Rasch progrediente Glomerulonephritis – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpertemperatur, Atemfrequenz, Sauerstoffsättigung, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
    • Beurteilung von Allgemeinzustand, Bewusstseinslage und Atemarbeit; Erfassung von Kreislaufinstabilität (unzureichend stabilem Blutkreislauf) und Zeichen einer Flüssigkeitsüberlastung (übermäßigen Flüssigkeitsansammlung im Körper).
    • Inspektion von Haut, Schleimhäuten und Skleren (dem Weißen der Augen); Beurteilung von Hautkolorit (Hautfarbe), Schleimhautblässe, periorbitalen (um die Augen gelegenen) und peripheren (an Armen und Beinen gelegenen) Ödemen (Wassereinlagerungen im Gewebe) sowie sakralen Ödemen (Wassereinlagerungen im Bereich des Kreuzbeins) bei bettlägerigen Patienten. Gezielte Suche nach tastbaren, nicht wegdrückbaren Hauteinblutungen, Ulzerationen (Geschwüren) und Nekrosen (abgestorbenem Gewebe) als Hinweisen auf eine zugrunde liegende Vaskulitis (Entzündung der Blutgefäße). Bei entsprechender Konstellation auf Schmetterlingserythem (schmetterlingsförmige Hautrötung über Wangen und Nasenrücken) und orale Ulzerationen (Geschwüre im Mund) als Hinweise auf einen systemischen Lupus erythematodes (Erkrankung durch fehlgeleitete Abwehrreaktionen gegen körpereigenes Gewebe, die verschiedene Organe betreffen kann) achten.
    • Beurteilung des Volumenstatus (Flüssigkeitszustands des Körpers) anhand von Ödemverteilung, Halsvenenfüllung, Schleimhautfeuchtigkeit, peripherer Durchblutung und Gewichtsverlauf. Fehlende Ödeme schließen eine rasch progrediente Glomerulonephritis nicht aus.
    • Auskultation des Herzens; Beurteilung von Herzfrequenz, Herzrhythmus, Herzgeräuschen und Perikardreiben (Reibegeräusch entzündeter Herzbeutelblätter). Ein neu aufgetretenes Herzgeräusch bei Fieber kann auf eine infektiöse Endokarditis (durch Krankheitserreger verursachte Entzündung der Herzinnenhaut, insbesondere der Herzklappen) als Ursache einer infektionsassoziierten Glomerulonephritis (im Zusammenhang mit einer Infektion auftretende Entzündung der Nierenfilter) hinweisen. Ein fehlendes Herzgeräusch schließt eine Endokarditis nicht aus. Perikardreiben kann bei fortgeschrittener Urämie (Krankheitszustand durch die Ansammlung normalerweise über die Nieren ausgeschiedener Stoffe) auftreten.
    • Inspektion, Perkussion und Auskultation der Lunge; Beurteilung von Atemarbeit, seitengleicher Belüftung, Rasselgeräuschen und Hinweisen auf Pleuraergüsse (Flüssigkeitsansammlungen zwischen Lunge und Brustwand). Dyspnoe (Atemnot), Tachypnoe (beschleunigte Atmung) und Rasselgeräusche können Ausdruck eines Lungenödems (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge) oder einer alveolären Hämorrhagie (Blutung in die Lungenbläschen) sein. Hämoptysen (Bluthusten) sind bei einer Lungenblutung möglich, können jedoch fehlen. Bei gleichzeitiger Nieren- und Lungenbeteiligung an ein pulmorenales Syndrom (gemeinsame Erkrankung von Lunge und Nieren) denken, insbesondere bei ANCA-assoziierter Vaskulitis (mit bestimmten Abwehrstoffen verbundener Gefäßentzündung) oder Anti-GBM-Erkrankung (Erkrankung durch Abwehrstoffe gegen Bestandteile der Nierenfilter und gegebenenfalls der Lungenbläschen).
    • Palpation des Abdomens (Bauchraums) mit Beurteilung von Druckschmerz, Abwehrspannung (unwillkürlicher Anspannung der Bauchmuskulatur), Leber- und Milzvergrößerung sowie Aszites (Flüssigkeitsansammlung in der Bauchhöhle). Hepatomegalie (Lebervergrößerung) und Ikterus (Gelbsucht) können bei entsprechender Konstellation Hinweise auf eine begleitende Lebererkrankung geben; ein normaler Untersuchungsbefund schließt eine Hepatitis B oder C (durch Hepatitis-B- oder Hepatitis-C-Viren verursachte Leberentzündung) nicht aus.
  • Nephrologische Untersuchung; urologische Untersuchung bei entsprechender Fragestellung
    • Erfassung von Blutdruck, Volumenstatus und klinischen Zeichen einer fortgeschrittenen Nierenfunktionsstörung; insbesondere auf Bewusstseinsveränderungen, Asterixis (kurzzeitiges Nachgeben der Haltemuskulatur mit flatternden Bewegungen, beispielsweise der Hände) und Perikardreiben achten.
    • Beurteilung der Nierenlager (Körperregionen über den Nieren) und Palpation beziehungsweise Perkussion der suprapubischen Region (Bereichs oberhalb des Schambeins) bei Verdacht auf Harnverhalt (Unfähigkeit, die gefüllte Harnblase zu entleeren). Ein Nierenlagerklopfschmerz (Schmerz beim Beklopfen der Körperregion über einer Niere) ist für eine Glomerulonephritis nicht typisch und erfordert die Prüfung anderer Ursachen. Eine tastbar gefüllte Harnblase spricht für eine mögliche Abflussstörung.
    • Die körperliche Untersuchung erlaubt weder den sicheren Nachweis noch die ätiologische Zuordnung (Bestimmung der zugrunde liegenden Ursache) einer rasch progredienten Glomerulonephritis. Auch eine schwere Erkrankung kann ohne ausgeprägte körperliche Auffälligkeiten vorliegen.
  • Gezielte Untersuchung auf extrarenale Manifestationen (Krankheitszeichen außerhalb der Nieren) bei Verdacht auf eine Systemerkrankung (Erkrankung, die mehrere Organe betreffen kann)
    • Hals-Nasen-Ohren-Bereich: Inspektion von Naseneingang, sichtbarer Nasenschleimhaut und Mundhöhle; bei Beschwerden ergänzende fachärztliche Untersuchung. Auf blutig verkrustete Schleimhautläsionen (Schleimhautschäden), Septumdefekte (Defekte der Nasenscheidewand), Sattelnase (eingesunkenen Nasenrücken) und persistierende entzündliche Veränderungen als Hinweise auf eine Granulomatose mit Polyangiitis (Erkrankung mit Gefäßentzündungen und knötchenartigen Gewebeveränderungen) achten.
    • Augen: Beurteilung von Rötung, Schmerzen und klinisch erkennbarer Visusminderung (Abnahme der Sehschärfe). Bei Verdacht auf Skleritis (Entzündung der Lederhaut des Auges) oder andere entzündliche Augenbeteiligung umgehende ophthalmologische Untersuchung.
    • Gelenke: Untersuchung auf Schwellung, Überwärmung, Druckschmerz und Bewegungseinschränkung als Hinweise auf eine begleitende Arthritis (Gelenkentzündung).
    • Nervensystem: Prüfung von Bewusstsein, Muskelkraft und Sensibilität (Empfindungsvermögen); bei Verdacht auf Vaskulitis gezielt nach asymmetrischen sensomotorischen Ausfällen (ungleich verteilten Störungen von Empfindung und Muskelbewegung), insbesondere Fußheber- oder Handheberparese (Schwäche beim Anheben des Fußes oder der Hand), suchen.

Einordnung: Für die rasch progrediente Glomerulonephritis existiert kein pathognomonischer (für diese Erkrankung eindeutig beweisender) körperlicher Untersuchungsbefund. Die genannten Befunde dienen der Einschätzung des Schweregrades und der Suche nach einer zugrunde liegenden Erkrankung. Ein allgemeiner Gesundheitscheck ist kein Bestandteil der akuten Abklärung und darf diese nicht verzögern.

Red Flags bei rasch progredienter Glomerulonephritis

  • Akute Atemnot, sinkende Sauerstoffsättigung, Hämoptysen oder ausgeprägte Atemarbeit: Verdacht auf alveoläre Hämorrhagie oder Lungenödem; fehlende Hämoptysen schließen eine alveoläre Hämorrhagie nicht aus.
  • Stark erhöhter Blutdruck mit Bewusstseinsstörung, Krampfanfällen, akuter Sehstörung oder kardiorespiratorischer Beeinträchtigung (Beeinträchtigung von Herz und Atmung): Verdacht auf einen hypertensiven Notfall (Notfall durch stark erhöhten Blutdruck mit akuter Organschädigung).
  • Bewusstseinsstörung oder Perikardreiben: mögliche schwere urämische Organbeteiligung (Beeinträchtigung von Organen durch die Ansammlung normalerweise über die Nieren ausgeschiedener Stoffe).
  • Fieber mit Kreislaufinstabilität, neuem Herzgeräusch oder peripheren Emboliezeichen (Zeichen von Gefäßverschlüssen durch verschlepptes Material außerhalb der zentralen Organe): Verdacht auf eine schwere Infektion beziehungsweise infektiöse Endokarditis.

Bereits der Verdacht auf eine rasch progrediente Glomerulonephritis erfordert eine unverzügliche nephrologische Abklärung, in der Regel stationär. Bei den genannten Warnzeichen ist eine sofortige notfallmedizinische Versorgung erforderlich.

Abkürzungsverzeichnis

  • ANCA: antineutrophile zytoplasmatische Antikörper; Abwehrstoffe gegen Bestandteile bestimmter weißer Blutkörperchen.
  • Anti-GBM: gegen die glomeruläre Basalmembran gerichtete Antikörper; Abwehrstoffe gegen Bestandteile einer dünnen Stützschicht der Nierenfilter, die auch Strukturen in den Lungenbläschen betreffen können.