Penisschmerzen – Medikamentöse Therapie

Therapieziel

Linderung der Schmerzen und Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung; bei vaskulären (die Blutgefäße betreffenden) oder traumatischen (durch Verletzungen bedingten) Notfällen Erhalt der Gewebevitalität (Lebensfähigkeit des Gewebes) und der Erektionsfähigkeit. Eine symptomatische Analgesie (Behandlung zur Schmerzlinderung) darf die erforderliche urologische Behandlung nicht verzögern.

Therapieempfehlungen

  • Nichtinfektiöse entzündliche Ursachen: Bei irritativer (durch Reizung ausgelöster) oder allergischer Balanitis (Entzündung der Eichel) Auslöser meiden; ein schwaches topisches Glucocorticoid kommt kurzfristig nach Diagnosesicherung infrage. Lichen sclerosus (chronische entzündliche Hauterkrankung mit weißlichen Veränderungen und möglicher Vernarbung) benötigt eine eigene fachärztliche Therapie; Hydrocortison ist hierfür keine ausreichende Standardbehandlung [LL1, LL2].
  • Infektiöse Ursachen: Candidabalanitis (durch Hefepilze verursachte Entzündung der Eichel) antimykotisch, Herpes genitalis (Herpes im Genitalbereich) antiviral und bakterielle Infektionen erregerspezifisch behandeln. Bei Urethritis (Entzündung der Harnröhre) möglichst vor Therapiebeginn Proben gewinnen. Eine empirische Antibiotikatherapie richtet sich nach klinischem Befund, Übertragungsrisiko und gesicherter Nachkontrolle; Penisschmerz allein ist keine Indikation. Bei Gonorrhöverdacht (Verdacht auf Tripper) ist eine ceftriaxonbasierte Therapie erforderlich; Doxycyclin allein reicht nicht aus. Partnerdiagnostik und gegebenenfalls Partnerbehandlung veranlassen [LL1, LL2, LL3, LL4].
  • Neuropathische Ursachen (durch Schädigung des Nervensystems bedingte Ursachen): Bei wahrscheinlicher oder gesicherter Nervenläsion (Nervenschädigung), beispielsweise Pudendusneuralgie (Nervenschmerz im Versorgungsgebiet des Schamnervs), kann ein individuell kontrollierter Therapieversuch mit einem Koanalgetikum erfolgen. Die allgemeine Evidenz zu neuropathischen Schmerzen belegt keine Wirksamkeit bei ungeklärtem Penisschmerz. Therapieziele und Abbruchkriterien vereinbaren; bei fehlendem Nutzen ausschleichen [1, LL5].
  • Vaskuläre Ursachen: Ischämischen Priapismus (Dauererektion mit Sauerstoffmangel durch gestörten Blutabfluss) unverzüglich urologisch behandeln. Ein nichtischämischer Priapismus (Dauererektion ohne entsprechenden Sauerstoffmangel) benötigt eine fachärztliche Abgrenzung; das unten aufgeführte Notfallschema gilt für die ischämische Form. Bei oberflächlicher Penisvenenthrombose (Blutgerinnsel in einer oberflächlichen Penisvene) keine pauschale systemische Antikoagulation ohne gesonderte Indikation [2, LL6].

Geltungsbereich: Die folgenden Dosierungen gelten für Erwachsene. Auswahl, Dauer und Dosis sind an Diagnose, Organfunktion und Begleitmedikation anzupassen. Eine anhaltende oder rezidivierende (wiederkehrende) Beschwerdesymptomatik erfordert erneute Untersuchung.

Wirkstoffe (Hauptindikationen)

Nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR): kurzfristige symptomatische Analgesie

Wirkstoff Besonderheiten
Ibuprofen Niedrigste wirksame Dosis für wenige Tage; keine Kombination mit anderen NSAR. Behandelt weder Infektion noch Ischämie (Minderdurchblutung) [FI1].
  • Wirkweise: Cyclooxygenasehemmung mit analgetischer und antiphlogistischer Wirkung.
  • Indikationen: Begleitende Behandlung akuter nozizeptiver Schmerzen (Schmerzen durch Aktivierung von Schmerzrezeptoren bei Gewebeschädigung oder -reizung) nach Ursachenbeurteilung.
  • Kontraindikationen: Unter anderem aktive oder rezidivierende gastrointestinale Ulzera (Geschwüre im Magen-Darm-Trakt) beziehungsweise Blutungen, frühere NSAR-bedingte Blutung oder Perforation (Durchbruch der Magen- oder Darmwand), schwere Nieren-, Leber- oder Herzinsuffizienz (schwere Funktionsschwäche von Nieren, Leber oder Herz) sowie NSAR-Überempfindlichkeit. Bei Antikoagulation erhöhtes Blutungsrisiko beachten.
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden (Magen-Darm-Beschwerden) und Blutungen, Nierenfunktionsverschlechterung, Flüssigkeitsretention (Wassereinlagerung) und kardiovaskuläre Ereignisse (Herz-Kreislauf-Ereignisse) [FI1].

Topische Glucocorticoide: nichtinfektiöse entzündliche Balanitis

Wirkstoff Besonderheiten
Hydrocortison 1 % Nur nach Ursachenklärung; keine Monotherapie bei unbehandelter Infektion. Für die Eichel eine ärztlich ausgewählte geeignete Zubereitung verwenden; Hydrocutan Salbe 1 % ist laut Fachinformation nicht für Schleimhäute geeignet [LL1, LL2, FI2].
  • Wirkweise: Lokale Entzündungshemmung.
  • Indikationen: Irritative oder allergische Balanitis.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; unbehandelte lokale bakterielle, mykotische (durch Pilze verursachte) oder virale Infektion.
  • Nebenwirkungen: Brennen, Kontaktallergie; bei längerer Anwendung Hautatrophie (Dünnerwerden der Haut) und Begünstigung von Infektionen [FI2].

Topische Antimykotika: Candidabalanitis

Wirkstoff Besonderheiten
Clotrimazol 1 % Bei klinisch passender Candidabalanitis; ein positiver Pilznachweis allein beweist keine Krankheitsursache. Präparateabhängige Beeinträchtigung von Latexkondomen beachten [LL1, FI3].
  • Wirkweise: Hemmung der Ergosterolsynthese der Pilzzellmembran.
  • Indikationen: Candidabalanitis.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegenüber Wirkstoff oder Hilfsstoffen.
  • Nebenwirkungen: Lokale Reizung, Brennen, Kontaktdermatitis (Hautentzündung durch direkten Kontakt mit einem Auslöser) [FI3].

Antibiotika: ausgewählte urethritische (mit einer Harnröhrenentzündung zusammenhängende) Ursachen

Wirkstoff Besonderheiten
Doxycyclin Bei unkomplizierter Chlamydienurethritis (durch Chlamydien verursachte Harnröhrenentzündung) beziehungsweise entsprechender Indikation zur empirischen Therapie einer nichtgonorrhoischen Urethritis (Harnröhrenentzündung durch andere Erreger als Gonokokken). Keine ausreichende Monotherapie bei Gonorrhö; bei Mycoplasma genitalium gesondertes, resistenzorientiertes Schema [LL3].
  • Wirkweise: Hemmung der bakteriellen Proteinsynthese.
  • Indikationen: Die genannten Urethritiden; keine generelle Behandlung einer Balanitis.
  • Kontraindikationen: Tetracyclinüberempfindlichkeit, schwere Leberfunktionsstörung; keine gleichzeitige Behandlung mit systemischen Retinoiden.
  • Nebenwirkungen: Gastrointestinale Beschwerden, Ösophagitis (Entzündung der Speiseröhre) und Photosensibilität (erhöhte Lichtempfindlichkeit der Haut). Mit ausreichend Wasser in aufrechter Haltung einnehmen; Abstand zu Calcium-, Eisen- und Magnesiumpräparaten beachten [FI5].

Virostatika: Herpes genitalis

Wirkstoff Besonderheiten
Aciclovir Frühzeitig beginnen; bei fortbestehenden Läsionen (Haut- oder Schleimhautveränderungen) Verlaufskontrolle und gegebenenfalls Verlängerung. Nierenfunktionsabhängige Dosisanpassung; schwere Verläufe stationär behandeln. Das Leitlinienschema kann von der Dosierung einzelner Fachinformationen abweichen; Zulassungsstatus präparatespezifisch prüfen [LL4, FI6].
  • Wirkweise: Hemmung der viralen DNA-Polymerase nach Aktivierung in infizierten Zellen.
  • Indikationen: Symptomatischer Herpes genitalis; Rezidiv- und Suppressionstherapie nach gesondertem Schema.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit gegen Aciclovir oder Valaciclovir.
  • Nebenwirkungen: Übelkeit, Diarrhoe (Durchfall) und Kopfschmerzen; insbesondere bei Akkumulation renale (die Nieren betreffende) und neurologische (das Nervensystem betreffende) Nebenwirkungen [FI6].

Wirkstoffe (Nebenindikationen)

Gabapentinoide: ausgewählte neuropathische Schmerzen

Wirkstoff Besonderheiten
Gabapentin Für periphere neuropathische Schmerzen (Nervenschmerzen außerhalb von Gehirn und Rückenmark) bei Erwachsenen zugelassen; Zulassungsdeckung der konkreten Diagnose prüfen. Keine spezifisch belegte Standardtherapie des primären Penisschmerzsyndroms (anhaltende oder wiederkehrende Penisschmerzen ohne nachgewiesene örtliche Ursache). Nierenfunktion berücksichtigen; über mindestens 1 Woche ausschleichen [1, LL5, FI4].
  • Wirkweise: Bindung an die α2δ-Untereinheit spannungsabhängiger Calciumkanäle.
  • Indikationen: Wahrscheinlicher oder gesicherter peripherer neuropathischer Schmerz nach entsprechender Abklärung.
  • Kontraindikationen: Überempfindlichkeit. Niereninsuffizienz erfordert Dosisanpassung; bei Atemwegserkrankung und gleichzeitigen zentral dämpfenden Arzneimitteln besondere Vorsicht.
  • Nebenwirkungen: Somnolenz (Schläfrigkeit), Schwindel, Ataxie (Koordinationsstörung), periphere Ödeme (Wassereinlagerungen an Armen oder Beinen); Abhängigkeit, Entzugssymptome und Atemdepression (gefährliche Abschwächung der Atmung) möglich, insbesondere zusammen mit Opioiden [FI4].

α1-Sympathomimetika: akuter ischämischer Priapismus

Wirkstoff Besonderheiten
Phenylephrin Ausschließlich überwachte Notfallbehandlung mit korrekt verdünnter Lösung; Blutdruck, Herzfrequenz und EKG überwachen. Intrakavernöse Anwendung in Deutschland regelmäßig Off-Label-Use [LL6].
  • Wirkweise: α1-vermittelte Kontraktion der kavernösen glatten Muskulatur mit Förderung des venösen Abflusses.
  • Indikationen: Akuter ischämischer Priapismus, zusammen mit Aspiration und gegebenenfalls Spülung.
  • Kontraindikationen: Nach EAU maligne oder unzureichend kontrollierte Hypertonie (schwere beziehungsweise unzureichend eingestellte Bluthochdruckerkrankung); keine gleichzeitige Anwendung mit Monoaminoxidasehemmern. Bei relevanten kardiovaskulären Erkrankungen strenge Nutzen-Risiko-Abwägung. Bei Gegenanzeigen unverzüglich alternatives urologisches Vorgehen festlegen.
  • Nebenwirkungen: Hypertensive Krise (gefährlicher Blutdruckanstieg), Reflexbradykardie (reflexbedingte Verlangsamung des Herzschlags), Arrhythmien (Herzrhythmusstörungen) und selten schwere kardiale oder zerebrovaskuläre Ereignisse (Ereignisse am Herzen oder an den Blutgefäßen des Gehirns) [LL6].

Beachte

Keine routinemäßige langfristige Opioidtherapie oder wiederholte empirische Antibiotikatherapie bei ungeklärtem chronischem Penisschmerz. Bei Beckenbodenbeteiligung sind physiotherapeutische und multimodale Verfahren einzubeziehen [LL5].

Red Flags (Warnzeichen) bei Penisschmerzen

  • Verdacht auf ischämischen Priapismus: Schmerzhafte, anhaltend rigide (harte) Erektion sofort urologisch abklären; spätestens bei 4 Stunden Dauer unverzüglich in die urologische Notaufnahme. Bei Ischämieverdacht nicht bis zur 4-Stunden-Grenze warten. Aspiration, gegebenenfalls Spülung und intrakavernöses Phenylephrin sind die Erstbehandlung; bei Versagen rasche operative Eskalation. Orale Sympathomimetika, Kühlung oder körperliche Aktivität dürfen die definitive Therapie nicht verzögern [LL6].
  • Paraphimose (hinter der Eichel eingeklemmte Vorhaut) oder Strangulation (Abschnürung): Hinter der Eichel eingeklemmte Vorhaut beziehungsweise einschnürender Ring mit Schwellung oder Verfärbung erfordern sofortige Entlastung durch medizinisches Fachpersonal; Salben und Analgetika reichen nicht aus. Akuter Harnverhalt (plötzliche Unfähigkeit, die Blase zu entleeren) erfordert ebenfalls sofortige urologische Versorgung.
  • Fournier-Gangrän (lebensbedrohliche, mit Gewebezerstörung einhergehende Infektion im Genital- und Dammbereich): Rasch zunehmender Schmerz, Schwellung, Hautverfärbung, Fieber oder Kreislaufstörung erfordern sofortige stationäre Notfallversorgung mit intravenösen Breitbandantibiotika und dringlichem chirurgischem Débridement; bei Kreislaufinstabilität Notruf 112 [LL7].
  • Penisfraktur (Einriss der Schwellkörperhülle) oder Harnröhrenverletzung: Knackgeräusch, plötzlicher Erektionsverlust und Hämatom (Bluterguss) nach Trauma, insbesondere mit Blut am Meatus (Harnröhrenausgang) oder Harnverhalt: sofort urologische Notaufnahme; keine alleinige Analgetikatherapie [LL8].
  • Persistierende Ulzeration (anhaltende offene Haut- oder Schleimhautstelle), Verhärtung oder Blutung: Zeitnahe urologisch-dermatologische Abklärung zum Ausschluss eines Peniskarzinoms (Peniskrebs) [LL1, LL2].

Abkürzungen

  • DNA: Desoxyribonukleinsäure.
  • EAU: European Association of Urology, Europäische Gesellschaft für Urologie.
  • EKG: Elektrokardiogramm.
  • NSAR: Nichtsteroidale Antirheumatika.
  • p.o.: Per os, zum Einnehmen.

Literatur

  1. Finnerup NB, Attal N, Haroutounian S et al.: Pharmacotherapy for neuropathic pain in adults: a systematic review and meta-analysis. Lancet Neurol. 2015;14:162-173. doi:10.1016/S1474-4422(14)70251-0.
  2. Papaveri A, Cafarelli A, Falsetti F et al.: Management of Penile Mondor’s disease: insights from a scoping review. Sex Med Rev. 2026;14:qeaf080. doi:10.1093/sxmrev/qeaf080.

Leitlinien

  1. Edwards SK, Bunker CB, van der Snoek EM, van der Meijden WI: 2022 European guideline for the management of balanoposthitis. 2023. doi:10.1111/jdv.18954 [LL1]
  2. Edwards SK, Shashidharan P, Fernando I et al.: BASHH national guideline on the management of balanoposthitis (and related penile skin conditions) 2026. doi:10.1177/09564624261452757 [LL2]
  3. S3-Leitlinie: Management der Urethritis bei männlichen Jugendlichen und Erwachsenen. (AWMF-Registernummer: 013-099), Stand Oktober 2024; publiziert 2025. Langfassung [LL3]
  4. Patel R, Moran B, Clarke E et al.: 2024 European guidelines for the management of genital herpes. doi:10.1111/jdv.20450 [LL4]
  5. European Association of Urology: EAU Guidelines on Chronic Pelvic Pain. 2026. Volltext [LL5]
  6. European Association of Urology: EAU Guidelines on Sexual and Reproductive Health. Kapitel Priapism. 2026. Leitlinie [LL6]
  7. European Association of Urology: EAU Guidelines on Urological Infections. 2026. Leitlinie [LL7]
  8. European Association of Urology: EAU Guidelines on Urological Trauma. 2026. Langfassung (PDF) [LL8]

Fachinformationen

  1. Ibu-ratiopharm 400 mg akut Schmerztabletten. Fachinformation [FI1]
  2. Hydrocutan Salbe 1 %. Stand Februar 2026. Fachinformation [FI2]
  3. Canesten Creme. Fachinformation [FI3]
  4. Neurontin 100/300/400 mg Hartkapseln. Stand Januar 2026. Fachinformation [FI4]
  5. Doxy-CT 100 mg/200 mg Tabletten. Fachinformation [FI5]
  6. Aciclovir-ratiopharm 200 mg/400 mg/800 mg Tabletten. Stand Mai 2026. Fachinformation [FI6]