Neutrophile Granulozyten

Neutrophile Granulozyten sind reife Granulozyten (bestimmte weiße Blutkörperchen) des angeborenen Immunsystems (natürliche Körperabwehr) und die im peripheren Blut häufigste Leukozytensubpopulation (Untergruppe der weißen Blutkörperchen). Sie übernehmen eine zentrale Rolle in der frühen antiinfektiösen Abwehr durch Phagozytose (Aufnahme und Verdauung von Krankheitserregern), Degranulation (Freisetzung von Zellinhaltsstoffen), Bildung reaktiver Sauerstoffspezies und Freisetzung neutrophiler extrazellulärer Fallen. In der klinischen Labordiagnostik werden neutrophile Granulozyten im Differentialblutbild als relativer und absoluter Wert beurteilt; klinisch maßgeblich ist vor allem die absolute Neutrophilenzahl (absolute neutrophil count, ANC) [1-4].

Synonyme

  • Neutrophile Granulozyten
  • Neutrophile
  • Absolute Neutrophilenzahl (ANC)
  • Neutrophilenanteil

Das Verfahren

  • Benötigtes Material
    • EDTA-Blut
    • Bei unklaren oder auffälligen Befunden zusätzlich peripherer Blutausstrich (mikroskopische Untersuchung eines Blutfilms)
  • Vorbereitung des Patienten
    • Keine spezielle Vorbereitung erforderlich
    • Die Interpretation sollte im klinischen Kontext erfolgen, da körperliche Belastung, akuter Stress, Nikotinkonsum und Glucocorticoide die Neutrophilenzahl beeinflussen können
  • Störfaktoren
    • Zeitverzug bis zur Analyse, unzureichende Probenmischung, Gerinnselbildung
    • Präanalytische Verdünnungseffekte, z. B. Blutentnahme aus laufender Infusion
    • Zirkadiane Schwankungen
    • Medikamentöse Einflüsse, insbesondere Glucocorticoide, Katecholamine, Lithium, Zytostatika, Clozapin, Thyreostatika und weitere potenziell myelotoxische (das Knochenmark schädigende) oder immunvermittelte Auslöser
    • Automaten-Flags und morphologische Auffälligkeiten erfordern eine mikroskopische Differenzierung
  • Methode
    • Automatisiertes Blutbild mit Leukozytendifferenzierung
    • Bei auffälligen Streudiagrammen, Linksverschiebung (vermehrtes Auftreten unreifer Vorstufen), toxischer Granulation oder Verdacht auf unreife Vorstufen ergänzend mikroskopischer Blutausstrich mit manueller Differenzierung

Normbereiche (je nach Labor)

Subgruppe / Alter Referenzbereich absolut Referenzbereich relativ
Erwachsene ca. 1,5-8,0 x 109/l ca. 40-70 %
Kinder und Jugendliche altersabhängig; im frühen Kindesalter teils höhere obere Grenzen altersabhängig
Duffy-null-assoziierte Neutrophilenzahl bei Erwachsenen ca. 1,21-5,39 x 109/l kein allgemeingültiger Prozentbereich

Normbereiche sind methoden-, alters-, populations- und laborabhängig. Für die klinische Beurteilung ist der absolute Neutrophilenwert in der Regel aussagekräftiger als der prozentuale Anteil. Bei Duffy-null-Status können niedrigere ANC-Werte physiologisch sein, ohne dass eine erhöhte Infektanfälligkeit vorliegt [1, 4].

Indikationen 

  • Abklärung von Leukozytose (Vermehrung der weißen Blutkörperchen) oder Leukopenie (Verminderung der weißen Blutkörperchen) im Differentialblutbild
  • Verdacht auf akute bakterielle Infektion oder systemische Entzündungsreaktion
  • Abklärung von Neutropenie (Mangel an neutrophilen Granulozyten), insbesondere bei rezidivierenden Infektionen, Fieber oder Mukositis (Schleimhautentzündung)
  • Verlaufskontrolle unter potenziell myelotoxischer Therapie, z. B. Zytostatika, Clozapin, Thyreostatika oder Immunsuppressiva (das Abwehrsystem unterdrückende Medikamente)
  • Abklärung hämatologischer Erkrankungen (Erkrankungen des Blutes), insbesondere myelodysplastisches Syndrom (MDS), akute myeloische Leukämie (AML) oder myeloproliferative Neoplasien
  • Risikostratifizierung bei febriler Neutropenie (Neutropenie mit Fieber)

Interpretation

  • Erhöhte Werte
    • Akute bakterielle Infektionen
    • Akute sterile Entzündungen, Gewebsnekrosen (Absterben von Gewebe), Trauma (Verletzung), Operationen, Verbrennungen
    • Physiologische oder reaktive Demargination (Ausschwemmung von Zellen aus der Gefäßwandreserve), z. B. bei Stress, körperlicher Belastung, Rauchen, Schwangerschaft oder Glucocorticoidgabe
    • Chronische Entzündungskonstellationen
    • Myeloproliferative Neoplasien, insbesondere chronische myeloische Leukämie (CML) (bestimmte Form von Blutkrebs)
  • Erniedrigte Werte
    • Virusinfektionen
    • Schwere bakterielle Infektionen oder Sepsis (Blutvergiftung) mit Verbrauchskonstellation
    • Medikamentös-toxische oder immunvermittelte Neutropenie, z. B. unter Zytostatika, Clozapin, Thyreostatika, Sulfasalazin, Cotrimoxazol oder bestimmten Beta-Lactam-Antibiotika
    • Autoimmunneutropenie
    • Knochenmarkinsuffizienz (Knochenmarkschwäche) oder Knochenmarkinfiltration, z. B. MDS, AML, aplastische Anämie (Störung der Blutbildung), Lymphom-/Tumorinfiltration
    • Mangelzustände, insbesondere Vitamin-B12-, Folsäure- oder Kupfermangel
    • Angeborene Neutropenien
    • Hypersplenismus (Überfunktion der Milz)
    • Leukämien (Blutkrebserkrankungen); in der Andersen-Studie erkrankten in den vier Jahren nach der Blutuntersuchung 0,4 % der Personen mit Neutrophilen im Referenzbereich an einer hämatologischen Erkrankung; bei vorbestehender Neutropenie war das Risiko dosisabhängig erhöht [5]
    • Hämatologische Malignitäten (bösartige Bluterkrankungen): Die Kombination aus Neutropenie und erhöhtem C-reaktivem Protein (CRP) war in der Andersen-Studie mit einem nahezu vierfach höheren Risiko für eine hämatologische Malignität assoziiert als eine Neutropenie bei akuter Transferrinsättigungserniedrigung [5].
    • Solide Tumoren (feste Krebsgeschwülste) sind differentialdiagnostisch zu berücksichtigen; in der Andersen-Studie zeigte sich jedoch keine generelle dosisabhängige Assoziation zwischen Neutropenie und soliden Tumoren [5]
  • Spezifische Konstellationen
    • Milde Neutropenie: ANC 1,0-1,5 x 109/l
    • Moderate Neutropenie: ANC 0,5-0,99 x 109/l
    • Schwere Neutropenie: ANC < 0,5 x 109/l
    • Agranulozytose (schwerster Mangel bestimmter weißer Blutkörperchen): klinisch meist nahezu vollständiges Fehlen neutrophiler Granulozyten bzw. sehr schwere Neutropenie; hochgradiges Risiko schwerer bakterieller und fungaler Infektionen
    • Fieber bei ANC < 0,5 x 109/l bzw. bei zu erwartendem Abfall unter diesen Bereich innerhalb kurzer Zeit ist ein onkologisch-hämatologischer Notfall
    • Persistierende milde Neutropenie ohne Infektanamnese kann bei Duffy-null-assoziierter Neutrophilenzahl eine Normvariante sein [1, 4]

Weiterführende Diagnostik

  • Kontrollblutbild mit absoluter Neutrophilenzahl
  • Peripherer Blutausstrich mit morphologischer Beurteilung, insbesondere bei Linksverschiebung, Dysplasiezeichen (Hinweise auf Fehlreifung), oder Blastenverdacht (Verdacht auf unreife Blutvorstufen)
  • Infektdiagnostik je nach Klinik, z. B. C-reaktives Protein (CRP), Procalcitonin (PCT), Blutkulturen, Urinkultur, Bildgebung
  • Überprüfung der Medikation einschließlich zeitlicher Korrelation
  • Vitamin-B12-, Folsäure- und Kupferdiagnostik
  • Je nach Verdacht Virusdiagnostik, z. B. HIV, Hepatitis-Viren, Epstein-Barr-Virus, Cytomegalievirus
  • Autoimmunserologie bei entsprechender Konstellation
  • Knochenmarkdiagnostik mit Zytomorphologie (mikroskopische Beurteilung der Zellen), Immunphänotypisierung (Bestimmung von Zellmerkmalen), Zytogenetik (Chromosomenanalyse) und ggf. molekulargenetischer Diagnostik bei persistierender, unklarer oder schwerer Neutropenie sowie bei zusätzlichen Zytopenien (Mangel an Blutzellen) [1-3]
  • Bei passender Abstammung und asymptomatischer chronischer milder Neutropenie Prüfung auf Duffy-null-Status zur Vermeidung von Überdiagnostik [1, 4]

Literatur

  1. Fioredda F, Skokowa J, Tamary H, Spanoudakis M, Farruggia P, Almeida A et al.: The European Guidelines on Diagnosis and Management of Neutropenia in Adults and Children: A Consensus Between the European Hematology Association and the EuNet-INNOCHRON COST Action. HemaSphere. 2023;7(4):e872. https://doi.org/10.1097/HS9.0000000000000872
  2. Fioredda F, Spanoudakis M, Skokowa J, Tamary H, Farruggia P, Almeida A et al.: European guidelines on treatment and supportive measures in chronic neutropenias: A consensus between the European Hematology Association and the EuNet-INNOCHRON COST Action based on a systematic evidence review. HemaSphere. 2025;9(4):e70113. https://doi.org/10.1002/hem3.70113
  3. Fattizzo B, Bosi A, Sorrenti M, Murgia D, Pettine L, Bortolotti M et al.: Natural history of chronic idiopathic neutropenia of the adult. Sci Rep. 2024;14(1):21891. https://doi.org/10.1038/s41598-024-71719-2
  4. Merz LE, Osei MA, Story CM, Freedman RY, Smeland-Wagman R, Kaufman RM, Achebe MO. Development of Duffy Null-Specific Absolute Neutrophil Count Reference Ranges. JAMA. 2023;329(23):2088-2089. https://doi.org/10.1001/jama.2023.7467
  5. Andersen CL, Tesfa D, Siersma VD, Sandholdt H, Hasselbalch HC, Holmström MO et al.: Prevalence and clinical significance of neutropenia discovered in routine complete blood cell counts: a longitudinal study. J Intern Med. 2016;279(6):566-575. https://doi.org/10.1111/joim.12467