale Aspekte

Empirische Studien berichten, dass Personen, die konsensuelle Dominanz-/Submissionsdynamiken praktizieren, im Durchschnitt keine erhöhte Prävalenz von Psychopathologie zeigen. Häufig werden eine differenzierte Auseinandersetzung mit eigenen Bedürfnissen, klare Grenzkommunikation und ausgeprägte Kommunikationskompetenzen beschrieben [1, 2].

Physiologische Untersuchungen deuten darauf hin, dass D/s-Interaktionen mit spezifischen neuroendokrinen Reaktionen assoziiert sein können, darunter Veränderungen von Cortisol- und Oxytocinspiegeln, die mit Stressregulation, Bindung und emotionaler Nähe in Zusammenhang stehen [3].

Abgrenzung zu pathologischen oder problematischen Konstellationen

Dominanz/Submission ist klar von nicht-konsensueller Gewalt, sexueller Nötigung oder Machtmissbrauch abzugrenzen. Eine klinische Problematik liegt nicht in der Rollenverteilung an sich, sondern in fehlender Einvernehmlichkeit, eingeschränkter Entscheidungsfähigkeit, strukturellen Abhängigkeiten oder anhaltendem subjektivem Leidensdruck.

Differentialdiagnostische Erwägungen können erforderlich sein bei Verdacht auf Impulskontrollstörungen, Persönlichkeitsstörungen oder Traumafolgestörungen, wenn Macht- oder Kontrollverhalten nicht situationsgebunden oder nicht freiwillig erfolgt [5].

Klinische Relevanz und ärztliche Perspektive

Im medizinischen Kontext ist eine wertfreie, nicht moralisierende Haltung essenziell. Dominanz/Submission stellt für sich genommen keine Behandlungsindikation dar. Ärztliche oder psychotherapeutische Aufmerksamkeit ist angezeigt, wenn D/s-Dynamiken mit erheblichem psychischem Leidensdruck, Beziehungsproblemen, Zwangsdynamiken oder Sicherheitsrisiken einhergehen.

Eine sachliche Einordnung trägt zur Entstigmatisierung bei und verhindert Fehldiagnosen, insbesondere die fälschliche Gleichsetzung konsensueller Machtspiele mit Gewalt oder Psychopathologie.

Zusammenfassung

Dominanz/Submission ist eine konsensuelle Macht- und Rollendynamik innerhalb sexueller oder partnerschaftlicher Interaktionen und als normvariante Form sexuellen Erlebens einzuordnen. Die vorliegende Evidenz zeigt keine erhöhte psychische Morbidität bei einvernehmlicher Ausübung. Klinische Relevanz entsteht ausschließlich bei fehlendem Konsens, Machtmissbrauch oder erheblichem subjektivem Leidensdruck. Eine differenzierte, evidenzbasierte Betrachtung ist Voraussetzung für eine angemessene medizinische Bewertung [1-5].

Literatur

  1. Jansen KL, Fried AL, Chamberlain J: An Examination of Empathy and Interpersonal Dominance in BDSM Practitioners. The Journal of Sexual Medicine. 2021;18(3):549-555. doi: https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2020.12.012
  2. Wismeijer AAJ, van Assen MALM: Psychological characteristics of BDSM practitioners. The Journal of Sexual Medicine. 2013;10(8):1943-1952. doi: https://doi.org/10.1111/jsm.12192
  3. Sagarin BJ, Cutler B, Cutler N, Lawler-Sagarin KA, Matuszewich L: Hormonal changes and couple bonding in consensual sadomasochistic activity. Archives of Sexual Behavior. 2009;38(2):186-200. doi: https://doi.org/10.1007/s10508-008-9374-5
  4. Holvoet L, Huys W, Coppens V et al.: Fifty Shades of Belgian Gray: The Prevalence of BDSM-Related Fantasies and Activities in the General Population. The Journal of Sexual Medicine. 2017;14(9):1152-1159. doi: https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2017.07.003
  5. Newmahr S. Power Struggles: Pain and Authenticity in SM Play. Symbolic Interaction. 2010;33(3):389-411. doi: https://doi.org/10.1525/si.2010.33.3.389