Urobilinogen (Urin)

Urobilinogen ist ein farbloses Reduktionsprodukt (Abbauprodukt) des Bilirubinabbaus (Abbau des Gallenfarbstoffs), das durch bakterielle Umwandlung von konjugiertem Bilirubin (wasserlöslich gemachtem Gallenfarbstoff) im Darm entsteht. Ein kleiner Anteil wird enterohepatisch (über Darm und Leber) rückresorbiert und in geringen Mengen über den Urin ausgeschieden. In der klinischen Labordiagnostik (medizinischen Laboruntersuchung) wird Urobilinogen im Urin als semiquantitativer Baustein (halbmengenmäßiger Bestandteil) der Urinstatusdiagnostik (Urinuntersuchung) zur orientierenden Beurteilung von Bilirubinstoffwechsel (Verarbeitung des Gallenfarbstoffs), Gallefluss (Abfluss der Galle), Leberzellschädigung (Schädigung der Leberzellen) und Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen) eingesetzt; der Befund ist jedoch nur im Zusammenhang mit Urin-Bilirubin, Serum-Bilirubinfraktionen, Leberparametern und Hämolyseparametern sinnvoll interpretierbar [1, LL1].

Synonyme

  • UBG
  • Urin-Urobilinogen
  • Urobilinogen im Urin
  • Urobilinogenurie – erhöhte Urobilinogenausscheidung im Urin

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Frischer Spontanurin, vorzugsweise Mittelstrahlurin
  • Erster Morgenurin oder zeitnah gewonnener Urin bei standardisierter Verlaufskontrolle
  • 24-Stunden-Urin wird für Urobilinogen in der Routinediagnostik (Routineuntersuchung) nicht empfohlen, da die Bestimmung überwiegend semiquantitativ im Urinstatus erfolgt und methodisch nicht ausreichend standardisiert ist.

Vorbereitung des Patienten

  • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
  • Die Urinprobe sollte möglichst frisch analysiert werden.
  • Bei Verlaufskontrollen sollte die Probengewinnung zeitlich möglichst vergleichbar erfolgen.
  • Aktuelle Medikamente, insbesondere Antibiotika, Sulfonamide, Rifampicin, Phenazopyridin und stark färbende Arzneimittel, sollten dokumentiert werden.

Störfaktoren

  • Präanalytische Störfaktoren
    • Lichteinfluss und Oxidation (Reaktion mit Sauerstoff) können Urobilinogen abbauen beziehungsweise in Urobilin überführen.
    • Verzögerte Analyse kann zu falsch niedrigen Ergebnissen führen, insbesondere bei nicht lichtgeschützter Lagerung.
    • Längerer Luftkontakt und ungeeignete Lagerung können die semiquantitative Beurteilung verfälschen.
    • Eine stark verdünnte oder stark konzentrierte Urinprobe kann die Teststreifenbewertung beeinflussen.
  • Analytische und pharmakologische Störfaktoren
    • Antibiotikatherapie (Behandlung mit Antibiotika) kann durch Veränderung der Darmflora (Bakterienbesiedlung des Darms) die Bildung von Urobilinogen vermindern.
    • Stark gefärbter Urin, Phenazopyridin, Phenothiazine, Chlorpromazin, Etodolac-Metabolite (Abbauprodukte von Etodolac) und andere Farbstoffe können die Farbreaktion stören.
    • Aminosalicylsäure, Sulfonamide und Formalin können je nach Testsystem Interferenzen (Störungen der Messung) verursachen.
    • Nitrit, Ascorbinsäure, saurer Urin und alte Proben können insbesondere die parallele Bilirubin-Teststreifenreaktion stören und dadurch die Musterinterpretation (Deutung des Befundmusters) erschweren.
    • Zustand nach ausgedehnter Kolonresektion (Entfernung von Teilen des Dickdarms), veränderte Darmpassage (veränderter Durchtritt des Darminhalts), Dysbiose (gestörte Darmflora) oder Antibiotikatherapie können die bakterielle Urobilinogenbildung verändern und zu nicht repräsentativen Werten führen.
    • Die Teststreifenresultate sind hersteller-, matrix- und ablesesystemabhängig; Ergebnisse verschiedener Teststreifen sind nur eingeschränkt vergleichbar [2, LL1].

Methode

  • Urin-Teststreifen, semiquantitativ, meist als Bestandteil des Urinstatus
  • Diazoniumsalz-Reaktion mit Farbumschlag; ältere Testsysteme basierten auf der Ehrlich-Reaktion
  • Visuelle oder automatisierte reflektometrische Auswertung (Auswertung über Lichtreflexion), abhängig vom Testsystem
  • Spektralphotometrische oder chromatographische Verfahren sind Spezialverfahren und in der Routinediagnostik von Urobilinogen im Urin nicht etabliert.

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Matrix Referenzbereich / Bewertungsbereich
Spontanurin, Teststreifen Normal beziehungsweise Spur bis ca. 0,2-1,0 mg/dl; entsprechend ca. 3,4-17 µmol/l, testsystemabhängig
Spontanurin, pathologisch erhöhter Bereich Häufig ab ca. >1,0-2,0 mg/dl beziehungsweise >17-34 µmol/l, abhängig vom Teststreifen und der laborinternen Kategorisierung
24-Stunden-Urin Keine allgemein verbindliche routinediagnostische Referenz; quantitative 24-Stunden-Bestimmungen sind methodenabhängig und klinisch heute selten indiziert.

Normbereiche sind methoden-, teststreifen- und laborabhängig. Entscheidend ist die Bewertung im Kontext von Urin-Bilirubin, Serum-Bilirubinfraktionen, Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH), Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalischer Phosphatase (AP), Blutbild und Hämolyseparametern [1, LL1].

Indikationen

  • Orientierende Urinstatusdiagnostik bei Ikterus (Gelbsucht)
  • Differentialdiagnostische Einordnung (Abgrenzung möglicher Ursachen) prähepatischer, intrahepatischer und posthepatischer Ikterusformen
  • Verdacht auf Hämolyse, insbesondere in Kombination mit erhöhtem indirektem Bilirubin und pathologischen Hämolyseparametern
  • Verdacht auf Leberzellschädigung, insbesondere bei gleichzeitig pathologischen Leberparametern
  • Verdacht auf cholestatische Erkrankung (Erkrankung mit Gallestauung) oder vollständige biliäre Obstruktion (Gallenwegsverschluss), insbesondere bei dunklem Urin, positivem Urin-Bilirubin und fehlendem Urobilinogen
  • Ergänzende Verlaufskontrolle bei bekannten Leber- oder Gallenerkrankungen, jedoch nicht als isolierter Verlaufsmarker

Interpretation

Erhöhte Werte

  • Hämolyse
    • Vermehrter Hämoglobinabbau (Abbau des roten Blutfarbstoffs) führt zu erhöhter Bilirubinproduktion und kann mit erhöhter Urobilinogenausscheidung im Urin einhergehen.
    • Typische Zusatzkonstellation (typisches Begleitmuster): indirektes Bilirubin erhöht, Lactatdehydrogenase (LDH) erhöht, Haptoglobin vermindert, Retikulozytenzahl erhöht.
    • Urin-Bilirubin bleibt bei rein prähepatischer Hämolyse typischerweise negativ, da unkonjugiertes Bilirubin nicht renal (über die Nieren) filtriert wird.
  • Hepatozelluläre Schädigung (Schädigung der Leberzellen)
    • Hepatitis (Leberentzündung), toxische Leberschädigung (Leberschädigung durch Giftstoffe), alkoholassoziierte Leberschädigung oder Leberzirrhose (Narbenleber) können durch gestörte hepatische Aufnahme, Konjugation, Rückresorption und Ausscheidung von Bilirubin/Urobilinogen zu erhöhtem Urobilinogen im Urin führen.
    • Die diagnostische Aussage ist nur bei gleichzeitiger Bewertung von Serum-Bilirubin, Transaminasen, Cholestaseparametern und Syntheseparametern belastbar.
  • Teilweise cholestatische oder gemischte Konstellationen
    • Bei inkompletter Cholestase (unvollständiger Gallestauung) kann Urobilinogen noch nachweisbar sein, während Urin-Bilirubin positiv sein kann.
    • Ein isoliert erhöhter Teststreifenbefund ohne klinische oder serologische Korrelation (Übereinstimmung mit Blutbefunden) sollte kontrolliert werden.

Erniedrigte oder fehlende Werte

  • Vollständige extrahepatische Gallewegsobstruktion (vollständiger Gallenwegsverschluss außerhalb der Leber)
    • Fehlendes Urobilinogen bei gleichzeitig positivem Urin-Bilirubin und dunklem Urin spricht für einen fehlenden Bilirubinübertritt in den Darm und damit für eine hochgradige oder vollständige biliäre Obstruktion [1].
    • Typische Zusatzkonstellation: direktes Bilirubin erhöht, alkalische Phosphatase (AP) erhöht, Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT) erhöht, Stuhl entfärbt.
  • Antibiotikatherapie oder ausgeprägte Veränderung der Darmflora
    • Durch verminderte bakterielle Bilirubinumwandlung im Darm kann die Urobilinogenbildung vermindert sein.
  • Schwere Leberfunktionsstörung (schwere Störung der Leberfunktion)
    • Bei schwerer Einschränkung der Bilirubinaufnahme, -verarbeitung und enterohepatischen Rückführung kann Urobilinogen vermindert oder nicht verwertbar sein.
    • Die Beurteilung muss mit Bilirubinfraktionen, Gerinnungsparametern, Albumin, Transaminasen und Cholestaseparametern erfolgen.

Spezifische Konstellationen

  • Urobilinogen erhöht und Urin-Bilirubin negativ
    • Hinweis auf prähepatische Bilirubinmehrbildung (vermehrte Bildung von Gallenfarbstoff vor der Leber), insbesondere Hämolyse; Bestätigung über Hämolyseparameter erforderlich.
  • Urobilinogen erhöht und Urin-Bilirubin positiv
    • Hinweis auf hepatozelluläre oder gemischte hepatobiliäre Störung (Störung von Leberzellen und Gallewegen); weitere Abklärung über Serum-Bilirubinfraktionen und Leberparameter erforderlich.
  • Urobilinogen fehlend und Urin-Bilirubin positiv
    • Hinweis auf hochgradige oder vollständige Cholestase beziehungsweise extrahepatische biliäre Obstruktion; zeitnahe sonographische (mit Ultraschall) und laborchemische Abklärung (Abklärung durch Laboruntersuchungen) erforderlich.
  • Urobilinogen fehlend und Urin-Bilirubin negativ
    • Mögliche präanalytische Ursache, niedrige Bilirubinproduktion, Antibiotikaeffekt oder geringe klinische Aussagekraft; bei klinischem Verdacht Kontrolle und erweiterte Labordiagnostik.

Weiterführende Diagnostik

  • Wiederholung des Urinstatus aus frischer, korrekt gelagerter Urinprobe bei unerwartetem Befund
  • Serum-Bilirubin, gesamt, direkt und indirekt
  • Leberparameter – Alanin-Aminotransferase (ALT, GPT), Aspartat-Aminotransferase (AST, GOT), Glutamat-Dehydrogenase (GLDH) und Gamma-Glutamyl-Transferase (Gamma-GT, GGT), alkalische Phosphatase (AP), Bilirubin
  • Lebersyntheseparameter – Quick-Wert/International Normalized Ratio (INR), Albumin, Cholinesterase
  • Hämolyseparameter – Lactatdehydrogenase (LDH), Haptoglobin, Retikulozytenzahl, indirektes Bilirubin, Blutbild, Blutausstrich
  • Entzündungsparameter – CRP (C-reaktives Protein) beziehungsweise BSG (Blutsenkungsgeschwindigkeit), bei klinischem Verdacht auf entzündliche oder infektiöse Genese (Ursache)
  • Hepatitisserologie bei Verdacht auf virale Hepatitis
  • Autoimmundiagnostik (Untersuchung auf fehlgeleitete Immunreaktionen) bei Verdacht auf autoimmune Lebererkrankung, z. B. ANA, SMA, AMA, LKM-Antikörper und Immunglobuline je nach klinischem Kontext
  • Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane) zur Beurteilung von Leber, Gallenwegen, Gallenblase, intra- und extrahepatischer Cholestase
  • Magnetresonanz-Cholangiopankreatikographie (MRCP) oder endoskopische retrograde Cholangiopankreatikographie (ERCP) bei Verdacht auf relevante Gallenwegsobstruktion, abhängig von Dringlichkeit und Befundkonstellation

Literatur

  1. Verran C, Shipman AR, Shipman KE. Investigative algorithms for disorders affecting plasma bilirubin: a narrative review. J Lab Precis Med. 2024;9:6. https://doi.org/10.21037/jlpm-23-24
  2. Dojder A, Vuljanić D, Špoljarić V, Saračević A, Dukić L, Leniček Krleža J et al.: Reporting categories in urine test strip analysis: Croatian survey and call for action. Biochem Med (Zagreb). 2019;29(2):372-384. https://doi.org/10.11613/BM.2019.020709

Leitlinien

  1. Kouri TT, Hofmann W, Falbo R, Oyaert M, Schubert S, Gertsen JB, Merens A, Pestel-Caron M, on behalf of the Task and Finish Group for Urinalysis (TFG-U), European Federation of Clinical Chemistry and Laboratory Medicine (EFLM). The EFLM European Urinalysis Guideline 2023. Clin Chem Lab Med. 2024;62(9):1653-1786. https://doi.org/10.1515/cclm-2024-0070