Hepatische Enzephalopathie – Folgeerkrankungen

Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine hepatische Enzephalopathie (Leber-Hirn-Störung) (HE) mitbedingt sein können:

Atmungssystem (J00-J99)

  • Aspiration (Einatmen von Fremdmaterial in die Atemwege) bis hin zur Aspirationspneumonie (Lungenentzündung durch eingeatmetes Fremdmaterial) – insbesondere bei manifester hepatischer Enzephalopathie (OHE) Grad III-IV infolge ausgeprägter Bewusstseinsstörung (Störung des Wachseins und Bewusstseins) und beeinträchtigter Schutzreflexe; Patienten mit OHE Grad III-IV haben ein relevantes Aspirationsrisiko und sollen intensivmedizinisch behandelt werden [LL2]

Leber, Gallenblase und Gallenwege – Pankreas (K70-K77; K80-K87)

  • Coma hepaticum (Leberkoma) – Progression zur schwersten Ausprägung der OHE (West-Haven-Grad IV); mit ausgeprägter Bewusstlosigkeit und ungünstiger Prognose [5, LL1, LL2]

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Persistierende neurokognitive Defizite (anhaltende Beeinträchtigungen von Denken und geistiger Leistungsfähigkeit) – auch nach klinischer Rückbildung einer OHE können objektivierbare kognitive Beeinträchtigungen (Beeinträchtigungen des Denkens und Erinnerns) fortbestehen; eine systematische Übersichtsarbeit mit Metaanalyse bestätigt eine inkomplette Wiederherstellung der kognitiven Leistungsfähigkeit nach durchgemachter HE [1]. Wiederholte OHE-Episoden können mit einer zunehmenden und teilweise persistierenden kognitiven Beeinträchtigung einhergehen [1, LL1]
  • Zerebrales Ödem (Hirnödem) – bei HE Typ C im Rahmen einer Leberzirrhose (narbiger Umbau der Leber) bestehen typischerweise niedriggradige Veränderungen des zerebralen Wasserhaushalts; ein klinisch manifestes Hirnödem mit intrakranieller Hypertension (erhöhter Druck im Schädel) ist dagegen vor allem bei HE Typ A im Rahmen eines akuten Leberversagens (plötzliches Versagen der Leberfunktion) bzw. bei schwerem Acute-on-chronic Liver Failure (ACLF) relevant und bei unkomplizierter Typ-C-HE untypisch [LL2]

Ursachen (äußere) von Morbidität und Mortalität (V01-Y84)

  • Verkehrsunfälle – minimale bzw. verdeckte HE kann Aufmerksamkeit, Reaktionsvermögen, inhibitorische Kontrolle (Fähigkeit, unpassende Reaktionen zu unterdrücken) und Fahrleistung beeinträchtigen und ist mit einem erhöhten Risiko für reale Kraftfahrzeugunfälle und Verkehrsverstöße assoziiert [3]. Nach einer kürzlich aufgetretenen OHE-Episode empfiehlt die aktuelle ACG-Leitlinie eine ausdrückliche Beratung von Patienten und Angehörigen hinsichtlich eines Fahrverzichts [LL1]

Verletzungen, Vergiftungen und andere Folgen äußerer Ursachen (S00-T98)

  • Sturzbedingte Verletzungen – bereits eine minimale HE ist aufgrund von Defiziten der Aufmerksamkeit, Reaktionsfähigkeit und motorischen Kontrolle (Steuerung von Bewegungen) mit einer erhöhten Sturzhäufigkeit sowie einem erhöhten Bedarf an medizinischer Versorgung nach Stürzen assoziiert [2, LL1]

Weiteres

  • Beeinträchtigung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und Alltagskompetenz – sowohl verdeckte als auch manifeste HE können Selbstständigkeit, Alltagsaktivitäten, berufliche Leistungsfähigkeit und soziale Teilhabe erheblich beeinträchtigen; die Beeinträchtigung der Lebensqualität ist auch für die Beurteilung der Krankheitslast und gegebenenfalls die frühzeitige Transplantationsevaluation (Prüfung auf Eignung für eine Lebertransplantation) relevant [LL1]
  • Erhöhte Hospitalisierungs- und Rehospitalisierungsrate (Rate von Krankenhausaufnahmen und erneuten Krankenhausaufnahmen) – verdeckte HE ist unabhängig vom Schweregrad der zugrunde liegenden Lebererkrankung mit einem erhöhten Hospitalisierungsrisiko sowie mit der Entwicklung einer OHE assoziiert; rezidivierende OHE trägt wesentlich zur wiederholten stationären Versorgung bei [4, LL1]
  • Belastung der Angehörigen bzw. Betreuungspersonen – rezidivierende oder persistierende HE führt zu erheblichem organisatorischem und psychosozialem Betreuungsaufwand; die aktuelle ACG-Leitlinie empfiehlt deshalb ausdrücklich die Erfassung einer Überlastung der Betreuungspersonen und gegebenenfalls Unterstützungsmaßnahmen [LL1]

Prognosefaktoren

  • CVerdeckte/minimale hepatische Enzephalopathie – prognostisch nicht benigne; unabhängig vom Model for End-stage Liver Disease (MELD)-Score mit einem erhöhten Risiko für Hospitalisierung, Entwicklung einer OHE sowie Tod bzw. Lebertransplantation (Verpflanzung einer Spenderleber) assoziiert [4]
  • Auftreten einer manifesten hepatischen Enzephalopathie (OHE) – kennzeichnet eine prognostisch relevante Dekompensation (Verlust der bisherigen Ausgleichsfähigkeit) der Leberzirrhose. In einer aktuellen multizentrischen Kohortenstudie war das Auftreten einer OHE nach Adjustierung unter anderem für Alter, Geschlecht, Leberfunktionsreserve und hepatozelluläres Karzinom (Leberzellkrebs) mit einer etwa dreifach erhöhten Mortalität (Sterblichkeit) assoziiert (Hazard Ratio 3,07; 95-%-Konfidenzintervall 1,99-4,75) [5]
  • Schweregrad der OHE – höhergradige HE ist mit schlechterer Prognose verbunden. In derselben multizentrischen Kohorte betrug die 1-Jahres-Überlebensrate nach Auftreten einer OHE 52 % bei Grad II, 42 % bei Grad III und 22 % bei Grad IV; Grad IV war gegenüber Grad II bzw. III mit signifikant höherer Mortalität verbunden [5]
  • Rezidivierende bzw. häufige OHE-Episoden – erhöhen die Krankheitslast und können mit persistierenden neurokognitiven Defiziten einhergehen [1]. Bei häufigen HE-Episoden bzw. schwerer HE Grad III-IV empfiehlt die aktuelle ACG-Leitlinie eine frühzeitige Evaluation hinsichtlich Lebertransplantation [LL1]

Literatur

  1. López-Franco Ó, Morin JP, Cortés-Sol A et al.: Cognitive Impairment After Resolution of Hepatic Encephalopathy: A Systematic Review and Meta-Analysis. Front Neurosci. 2021;15:579263. doi: 10.3389/fnins.2021.579263
  2. Román E, Córdoba J, Torrens M et al.: Minimal hepatic encephalopathy is associated with falls. Am J Gastroenterol. 2011;106(3):476-482. doi: 10.1038/ajg.2010.413
  3. Bajaj JS, Saeian K, Schubert CM et al.: Minimal hepatic encephalopathy is associated with motor vehicle crashes: the reality beyond the driving test. Hepatology. 2009;50(4):1175-1183. doi: 10.1002/hep.23128
  4. Patidar KR, Thacker LR, Wade JB et al.: Covert hepatic encephalopathy is independently associated with poor survival and increased risk of hospitalization. Am J Gastroenterol. 2014;109(11):1757-1763. doi: 10.1038/ajg.2014.264
  5. Iwasa T, Miwa T, Utakata Y et al.: Development of overt hepatic encephalopathy increases mortality in patients with cirrhosis: a multicenter retrospective cohort study. J Gastroenterol. 2026;61:78-84. doi: 10.1007/s00535-025-02309-w

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. Bajaj JS, Jakab SS, Jesudian AB et al.: ACG Clinical Guideline: Hepatic Encephalopathy. Am J Gastroenterol. 2026;121(3):588-618. doi: 10.14309/ajg.0000000000003899 [LL1]
  2. European Association for the Study of the Liver, Montagnese S, Rautou PE et al.: EASL Clinical Practice Guidelines on the management of hepatic encephalopathy. J Hepatol. 2022;77(3):807-824. doi: 10.1016/j.jhep.2022.06.001 [LL2]