Schmerzart, Schmerzstärke und Schmerzort – welche Bedeutung sie für die Diagnostik haben
Schmerzart, Schmerzstärke und Schmerzort gehören zu den wichtigsten Angaben einer strukturierten Schmerzanamnese. Sie liefern unterschiedliche diagnostische Informationen: Die Schmerzart kann Hinweise auf den vorherrschenden Schmerzmechanismus geben, die Schmerzstärke beschreibt die subjektiv wahrgenommene Intensität und der Schmerzort bildet die räumliche Verteilung der Beschwerden ab.
Keine dieser Angaben ist für sich allein diagnostisch beweisend. Ihr klinischer Wert entsteht erst durch die gemeinsame Beurteilung mit Schmerzbeginn, zeitlichem Verlauf, auslösenden und lindernden Faktoren, Begleitsymptomen, funktionellen Einschränkungen sowie dem körperlichen und gegebenenfalls neurologischen Untersuchungsbefund. Leitlinien empfehlen deshalb eine strukturierte, personenzentrierte Gesamtbeurteilung, die neben dem Schmerz auch Schlaf, Mobilität, Arbeit, psychisches Befinden und soziale Teilhabe berücksichtigt [1, 2].
Diagnostischer Stellenwert der drei Schmerzdimensionen
Schmerzart, Schmerzstärke und Schmerzort beantworten jeweils eine andere diagnostische Teilfrage:
- Die Schmerzart unterstützt die Einordnung des wahrscheinlich vorherrschenden Schmerzmechanismus.
- Die Schmerzstärke quantifiziert das individuelle Schmerzerleben und dient vor allem der Verlaufsbeurteilung.
- Der Schmerzort beschreibt die räumliche Verteilung und kann auf betroffene Gewebe, Organe oder Nervenstrukturen hinweisen.
Entscheidend ist die Übereinstimmung der Angaben mit dem gesamten klinischen Muster. Ein brennender Schmerz ist nicht automatisch neuropathisch, ein sehr starker Schmerz nicht zwangsläufig Ausdruck einer schweren Gewebeschädigung und ein Schmerz in einer bestimmten Körperregion nicht notwendigerweise dort entstanden, wo er wahrgenommen wird. Die DEGAM-Handlungsempfehlung zu chronischen nicht tumorbedingten Schmerzen empfiehlt daher eine mechanistische Zuordnung auf Grundlage von Anamnese und körperlicher Untersuchung sowie eine strukturierte Schmerzanamnese, gegebenenfalls unterstützt durch Fragebögen und Skalen [2].
Schmerzart als Hinweis auf den Schmerzmechanismus
Der Begriff Schmerzart kann mehrere Merkmale umfassen:
- Den zeitlichen Verlauf: Akut, subakut, chronisch, kontinuierlich oder episodisch
- Die Schmerzqualität: Dumpf, drückend, ziehend, stechend, brennend oder elektrisierend
- Den vermuteten Mechanismus: Nozizeptiv, neuropathisch oder noziplastisch
Für die diagnostische und therapeutische Planung ist insbesondere die mechanistische Einordnung relevant. Die sprachliche Beschreibung des Schmerzes liefert dafür wichtige Hinweise, besitzt jedoch nur eine begrenzte Spezifität. Mehrere Schmerzmechanismen können gleichzeitig oder in unterschiedlichen Körperregionen vorliegen. Die Einordnung bleibt deshalb eine klinische Arbeitshypothese, die mit Untersuchungsergebnissen und dem Verlauf abgeglichen werden muss [2-4].
Nozizeptive Schmerzmerkmale
Nozizeptive Schmerzen entstehen durch die Aktivierung peripherer Nozizeptoren bei tatsächlicher oder drohender Schädigung nicht-neuraler Gewebe. Mögliche Hinweise auf einen somatisch-nozizeptiven Mechanismus sind:
- Zeitlicher Zusammenhang mit Verletzung, Operation, Entzündung oder mechanischer Belastung
- Anatomisch plausible Lokalisation
- Reproduzierbarkeit durch Bewegung, Belastung oder Palpation
- Lokaler Druckschmerz, Schwellung, Überwärmung oder Bewegungseinschränkung
- Häufig dumpfe, drückende, ziehende oder stechende Schmerzqualität
Diese Merkmale sind nicht pathognomonisch. Auch neuropathische und noziplastische Schmerzen können bewegungsabhängig sein oder auf Druck reagieren. Umgekehrt können erhebliche strukturelle Veränderungen geringe oder keine Schmerzen verursachen. Die nozizeptive Zuordnung erfordert daher eine plausible Gewebe- oder Organpathologie und eine klinisch nachvollziehbare Beziehung zwischen Befund und Beschwerden [1, 2].
Viszerale nozizeptive Schmerzen werden häufig diffus, tief, drückend, krampfartig oder kolikartig beschrieben. Zusätzlich können vegetative Symptome wie Übelkeit, Erbrechen, Schwitzen, Blässe oder Kreislaufreaktionen auftreten. Aufgrund konvergierender neuronaler Verschaltungen kann der Schmerz in eine vom betroffenen Organ entfernte somatische Region übertragen werden. Der wahrgenommene Schmerzort entspricht daher nicht immer der anatomischen Schmerzquelle [1, 2].
Neuropathische Schmerzmerkmale
Neuropathischer Schmerz setzt eine Läsion oder Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems voraus. Typische, aber nicht beweisende Schmerzbeschreibungen sind:
- Brennend
- Elektrisierend
- Einschießend
- Stechend
- Kribbelnd
- Mit Taubheitsgefühl verbunden
Zusätzlich können positive oder negative sensible Zeichen bestehen:
- Allodynie
- Hyperalgesie
- Parästhesien
- Dysästhesien
- Hypästhesie
- Vermindertes Temperatur-, Berührungs- oder Vibrationsempfinden
Die Schmerzqualität allein genügt nicht zur Diagnose eines neuropathischen Schmerzes. Erforderlich sind eine plausible Erkrankung oder Läsion des somatosensorischen Systems, eine neuroanatomisch nachvollziehbare Verteilung und korrespondierende sensible oder neurologische Befunde. Die gemeinsame EAN-EFIC-NeuPSIG-Leitlinie empfiehlt deshalb einen abgestuften diagnostischen Prozess aus Anamnese, Schmerzverteilung, klinischer Untersuchung und bei entsprechender Fragestellung ergänzenden diagnostischen Tests [3].
Instrumente wie DN4, LANSS oder painDETECT können die Wahrscheinlichkeit eines neuropathischen Schmerzanteils abschätzen. Sie sind als Screening- oder Entscheidungshilfe geeignet, ersetzen aber weder die neurologische Untersuchung noch den Nachweis einer ursächlichen Erkrankung oder Läsion. Die Leitlinie bewertet die Evidenz für viele diagnostische Verfahren als gering bis moderat und warnt damit vor einer diagnostischen Festlegung allein aufgrund eines Fragebogenergebnisses [3].
Je nach Verdachtsdiagnose können Nervenleitgeschwindigkeitsmessungen, Elektromyographie, evozierte Potenziale, Hautbiopsie, quantitative sensorische Testung oder Bildgebung indiziert sein. Diese Verfahren beantworten jeweils spezifische Fragestellungen und dürfen nicht als allgemeiner objektiver „Schmerztest“ interpretiert werden [3].
Noziplastische Schmerzmerkmale
Noziplastischer Schmerz beschreibt Schmerzen, die mit einer veränderten Nozizeption verbunden sind und nicht vollständig durch eine fortbestehende Aktivierung peripherer Nozizeptoren oder eine Läsion beziehungsweise Erkrankung des somatosensorischen Nervensystems erklärt werden können [4].
Die vorgeschlagenen klinischen Kriterien für chronische muskuloskelettale noziplastische Schmerzen umfassen unter anderem:
- Eine Schmerzdauer von mehr als drei Monaten
- Eine regionale, multifokale oder ausgedehnte Schmerzverteilung
- Eine durch nozizeptive oder neuropathische Mechanismen nicht ausreichend erklärte Schmerzsymptomatik
- Klinische Zeichen einer Schmerzüberempfindlichkeit in der betroffenen Region
- Gegebenenfalls eine anamnestische Überempfindlichkeit gegenüber Berührung, Druck, Bewegung, Temperatur, Licht, Geräuschen oder Gerüchen
- Häufig begleitende Schlafstörungen, Fatigue oder kognitive Beschwerden
Die Kriterien ermöglichen eine graduelle Einordnung als möglicher oder wahrscheinlicher noziplastischer Schmerz. Ein einzelner klinischer, laborchemischer, bildgebender oder neurophysiologischer Bestätigungstest existiert nicht. Noziplastischer Schmerz darf zudem nicht mit zentraler Sensibilisierung gleichgesetzt werden: Sensibilisierungsphänomene können auch bei nozizeptiven und neuropathischen Erkrankungen auftreten [4].
Eine ausgedehnte oder wechselnde Schmerzverteilung ist deshalb weder ein Beweis für noziplastische Mechanismen noch ein Hinweis darauf, dass die Schmerzen ausschließlich psychisch verursacht sind. Psychologische und soziale Faktoren können das Schmerzerleben bei allen Schmerzmechanismen beeinflussen. Nozizeptive, neuropathische und noziplastische Anteile können gleichzeitig bestehen [1, 2, 4].
Schmerzstärke als subjektiver Verlaufsparameter
Die Schmerzstärke wird meistens mit einer numerischen Ratingskala von 0 bis 10, einer visuellen Analogskala oder einer verbalen Ratingskala erhoben. Die Messung quantifiziert die subjektiv erlebte Schmerzintensität. Sie misst weder unmittelbar das Ausmaß einer Gewebeschädigung noch die objektive Gefährlichkeit einer Erkrankung [1, 2].
Der Zahlenwert kann unter anderem beeinflusst werden durch:
- Intensität und Dynamik nozizeptiver Aktivität
- Periphere oder zentrale Sensibilisierung
- Aufmerksamkeit und Erwartung
- Angst, Anspannung oder depressive Symptome
- Schlafmangel und Erschöpfung
- Frühere Schmerzerfahrungen
- Aktuelle Belastungs- und Lebenssituation
- Kulturelle und kommunikative Faktoren
Diese Einflüsse machen die Schmerzangabe nicht unglaubwürdig. Sie verdeutlichen vielmehr, dass Schmerz definitionsgemäß ein persönliches sensorisches und emotionales Erleben ist. Eine Schmerzskala ist daher ein valider patientenberichteter Messwert, sofern eindeutig festgelegt wird, welcher Schmerz in welchem Zeitraum und unter welchen Bedingungen beurteilt wird [1, 2].
Standardisierte Erfassung der Schmerzintensität
Für eine klinisch verwertbare Dokumentation sollte geklärt werden:
- Aktueller, durchschnittlicher oder stärkster Schmerz
- Bezugszeitraum, beispielsweise die letzten 24 Stunden oder sieben Tage
- Schmerz in Ruhe oder bei Bewegung beziehungsweise Belastung
- Bewertete Körperregion
- Dauer-, Belastungs- und Durchbruchschmerz
- Zeitpunkt im Verhältnis zu einer Behandlung oder Medikamenteneinnahme
Besonders aussagekräftig ist die wiederholte Erfassung unter vergleichbaren Bedingungen. Dadurch lassen sich intraindividuelle Veränderungen beurteilen. Der Vergleich von Zahlenwerten verschiedener Patienten ist dagegen nur eingeschränkt möglich, weil derselbe Skalenwert individuell unterschiedliche Beschwerden und funktionelle Auswirkungen repräsentieren kann [2].
Begrenzte Aussagekraft fester Grenzwerte
Numerische Schmerzwerte werden häufig in leichte, mittelstarke und starke Schmerzen eingeteilt. Eine Literaturübersicht von 2025 fand jedoch erhebliche Unterschiede zwischen den verwendeten Grenzwerten. Die Bereiche für leichte, mittelstarke und starke Schmerzen überlappten deutlich, und selbst innerhalb vergleichbarer klinischer Kontexte bestand keine einheitliche Zuordnung [5].
Starre Grenzwerte sollten deshalb nicht isoliert über diagnostische Maßnahmen oder die Notwendigkeit einer bestimmten Behandlung entscheiden. Ein Wert von 7 kann bei verschiedenen Patienten eine unterschiedliche Bedeutung haben. Zusätzlich sind Ausgangswert, zeitliche Veränderung, Begleitsymptome, Funktionsniveau und individuelle Behandlungsziele zu berücksichtigen [2, 5].
Auch prozentuale oder absolute Veränderungen auf einer Schmerzskala dürfen nicht schematisch interpretiert werden. Ob eine Veränderung klinisch relevant ist, hängt unter anderem vom Ausgangswert, vom Krankheitsbild, vom Messzeitraum und von der gleichzeitigen Veränderung der Funktionsfähigkeit ab [2, 5].
Funktionelle Auswirkungen neben der Schmerzstärke
Die Schmerzintensität allein bildet die Krankheitslast nur unvollständig ab. Zwei Patienten mit demselben Zahlenwert können sich erheblich hinsichtlich Mobilität, Schlaf, Selbstversorgung, Arbeitsfähigkeit und sozialer Teilhabe unterscheiden.
Zusätzlich zur Schmerzstärke sollten deshalb erfasst werden:
- Schmerzbedingte Beeinträchtigung im Alltag
- Körperliche Aktivität und Belastbarkeit
- Schlafqualität
- Arbeits- und Erwerbsfähigkeit
- Selbstversorgung
- Emotionale Belastung
- Vermeidungs- und Schonverhalten
- Individuell relevante Behandlungsziele
Die DEGAM-Handlungsempfehlung bewertet Schmerzintensität und funktionelle Beeinträchtigung als wichtige Parameter für Verlaufsbeurteilung und Therapieplanung, warnt jedoch vor einer einseitigen Fokussierung auf die Schmerzintensität. Eine klinisch bedeutsame Verbesserung kann auch dann bestehen, wenn die Schmerzstärke nur gering abnimmt, sich aber Aktivität, Schlaf oder Teilhabe deutlich verbessern [2].
Schmerzort als räumliches Diagnosemerkmal
Der Schmerzort kann Hinweise auf die betroffene anatomische Region und den möglichen Schmerzmechanismus geben. Er sollte differenziert dokumentiert werden:
- Schmerzmaximum
- Gesamte schmerzhafte Fläche
- Oberflächliche oder tiefe Wahrnehmung
- Ein- oder beidseitige Verteilung
- Ausstrahlung
- Konstante, wechselnde oder wandernde Lokalisation
- Regionale, multifokale oder weitverbreitete Ausbreitung
- Begleitende sensible, motorische oder vegetative Symptome
Die Lokalisation ist jedoch kein direkter anatomischer Nachweis. Schmerzen können aus benachbarten Strukturen stammen, übertragen werden oder sich über das primär betroffene Gebiet hinaus ausbreiten. Auch bei eindeutig nachweisbarer Pathologie ist die wahrgenommene Schmerzfläche interindividuell variabel [2-4].
Lokal begrenzte Schmerzen
Ein eng umschriebener Schmerz, der durch lokale Belastung, Bewegung oder Palpation reproduzierbar ist, kann einen regionalen nozizeptiven Ursprung wahrscheinlicher machen. Die Lokalisation identifiziert jedoch nicht automatisch die schmerzauslösende Struktur.
Mehrere Gelenke, Muskeln, Sehnen, Bänder, Faszien oder knöcherne Strukturen können Beschwerden in derselben Region hervorrufen. Zudem können bildgebend sichtbare Veränderungen asymptomatisch sein. Eine Strukturdiagnose ist deshalb nur dann plausibel, wenn Schmerzort, zeitlicher Verlauf, Funktionsprüfung, Provokationstests und weitere klinische Befunde zusammenpassen [1, 2].
Ausstrahlende und übertragene Schmerzen
Schmerzausstrahlung, übertragener und radikulärer Schmerz sind nicht gleichbedeutend.
Übertragener Schmerz wird in einer von der mutmaßlichen Schmerzquelle entfernten Region wahrgenommen, ohne dass eine Läsion des dort verlaufenden Nervs vorliegen muss. Er kann aus Muskeln, Gelenken, Wirbelsäulenstrukturen oder inneren Organen stammen.
Radikulärer Schmerz entsteht im Zusammenhang mit einer Reizung oder Schädigung einer Spinalnervenwurzel. Er kann einschießend, elektrisierend oder brennend sein und mit Sensibilitätsstörungen, Reflexveränderungen oder Paresen einhergehen. Radikulärer Schmerz ist von einer Radikulopathie zu unterscheiden: Die Radikulopathie bezeichnet einen objektivierbaren neurologischen Funktionsverlust einer Nervenwurzel, der mit oder ohne Schmerz auftreten kann [3, 7].
Die räumliche Verteilung radikulärer Schmerzen folgt nicht zuverlässig idealisierten Dermatomen. In einer diagnostischen Studie bei Patienten mit MRT-bestätigter zervikaler Radikulopathie war die Übereinstimmung zwischen dem anhand von Schmerzzeichnungen vermuteten und dem bildgebend festgestellten Segment gering. Die Schmerzareale waren häufig ausgedehnt und überlappten zwischen verschiedenen Wurzelsegmenten [6].
Diese Untersuchung bezieht sich auf zervikale Radikulopathien und darf nicht ohne Weiteres auf sämtliche radikulären Syndrome übertragen werden. Sie verdeutlicht jedoch, dass die segmentale Zuordnung nicht allein anhand des Schmerzortes erfolgen sollte. Erforderlich ist eine gemeinsame Bewertung von Anamnese, Kraft, Reflexen, Sensibilität, Provokationstests und gegebenenfalls elektrophysiologischen oder bildgebenden Befunden [3, 6, 7].
Eine aktuelle systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zur schmerzhaften zervikalen Radikulopathie kam zu dem Ergebnis, dass die Evidenz zur diagnostischen Genauigkeit einzelner körperlicher Tests insgesamt spärlich und von sehr niedriger Sicherheit ist. Auch positive Untersuchungsbefunde müssen daher als Bestandteil eines klinischen Gesamtmusters und nicht als alleiniger Diagnosenachweis interpretiert werden [7].
Regionale, multifokale und weitverbreitete Schmerzen
Eine großflächige oder mehrere Körperregionen betreffende Schmerzverteilung kann unterschiedliche Ursachen haben:
- Mehrere gleichzeitig bestehende lokale Erkrankungen
- Systemische entzündliche oder metabolische Erkrankungen
- Polyneuropathische Verteilung
- Generalisierte muskuloskelettale Beschwerden
- Noziplastische Mechanismen
- Kombinationen verschiedener Schmerzmechanismen
Bei Verdacht auf noziplastische Schmerzen ist nicht allein die Anzahl der betroffenen Regionen entscheidend. Zu prüfen ist, ob die Schmerzausbreitung durch nachweisbare nozizeptive oder neuropathische Ursachen ausreichend erklärt werden kann und ob klinische Zeichen einer Überempfindlichkeit bestehen [4].
Eine weitverbreitete Schmerzlokalisation ist somit weder eine Diagnose noch ein Nachweis zentraler Sensibilisierung. Sie ist ein Signal, die diagnostische Betrachtung über eine einzelne lokale Struktur hinaus zu erweitern und systemische Erkrankungen, neurologische Ursachen, Begleiterkrankungen und mögliche Mischmechanismen zu berücksichtigen [2, 4].
Schmerzzeichnungen als Dokumentationsinstrument
Schmerzzeichnungen ermöglichen es Patienten, Schmerzmaximum, Gesamtausdehnung, Seitenverteilung, Ausstrahlung und unterschiedliche Empfindungsqualitäten auf einem Körperschema zu markieren.
Sie können insbesondere unterstützen bei:
- Komplexen oder multifokalen Schmerzsyndromen
- Ausstrahlenden Schmerzen
- Schwer verbal beschreibbaren Beschwerden
- Dokumentation räumlicher Veränderungen im Verlauf
- Kommunikation zwischen verschiedenen Behandlern
Schmerzzeichnungen erleichtern die strukturierte Erfassung der Schmerzverteilung, stellen aber keinen eigenständigen diagnostischen Test dar. Sie können eine Verdachtsdiagnose unterstützen, identifizieren jedoch weder eine anatomische Struktur noch eine bestimmte Nervenwurzel oder einen Schmerzmechanismus mit ausreichender Sicherheit [6].
Ihre Interpretation sollte deshalb immer mit Anamnese, klinischer Untersuchung, Begleitsymptomen und gegebenenfalls ergänzender Diagnostik verbunden werden. Eine automatisierte Flächenberechnung oder Mustererkennung erhöht die Präzision der räumlichen Dokumentation, nicht automatisch die diagnostische Spezifität [6].
Integrierte klinische Bewertung
Eine strukturierte Schmerzdiagnostik verbindet Schmerzart, Schmerzstärke und Schmerzort mit weiteren klinischen Informationen:
- Schmerzbeginn und zeitlichen Verlauf erfassen: Plötzlich oder schleichend, akut oder chronisch, kontinuierlich oder episodisch, stabil oder zunehmend.
- Schmerzqualität dokumentieren: Zunächst die freie Beschreibung des Patienten aufnehmen und anschließend gezielt nach mechanistisch relevanten Merkmalen fragen.
- Schmerzintensität standardisiert messen: Bezugszeitraum, Belastungssituation und bewertete Körperregion eindeutig festlegen.
- Schmerzverteilung kartieren: Schmerzmaximum, Gesamtausdehnung, Ausstrahlung, Seitenverteilung und zusätzliche Schmerzregionen dokumentieren.
- Begleitsymptome erheben: Sensible, motorische, vegetative, entzündliche und systemische Symptome berücksichtigen.
- Funktionelle Auswirkungen beurteilen: Aktivität, Schlaf, Selbstversorgung, Arbeit und soziale Teilhabe erfassen.
- Biopsychosoziale Einflussfaktoren berücksichtigen: Ängste, Stimmung, Stress, frühere Erfahrungen, Krankheitsvorstellungen und soziale Belastungen einbeziehen.
- Mechanistische Arbeitshypothese bilden: Nozizeptive, neuropathische und noziplastische Anteile einschließlich möglicher Mischformen gewichten.
- Weiterführende Diagnostik gezielt auswählen: Labor, Bildgebung, neurophysiologische oder andere Untersuchungen nur bei einer konkreten klinischen Fragestellung einsetzen [1-4].
Die drei Schmerzdimensionen liefern damit keine voneinander unabhängigen Diagnosen. Ihre Bedeutung entsteht aus der Konvergenz mehrerer Hinweise. Widersprüchliche Angaben sind nicht automatisch Zeichen einer unglaubwürdigen Schilderung, sondern können durch wechselnde Mechanismen, mehrere Schmerzquellen, zeitliche Schwankungen oder die begrenzte sprachliche Abbildbarkeit des Schmerzerlebens entstehen [1, 2].
Warnzeichen und Veränderungen des Schmerzmusters
Die klinische Dringlichkeit ergibt sich nicht allein aus der angegebenen Schmerzstärke. Vorrangig zu beachten sind neu aufgetretene oder zunehmende neurologische Ausfälle, relevante Traumata, Fieber oder andere Infektionszeichen, Tumoranamnese, Immunsuppression, schwere Allgemeinsymptome und organspezifische Warnzeichen [2, 8].
Bei Kreuzschmerzen empfehlen die VA/DoD-Leitlinien eine gezielte Bildgebung und gegebenenfalls Labordiagnostik bei progredienten oder schweren neurologischen Defiziten oder anderen Hinweisen auf eine ernsthafte Ursache. Ohne fokal-neurologische Defizite oder Warnzeichen wird bei akuten Kreuzschmerzen von einer routinemäßigen Bildgebung beziehungsweise invasiven Diagnostik abgeraten. Diese Empfehlung ist auf Kreuzschmerzen begrenzt, verdeutlicht aber das allgemeine Prinzip der fragestellungsbezogenen Diagnostik [8].
Auch bei einer bekannten chronischen Schmerzerkrankung müssen folgende Veränderungen erneut bewertet werden:
- Neue Schmerzlokalisation
- Deutliche Veränderung der Schmerzqualität
- Ungewohnt rascher Intensitätsanstieg
- Neue neurologische oder systemische Begleitsymptome
- Neue Schwellung, Überwärmung oder Funktionseinschränkung
- Verändertes zeitliches Muster
Eine bestehende chronische Schmerzdiagnose schließt eine neue behandelbare Erkrankung nicht aus. Die DEGAM-Handlungsempfehlung empfiehlt deshalb bei jedem Beratungsanlass die erneute Prüfung auf Warnzeichen und eine weiterführende Diagnostik bei Verdacht auf Organpathologie [2].
Fazit
Schmerzart, Schmerzstärke und Schmerzort sind unverzichtbare Bestandteile der Schmerzdiagnostik, besitzen jedoch unterschiedliche und jeweils begrenzte Aussagekraft.
Die Schmerzart unterstützt die Hypothese über einen nozizeptiven, neuropathischen oder noziplastischen Mechanismus. Die Schmerzstärke quantifiziert das subjektive Erleben und eignet sich insbesondere zur standardisierten intraindividuellen Verlaufsbeobachtung. Der Schmerzort liefert anatomische und neuroanatomische Hinweise, ermöglicht allein aber keine sichere Struktur-, Organ- oder Segmentdiagnose.
Die höchste diagnostische Aussagekraft entsteht aus der Übereinstimmung von Schmerzbeschreibung, Intensitätsverlauf, räumlicher Verteilung, Begleitsymptomen, funktionellen Auswirkungen und klinischem Befund. Diagnostische und therapeutische Entscheidungen sollten deshalb niemals allein von einem Schmerzadjektiv, einem Zahlenwert oder einer Markierung auf einer Schmerzzeichnung abhängig gemacht werden.
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