Gesamteiweiß im Urin
Gesamteiweiß im Urin ist die quantitative Bestimmung der Summe aller im Urin ausgeschiedenen Proteine (Eiweiße). Der Parameter dient der Erfassung und Quantifizierung einer Proteinurie (erhöhte Eiweißausscheidung im Urin) und wird in der klinischen Labordiagnostik vor allem zur Abklärung renaler Erkrankungen (Nierenerkrankungen), zur Verlaufsbeurteilung proteinurischer Nephropathien (Nierenerkrankungen mit Eiweißausscheidung im Urin) sowie in ausgewählten Konstellationen zum Nachweis nicht primär albuminärer Proteinverluste eingesetzt. Für das Screening und die Risikostratifizierung bei chronischer Nierenerkrankung (chronischer Nierenkrankheit) ist heute jedoch die Albuminbestimmung, bevorzugt als Albumin/Kreatinin-Quotient (ACR), der primäre Standard; die Bestimmung des Gesamteiweißes bleibt insbesondere dann relevant, wenn tubuläre oder Overflow-Proteinurien in Betracht kommen oder eine Quantifizierung der Gesamtproteinexkretion klinisch gewünscht ist [1-3].
Synonyme
- Urin-Gesamteiweiß
- Gesamtprotein im Urin
- Urinprotein
- Proteinexkretion im Urin
- Proteinurie (bei pathologischer Erhöhung)
Das Verfahren
Benötigtes Material
- Erster Morgenurin, bevorzugt als Mittelstrahlurin, für die initiale quantitative Bestimmung als Protein/Kreatinin-Quotient (PCR)
- Spontanurin, falls kein erster Morgenurin verfügbar ist
- 24-h-Sammelurin in ausgewählten Fragestellungen, insbesondere bei spezieller Quantifizierung oder wenn eine zeitbezogene Exkretion klinisch erforderlich ist [1-5]
Vorbereitung des Patienten
- Möglichst keine intensive körperliche Belastung unmittelbar vor der Probengewinnung
- Die Probe sollte nach Möglichkeit nicht während einer Menstruation (Regelblutung) gewonnen werden
- Bei Zufallsurin und grenzwertigem oder positivem Befund ist eine Bestätigung mit erstem Morgenurin sinnvoll [1-5]
Störfaktoren
- Verdünnte oder stark konzentrierte Urinproben
- Unvollständige 24-h-Sammelurin-Gewinnung
- Orthostatische Proteinurie (lageabhängige Eiweißausscheidung im Urin)
- Vorangegangene körperliche Belastung
- Interkurrente Erkrankungen
- Kontamination durch Blut, Vaginalsekret oder Ejakulat
- Semiquantitative Teststreifen sind für Albumin sensitiver als für andere Proteine; nicht albuminäre Proteine, insbesondere freie Leichtketten, können unterschätzt werden [3, 4]
- Zwischen verschiedenen Gesamtproteinmethoden besteht eine relevante methodische Variabilität; Referenzbereiche und Verlaufsbeurteilungen sind deshalb methoden- und laborabhängig [3-5]
Methode
- Semiquantitative Urinteststreifen können als Vorscreening verwendet werden, positive Befunde sollen jedoch quantitativ bestätigt werden [3, 4]
- Quantitative Bestimmung des Gesamteiweißes im Urin erfolgt üblicherweise turbidimetrisch oder kolorimetrisch, laborabhängig z. B. mittels Benzethoniumchlorid- oder Pyrogallolrot-Molybdat-Verfahren [3, 4]
- Befundausgabe als Konzentration im Urin, vorzugsweise jedoch als Protein/Kreatinin-Quotient (PCR) zur Korrektur der Urinkonzentration [1-5]
- Bei besonderen Fragestellungen Ergänzung durch 24-h-Proteinexkretion, Albuminbestimmung, Protein-Elektrophorese/Immunfixation oder Bestimmung freier Leichtketten [1-3]
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Geschlecht/Alter | Referenzbereich |
|---|---|
| Erwachsene, 24-h-Sammelurin | |
| Erwachsene, Spontanurin-PCR | |
| Schwangerschaft | Kein eigener Normbereich; als pathologischer Schwellenwert gilt in der Regel eine Proteinexkretion von ≥ 300 mg/24 h oder ein Protein/Kreatinin-Quotient von ≥ 0,3 g/g Kreatinin [6, 7] |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig [3, 5, 6].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Abklärung einer persistierenden oder im Teststreifen nachgewiesenen Proteinurie
- Quantifizierung der Gesamtproteinexkretion bei Verdacht auf glomeruläre Nierenerkrankungen
- Ergänzende Abklärung bei Verdacht auf tubuläre Proteinurie
- Ergänzende Diagnostik bei Verdacht auf Overflow-Proteinurie, insbesondere bei monoklonalen Gammopathien (Erkrankungen mit Bildung eines einheitlichen Antikörpers) [1-3]
- Verlaufskontrolle bei bekannten proteinurischen Nierenerkrankungen [1, 2]
- Quantifizierung einer Proteinurie in der Schwangerschaft, wenn klinisch angezeigt [7]
- Einordnung diskordanter Befunde zwischen Teststreifen, ACR und klinischem Bild [3, 4]
Interpretation
Erhöhte Werte
- Transiente/funktionelle Proteinurie: nach körperlicher Belastung, bei orthostatischer Proteinurie oder im Rahmen interkurrenter Erkrankungen [3-5]
- Glomeruläre Proteinurie: z. B. bei diabetischer Nierenerkrankung, Glomerulonephritiden (Entzündungen der Nierenkörperchen), Lupusnephritis (Nierenentzündung bei Lupus) oder nephrotischem Syndrom (Erkrankung mit starkem Eiweißverlust über den Urin); hier ist die Proteinexkretion oft deutlich erhöht [1-3]
- Tubuläre Proteinurie: z. B. bei tubulointerstitiellen Nephropathien (Erkrankungen der Nierenkanälchen und des Nierenzwischengewebes); das Gesamteiweiß kann erhöht sein, während die Albuminurie relativ geringer ausgeprägt sein kann [3, 4]
- Overflow-Proteinurie: z. B. bei freien Immunglobulin-Leichtketten (Bestandteilen von Antikörpern) im Rahmen einer monoklonalen Gammopathie, außerdem bei Hämoglobinurie (Ausscheidung von Blutfarbstoff im Urin) oder Myoglobinurie (Ausscheidung von Muskelfarbstoff im Urin) [3, 4]
- Schwangerschaft: Eine Proteinexkretion von ≥ 300 mg/24 h beziehungsweise ein PCR von ≥ 0,3 g/g gilt als pathologisch und ist im klinischen Kontext, insbesondere hinsichtlich Präeklampsie (Schwangerschaftserkrankung mit Bluthochdruck und Organschädigung), zu bewerten [7].
Erniedrigte Werte
- In der Regel nicht krankheitsrelevant
- Ein unauffälliger Gesamtproteinbefund schließt eine klinisch relevante Albuminurie oder selektive Proteinurie nicht in jeder Konstellation sicher aus; bei entsprechendem klinischen Verdacht ist eine gezielte Albuminbestimmung beziehungsweise differenzierte Proteinanalytik erforderlich [1-4]
Spezifische Konstellationen
- Positiver Teststreifenbefund: soll quantitativ bestätigt werden, vorzugsweise als Quotient zu Urinkreatinin [1-4]
- PCR erhöht, ACR nur gering erhöht: spricht eher für nicht primär albuminäre Proteinurie und sollte an tubuläre oder Overflow-Proteinurie denken lassen [1-3]
- Persistierende Proteinurie mit Hämaturie (Blut im Urin): erhöht die Wahrscheinlichkeit einer glomerulären Erkrankung und ist nephrologisch (nierenheilkundlich) weiter abklärungsbedürftig [1, 2]
- Schwere Proteinurie/nephrotische Größenordnung: spricht für eine ausgeprägte glomeruläre Schädigung und erfordert eine weiterführende Diagnostik [1-3]
Weiterführende Diagnostik
- Wiederholung der Messung im ersten Morgenurin zur Bestätigung persistierender Befunde [1-5]
- Urinstatus einschließlich Sediment
- Albumin/Kreatinin-Quotient (ACR) als bevorzugter Marker für CKD-Screening und Risikostratifizierung [1, 2]
- Serumkreatinin, geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR), Harnstoff, Elektrolyte, Serumalbumin
- Blutdruckmessung und klinische Beurteilung auf Ödeme (Wassereinlagerungen)/nephrotisches Syndrom
- Bei Verdacht auf monoklonale Gammopathie: Serum-/Urin-Protein-Elektrophorese, Immunfixation und freie Leichtketten [3, 4]
- Bei persistierender signifikanter Proteinurie gegebenenfalls Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane), nephrologische Vorstellung und je nach Konstellation Nierenbiopsie (Gewebeentnahme aus der Niere) [1-3]
- In der Schwangerschaft Einordnung zusammen mit Blutdruck, klinischer Symptomatik und geburtshilflicher Diagnostik [7]
Literatur
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- Levin A, Ahmed SB, Carrero JJ, Foster B, Francis A, Hall RK et al.: Executive summary of the KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease: known knowns and known unknowns. Kidney Int. 2024;105(4):684-701. https://doi.org/10.1016/j.kint.2023.10.016
- Hodel NC, Rentsch KM, Paris DH, Mayr M. Methods for Diagnosing Proteinuria-When to Use Which Test and Why: A Review. Am J Kidney Dis. 2025;85(5):618-628. https://doi.org/10.1053/j.ajkd.2024.09.017
- Résimont G, Piéroni L, Bigot-Corbel E, Cavalier E, Delanaye P. Urinary strips for protein assays: easy to do but difficult to interpret! J Nephrol. 2021;34(2):411-432. https://doi.org/10.1007/s40620-020-00735-y
- Kamińska J, Dymicka-Piekarska V, Tomaszewska J, Matowicka-Karna J, Koper-Lenkiewicz OM. Diagnostic utility of protein to creatinine ratio (P/C ratio) in spot urine sample within routine clinical practice. Crit Rev Clin Lab Sci. 2020;57(5):345-364. https://doi.org/10.1080/10408363.2020.1723487
- Liu T, Xue BL, Du B, Cui T, Gao X, Wang YY et al.: Reference values of urine protein/creatinine ratio in healthy Dalian adults. J Clin Lab Anal. 2021;35(11):e24043. https://doi.org/10.1002/jcla.24043
- Bartal MF, Lindheimer MD, Sibai BM. Proteinuria during pregnancy: definition, pathophysiology, methodology, and clinical significance. Am J Obstet Gynecol. 2022;226(2 Suppl):S819-S834. https://doi.org/10.1016/j.ajog.2020.08.108