Immunglobulin G (IgG)

Immunglobulin G (IgG) (Antikörper) ist das mengenmäßig wichtigste Immunglobulin (Abwehrstoff) im Serum (Blutflüssigkeit) und die dominierende Antikörperklasse der sekundären humoralen Immunantwort (späte Immunreaktion). Es wird von Plasmazellen (antikörperbildende Immunzellen) nach Antigenkontakt (Kontakt mit Fremdstoffen) gebildet, besitzt eine hohe Affinität (Bindungsstärke) nach Klassenwechsel (Umstellung der Antikörperklasse) und Affinitätsreifung (Optimierung der Bindung) und vermittelt Neutralisation (Unschädlichmachung) von Pathogenen (Krankheitserregern) und Toxinen (Giftstoffen), Opsonierung (Markierung für Immunzellen), Komplementaktivierung (Aktivierung eines Abwehrsystems im Blut) sowie den plazentaren Transfer (Übertragung über die Plazenta) der mütterlichen Immunität (Abwehrschutz der Mutter).

In der klinischen Labordiagnostik dient die Bestimmung von IgG (Antikörper) insbesondere der Abklärung primärer und sekundärer Antikörpermangelsyndrome (Erkrankungen mit Antikörpermangel), der Einordnung polyklonaler (von vielen Zellklonen stammend) oder monoklonaler (von einem Zellklon stammend) Hypergammaglobulinämien (erhöhte Antikörperkonzentrationen) sowie der Verlaufskontrolle (Kontrolle im Zeitverlauf) in ausgewählten immunologischen (das Immunsystem betreffend), infektiologischen (Infektionen betreffend) und hämatologischen (das Blut betreffend) Konstellationen [1-5].

Synonyme

  • Immunglobulin G
  • IgG
  • Gesamt-IgG
  • Serum-IgG

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Serum
    • Alternativ je nach Labor Heparin- oder EDTA-Plasma
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Nüchternabnahme ist für die alleinige IgG-Bestimmung nicht erforderlich
    • Bei Verlaufskontrollen möglichst gleiche Abnahmebedingungen und identische Methodik verwenden
  • Störfaktoren
    • Methodenabhängige Unterschiede zwischen Nephelometrie und Immunoturbidimetrie
    • Ausgeprägte Lipämie (erhöhter Fettgehalt im Blut), Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen) oder Ikterus (Gelbsucht) können je nach Analysensystem interferieren
    • Intravenöse (über die Vene) oder subcutane (unter die Haut) Immunglobulingabe verfälscht die Interpretation (Befundbewertung)
    • Dehydratation (Flüssigkeitsmangel) kann zu scheinbar erhöhten, Proteinverlustsyndrome (Eiweißverlust-Erkrankungen) zu erniedrigten Konzentrationen führen
    • Monoklonale Immunglobuline (einheitliche Antikörper) können die Gesamt-IgG-Konzentration erhöhen; zur Differenzierung (Unterscheidung) ist eine Serumprotein-Elektrophorese (Eiweißtrennung im Labor)/Immunfixation (Spezialuntersuchung) erforderlich
  • Methode
    • Quantitative (mengenmäßige) Bestimmung meist mittels Immunnephelometrie (Messung von Lichtstreuung) oder Immunturbidimetrie (Trübungsmessung)
    • Angabe üblicherweise in g/L oder mg/dl
    • Referenzbereiche (Normwerte) sind methoden-, alters- und laborabhängig

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Alter Referenzbereich
Nabelschnurblut 6,4-16,1 g/L
1 Monat 2,5-9,1 g/L
2 Monate 2,1-6,0 g/L
3 Monate 1,8-5,8 g/L
4 Monate 2,0-5,6 g/L
5 Monate 1,7-8,1 g/L
6 Monate 2,2-7,0 g/L
7-9 Monate 2,2-7,0 g/L
10-12 Monate 2,9-11,0 g/L
1 Jahr 3,5-12,0 g/L
2 Jahre 4,2-11,0 g/L
3 Jahre 4,4-11,0 g/L
4-5 Jahre 4,6-12,0 g/L
6-8 Jahre 6,3-13,0 g/L
9-10 Jahre 6,1-16,0 g/L
Erwachsene 6,5-16,0 g/L

Normbereiche (Normwerte) sind methoden- und laborabhängig. Für Kinder und Jugendliche sollen alters- und möglichst populationsspezifische Referenzintervalle (Vergleichswerte) des jeweiligen Labors verwendet werden.

Indikationen 

  • Verdacht auf primären Antikörpermangel (angeborener Antikörpermangel), insbesondere bei rezidivierenden (wiederkehrenden) sinopulmonalen (Atemwege und Lunge betreffend), schweren, prolongierten (lang anhaltenden) oder ungewöhnlichen Infektionen
  • Abklärung eines sekundären Antikörpermangels (erworbener Antikörpermangel), z. B. bei hämatologischen Neoplasien (Bluterkrankungen), immunsuppressiver Therapie (das Immunsystem unterdrückende Behandlung) oder Anti-CD20-Therapie (spezielle Antikörpertherapie)
  • Differentialdiagnostik (Unterscheidungsdiagnostik) von Hypogammaglobulinämien (erniedrigte Antikörperwerte) und Hypergammaglobulinämien (erhöhte Antikörperwerte)
  • Abklärung eines Proteinverlustes (Eiweißverlust), z. B. nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung mit Eiweißverlust) oder proteinverlierende Enteropathie (Eiweißverlust über den Darm)
  • Einordnung chronisch-entzündlicher (lang andauernde Entzündungen), autoimmuner (gegen den eigenen Körper gerichtete Immunreaktionen) und chronisch hepatischer (die Leber betreffend) Erkrankungen
  • Verdacht auf monoklonale Gammopathie (Erkrankung mit einheitlichen Antikörpern) bzw. IgG-assoziierte Plasmazellerkrankung (Erkrankung der Antikörper bildenden Zellen) als ergänzender Parameter
  • Verlaufskontrolle (Kontrolle im Zeitverlauf) unter Immunglobulinsubstitution (Ersatz von Antikörpern) in ausgewählten Konstellationen

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Polyklonale Hypergammaglobulinämie (vermehrte Bildung verschiedener Antikörper) bei chronischen Infektionen (lang andauernde Infektionen)
    • Autoimmunerkrankungen (gegen den eigenen Körper gerichtete Erkrankungen) und andere immunvermittelte Entzündungserkrankungen (durch das Immunsystem ausgelöste Entzündungen)
    • Chronische Lebererkrankungen (lang andauernde Lebererkrankungen), insbesondere Leberzirrhose (Umbau der Leber) und chronische Hepatitiden (Leberentzündungen)
    • IgG4-assoziierte Erkrankungen (bestimmte immunologische Erkrankungen) bzw. andere entzündliche Systemerkrankungen (den ganzen Körper betreffende Entzündungen) in spezieller Konstellation
    • Monoklonale IgG-Erhöhung (Erhöhung eines einheitlichen Antikörpers) bei monoklonaler Gammopathie unklarer Signifikanz (MGUS; Vorstufe einer Erkrankung), multiplem Myelom (Knochenmarkserkrankung) oder anderen Plasmazellneoplasien (Tumoren der Antikörper bildenden Zellen)
  • Erniedrigte Werte
    • Primäre Antikörpermangelsyndrome (angeborene Erkrankungen mit Antikörpermangel), z. B. Common Variable Immunodeficiency (CVID; häufige variable Immunschwäche) nach weiterführender Diagnostik (weitergehende Untersuchungen)
    • Sekundäre Hypogammaglobulinämie (erworbene Verminderung von Antikörpern) unter B-Zell-depletierender (B-Zellen reduzierender) oder anderer immunsuppressiver Therapie (das Immunsystem unterdrückende Behandlung)
    • Hämatologische Erkrankungen (Bluterkrankungen) mit Antikörpermangel
    • Proteinverlustsyndrome (Erkrankungen mit Eiweißverlust), z. B. nephrotisches Syndrom (Nierenerkrankung) oder proteinverlierende Enteropathie (Darmerkrankung mit Eiweißverlust)
    • Schwere Mangelernährung (Unterernährung) oder selten ausgeprägte Verbrennungen (schwere Brandverletzungen)
  • Spezifische Konstellationen
    • Isoliert erniedrigtes Gesamt-IgG (Antikörper) ist nicht beweisend für eine klinisch relevante Antikörperdefizienz (krankhafte Antikörperschwäche); die Einordnung erfordert Anamnese (Krankengeschichte), Infektmuster (Verlauf von Infektionen), IgA/IgM, ggf. IgG-Subklassen (Untergruppen) und Funktionsdiagnostik (Funktionsprüfung) der spezifischen Antikörperantwort (gezielte Abwehrreaktion)
    • Erhöhtes Gesamt-IgG (Antikörper) sollte bei Verdacht auf monoklonale Gammopathie (Erkrankung mit einheitlichen Antikörpern) immer mit Serumprotein-Elektrophorese (Eiweißtrennung im Labor) und Immunfixation (Spezialuntersuchung) abgeklärt werden
    • Bei substituierten Patienten (Patienten mit Antikörperersatztherapie) ist die Interpretation (Befundbewertung) nur unter Kenntnis von Dosis (Menge), Applikationsweg (Art der Verabreichung) und Talspiegel (niedrigster Blutspiegel) sinnvoll

Weiterführende Diagnostik

  • Immunglobuline IgA und IgM
  • IgG-Subklassen (Untergruppen) bei spezieller Fragestellung
  • Spezifische Antikörperantworten (gezielte Abwehrreaktionen) auf Impfantigene (Impfstoffe) bzw. dokumentierte Impfantwort (nachgewiesene Reaktion auf Impfungen)
  • Serumprotein-Elektrophorese (Eiweißtrennung im Labor) und Immunfixation (Spezialuntersuchung)
  • Freie Leichtketten (Bestandteile von Antikörpern) im Serum bei Verdacht auf Plasmazellerkrankung (Erkrankung der Antikörper bildenden Zellen)
  • Kleines Blutbild, Differentialblutbild, CRP (C-reaktives Protein), Leberparameter, Nierenparameter, Albumin
  • Urinprotein-Diagnostik (Eiweißuntersuchung im Urin) bzw. Albumin/Kreatinin-Quotient (Verhältnis von Albumin/Eiweiß zu Kreatinin) bei Verdacht auf renalen (die Niere betreffend) Proteinverlust
  • Stuhldiagnostik (Untersuchung des Stuhls) auf Alpha-1-Antitrypsin bei Verdacht auf proteinverlierende Enteropathie (Eiweißverlust über den Darm)
  • Lymphozytensubpopulationen (Untergruppen von Immunzellen) und ggf. genetische Diagnostik (Erbgutuntersuchung) bei Verdacht auf primären Immundefekt (angeborene Störung des Immunsystems)

Literatur

  1. Løk M, Dandanell FE, Frithioff-Bøjsøe C, Lund MAV, Fraulund MM, Lausten-Thomsen U et al.: Reference intervals for serum immunoglobulin A, G, and M in a Danish paediatric population-based cohort. Clin Biochem. 2025;137:110923. https://doi.org/10.1016/j.clinbiochem.2025.110923
  2. Khan SR, Chaker L, Korevaar TIM, Franzenburg J, Danser AHJ, Niessen WJ, et al. Determinants and reference ranges of serum immunoglobulins in middle-aged and elderly individuals: a population-based study. J Clin Immunol. 2021;41(8):1902-1914. https://doi.org/10.1007/s10875-021-01120-5
  3. Otani IM, Lehman HK, Jongco AM, Tsao LR, Azar AE, Tarrant TK, et al. Practical guidance for the diagnosis and management of secondary hypogammaglobulinemia: A Work Group Report of the AAAAI Primary Immunodeficiency and Altered Immune Response Committees. J Allergy Clin Immunol. 2022;149(5):1525-1560. https://doi.org/10.1016/j.jaci.2022.01.025
  4. Zhao EJ, Cheng CV, Mattman A, Chen LYC. Polyclonal hypergammaglobulinaemia: assessment, clinical interpretation, and management. Lancet Haematol. 2021;8(5):e365-e375. https://doi.org/10.1016/S2352-3026(21)00056-9
  5. Bayram RO, Özdemir H, Emsen A, Türk Dağı H, Artaç H. Reference ranges for serum immunoglobulin (IgG, IgA, and IgM) and IgG subclass levels in healthy children. Turk J Med Sci. 2019;49(2):497-505. https://doi.org/10.3906/sag-1807-282