Schilddrüsenentzündung (Thyreoiditis) – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
- Beurteilung des Allgemeinzustands – Bewusstseinslage, Orientierung, psychomotorisches Verhalten und Kreislaufstabilität beurteilen. Bei akuter schmerzhafter Halsschwellung besonders auf einen schwer beeinträchtigten Allgemeinzustand und Fieber achten.
- Inspektion von Haut, Schleimhäuten und Skleren (Augenweißen) – Hauttemperatur, Hautfeuchtigkeit, Hautbeschaffenheit und Schwellungen beurteilen. Warme, feuchte Haut und vermehrtes Schwitzen können eine thyreotoxische (durch einen Überschuss an Schilddrüsenhormonen geprägte) Phase begleiten; kühle, trockene Haut und teigige Schwellungen können bei einer hypothyreoten (durch einen Mangel an Schilddrüsenhormonen geprägten) Phase auftreten. Diese Befunde sind nicht spezifisch für eine Thyreoiditis.
- Inspektion und Palpation der Schilddrüse – Größe, Symmetrie, Oberfläche, Konsistenz, Druckschmerzhaftigkeit, Verschieblichkeit und Mitbeweglichkeit beim Schlucken beurteilen; auf umschriebene Knoten und Veränderungen der darüberliegenden Haut achten.
- Subakute Thyreoiditis de Quervain (über Wochen verlaufende schmerzhafte Schilddrüsenentzündung): [ausgeprägt druckschmerzhafte, derbe, häufig vergrößerte Schilddrüse; einseitiger oder beidseitiger Befall]. Die Schmerzen können bei der Palpation in den Unterkiefer oder zu den Ohren ausstrahlen.
- Akute suppurative Thyreoiditis (akute eitrige Schilddrüsenentzündung): [stark druckschmerzhafte, häufig umschriebene oder einseitige Schilddrüsenschwellung; gegebenenfalls lokale Rötung und Überwärmung; bei oberflächennaher Abszessbildung (Bildung einer abgekapselten Eiteransammlung) Fluktuation (tastbares Schwappen von Flüssigkeit)]. Das Fehlen einer Rötung oder Fluktuation schließt eine tiefer gelegene Infektion nicht aus.
- Chronische Autoimmunthyreoiditis vom Typ Hashimoto (anhaltende Schilddrüsenentzündung durch eine Fehlreaktion des Immunsystems): [meist schmerzlose, derbe bis gummiartig konsistente, gegebenenfalls diffus vergrößerte Schilddrüse]. Bei atrophischer (mit Gewebeschwund einhergehender) Verlaufsform kann die Schilddrüse klein und kaum tastbar sein.
- Schmerzlose Thyreoiditis einschließlich Postpartum-Thyreoiditis (Schilddrüsenentzündung nach einer Geburt): Häufig unauffälliger Tastbefund oder geringe diffuse Vergrößerung ohne Druckschmerz. Eine klinische Abgrenzung von anderen schmerzlosen Schilddrüsenerkrankungen ist allein durch die Palpation nicht zuverlässig möglich.
- Riedel-Thyreoiditis (seltene Schilddrüsenentzündung mit ausgeprägter narbiger Verhärtung): [brettharte, meistens schmerzlose und schlecht verschiebliche Schilddrüse]. Der Befund kann einem Schilddrüsenmalignom (bösartigen Schilddrüsentumor) ähneln und erlaubt keine sichere klinische Unterscheidung.
- Palpation der regionären Lymphknoten (Lymphknoten im örtlichen Abflussgebiet) – insbesondere zervikal (am Hals) und supraklavikulär (oberhalb des Schlüsselbeins); Größe, Druckschmerzhaftigkeit, Konsistenz und Verschieblichkeit beurteilen. Druckschmerzhafte Lymphknoten können eine akute Infektion begleiten. Harte, fixierte oder anhaltend vergrößerte Lymphknoten erfordern eine Abklärung auf eine andere Ursache, insbesondere ein Malignom (bösartigen Tumor).
- Beurteilung von Stimme, Atmung und lokalen Kompressionszeichen (Anzeichen einer örtlichen Einengung) – auf Heiserkeit, Stridor (geräuschvolle Atmung durch verengte Atemwege), erhöhte Atemarbeit und Trachealverlagerung (Verschiebung der Luftröhre) achten. Bei Atembeschwerden Atemfrequenz und Sauerstoffsättigung erfassen.
- Auskultation des Herzens und Beurteilung des Pulses – Herzfrequenz und Herzrhythmus beurteilen. Tachykardie (beschleunigter Herzschlag) oder eine absolute Arrhythmie (vollständig unregelmäßiger Herzschlag) können eine thyreotoxische Phase, Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) eine hypothyreote Phase begleiten. Bei entsprechenden Beschwerden zusätzlich auf klinische Zeichen einer Herzinsuffizienz (Herzschwäche) achten.
- Orientierende neurologische (das Nervensystem betreffende) Untersuchung bei Hinweisen auf eine Funktionsstörung – Hände auf feinschlägigen Tremor (feines Zittern) prüfen und Muskeleigenreflexe beurteilen. Gesteigerte Reflexe können bei einer Thyreotoxikose, eine verzögerte Reflexrelaxation (verlangsamte Entspannung des Muskels nach einem ausgelösten Reflex) kann bei einer Hypothyreose auftreten. Diese Befunde sind nicht spezifisch für eine Thyreoiditis.
- Gezielte differentialdiagnostische Untersuchung – bei Hinweisen auf eine Thyreotoxikose auf eine endokrine Orbitopathie (entzündliche Erkrankung des Gewebes hinter den Augen im Zusammenhang mit einer Schilddrüsenerkrankung) achten und bei vergrößerter Schilddrüse gegebenenfalls über der Schilddrüse auskultieren. Eine endokrine Orbitopathie oder ein deutliches Strömungsgeräusch sprechen eher für einen Morbus Basedow (Autoimmunerkrankung mit Schilddrüsenüberfunktion). Umschriebene Knoten erfordern die Abgrenzung einer Struma nodosa (knotigen Schilddrüsenvergrößerung); eine rasch zunehmende, harte oder fixierte Schwellung die Abgrenzung eines Schilddrüsenkarzinoms (Schilddrüsenkrebses) oder Schilddrüsenlymphoms (bösartigen Tumors des Lymphgewebes in der Schilddrüse).
Klinische Warnzeichen: Stridor, Atemnot, rasch zunehmende Halsschwellung oder schwere Allgemeinzustandsverschlechterung mit Fieber und Kreislaufinstabilität erfordern eine sofortige notfallmäßige Beurteilung. Ausgeprägte Tachykardie, Fieber und Bewusstseinsstörung können auf eine thyreotoxische Krise (lebensbedrohliche Entgleisung durch einen Überschuss an Schilddrüsenhormonen) hinweisen.
Hinweis: Ein unauffälliger körperlicher Untersuchungsbefund schließt eine Thyreoiditis nicht aus. Die körperliche Untersuchung allein sichert weder die Entzündungsursache noch den Funktionszustand der Schilddrüse.
In eckigen Klammern stehen mögliche, für die jeweilige Thyreoiditisform charakteristische körperliche Befunde; sie sind nicht beweisend.