Urinsediment
Urinsediment (Harnsediment) ist die mikroskopische Untersuchung der geformten Bestandteile des Urins. Es handelt sich um eine etablierte, kostengünstige und diagnostisch vielseitige Methode zur Beurteilung der Harnwege, des Nierenparenchyms (Nierengewebes) und entzündlicher (durch Entzündung bedingter), tubulärer (die Nierenkanälchen betreffender) oder glomerulärer (die Nierenkörperchen betreffender) Prozesse. Die Untersuchung ergänzt die chemische Urinuntersuchung mittels Teststreifen und erlaubt insbesondere die Differenzierung von Hämaturieursachen (Ursachen von Blut im Urin), die Einordnung einer Leukozyturie (weiße Blutkörperchen im Urin), den Nachweis zellulärer Bestandteile sowie die Beurteilung von Zylindern (Eiweißabgüssen aus den Nierenkanälchen), Kristallen, Mikroorganismen und Artefakten [1-5].
Synonyme
- Harnsediment
- Urinsedimentmikroskopie
- Urinmikroskopie
- Sediment
Das Verfahren
- Benötigtes Material
- Frischer Mittelstrahlurin
- Bevorzugt Morgenurin, insbesondere bei quantitativer Partikelbeurteilung und bei Fragestellungen zur glomerulären Hämaturie (Blut im Urin) [1, 2, 4]
- Steriles Uringefäß; bei verzögerter Analyse nur validierte Präanalytik (Vorverarbeitung der Probe)/Präservierung (Konservierung) [1, 2]
- Vorbereitung des Patienten
- Gewinnung als Mittelstrahlurin zur Reduktion der Kontamination (Verunreinigung) [1, 2]
- Vor der Gewinnung: Reinigung der äußeren Genitalregion (Bereich der Geschlechtsorgane) mit Wasser möglich bzw. empfohlen; Antiseptika (desinfizierende Mittel) sollen nicht verwendet werden [1]
- Bei Frauen möglichst keine Uringewinnung während der Menstruation (Regelblutung); andernfalls entsprechende Kennzeichnung wegen Kontaminationsrisiko [1, 2]
- Für die Differenzierung dysmorpher Erythrozyten (verformter roter Blutkörperchen) ist frischer, möglichst wenig verdünnter Morgenurin besonders geeignet [2, 4]
- Störfaktoren
- Verzögerte Analyse mit Zelllyse (Zerfall von Zellen), bakterieller Vermehrung, Kristallausfällung und Formveränderungen der Partikel [1, 2]
- Kontamination durch Vaginalsekret (Scheidensekret), Menstruationsblut, Haut-/Urethralflora (natürliche Keimbesiedelung der Haut/Harnröhre), Spermien, Toilettenpapierfasern oder andere Artefakte [1, 2]
- Stark verdünnter oder stark alkalischer Urin mit verminderter Stabilität von Erythrozyten und Zylindern [1, 2, 4]
- Zentrifugation mit Partikelverlust, insbesondere bei Erythrozyten; für die Dysmorphiebeurteilung ist unzentrifugierter Urin vorzuziehen [1, 2, 4]
- Kontrastmittel, ausgeprägte Kristallurie (vermehrte Kristalle im Urin) oder Pyurie (Eiterzellen im Urin) können die mikroskopische Beurteilung erschweren [1, 2]
- Methode
- Die mikroskopische Untersuchung kann manuell oder automatisiert erfolgen; bei nephrologischer Fragestellung (Frage nach einer Nierenerkrankung) bleibt die manuelle Mikroskopie mit standardisierter Befundung klinisch besonders wichtig [1-5]
- Für die Beurteilung dysmorpher Erythrozyten wird die Untersuchung von frischem, unzentrifugiertem Urin mit Phasenkontrastmikroskopie (spezieller Lichtmikroskopie zur besseren Darstellung transparenter Strukturen) bevorzugt [2, 4]
- Im Routinebetrieb wird häufig Sediment aus zentrifugiertem Urin im Hellfeldmikroskop beurteilt; dies ist für viele Standardfragestellungen praktikabel, aber für die Morphologie (Formbeschaffenheit) von Erythrozyten weniger robust [1, 2, 4]
- Die Analyse sollte möglichst innerhalb von 2 Stunden nach Gewinnung erfolgen, sofern die verwendete Konservierung nicht gesondert validiert ist [1, 2]
- Die Befundung sollte methodenspezifisch und idealerweise bezogen auf das Ausgangsvolumen des Urins erfolgen [1, 2]
Normbereiche (je nach Labor)
| Subgruppe/Methode | Referenzbereich |
|---|---|
| Unzentrifugierter Morgen-Mittelstrahlurin, quantitative Partikelzählung | Erythrozyten und Leukozyten jeweils grob 95 %-Obergrenze 10-20 × 106/L [1, 2] |
| Manuelle Sedimentmikroskopie, Gesichtsfeldangaben | Methoden- und laborabhängig; häufig Erythrozyten < 3-5/HPF, Leukozyten < 5/HPF [1, 2] |
| Zylinder | Keine oder vereinzelt hyaline Zylinder möglich [1, 2] |
| Bakterien | Keine nachweisbar im korrekt gewonnenen Mittelstrahlurin [1, 3] |
| Epithelien | Wenige Plattenepithelien/Übergangsepithelien möglich; vermehrte Beimengung spricht eher für Kontamination oder Reizung, tubuläre Epithelzellen sind pathologisch verdächtig [1, 2] |
Normbereiche sind methoden- und laborabhängig. Historische Angaben in ml- oder Minutenbezug sowie ältere Gesichtsfeldgrenzen sind heute nur eingeschränkt vergleichbar und für die moderne Standardisierung untergeordnet. Für die Routinediagnostik sollen methodenspezifische Referenzbereiche des jeweiligen Labors verwendet werden [1, 2].
Indikationen (Anwendungsgebiete)
- Abklärung einer Mikrohämaturie oder Makrohämaturie [4, 7]
- Abklärung einer Leukozyturie
- Verdacht auf glomeruläre Nierenerkrankung, insbesondere bei Hämaturie, Albuminurie/Proteinurie und eingeschränkter Nierenfunktion [2, 4, 6]
- Verdacht auf tubulointerstitielle Nierenschädigung oder akute tubuläre Schädigung [2, 3]
- Zusatzdiagnostik bei akuter oder chronischer Nierenerkrankung [2, 3, 6]
- Abklärung unklarer Proteinurie/Albuminurie [2, 6]
- Verdacht auf Harnwegsinfektion, Pyelonephritis (Nierenbeckenentzündung) oder interstitielle Nephritis (Entzündung des Nierenzwischengewebes) als ergänzende, nicht allein beweisende Diagnostik [1, 2, 3]
- Verdacht auf Kristallurie, nephrolithiasenahe Konstellationen oder seltene hereditäre/metabolische Erkrankungen (erblich bedingte/Stoffwechselerkrankungen) [1, 2]
- Verlaufskontrolle ausgewählter glomerulärer Erkrankungen [2, 4, 6]
Interpretation
- Erhöhte Werte
- Erythrozyten im Urin sprechen für Hämaturie; die Ursache kann glomerulär, renal (die Niere betreffend) nicht glomerulär, urologisch (die Harnorgane betreffend) oder kontaminationsbedingt sein [4, 6, 7]
- Dysmorphe Erythrozyten, insbesondere Akanthozyten (ringförmig verformte rote Blutkörperchen mit Ausstülpungen), sowie Erythrozytenzylinder sprechen für eine glomeruläre Blutungsquelle [2, 4]
- Leukozyten im Urin sprechen für Entzündung; sie sind jedoch weder allein beweisend für eine bakterielle Harnwegsinfektion noch spezifisch (eindeutig zuzuordnen) für deren Lokalisation [1-3]
- Leukozytenzylinder sprechen für eine renale Beteiligung, insbesondere bei Pyelonephritis, interstitieller Nephritis oder proliferativer Glomerulonephritis (Entzündung der Nierenkörperchen) [2, 3]
- Granulierte, epitheliale oder Tubuluszellzylinder sprechen für parenchymatöse Nierenschädigung, insbesondere tubuläre Schädigung [2, 3]
- Wachszylinder sprechen für fortgeschrittene chronische Nierenerkrankung [2, 3]
- Fettzylinder bzw. ovale Fettkörper sprechen für starke Proteinurie/nephrotisches Syndrom (Erkrankung mit starkem Eiweißverlust über die Niere) [2, 3]
- Vermehrte renale Tubulusepithelzellen sprechen für tubuläre Schädigung [2, 3]
- Kristalle sind häufig unspezifisch; bestimmte Kristallformen können jedoch auf Stoffwechselstörungen, Medikamente oder seltene hereditäre Erkrankungen hinweisen [1, 2]
- Erniedrigte Werte
- Ein unauffälliges Sediment schließt eine Nierenerkrankung nicht sicher aus [2, 6]
- Fehlende Bakterien im Sediment schließen eine Harnwegsinfektion nicht sicher aus [1, 3]
- Ein unauffälliges Sediment bei persistierender Albuminurie/Proteinurie oder eGFR-Minderung erfordert je nach Konstellation weitere Diagnostik [2, 6]
- Spezifische Konstellationen
- Dysmorphe Hämaturie wird durch dysmorphe Erythrozyten ≥ 40 %, Akanthozyten ≥ 2 % oder Erythrozytenzylinder gestützt; die Wahrscheinlichkeit ist höher bei dysmorphen Erythrozyten ≥ 80 % oder Akanthozyten ≥ 5 % [2, 4]
- Bakteriurie im Sediment ist ohne passende Symptomatik und ohne Urinkultur nicht ausreichend zur Diagnose einer Harnwegsinfektion [1, 3]
- Isolierte Mikrohämaturie erfordert je nach Alter, Risikoprofil und Begleitbefunden nephrologische und/oder urologische Abklärung [4, 6, 7]
Die folgende Tabelle gibt eine Übersicht über die wichtigsten Zylindertypen und deren Bedeutung:
Vergleich der Zylindertypen im Urinsediment
| Zylindertyp | Mikroskopisches Aussehen | Bedeutung/Vorkommen |
|---|---|---|
| Hyaliner Zylinder | Klar, durchsichtig, homogen | Physiologisch möglich; gehäuft bei konzentriertem Morgenurin, Exsikkose (Austrocknung), körperlicher Belastung, aber auch bei Nierenerkrankungen [1-3] |
| Granulierter Zylinder | Fein- oder grobgranulär, matt | Hinweis auf renale Parenchymerkrankung oder Harnstase; unspezifisch, aber pathologischer als hyaline Zylinder [2, 3] |
| Erythrozytenzylinder | Zylinder mit eingebetteten Erythrozyten, gelblich-bräunlich | Starker Hinweis auf renale Parenchymblutung und glomeruläre Erkrankung [2, 4] |
| Hämoglobin-/Myoglobinzylinder | Dunkel pigmentiert, zellarm bis zellfrei | Bei Hämoglobinurie infolge intravasaler Hämolyse bzw. bei Myoglobinurie infolge Rhabdomyolyse (Muskelzerfall); Hämoglobinzylinder können auch aus Erythrozytenzylindern hervorgehen [2, 3] |
| Leukozytenzylinder | Zylinder mit zahlreichen Leukozyten | Typisch bei Pyelonephritis, interstitieller Nephritis oder proliferativer Glomerulonephritis [2, 3] |
| Epithel-/Tubuluszellzylinder | Zylinder mit renalen Tubulusepithelzellen | Hinweis auf akute tubuläre Schädigung, akute interstitielle Nephritis, Transplantatrejektion (Abstoßung eines Transplantats) oder andere parenchymatöse Nierenerkrankungen [2, 3] |
| Wachszylinder | Breit, stumpf begrenzt, stark lichtbrechend | Zeichen fortgeschrittener chronischer Nierenerkrankung [2, 3] |
| Fettzylinder | Mit Fetttröpfchen; im polarisierten Licht Malteserkreuzphänomen möglich | Typisch bei starker Proteinurie/nephrotischem Syndrom [2, 3] |
Weiterführende Diagnostik
- Urinstatus mittels Teststreifen [1]
- Urinkultur bei Verdacht auf bakterielle Harnwegsinfektion; Sedimentbefunde allein reichen hierfür nicht aus [1, 3]
- Albumin/Kreatinin-Quotient bzw. Protein/Kreatinin-Quotient [6]
- Bestimmung von Kreatinin, Cystatin C und eGFR [6]
- Phasenkontrastmikroskopie bei Verdacht auf glomeruläre Hämaturie [2, 4]
- Quantifizierung dysmorpher Erythrozyten/Akanthozyten in geeigneten Zentren [2, 4]
- Bei nephrologischer Konstellation ergänzend Komplementfaktoren, Autoantikörper, Serologien und ggf. Nierenbiopsie (Gewebeentnahme aus der Niere) [4, 6]
- Bei urologischer Konstellation bildgebende Diagnostik und risikoadaptierte urologische Abklärung der Mikrohämaturie [7]
Klinische Hinweise
- Urinsedimentabnormalitäten und persistierende Hämaturie sind Marker einer chronischen Nierenerkrankung und müssen im klinischen Kontext bewertet werden [4, 6]
- Die Kombination aus Hämaturie, Albuminurie/Proteinurie und dysmorphen Erythrozyten bzw. Erythrozytenzylindern ist stark verdächtig auf eine glomeruläre Erkrankung [2, 4]
- Eine isolierte Leukozyturie ohne signifikante Bakteriurie ist differentialdiagnostisch breit und spricht nicht automatisch für eine Harnwegsinfektion [1-3]
- Automatisierte Urinpartikelanalytik ist für Screeningkonstellationen nützlich, ersetzt aber bei nephrologischer Fragestellung die qualifizierte manuelle Mikroskopie nicht [1, 3, 5]
- Die historische Sediment-Gesichtsfeld-Methode ist weiterhin gebräuchlich, die Harmonisierung moderner Befundung orientiert sich jedoch zunehmend an Konzentrationsangaben pro Urinvolumen [1, 2]
Abgrenzung zur Harnwegsinfektion
- Eine Harnwegsinfektion wird nicht durch den alleinigen Nachweis von Bakterien im Sediment gesichert [1, 3]
- Für die klinische Diagnose sind Symptomatik und geeignete Präanalytik sowie je nach Konstellation die Urinkultur entscheidend [1, 3]
- Pyurie unterstützt die Diagnose, ist aber nicht spezifisch für eine bakterielle Harnwegsinfektion [1, 3]
- Leukozytenzylinder sprechen für eine renale Beteiligung, nicht für eine unkomplizierte untere Harnwegsinfektion [2, 3]
Literatur
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- Freitas PAC, Silva YDS, Poloni JAT, Veronese FJV, Goncalves LFS. The Clinical Impact of Urinalysis Screened by Automated Microscopy Compared to Reference Manual Analysis. Am J Nephrol. 2025;56(2):178-186. https://doi.org/10.1159/000541561
- Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) CKD Work Group. KDIGO 2024 Clinical Practice Guideline for the Evaluation and Management of Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2024;105(4 Suppl):S117-S314. https://doi.org/10.1016/j.kint.2023.10.018
- Barocas DA, Lotan Y, Matulewicz RS, Raman JD, Westerman ME, Kirkby E, Pak L, Souter L. Updates to Microhematuria: AUA/SUFU Guideline (2025). J Urol. 2025;213(5):547-557. https://doi.org/10.1097/JU.0000000000004490