Blutungszeit

Die Blutungszeit ist ein historischer In-vivo-Hautschnitt-Test (Test am lebenden Körper mit kleinem Hautschnitt) zur orientierenden Beurteilung der primären Hämostase (Blutstillung). Gemessen wird die Zeitspanne von einer standardisierten Hautverletzung bis zum sichtbaren Sistieren der Blutung. Aufgrund der geringen Standardisierung, der ausgeprägten Untersucherabhängigkeit, der eingeschränkten Sensitivität/Spezifität und der unzureichenden Vorhersagekraft für das perioperative Blutungsrisiko (Blutungsrisiko während einer Operation) gilt die Blutungszeit heute weitgehend als obsolet und wird in der modernen Labordiagnostik nicht mehr als Routine- oder Screeningtest (Reihenuntersuchung) empfohlen. Stattdessen erfolgt die Abklärung primärer Hämostasestörungen (Störungen der Blutstillung) heute stufenweise anhand standardisierter Blutungsanamnese (Erfassung der Blutungsneigung), Blutbild/Thrombozytenzahl (Blutplättchenzahl), von-Willebrand-Diagnostik und spezialisierten Thrombozytenfunktionsuntersuchungen (Untersuchungen der Blutplättchenfunktion).

Synonyme

  • Blutungszeit
  • BZ
  • Bleeding time
  • Blutungszeit nach Duke
  • Blutungszeit nach Ivy
  • Template bleeding time

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • Historisch: Lanzette bzw. standardisierte Inzisionsvorrichtung (Instrument für einen kleinen Hautschnitt)
    • Filterpapier/Zellstoff bzw. steriler Tupfer
    • Bei Ivy-Methode zusätzlich Blutdruckmanschette (Manschette zur Blutdruckmessung)
    • Stoppuhr
  • Vorbereitung des Patienten
    • Heute in der Regel keine Indikation zur routinemäßigen Durchführung
    • Vor geplanter Testung sorgfältige Erfassung von Blutungsanamnese (Erfassung der Blutungsneigung) und Medikamentenanamnese (Erfassung eingenommener Medikamente), insbesondere Acetylsalicylsäure, nichtsteroidale Antirheumatika (entzündungshemmende Schmerzmittel), P2Y12-Hemmer und weitere thrombozytenfunktionshemmende Substanzen (Medikamente, die die Blutplättchenfunktion hemmen)
    • Lokale Hautverhältnisse an der Teststelle beachten
  • Störfaktoren
    • Fehlende Standardisierung von Einstichtiefe/Inzisionslänge (Tiefe und Länge des Hautschnitts), Lokalisation und Untersuchungsablauf
    • Untersucherabhängigkeit
    • Hauttemperatur, periphere Vasokonstriktion (Gefäßverengung), Angst/Stress
    • Thrombozytenzahl (Blutplättchenzahl) und Hämatokrit (Anteil der Blutzellen am Blutvolumen)
    • Medikamente mit Einfluss auf die Thrombozytenfunktion (Blutplättchenfunktion)
    • Lokale Hautveränderungen, Narben, Ödeme (Schwellungen)
  • Methode
    • Duke-Methode: Lanzettenstich, klassisch am Ohrläppchen oder an der Fingerbeere; in modernen Empfehlungen ohne diagnostische Relevanz
    • Ivy-Methode: standardisierter Hautschnitt am Unterarm unter Blutdruckmanschette (Manschette zur Blutdruckmessung); historisch die besser standardisierte Variante
    • Subaquale Blutungszeit nach Marx: historische Sondermethode ohne aktuelle klinische Relevanz und ohne standardisierte heutige Anwendung

Normbereiche (je nach Labor)

Verfahren Referenzbereich
Ivy-Methode historisch meist ca. 2-9 min
Duke-Methode historisch meist ca. 1-5 min
Subaquale Blutungszeit nach Marx kein aktuell standardisierter Referenzbereich

Normbereiche sind methodenabhängig. Die Blutungszeit ist heute kein empfohlener Standardtest; historische Referenzbereiche sind deshalb nur eingeschränkt verwertbar.

Indikationen 

  • Keine routinemäßige Indikation in der aktuellen klinischen Labordiagnostik (Untersuchungen im medizinischen Labor)
  • Keine Empfehlung als präoperativer Screeningtest (Reihenuntersuchung vor einer Operation)
  • Historisch: orientierende Beurteilung der primären Hämostase (Blutstillung) bei Verdacht auf Thrombozytenfunktionsstörung (Störung der Blutplättchenfunktion) oder von-Willebrand-Syndrom (angeborene Blutgerinnungsstörung)

Interpretation

  • Verlängerte Blutungszeit
    • Thrombozytopenie (verminderte Anzahl an Blutplättchen), insbesondere bei deutlich verminderter Thrombozytenzahl (Blutplättchenzahl)
    • Thrombozytenfunktionsstörungen (Störungen der Blutplättchenfunktion), angeboren oder erworben
    • von-Willebrand-Syndrom (angeborene Blutgerinnungsstörung)
    • Urämie (Anreicherung harnpflichtiger Substanzen im Blut)
    • Schwere Hypo-/Afibrinogenämie (Mangel an Fibrinogen, einem Gerinnungseiweiß)
    • Arzneimitteleffekte, insbesondere Acetylsalicylsäure, P2Y12-Hemmer und nichtsteroidale Antirheumatika (entzündungshemmende Schmerzmittel)
  • Normale Blutungszeit
    • Schließt eine klinisch relevante primäre Hämostasestörung (Störung der Blutstillung) nicht sicher aus
    • Kann auch bei von-Willebrand-Syndrom (angeborene Blutgerinnungsstörung) oder milderen Thrombozytenfunktionsstörungen (Störungen der Blutplättchenfunktion) vorliegen
    • Bei isolierten plasmatischen Gerinnungsstörungen (Störungen der Blutgerinnungsfaktoren) oft normal
  • Spezifische Konstellationen
    • Ein pathologischer Befund (krankhafter Befund) ist unspezifisch und erlaubt keine ätiologische Zuordnung (keine eindeutige Ursachenzuordnung)
    • Die diagnostische Aussage ist geringer als die einer strukturierten Blutungsanamnese (Erfassung der Blutungsneigung) in Kombination mit moderner Laboranalytik

Weiterführende Diagnostik

  • Kleines Blutbild mit Thrombozytenzahl (Blutplättchenzahl) und peripherem Blutausstrich (mikroskopische Untersuchung des Blutes)
  • Strukturierte Blutungsanamnese (Erfassung der Blutungsneigung), ggf. standardisierter Bleeding Assessment Tool (standardisierter Fragebogen zur Blutungsneigung)
  • von-Willebrand-Diagnostik: VWF-Antigen, VWF-Aktivität, Faktor VIII
  • Thrombozytenfunktionsdiagnostik (Untersuchung der Blutplättchenfunktion) in Speziallaboren, insbesondere Lichttransmissionsaggregometrie (spezielle Messmethode der Blutplättchenaggregation)
  • Je nach Fragestellung ergänzend PFA-100/PFA-200 bzw. andere spezialisierte Tests
  • Bei Verdacht auf angeborene Thrombozytopathie (angeborene Störung der Blutplättchenfunktion) ggf. Durchflusszytometrie (spezielle Zellanalyse) und genetische Diagnostik (Untersuchung der Gene)

Klinische Hinweise

  • Die Blutungszeit hat heute im Regelfall nur noch historischen Charakter.
  • Sie ist nicht geeignet, eine Blutungsneigung zuverlässig auszuschließen oder das perioperative Blutungsrisiko (Blutungsrisiko während einer Operation) valide vorherzusagen.
  • Bei klinischem Verdacht auf eine Störung der primären Hämostase (Blutstillung) sollte direkt eine moderne stufenweise Abklärung erfolgen.
  • Eine deutlich verlängerte Blutungszeit in historisch noch durchgeführten Tests erfordert eine zeitnahe weiterführende Diagnostik, ist aber für sich allein nicht beweisend.

Literatur

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