Mittelohrentzündung (Otitis media) – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch Otitis media (Mittelohrentzündung) mitbedingt sein können:

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Sepsis (Blutvergiftung) – sehr seltene systemische Komplikation einer schweren suppurativen Otitis media (eitrigen Mittelohrentzündung) bzw. komplizierten Mastoiditis (Entzündung des Warzenfortsatzes); insbesondere bei persistierendem Fieber, reduziertem Allgemeinzustand oder anderen Zeichen einer systemischen Infektion zu berücksichtigen [1]

Ohren – Warzenfortsatz (H60-H95)

  • Cholesteatom (Perlgeschwulst) – kann sich insbesondere bei chronischer Mittelohrentzündung bzw. chronischer Tubenventilationsstörung (Belüftungsstörung der Ohrtrompete) mit Trommelfellretraktion (Einziehung des Trommelfells) entwickeln; die lokal destruierende Ausbreitung kann zu Ossikelerosion (Schädigung der Gehörknöchelchen), Schallleitungsschwerhörigkeit (Schwerhörigkeit durch gestörte Schallübertragung), Labyrinthfistel (Verbindung zum Innenohr), Fazialisparese (Gesichtslähmung) sowie intrakraniellen Komplikationen (Komplikationen innerhalb des Schädels) führen [1]
  • Hörminderung/Schwerhörigkeit – eine der klinisch wichtigsten funktionellen Folgen der Otitis media [1-3]
    • Schallleitungsschwerhörigkeit infolge eines Paukenergusses (Flüssigkeitsansammlung im Mittelohr) bzw. bei chronischer Otitis media durch Trommelfellveränderungen, Adhäsivprozesse (Verwachsungen), Tympanosklerose (narbige Verkalkung im Mittelohr) oder Schädigung der Ossikelkette (Gehörknöchelchenkette)
    • Sensorineurale Schwerhörigkeit (Innenohrschwerhörigkeit) bei entzündlicher Mitbeteiligung des Innenohrs; insbesondere eine eitrige Labyrinthitis (Innenohrentzündung) kann irreversible Hörschäden verursachen [1]
    • Hörsturz (plötzliche sensorineurale Schwerhörigkeit) – in einer populationsbasierten Kohortenstudie war chronische Otitis media mit einer etwa dreifach erhöhten Inzidenz assoziiert (14,47 versus 4,83 Fälle pro 10.000 Personenjahre; adjustierte Hazard Ratio 3,02; 95-%-KI 2,30-3,98); das höchste relative Risiko bestand im ersten Jahr nach Diagnosestellung (Incidence Rate Ratio 3,87; 95-%-KI 1,93-7,79) [3]
  • Labyrinthitis – toxische bzw. bakterielle Ausbreitung der Mittelohrentzündung auf das Innenohr; klinisch insbesondere akuter Drehschwindel, Nystagmus (Augenzittern), Übelkeit/Erbrechen und sensorineurale Hörminderung; die seröse Form ist meist reversibel, während die eitrige Labyrinthitis mit einem hohen Risiko bleibender Hörschäden und persistierender vestibulärer Defizite (anhaltender Gleichgewichtsstörungen) verbunden ist [1]
  • Mastoiditis – wichtigste suppurative intratemporale Komplikation (eitrige Komplikation im Schläfenbein) der akuten Otitis media; typische klinische Zeichen sind persistierendes Fieber, zunehmende Otalgie (Ohrenschmerzen) sowie retroaurikuläre Rötung (Rötung hinter dem Ohr), Druckdolenz (Druckschmerzhaftigkeit) und teigige Schwellung mit Abstehen der Ohrmuschel [1]
    • Subperiostalabszess (Eiteransammlung unter der Knochenhaut) – bei Durchbruch der Entzündung durch die laterale mastoidale Kortikalis (seitliche Knochenwand des Warzenfortsatzes); klinisch relevante abszedierende Mastoiditiden manifestieren sich typischerweise mit retroaurikulärer Schwellung [1]
    • Bezold-Abszess (tiefer Halsabszess infolge einer Mastoiditis) – Ausbreitung entlang des M. sternocleidomastoideus in die tiefen Halsweichteile [1]
    • Citelli-Abszess (Eiteransammlung hinter dem Warzenfortsatz) – dorsookzipitale Ausbreitung der Mastoidinfektion [1]
    • Muret-Abszess (tiefer Halsabszess) – Ausbreitung in die Fossa digastrica [1]
  • Paukenerguss (Otitis media mit Erguss; OME) – kann nach einer akuten Otitis media persistieren und eine vorübergehende bzw. fluktuierende Schallleitungsschwerhörigkeit verursachen; in einer systematischen Übersichtsarbeit bildete sich die OME-bedingte Hörminderung bei etwa 50 % der Kinder innerhalb von 3 Monaten, bei 60 % innerhalb von 6 Monaten und bei 61-77 % innerhalb von 12 Monaten spontan zurück [2]
    • Bei persistierender, insbesondere beidseitiger OME-bedingter Hörminderung sind Auswirkungen auf Hören, Zuhören, Kommunikation, Sprachentwicklung, Verhalten sowie emotionales und soziales Wohlbefinden möglich; deshalb ist die individuelle funktionelle Beeinträchtigung entscheidend [LL3]
  • Petrositis (Entzündung der Felsenbeinspitze) mit Gradenigo-Syndrom (Folgekomplex einer Felsenbeinspitzenentzündung) – seltene Fortleitung einer Otitis media bzw. Mastoiditis zur Felsenbeinspitze; klassische Trias (Dreierkombination typischer Beschwerden) aus Otitis media/Mastoiditis, trigeminalem Schmerz (Schmerz im Versorgungsgebiet des Gesichtsnervs) und Abduzensparese (Lähmung des seitlichen Augenmuskelnervs) [1]
  • Trommelfellperforation (Loch im Trommelfell) – kann bei einer suppurativen akuten Otitis media spontan auftreten; meist erfolgt eine folgenlose Abheilung, während eine persistierende Perforation mit chronischer Otorrhö (anhaltendem Ohrausfluss), rezidivierenden Infektionen und Schallleitungsschwerhörigkeit einhergehen kann
  • Trommelfellretraktion/Adhäsivprozess – mögliche strukturelle Langzeitfolge chronischer Tubenventilationsstörung und rezidivierender bzw. chronischer Mittelohrentzündung; ausgeprägte Retraktionstaschen (Einziehungstaschen des Trommelfells) können die Entstehung eines erworbenen Cholesteatoms begünstigen
  • Tympanosklerose – narbig-hyaline bzw. verkalkende Veränderungen des Trommelfells und/oder Mittelohres nach wiederholten entzündlichen Prozessen; bei Beteiligung der Ossikelkette ist eine relevante Schallleitungsschwerhörigkeit möglich

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Fazialisparese, periphere – seltene intratemporale Komplikation; pathogenetisch werden entzündliches Ödem (Gewebeschwellung) und erhöhter Druck im Fazialiskanal (Knochenkanal des Gesichtsnervs), direkte Infektionsausbreitung über knöcherne Dehiszenzen (Knochenlücken), Osteitis (Knochenentzündung) sowie toxisch-entzündliche Mechanismen diskutiert; klinisch einseitige Schwäche der mimischen Muskulatur (Gesichtsmuskulatur) mit eingeschränktem Lidschluss und Mundwinkelabsinken [1]
  • Intrakranielle Abszesse/Empyeme (Eiteransammlungen innerhalb des Schädels) – seltene, potenziell lebensbedrohliche otogene Komplikationen (vom Ohr ausgehende Komplikationen); epidurale (über der harten Hirnhaut gelegene), subdurale (unter der harten Hirnhaut gelegene) oder intrazerebrale Abszesse (Eiteransammlungen im Gehirngewebe) sind möglich; typische Manifestationen sind Kopfschmerzen, fokalneurologische Defizite (umschriebene neurologische Ausfälle), Vigilanzminderung (Bewusstseinstrübung) und epileptische Anfälle [1]
  • Meningitis (Hirnhautentzündung) – eine der wichtigsten intrakraniellen Komplikationen einer akuten Otitis media bzw. Mastoiditis; mögliche Warnzeichen sind Fieber, starke Kopfschmerzen, Meningismus (Nackensteifigkeit) und Bewusstseinsveränderungen [1]
  • Sinusvenenthrombose (Blutgerinnsel in einer Hirnvene) – seltene, aber schwerwiegende otogene intrakranielle Komplikation, insbesondere als septische Thrombose (infektiös bedingtes Blutgerinnsel) des Sinus sigmoideus bzw. Sinus transversus; mögliche klinische Zeichen sind persistierendes Fieber, anhaltende Kopfschmerzen, Papillenödem (Schwellung des Sehnervenkopfes) und Hirnnervenfunktionsstörungen (Funktionsstörungen der Hirnnerven), insbesondere eine Abduzensparese [1]

Prognosefaktoren

  • Komplikationen der akuten Otitis media sind insgesamt selten – in einer großen US-amerikanischen Notaufnahmedatenbank wurden bei etwa 0,26 % der Vorstellungen wegen akuter Otitis media bzw. akuter Mastoiditis Komplikationen dokumentiert; Mastoiditis, Labyrinthitis und Fazialisparese waren die häufigsten intratemporalen Komplikationen [1]
  • Junges Kindesalter, unreifes bzw. geschwächtes Immunsystem, persistierende Beschwerden, rezidivierende akute Otitis media, virulente oder antibiotikaresistente Erreger, unzureichend behandelte Episoden sowie Impflücken, insbesondere gegen Pneumokokken, sind mit einem erhöhten Risiko komplizierter Verläufe assoziiert [1]
  • Starke Vorwölbung des Trommelfells – bei Kindern mit akuter Otitis media war unter Placebotherapie eine starke Trommelfellvorwölbung gegenüber moderater, geringer oder fehlender Vorwölbung mit einem nahezu verdoppelten Risiko für Therapieversagen verbunden (Hazard Ratio 1,96; 95-%-KI 1,20-3,20); bei antibiotischer Therapie bestand dieser prognostische Zusammenhang nicht [4]
  • Starke Trommelfellvorwölbung als Prädiktor (Vorhersagefaktor) eines Antibiotikanutzens – bei Kindern mit diesem Befund betrug die Rate des Therapieversagens unter Antibiotikatherapie 11,1 % gegenüber 64,1 % unter Placebo; daraus ergab sich eine Number Needed to Treat von 1,9 [4]
  • Höheres Alter innerhalb des untersuchten Kleinkindkollektivs – Kinder im Alter von 24-35 Monaten hatten ein geringeres Risiko für Therapieversagen als Kinder im Alter von 6-23 Monaten (Hazard Ratio 0,53; 95-%-KI 0,29-0,96) [4]
  • Spitz zulaufendes Tympanogramm bei Erstuntersuchung – A- bzw. C-Kurven waren mit einem geringeren Risiko für Therapieversagen assoziiert (Hazard Ratio 0,43; 95-%-KI 0,21-0,88) [4]
  • Persistenzdauer des Paukenergusses – die Spontanprognose einer OME-bedingten Hörminderung ist insgesamt günstig, verschlechtert sich jedoch bei langdauernder chronischer OME; in der systematischen Übersichtsarbeit lag die spontane Resolution OME-bedingter Hörminderung bei etwa 50 % nach 3 Monaten, 60 % nach 6 Monaten und 61-77 % nach 12 Monaten [2]
  • Intrakranielle Komplikationen – sind gegenüber intratemporalen Komplikationen mit deutlich höherer Morbidität (Krankheitsschwere) und erhöhter Mortalität (Sterblichkeit) sowie einem größeren Risiko neurologischer bzw. funktioneller Residuen (bleibender Folgen) verbunden; frühe Erkennung und rasche adäquate Therapie sind wesentliche Determinanten (Einflussfaktoren) der Prognose [1]

Literatur

  1. Schmutzler L, Santer M, Dejaco D et al.: Komplikationen der akuten Otitis media. HNO. 2026;74:554-562. doi:10.1007/s00106-026-01788-4
  2. Paing A, Elliff-O'Shea L, Day J et al.: Natural history of otitis media with effusion-related hearing loss in children under 12 years: a systematic review. Arch Dis Child. 2025;110:38-44. doi:10.1136/archdischild-2024-327463
  3. Yen YC, Lin C, Weng SF et al.: Higher Risk of Developing Sudden Sensorineural Hearing Loss in Patients With Chronic Otitis Media. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg. 2015;141:429-435. doi:10.1001/jamaoto.2015.102
  4. Tähtinen PA, Laine MK, Ruohola A: Prognostic Factors for Treatment Failure in Acute Otitis Media. Pediatrics. 2017;140:e20170072. doi:10.1542/peds.2017-0072
  5. Roberts JE, Rosenfeld RM, Zeisel SA: Otitis Media and Speech and Language: A Meta-analysis of Prospective Studies. Pediatrics. 2004;113:e238-e248. doi:10.1542/peds.113.3.e238

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S2k-Leitlinie: Antibiotikatherapie bei HNO-Infektionen. (Registernummer 017-066) Mai 2025 Langfassung [LL1].
  2. NICE Guideline NG91: Otitis media (acute): antimicrobial prescribing. März 2018, zuletzt aktualisiert März 2022. Guideline [LL2].
  3. NICE Guideline NG233: Otitis media with effusion in under 12s. August 2023. Guideline [LL3].