Harnverhaltung (Ischurie) – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Wiederherstellung einer sicheren Blasenentleerung, Linderung der Beschwerden und Vermeidung von Schäden an Harnblase und Nieren. Die medikamentöse Behandlung richtet sich nach der Ursache und unterstützt die weitere Therapie.

Therapieempfehlungen

Akuter Harnverhalt erfordert eine unverzügliche Blasenentlastung. Medikamente ersetzen die erforderliche Katheterisierung nicht. Auslösende Arzneimittel, insbesondere Anticholinergika, Opioide und Sympathomimetika, überprüfen und nach ärztlicher Nutzen-Risiko-Abwägung absetzen oder ersetzen. Infektionen, mechanische Abflussbehinderungen und neurologische Ursachen (Ursachen, die das Nervensystem betreffen) gezielt behandeln [2, LL1, LL2].

α1-Blocker bei benigner Prostataobstruktion (gutartig bedingter Abflussbehinderung durch die Vorsteherdrüse)

  • Bei einem durch benigne Prostatahyperplasie (gutartige Prostatavergrößerung; BPH) bedingten Harnverhalt kann ein α1-Blocker bereits bei Katheteranlage begonnen werden, sofern keine Gegenanzeigen bestehen. Er erleichtert den anschließenden Katheterauslassversuch [1, LL1].
  • Eine systematische Übersichtsarbeit zeigte erfolgreiche Katheterauslassversuche bei 60,2 % unter α-Blockern gegenüber 38,1 % unter Placebo; relatives Risiko 1,55, 95%-Konfidenzintervall 1,36-1,76. Die individuelle Erfolgsaussicht hängt unter anderem von Ursache und Ausmaß der Entleerungsstörung ab; eine pauschale Erfolgsgrenze von 40 % ist nicht sachgerecht [1].

Wirkungseintritt und Zeitpunkt des Katheterauslassversuchs

  • Eine Wirkung von α1-Blockern kann innerhalb von Stunden bis Tagen einsetzen; die volle symptomatische Wirkung entwickelt sich häufig erst über mehrere Wochen. Die Aussage „volle Wirkung nach 72 Stunden“ ist daher nicht zutreffend [LL1].
  • Der Katheterauslassversuch wird nach klinischem Verlauf geplant. Für Alfuzosin AbZ sieht die Fachinformation bei akutem BPH-bedingtem Harnverhalt ab 65 Jahren 2-3 Behandlungstage unter Katheter und einen weiteren Behandlungstag nach Entfernung vor. Dies ist eine präparatespezifische Vorgabe und keine allgemeingültige 72-Stunden-Regel [FI1].
  • Bei Nierenfunktionsstörung, Hydronephrose (Erweiterung des Nierenhohlsystems durch Harnstau), ausgeprägter Blasenüberdehnung oder fortbestehender Ursache kann eine längere Ableitung notwendig sein. Eine abgeschlossene Erholung von Blasenmuskulatur, Nierenfunktion oder oberen Harnwegen nach 72 Stunden darf nicht vorausgesetzt werden [2].

Restharn (nach dem Wasserlassen in der Blase verbleibender Urin) und weitere Blasenentleerung

  • Nach Katheterentfernung spontane Miktion (Wasserlassen), Beschwerden, entleertes Volumen und sonographischen Restharn beurteilen; bei auffälligem Befund Verlaufskontrollen durchführen [LL1].
  • 200 ml Restharn sind keine pauschal sichere oder tolerierbare Grenze. Entscheidend sind wiederholte Messungen, Verhältnis zum Blasenvolumen, Beschwerden, Infektionen, Nierenfunktion und Zustand der oberen Harnwege. Ein einzelner Wert begründet weder automatisch eine erneute Katheterisierung noch eine sichere Entlassung [2, LL1].
  • Bei erneuter schmerzhafter Harnverhaltung oder gefährdeter Nierenfunktion die Harnableitung sicherstellen. Bei anhaltend unzureichender Entleerung intermittierenden Katheterismus oder andere geeignete Ableitung erwägen; rezidivierender (wiederkehrender) oder therapierefraktärer (auf die Behandlung nicht ausreichend ansprechender) prostatabedingter Harnverhalt erfordert eine urologische Prüfung der operativen Behandlung [2, LL1, LL2].

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

α1-Adrenozeptorantagonisten

Wirkstoff Besonderheiten
Alfuzosin Alfuzosin AbZ ist zur begleitenden Behandlung des akuten BPH-bedingten Harnverhalts ab 65 Jahren zugelassen. Für diese Akutindikation insgesamt 3-4 Tage gemäß Fachinformation; eine anschließende BPH-Dauertherapie gesondert beurteilen. Retardtablette unzerkaut einnehmen [FI1].
Tamsulosin Zugelassen zur Behandlung von LUTS (Beschwerden der unteren Harnwege) bei BPH. Keine eigenständige Akut-Harnverhalt-Indikation in der genannten Fachinformation; Zulassungsrahmen beachten. Kapsel unzerkaut einnehmen [FI2].
  • Wirkweise: Verminderung des Tonus der glatten Muskulatur in Prostata und Blasenhals; dadurch Erleichterung der Blasenentleerung [LL1].
  • Indikation: BPH-bedingte Beschwerden beziehungsweise Unterstützung des Katheterauslassversuchs bei prostatabedingtem Harnverhalt. Keine pauschale Übertragung auf Frauen oder nichtobstruktive (nicht durch eine Abflussbehinderung verursachte) Entleerungsstörungen [LL1, LL2, FI1, FI2].
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Alfuzosin AbZ: eingeschränkte Leberfunktion sowie Kombination mit anderen α1-Blockern oder Dopaminrezeptoragonisten. Tamsulosin: anamnestisch bekannte orthostatische Hypotonie (Blutdruckabfall beim Aufstehen) und schwere Leberinsuffizienz (starke Einschränkung der Leberfunktion). Bei schwerer Nierenfunktionsstörung präparatespezifische Einschränkungen beachten [FI1, FI2].
  • Nebenwirkungen: Schwindel, Blutdruckabfall, Synkope (Ohnmacht) und Ejakulationsstörungen (Störungen des Samenergusses). Vor Kataraktoperationen Augenarzt über aktuelle oder frühere Einnahme informieren. Wechselwirkungen insbesondere mit blutdrucksenkenden Arzneimitteln und starken CYP3A4-Hemmern prüfen [FI1, FI2].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Direkte Parasympathikomimetika - keine Routinetherapie

Bethanechol wird bei Detrusorunteraktivität (verminderter Aktivität des Blasenmuskels) nicht routinemäßig empfohlen. Die EAU-Leitlinien empfehlen sowohl bei Männern als auch bei Frauen, Parasympathikomimetika hierfür nicht regelhaft einzusetzen. Ein verlässlich belegter klinischer Nutzen fehlt; relevante cholinerge Nebenwirkungen (Nebenwirkungen durch eine verstärkte Wirkung des Nervenbotenstoffs Acetylcholin) sind möglich. Eine vermutete Detrusorhypokontraktilität (zu schwache Zusammenziehung des Blasenmuskels) allein rechtfertigt keine Verordnung [LL1, LL2].

Wirkstoff Besonderheiten
Bethanecholchlorid Die deutsche Fachinformation nennt postoperativen Harnverhalt (Harnverhalt nach einer Operation) durch Blasenatonie (fehlende oder stark verminderte Spannung des Blasenmuskels) bei Erwachsenen. Eine Zulassung bedeutet keine leitliniengerechte Routineempfehlung. Vor Anwendung mechanische Obstruktion (körperliche Abflussbehinderung) ausschließen; sichere Harnableitung gewährleisten. Wirkung objektiv kontrollieren und bei fehlendem Nutzen absetzen [LL1, LL2, FI3].
  • Wirkweise: Direkte muskarinerge Stimulation mit Erhöhung von Tonus und Druck des Detrusors (Blasenmuskels) [FI3].
  • Indikation: Allenfalls fachurologisch begründeter, kontrollierter Therapieversuch innerhalb des zugelassenen Anwendungsgebietes; keine Standardbehandlung des BPH-bedingten Harnverhalts [LL1, LL2, FI3].
  • Kontraindikationen: Insbesondere mechanische Obstruktion im Harn- oder Gastrointestinaltrakt (Magen-Darm-Trakt), Asthma bronchiale (chronisch entzündliche Atemwegserkrankung mit anfallsweiser Atemwegsverengung), Hypotonie (zu niedriger Blutdruck) oder Hypertonie (Bluthochdruck), Bradykardie (verlangsamter Herzschlag), koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße), AV-Überleitungsstörungen (Störungen der elektrischen Erregungsleitung zwischen Herzvorhöfen und Herzkammern), Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) und Ulkuskrankheit (Geschwürerkrankung des Magens oder Zwölffingerdarms). Weitere Gegenanzeigen gemäß Fachinformation beachten; Anwendung in Schwangerschaft und Stillzeit vermeiden [FI3].
  • Nebenwirkungen: Speichel- und Schweißvermehrung, Flush (anfallsartige Hautrötung), Harndrang, Diarrhoe (Durchfall), Übelkeit, Bradykardie, Blutdruckabfall und Bronchospasmus (Verkrampfung der Atemwegsmuskulatur). Eine Drucksteigerung bei nicht ausreichend geöffnetem Blasenauslass kann Harnreflux (Rückfluss von Urin) begünstigen [FI3].

Langfristige Ursachenbehandlung: Bei vergrößerter Prostata und erhöhtem Progressionsrisiko kann eine Therapie mit einem 5α-Reduktasehemmer erwogen werden; sie wirkt über Monate und beseitigt keinen akuten Harnverhalt. Einzelheiten siehe „Benigne Prostatahyperplasie/Pharmakotherapie“ [LL1].

Abkürzungsverzeichnis

  • AV: Atrioventrikulär; die Herzvorhöfe und Herzkammern betreffend.
  • BPH: Benigne Prostatahyperplasie; gutartige Prostatavergrößerung.
  • CYP3A4: Cytochrom P450 3A4; am Abbau zahlreicher Arzneimittel beteiligtes Enzym.
  • EAU: European Association of Urology; Europäische Gesellschaft für Urologie.
  • LUTS: Lower Urinary Tract Symptoms; Beschwerden der unteren Harnwege.

Literatur

  1. Fisher E, Subramonian K, Omar MI: The role of alpha blockers prior to removal of urethral catheter for acute urinary retention in men. Cochrane Database Syst Rev. 2014;(6):CD006744. doi: 10.1002/14651858.cd006744.pub3.
  2. Stoffel JT, Peterson AC, Sandhu JS et al.: AUA White Paper on Nonneurogenic Chronic Urinary Retention: Consensus Definition, Treatment Algorithm, and Outcome End Points. J Urol. 2017;198(1):153-160. doi: 10.1016/j.juro.2017.01.075.

Leitlinien

  1. European Association of Urology: EAU Guidelines on the Management of Non-neurogenic Male Lower Urinary Tract Symptoms. Ausgabe 2026. Leitlinie und Langfassung [LL1]
  2. European Association of Urology: EAU Guidelines on Non-neurogenic Female Lower Urinary Tract Symptoms. Ausgabe 2026. Leitlinie und Langfassung [LL2]

Fachinformationen

  1. Alfuzosin AbZ 10 mg Retardtabletten. Stand November 2022. Fachinformation [FI1]
  2. Tamsulosin Viatris 0,4 mg Hartkapseln mit veränderter Wirkstofffreisetzung. Stand Juli 2026. Fachinformation [FI2]
  3. MYOCHOLINE-GLENWOOD, Tabletten 10 mg und 25 mg. Stand September 2021. Fachinformation [FI3]