Immunglobulin E (IgE)

Immunglobulin E (IgE) ist eine Immunglobulinklasse, die vor allem an IgE-vermittelten Soforttyp-Reaktionen (allergischen Sofortreaktionen) und an der Immunabwehr gegen Helminthen (Würmer) beteiligt ist. IgE bindet an hochaffine FcεRI-Rezeptoren auf Mastzellen und basophilen Granulozyten; nach Antigenkontakt kann es zur Freisetzung von Mediatoren wie Histamin kommen. In der klinischen Labordiagnostik wird die Bestimmung des Gesamt-IgE als ergänzender Parameter vor allem bei der Abklärung allergischer Erkrankungen, bei Verdacht auf parasitäre Infektionen sowie in ausgewählten Spezialkonstellationen wie der allergischen bronchopulmonalen Aspergillose (allergischen Pilzerkrankung der Lunge) eingesetzt. Die isolierte Bestimmung des Gesamt-IgE ist jedoch weder ein Screeningtest noch beweisend für eine klinisch relevante Allergie und muss stets im Kontext von Anamnese (Krankengeschichte), Klinik und weiterer allergologischer Diagnostik interpretiert werden [1, 5, 8].

Synonyme

  • Immunglobulin E
  • IgE
  • Gesamt-IgE
  • Total IgE (tIgE)

Das Verfahren

Benötigtes Material

  • Serum
  • Je nach Testsystem auch Plasma; maßgeblich sind die Herstellervorgaben des verwendeten Assays

Vorbereitung des Patienten

  • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
  • Eine Nüchternblutentnahme ist für die isolierte Gesamt-IgE-Bestimmung nicht erforderlich

Störfaktoren

  • Methoden- und plattformabhängige Unterschiede zwischen den Assays
  • Interferenzen durch heterophile Antikörper oder Anti-Reagenz-Antikörper sind selten, aber möglich
  • Sehr hohe Konzentrationen können Verdünnungsschritte erforderlich machen
  • Biologische Einflussgrößen wie Alter, Atopie (allergische Veranlagung), Rauchen und parasitäre Exposition beeinflussen die Befundhöhe

Methode

  • Automatisierte Immunoassays, insbesondere Fluoreszenz- oder Chemilumineszenz-Immunoassays
  • Ergebnisangabe üblicherweise in kU/L; kU/L entspricht numerisch IU/ml
  • Die Standardisierung erfolgt assayabhängig gegen internationale Referenzstandards

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Alter Referenzbereich
Neugeborene, Säuglinge, Kinder, Jugendliche Ausgeprägt altersabhängig; es sollen ausschließlich die alters-, methoden- und laborbezogenen Referenzintervalle des jeweils berichtenden Labors verwendet werden [2, 3]
Erwachsene Kein universell gültiger Grenzwert; publizierte obere Referenzgrenzen variieren erheblich in Abhängigkeit von Population, Auswahlkriterien und Analysensystem [2, 3]
Beispiel Erwachsene In einer aktuellen populationsbasierten Studie an norwegischen Erwachsenen lag die obere 95 %-Referenzgrenze bei 302 kU/L, das 97,5. Perzentil bei 391 kU/L (ImmunoCAP-spezifisch, nicht universell übertragbar) [4]

Normbereiche sind methoden- und laborabhängig [2-4].

Indikationen

  • Ergänzende Abklärung einer vermuteten IgE-vermittelten allergischen Erkrankung
  • Einordnung einer atopischen Konstellation im Zusammenhang mit Anamnese, Klinik, Hauttestung und spezifischem IgE
  • Verdacht auf Helmintheninfektion, insbesondere bei Eosinophilie (Vermehrung eosinophiler Granulozyten) und passender Expositionsanamnese
  • Verdacht auf allergische bronchopulmonale Aspergillose oder andere allergische bronchopulmonale Mykosen (Pilzerkrankungen)
  • Verdacht auf Hyper-IgE-Syndrome bzw. ausgewählte angeborene Immundefekte (Störungen der körpereigenen Abwehr)

Interpretation

Erhöhte Werte

  • Atopische Erkrankungen, insbesondere allergische Rhinitis (allergischer Schnupfen), allergisches Asthma und atopische Dermatitis (Neurodermitis) [1, 5]
  • Helminthosen bzw. andere parasitäre Infektionen mit entsprechender Exposition und klinischer Konstellation [1]
  • Allergische bronchopulmonale Aspergillose / allergische bronchopulmonale Mykosen [8]
  • Hyper-IgE-Syndrome [9]
  • Eosinophile Entzündungskonstellationen in passendem klinischem Zusammenhang [1]
  • Selten IgE-produzierende monoklonale Gammopathien (Erkrankungen mit krankhafter Bildung eines einheitlichen Eiweißkörpers)
  • Rauchen kann mit höheren Gesamt-IgE-Werten assoziiert sein [2]

Erniedrigte Werte

  • Ein niedriger oder normaler Gesamt-IgE-Wert schließt eine IgE-vermittelte Allergie nicht aus [1, 5]
  • Erniedrigte Werte sind isoliert meist unspezifisch und diagnostisch nur begrenzt verwertbar [1]
  • Die Beurteilung sollte nur im Zusammenhang mit Klinik, weiteren Immunglobulinen und der spezifischen allergologischen Diagnostik erfolgen [1, 5]

Spezifische Konstellationen

  • Gesamt-IgE identifiziert nicht das auslösende Allergen [1, 5]
  • Ein erhöhtes Gesamt-IgE beweist keine klinisch relevante Allergie [1, 5]
  • Für die Diagnostik einer spezifischen Sensibilisierung sind allergenspezifisches IgE und gegebenenfalls Hauttests diagnostisch wesentlich aussagekräftiger als Gesamt-IgE [1, 5]
  • Beim Verdacht auf allergische bronchopulmonale Aspergillose ist Gesamt-IgE diagnostisch und im Verlauf relevant, jedoch nur in Kombination mit Aspergillus-spezifischem IgE/IgG, Eosinophilenzahl und Bildgebung [8]

Weiterführende Diagnostik

  • Allergenspezifisches IgE im Serum [1, 5]
  • Hauttestung, insbesondere Pricktest, sofern klinisch geeignet [1, 5]
  • Komponentenbasierte Allergiediagnostik
  • Basophilenaktivierungstest (BAT) in ausgewählten Fragestellungen und spezialisierten Zentren [5, 6]
  • Blutbild mit Differentialblutbild, insbesondere Eosinophile
  • Bei Verdacht auf parasitäre Infektionen: erregerspezifische Diagnostik je nach Exposition und vermutetem Erreger
  • Bei Verdacht auf allergische bronchopulmonale Aspergillose: Aspergillus-spezifisches IgE, Aspergillus-IgG, Eosinophilenzahl, Thoraxbildgebung (Bildgebung des Brustkorbs) und pneumologische Funktionsdiagnostik (Lungenfunktionsdiagnostik) [8]
  • Bei Verdacht auf Hyper-IgE-Syndrom: erweiterte immunologische und genetische Spezialdiagnostik [9]

Literatur

  1. Arsenis C, Taka S, Skevaki C. Fundamentals of laboratory diagnostics in allergology. Allergo J Int. 2025;34:21-30. https://doi.org/10.1007/s40629-025-00323-1
  2. Vinnes EW, Røys EÅ, Renstrøm R, Sletten ISK, Chakraborty S, Aarsand AK. A systematic review of total IgE reference intervals - A 2024 update. Clin Chim Acta. 2025;566:120024. https://doi.org/10.1016/j.cca.2024.120024
  3. Vinnes EW, Sletten ISK, Alnæs M, Storaas T, Aarsand AK. A survey of total IgE reference intervals reported by Scandinavian and British medical laboratories - a need for harmonisation. Scand J Clin Lab Invest. 2023;83:470-478. https://doi.org/10.1080/00365513.2023.2261102
  4. Vinnes EW, Skarbø B, Wentzel-Larsen T, Sylte MS, Apelseth TO. Updated total IgE reference intervals in Norwegian adults. Immun Inflamm Dis. 2023;11:e751. https://doi.org/10.1002/iid3.751
  5. Santos AF, Riggioni C, Agache I, Akdis CA, Akdis M, Alvarez-Perea A et al.: EAACI guidelines on the diagnosis of IgE-mediated food allergy. Allergy. 2023;78:3057-3076. https://doi.org/10.1111/all.15902
  6. Bergmann MM, Santos AF. Basophil activation test in the food allergy clinic: its current use and future applications. Expert Rev Clin Immunol. 2024;20:1297-1304. https://doi.org/10.1080/1744666X.2024.2336568
  7. Thakker C, Warrell C, Barrett J et al.: UK guidelines for the investigation and management of eosinophilia in returning travellers and migrants. J Infect. 2025;90:106328. https://doi.org/10.1016/j.jinf.2024.106328
  8. Agarwal R, Sehgal IS, Muthu V, Denning DW, Chakrabarti A, Soundappan K et al.: Revised ISHAM-ABPA working group clinical practice guidelines for diagnosing, classifying and treating allergic bronchopulmonary aspergillosis/mycoses. Eur Respir J. 2024;63:2400061. https://doi.org/10.1183/13993003.00061-2024
  9. AlYafie R, Velayutham D, van Panhuys N, Jithesh PV. The genetics of hyper IgE syndromes. Front Immunol. 2025;16:1516068. https://doi.org/10.3389/fimmu.2025.1516068