Eierstockkrebs (Ovarialkarzinom) – Operative Therapie

Therapieziele und Behandlungsplanung

  • Vollständige Tumorentfernung: Zentrales Ziel der operativen Behandlung des epithelialen Ovarialkarzinoms ist die makroskopische Komplettresektion (vollständige Entfernung aller sichtbaren Tumoranteile). Beim frühen Karzinom dient die Operation zusätzlich der vollständigen Stadienbestimmung und damit der Festlegung der weiteren Therapie [LL1].
  • Behandlung im spezialisierten Zentrum: Die operative Strategie soll durch ein gynäkoonkologisch erfahrenes Team festgelegt werden. Bei fortgeschrittener Erkrankung sind die Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Resektion (operative Entfernung), der Allgemeinzustand und das perioperative Risiko gemeinsam zu beurteilen [LL1, LL2].
  • Histologiespezifisches Vorgehen: Epitheliale Ovarial-, Tuben- und primäre Peritonealkarzinome (Krebserkrankungen des Eierstocks, des Eileiters und des Bauchfells) werden nach vergleichbaren operativen Prinzipien behandelt. Borderlinetumoren (Eierstocktumoren mit Eigenschaften zwischen gutartig und bösartig), Keimstrangstromatumoren (Tumoren aus dem Stützgewebe und den hormonbildenden Zellen des Eierstocks) und Keimzelltumoren (Tumoren aus den Vorläuferzellen der Eizellen) erfordern jeweils eigenständige Entscheidungen zum Operationsumfang und zum Fertilitätserhalt (Erhalt der Fruchtbarkeit) [LL1, LL7].

Risikoreduzierende Operation bei genetischer Prädisposition

Bei gesunden Trägerinnen pathogener oder wahrscheinlich pathogener Varianten mit erhöhtem Ovarialkarzinomrisiko ist die risikoreduzierende bilaterale Salpingo-Oophorektomie (vorsorgliche Entfernung beider Eileiter und Eierstöcke) nach abgeschlossener Familienplanung die etablierte operative Präventionsmaßnahme. Die Indikation wird nach humangenetischer Beratung anhand des betroffenen Gens, des individuellen Erkrankungsrisikos und der Familienanamnese gestellt. Eine Variante unklarer Signifikanz begründet für sich allein keine solche Operation [LL1, LL6].

  • Risikoreduktion: Eine Metaanalyse bei BRCA1-/BRCA2-Variantenträgerinnen zeigte eine Reduktion des Risikos für Ovarial- beziehungsweise Tubenkarzinome um etwa 80 %. Ein verbleibendes Risiko für ein primäres Peritonealkarzinom besteht; eine vollständige Risikobeseitigung darf nicht zugesichert werden [1, LL6].
  • Zeitpunkt: Die Entscheidung erfolgt genspezifisch. NICE nennt als reguläre früheste Orientierungszeitpunkte 35 Jahre bei BRCA1 und 40 Jahre bei BRCA2. Bei RAD51C, RAD51D, BRIP1 oder PALB2 und einem geschätzten Lebenszeitrisiko von mindestens 5 % wird eine Operation regulär nicht vor dem 45. Lebensjahr vorgesehen. Eine besonders frühe familiäre Erkrankung kann eine abweichende individuelle Planung erfordern [LL6].
  • Operationsumfang und Pathologie: Beide Tuben und Ovarien werden vollständig entfernt. Die Präparate sollen einschließlich der Fimbrien (fransenförmige Enden der Eileiter) sorgfältig histopathologisch untersucht werden, insbesondere nach dem SEE-FIM-Protokoll. Auffällige Befunde erfordern eine gynäkoonkologische Weiterbehandlung [LL6].
  • Folgen der Operation: Prämenopausale Patientinnen müssen über Fertilitätsverlust, chirurgische Menopause (durch die Operation ausgelöstes Ende der Eierstockfunktion) und deren gesundheitliche Folgen aufgeklärt werden. Die postoperative Betreuung einschließlich einer gegebenenfalls geeigneten Hormonersatztherapie (Behandlung zum Ausgleich fehlender weiblicher Geschlechtshormone) ist vor dem Eingriff zu besprechen [LL6].
  • Salpingektomie mit späterer Oophorektomie: (Entfernung der Eileiter und erst zu einem späteren Zeitpunkt der Eierstöcke) Dieses zweizeitige Vorgehen ist hinsichtlich der onkologischen Sicherheit kein etablierter gleichwertiger Ersatz für die risikoreduzierende Salpingo-Oophorektomie und soll bei genetischem Hochrisiko im Rahmen klinischer Studien erfolgen [LL6].

Opportunistische Salpingektomie (vorsorgliche Eileiterentfernung im Rahmen einer ohnehin geplanten Operation) bei durchschnittlichem Erkrankungsrisiko

Die opportunistische bilaterale Salpingektomie dient der Primärprävention bei Frauen ohne genetische Hochrisikokonstellation, bei denen aus anderer Indikation eine geeignete Operation durchgeführt wird. Die Ovarien bleiben erhalten. Hintergrund ist der tubare Ursprung eines erheblichen Anteils der high-grade serösen Karzinome (aggressiven Krebsform, die häufig im Eileiter entsteht) [2, LL4, LL5].

Das ACOG Clinical Practice Update von 2026 erweitert die Empfehlungen zur vollständigen bilateralen Salpingektomie. Für Patientinnen ohne weiteren Kinderwunsch werden folgende Einsatzmöglichkeiten hervorgehoben [LL4]:

  • Hysterektomie: (Gebärmutterentfernung) Eine begleitende bilaterale Salpingektomie soll regelhaft in die Operationsplanung einbezogen werden [LL4].
  • Weitere gynäkologische Operationen: Bei Eingriffen mit Zugang zur Peritonealhöhle soll die Salpingektomie empfohlen und ihre sichere Durchführbarkeit bei der Operationsplanung berücksichtigt werden [LL4].
  • Chirurgische Sterilisation: (operative Verhütung einer Schwangerschaft auf Dauer) Nach gemeinsamer Entscheidungsfindung ist die bilaterale Salpingektomie gegenüber der Tubenligatur (Unterbindung der Eileiter) zu bevorzugen [LL4].
  • Nichtgynäkologische Eingriffe: Durch interdisziplinäre Zusammenarbeit soll die Salpingektomie auch bei geeigneten abdominellen oder pelvinen Operationen anderer Fachgebiete angeboten werden können [LL4].

Der ESGO-Konsensus von 2026 unterstützt die präoperative Beratung geeigneter Patientinnen über diese Präventionsmöglichkeit. Die vorhandene Evidenz zeigt eine Assoziation mit einem niedrigeren späteren tuboovariellen Karzinomrisiko, eine geringe zusätzliche Operationszeit und keinen nachgewiesenen nachteiligen kurzfristigen Einfluss auf die Ovarialfunktion. Langzeitdaten zur Ovarialfunktion und zum Menopausenzeitpunkt bleiben begrenzt [2, LL5].

Die Aufklärung muss die irreversible Einschränkung der natürlichen Fertilität, den erwarteten präventiven Nutzen, die Operationsrisiken und das verbleibende Karzinomrisiko umfassen. Die opportunistische Salpingektomie ersetzt bei genetischer Hochrisikokonstellation nicht die indizierte risikoreduzierende Salpingo-Oophorektomie [LL4, LL6].

Fertilitätserhaltende Operation beim epithelialen Ovarialkarzinom

Bei ausgewählten Patientinnen mit unilateralem epithelialem Ovarialkarzinom im Stadium FIGO I kann eine fertilitätserhaltende Operation mit Entfernung der betroffenen Adnexe (Eierstock und Eileiter einer Seite) sowie Erhalt des Uterus und des kontralateralen Ovars erwogen werden. Voraussetzung sind ein adäquates operatives Staging, eine gesicherte histopathologische Diagnose und eine ausführliche Risikoaufklärung. Die Entscheidung darf nicht allein auf die Bezeichnung „FIGO IA, G1 oder G2“ gestützt werden [LL1, LL3].

  • Histologie und Substadium: Besonders geeignete Konstellationen sind unter anderem low-grade seröse und low-grade endometrioide Karzinome (bestimmte, meist weniger aggressive Formen von Eierstockkrebs) sowie muzinöse Karzinome (schleimbildende Krebsformen) mit expansilem Wachstum im Stadium IA und ausgewählte IC1-Tumoren. Bei weiteren Histologien ist eine streng individuelle Beurteilung erforderlich [LL3].
  • Grenzen des Ovarerhalts: Ein bilaterales invasives epitheliales Karzinom (beidseitiger, in das Gewebe einwachsender Krebs der oberflächenbildenden Zellen) im Stadium IB oder eine Erkrankung im Stadium II bis IV sprechen gegen den Erhalt eines Ovars. Für IC2- und IC3-Konstellationen gelten histologiespezifische Einschränkungen [LL3].
  • Operationsumfang: Die fertilitätserhaltende Operation umfasst in der Regel eine unilaterale Salpingo-Oophorektomie (Entfernung eines Eileiters und des zugehörigen Eierstocks) und das erforderliche peritoneale beziehungsweise histologieabhängige nodale Staging. Eine alleinige Zystektomie (operative Entfernung der Zyste unter Erhalt des Eierstocks) ist beim invasiven epithelialen Karzinom kein reguläres fertilitätserhaltendes Standardverfahren [LL3].
  • Beratung und Nachsorge: Gynäkoonkologie und Reproduktionsmedizin sollen gemeinsam beraten. Die Patientin muss über mögliche Rezidive (Wiederauftreten der Erkrankung), eine gegebenenfalls erforderliche weitere Behandlung und die langfristige Nachsorge informiert werden [LL3].

Fertilitätserhalt bedeutet nicht automatisch, dass eine adjuvante Chemotherapie (ergänzende medikamentöse Krebsbehandlung nach der Operation) entfallen kann. Nach deutschem S3-Standard soll bei vollständig gestagtem FIGO IA G1 keine adjuvante Chemotherapie erfolgen; bei IA G2 beziehungsweise IB G1/G2 kann eine platinhaltige Chemotherapie angeboten werden. Weitere Entscheidungen berücksichtigen insbesondere Histologie, Substadium und Risikokonstellation [LL1].

Frühes epitheliales Ovarialkarzinom – Operatives Staging

Als frühes Ovarialkarzinom wird eine auf die Ovarien beziehungsweise das kleine Becken begrenzte Erkrankung im Stadium FIGO I bis II bezeichnet. Ziel der primären Operation sind die vollständige Tumorentfernung und ein umfassendes Staging, da klinisch unerkannte extraovarielle Manifestationen die Stadieneinteilung und die postoperative Behandlung verändern können [LL1].

Die deutsche S3-Leitlinie sieht für das vollständige Staging eine Längsschnittlaparotomie (Eröffnung des Bauches durch einen längs verlaufenden Schnitt) vor. Ein laparoskopisches Staging soll nach dieser Leitlinie außerhalb von Studien nicht durchgeführt werden [LL1].

  • Exploration: Inspektion und Palpation der gesamten Abdominalhöhle einschließlich Becken, parakolischer Rinnen, Zwerchfellregionen, Darm und Mesenterium [LL1].
  • Peritonealzytologie: Gewinnung von Aszites (Flüssigkeitsansammlung im Bauchraum) beziehungsweise Spülflüssigkeit für die zytologische Untersuchung [LL1].
  • Peritoneales Staging: Biopsien beziehungsweise Resektion sämtlicher auffälliger Areale sowie Peritonealbiopsien aus makroskopisch unauffälligen Regionen [LL1].
  • Entfernung des Primärtumors: Bilaterale Salpingo-Oophorektomie und Hysterektomie, sofern keine begründete fertilitätserhaltende Strategie gewählt wird. Eine intraoperative Tumorruptur (Aufreißen des Tumors während der Operation) soll vermieden werden [LL1].
  • Omentektomie: (Entfernung des großen Bauchnetzes) Entfernung des Omentums mindestens infrakolisch [LL1].
  • Appendektomie: (Entfernung des Wurmfortsatzes am Blinddarm) Bestandteil des S3-Stagingkonzepts bei muzinösem oder unklarem Tumortyp; bei Tumorbefall der Appendix ist ihre Entfernung erforderlich [LL1].
  • Lymphknotenstaging: Grundsätzlich bilaterale pelvine und paraaortale Lymphadenektomie (Entfernung der Lymphknoten beiderseits im Becken und entlang der Hauptschlagader) unter Berücksichtigung der Histologie und der daraus folgenden Wahrscheinlichkeit eines nodalen Befalls [4, LL1].

Bei low-grade endometrioiden Karzinomen und muzinösen Karzinomen mit expansilem Wachstum ist die Rate an Lymphknotenmetastasen (Tumorabsiedlungen in Lymphknoten) sehr niedrig. Eine systematische Lymphadenektomie klinisch unauffälliger Lymphknoten ist in diesen Konstellationen nicht obligat [4, LL1].

Die LION-Studie begründet keinen generellen Verzicht auf das Lymphknotenstaging beim vermeintlich frühen Ovarialkarzinom. Sie untersuchte die systematische Lymphadenektomie nach makroskopischer Komplettresektion bei fortgeschrittener Erkrankung und klinisch unauffälligen Lymphknoten [3, 4].

Wird ein Karzinom unerwartet nach einer unvollständigen Erstoperation diagnostiziert, soll die definitive Behandlung gynäkoonkologisch erfolgen. Ein ergänzendes operatives Staging ist von einer routinemäßigen Second-Look-Operation (erneuten Operation zur Kontrolle des Behandlungsergebnisses) zu unterscheiden [LL1].

Fortgeschrittenes epitheliales Ovarialkarzinom

Bei fortgeschrittener Erkrankung ist die makroskopische Komplettresektion das zentrale operative Ziel. Eine geringe Resttumormenge ist prognostisch ungünstiger als das Fehlen sichtbarer Tumorreste. Der Operationsumfang richtet sich nach der tatsächlichen Tumorausbreitung und der sicheren Erreichbarkeit einer vollständigen Resektion [LL1].

Neben Hysterektomie, bilateraler Salpingo-Oophorektomie und Omentektomie können ausgedehnte peritoneale Resektionen sowie Eingriffe an Darm, Zwerchfell oder weiteren befallenen Organen erforderlich sein. Diese Eingriffe setzen entsprechende operative Erfahrung und eine interdisziplinäre Infrastruktur voraus [LL1].

  • Primäre zytoreduktive Operation: (Operation zur Entfernung möglichst aller Tumoranteile vor der medikamentösen Behandlung) Sie wird bevorzugt, wenn die Patientin ausreichend belastbar ist und eine makroskopische Komplettresektion mit vertretbarem perioperativem Risiko wahrscheinlich erscheint. Anschließend erfolgt die indizierte systemische Behandlung [LL2].
  • Neoadjuvante Chemotherapie: (medikamentöse Krebsbehandlung vor der Operation) Sie ist angezeigt, wenn eine vollständige primäre Resektion unwahrscheinlich ist oder ein hohes perioperatives Risiko besteht. Vor ihrem Beginn ist eine histologische Sicherung des invasiven Karzinoms erforderlich [LL2].
  • Intervalloperation: (Tumoroperation nach den ersten Zyklen der medikamentösen Krebsbehandlung) Bei Ansprechen oder stabiler Erkrankung soll sie nach ASCO spätestens nach vier neoadjuvanten Zyklen erfolgen, üblicherweise nach drei Zyklen. Anschließend wird die Chemotherapie zur vorgesehenen Gesamtbehandlung fortgeführt [LL2].
  • Progression unter neoadjuvanter Behandlung: (Fortschreiten der Erkrankung während der medikamentösen Behandlung vor der Operation) Sie erfordert eine erneute diagnostische und therapeutische Bewertung; eine Intervalloperation ist in dieser Situation kein automatischer nächster Behandlungsschritt [LL2].

Die Aussage, eine primäre Operation sei generell wirksamer als die neoadjuvante Behandlung mit Intervalloperation, ist nicht ausreichend differenziert. Die Auswahl muss Resektabilität, Operationsqualität und individuelles Risiko berücksichtigen [5, LL2].

Einordnung der TRUST-Studie

TRUST verglich bei Patientinnen mit FIGO IIIB bis IVB und gutem Allgemeinzustand die primäre zytoreduktive Operation mit einer neoadjuvanten Chemotherapie und anschließender Intervalloperation. Die Operationen erfolgten in qualifizierten Zentren. Die 2025 publizierten Ergebnisse liegen als Kongressabstract vor [5].

Endpunkt Primäre Operation Neoadjuvante Behandlung und Intervalloperation Einordnung
Medianes Gesamtüberleben 54,3 Monate 48,3 Monate Kein statistisch signifikanter Unterschied; Hazard Ratio 0,89; 95-%-Konfidenzintervall 0,74 bis 1,08; p = 0,24 [5].
Medianes progressionsfreies Überleben 22,1 Monate 19,7 Monate Statistisch signifikanter Vorteil der primären Operation; Hazard Ratio 0,80; p = 0,018 [5].

Der primäre Endpunkt eines verbesserten Gesamtüberlebens wurde nicht erreicht. TRUST unterstützt die primäre Operation bei geeigneten Patientinnen in erfahrenen Zentren, rechtfertigt aber keine uneingeschränkte Überlegenheit dieser Strategie für sämtliche Patientinnen mit fortgeschrittenem Ovarialkarzinom [5].

Lymphadenektomie bei fortgeschrittener Erkrankung

Bei makroskopischer Komplettresektion und präoperativ sowie intraoperativ klinisch unauffälligen Lymphknoten soll auf eine systematische pelvine und paraaortale Lymphadenektomie verzichtet werden. Diese Empfehlung beruht insbesondere auf der randomisierten LION-Studie [3, LL1].

  • Überleben: Das mediane Gesamtüberleben betrug ohne systematische Lymphadenektomie 69,2 Monate und mit Lymphadenektomie 65,5 Monate. Das mediane progressionsfreie Überleben betrug in beiden Gruppen 25,5 Monate. Ein Überlebensvorteil wurde nicht nachgewiesen [3].
  • Morbidität: Nach systematischer Lymphadenektomie waren schwere postoperative Komplikationen häufiger. Die Rate erneuter Laparotomien betrug 12,4 % gegenüber 6,5 %; die Mortalität innerhalb von 60 Tagen 3,1 % gegenüber 0,9 % [3].
  • Suspekte Lymphknoten: Makroskopisch tumorbefallene beziehungsweise suspekte Lymphknoten werden im Rahmen einer angestrebten Komplettresektion entfernt. Ihre Resektion ist von der systematischen Entfernung klinisch unauffälliger Lymphknoten zu unterscheiden [4].

Hypertherme intraperitoneale Chemotherapie (Behandlung mit erwärmter Chemotherapielösung direkt im Bauchraum)

Die hypertherme intraperitoneale Chemotherapie (HIPEC) ist kein regelhafter Bestandteil jeder Ovarialkarzinomoperation. OVHIPEC-1 zeigte bei ausgewählten Patientinnen mit FIGO III, die zunächst neoadjuvant behandelt wurden, einen langfristigen Überlebensvorteil durch die zusätzliche HIPEC bei der Intervalloperation. Diese Ergebnisse sind nicht ohne Weiteres auf die primäre Operation, sämtliche Stadien oder jede Rezidivsituation übertragbar [9].

Die Empfehlungen unterscheiden sich: Die deutsche S3-Leitlinie befürwortet keinen allgemeinen Einsatz. ASCO 2025 sieht die Möglichkeit vor, HIPEC bei der Intervalloperation ausgewählten Patientinnen mit FIGO III, gutem Allgemeinzustand und ausreichender Nierenfunktion anzubieten. Eine Entscheidung erfordert eine spezialisierte Beratung über Nutzen, Risiken und die begrenzte Übertragbarkeit der Studienergebnisse [LL1, LL2].

Rezidivchirurgie (operative Behandlung einer erneut aufgetretenen Erkrankung) beim epithelialen Ovarialkarzinom

Ein Rezidiv ist in der Regel eine nicht dauerhaft kurativ behandelbare Erkrankung. Dennoch kann eine sekundäre zytoreduktive Operation (erneute Operation zur möglichst vollständigen Tumorentfernung) bei sorgfältig ausgewählten Patientinnen das Gesamtüberleben verbessern. Vor Beginn einer Systemtherapie im ersten Rezidiv soll deshalb die Möglichkeit einer vollständigen operativen Resektion geprüft werden [6, LL1].

Die stärkste positive randomisierte Evidenz stammt aus DESKTOP III. Eingeschlossen wurden Patientinnen mit erstem Rezidiv, einem platinfreien Intervall von mindestens sechs Monaten und positivem AGO-Score [6].

  • Positiver AGO-Score: ECOG-Performance-Status 0, Aszites von weniger als 500 ml und makroskopische Komplettresektion bei der Erstoperation. Diese Kriterien unterstützen die Auswahl von Patientinnen mit hoher Wahrscheinlichkeit einer vollständigen Rezidivresektion [6].
  • Operationsziel: Makroskopische Komplettresektion des Rezidivs. Eine Operation mit erwartbar verbleibendem sichtbarem Tumorrest erfüllt dieses Therapieziel nicht [6, LL1].
  • Weiterbehandlung: In den maßgeblichen randomisierten Studien wurde die Operation durch eine anschließende systemische Therapie ergänzt [6, 7, 8].
Studie Wesentliche Ergebnisse Klinische Einordnung
DESKTOP III Medianes Gesamtüberleben 53,7 Monate mit Operation gegenüber 46,0 Monaten ohne Operation; Hazard Ratio 0,75; 95-%-Konfidenzintervall 0,59 bis 0,96; p = 0,02. Komplettresektion bei 75,5 % der tatsächlich operierten Patientinnen [6]. Nachweis eines Gesamtüberlebensvorteils bei anhand des AGO-Scores ausgewählten Patientinnen mit erstem platinsensitivem Rezidiv [6].
GOG-0213 Medianes Gesamtüberleben 50,6 Monate mit Operation gegenüber 64,7 Monaten ohne Operation; Hazard Ratio 1,29; 95-%-Konfidenzintervall 0,97 bis 1,72; p = 0,08 [7]. Kein statistisch signifikanter Gesamtüberlebensvorteil. Die Ergebnisse begründen keinen generellen Verzicht auf Rezidivchirurgie in anders ausgewählten Populationen [6, 7].
SOC-1 Medianes Gesamtüberleben 58,1 Monate mit Operation gegenüber 52,1 Monaten ohne Operation; Hazard Ratio 0,80; 95-%-Konfidenzintervall 0,61 bis 1,05; p = 0,11. Ein Vorteil beim progressionsfreien Überleben war zuvor gezeigt worden [8]. Kein statistisch signifikanter Gesamtüberlebensvorteil in der primären Analyse; ein erheblicher Anteil der Kontrollgruppe erhielt später eine Operation [8].

Die unterschiedlichen Studienergebnisse zeigen die Bedeutung der Patientinnenselektion und der tatsächlichen Komplettresektion. Sie erlauben weder eine generelle Empfehlung zur Rezidivoperation noch deren pauschale Ablehnung. Die Operationsindikation soll vor Therapiebeginn in einem erfahrenen gynäkoonkologischen Zentrum gestellt werden [6, 7, 8, LL1].

Second-Look-Operation

Eine routinemäßige Second-Look-Operation nach abgeschlossener Primärbehandlung soll nicht durchgeführt werden. Davon zu unterscheiden sind ein erforderliches ergänzendes Staging nach unvollständiger Erstoperation und eine therapeutisch begründete Rezidivoperation [LL1].

Borderlinetumoren des Ovars

Primäres Ziel ist die vollständige Entfernung des Tumors und etwaiger extraovarieller Manifestationen. Das chirurgische Staging umfasst die Exploration des gesamten Abdomens, Spülzytologie, Resektion auffälliger Areale, Peritonealbiopsien aus unauffälligen Regionen und Omentektomie [LL1].

  • Operationsumfang ohne Fertilitätserhalt: Bei abgeschlossener Familienplanung ist die bilaterale Salpingo-Oophorektomie Bestandteil des regulären operativen Konzepts. Eine Hysterektomie ist bei unauffälligem Uterus nicht zwingend erforderlich [LL1].
  • Fertilitätserhalt: Bei einseitigem Borderlinetumor im Stadium FIGO IA oder IC soll bei entsprechendem Wunsch fertilitätserhaltend operiert werden. Auch bei bilateralen oder weiter fortgeschrittenen Befunden kann ein Fertilitätserhalt nach individueller Beratung vertretbar sein [LL1, LL3].
  • Zystektomie: Gegenüber der Entfernung des betroffenen Ovars besteht ein höheres lokales Rezidivrisiko. Eine Zystektomie kann insbesondere bei ausgewählten serösen Tumoren, bilateralen Befunden oder nur einem verbleibenden Ovar erwogen werden; die Aufklärung muss das erhöhte Rezidivrisiko ausdrücklich einschließen [LL1, LL3].
  • Lymphknoten: Eine systematische Lymphadenektomie klinisch unauffälliger Lymphknoten gehört nicht zum regulären Staging von Borderlinetumoren [LL7].
  • Muzinöser Tumortyp: Ein extraovarieller Primärtumor, insbesondere im Gastrointestinaltrakt, muss ausgeschlossen werden. Die Appendix soll beurteilt werden; ihre Entfernung ist bei suspektem Befund oder begründetem Verdacht auf einen appendikalen Primärtumor angezeigt [LL7].
  • Invasive Implantate: (in das Gewebe einwachsende Tumorabsiedlungen) Diese werden nach aktueller Klassifikation einem low-grade serösen Karzinom zugeordnet und müssen von nichtinvasiven Implantaten unterschieden werden [LL1].
  • Adjuvante Behandlung: Für echte Borderlinetumoren ist eine adjuvante Chemo- oder Strahlentherapie (Behandlung mit energiereichen Strahlen) nicht angezeigt [LL1].

Keimstrangstromatumoren des Ovars

Die Operation dient der vollständigen Tumorentfernung und der korrekten Stadieneinteilung. Bei unilateralem, auf das Ovar begrenztem Tumor kann eine Salpingo-Oophorektomie der betroffenen Seite mit Erhalt des Uterus und des kontralateralen Ovars erfolgen. Die Eignung zum Fertilitätserhalt hängt insbesondere von Tumortyp und Stadium ab [LL1, LL7].

  • Staging: Exploration der gesamten Abdominalhöhle, Peritonealzytologie und Entfernung beziehungsweise histologische Abklärung auffälliger Befunde. Bei malignen Tumoren erfolgt ein angemessenes peritoneales Staging [LL1, LL7].
  • Lymphadenektomie: Bei klinisch unauffälligen Lymphknoten ist eine systematische Lymphadenektomie nicht regelhaft indiziert. Suspekte Lymphknoten werden gezielt beurteilt beziehungsweise entfernt [LL1, LL7].
  • Endometrium: Bei Belassen des Uterus ist insbesondere bei Granulosazelltumoren (Tumoren aus bestimmten hormonbildenden Zellen des Eierstocks) beziehungsweise östrogenaktiven Tumoren eine histologische Abklärung des Endometriums zum Ausschluss einer Hyperplasie (übermäßigen Gewebevermehrung) oder eines synchronen Endometriumkarzinoms (gleichzeitig bestehenden Krebses der Gebärmutterschleimhaut) erforderlich [LL1, LL7].
  • Fortgeschrittene Erkrankung: Eine vollständige Resektion ist anzustreben; der Operationsumfang wird an Tumorausbreitung und Belastbarkeit angepasst [LL7].

Maligne Keimzelltumoren des Ovars

Maligne Keimzelltumoren sind von Keimstrangstromatumoren abzugrenzen. Zu ihnen gehören unter anderem Dysgerminome (bösartige Tumoren aus unreifen Keimzellen), Dottersacktumoren (bösartige Keimzelltumoren mit Eigenschaften des embryonalen Dottersacks) und unreife Teratome (Keimzelltumoren mit unreifen Gewebeanteilen). Aufgrund der häufig jungen Patientinnen und der hohen Chemotherapiesensitivität vieler Subtypen hat der Fertilitätserhalt einen besonders hohen Stellenwert [LL7].

  • Organbegrenzter Tumor: In der Regel unilaterale Salpingo-Oophorektomie mit Erhalt des unauffälligen kontralateralen Ovars und des Uterus sowie adäquatem Staging [LL1, LL7].
  • Staging: Exploration des gesamten Bauchraums, Peritonealzytologie und gezielte histologische Untersuchung auffälliger Areale [LL1, LL7].
  • Kontralaterales Ovar: Eine routinemäßige Biopsie eines makroskopisch unauffälligen Ovars ist nicht erforderlich und kann die ovarielle Reserve beeinträchtigen [LL7].
  • Lymphknoten: Keine routinemäßige systematische Lymphadenektomie bei klinisch unauffälligen Lymphknoten; suspekte Befunde werden gezielt abgeklärt [LL1, LL7].
  • Fortgeschrittene Erkrankung: Auch hier kann ein fertilitätserhaltendes Behandlungskonzept möglich sein. Wenn eine ausgedehnte Primäroperation den Organerhalt gefährden würde, ist nach diagnostischer Sicherung eine präoperative Chemotherapie zu prüfen [LL1, LL7].

Die bei hormonaktiven Keimstrangstromatumoren erforderliche Endometriumabklärung ist keine allgemeine Standardmaßnahme bei malignen Keimzelltumoren [LL7].

Abkürzungen

  • ACOG – American College of Obstetricians and Gynecologists; US-amerikanische Fachgesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie.
  • AGO – Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie.
  • ASCO – American Society of Clinical Oncology; US-amerikanische Fachgesellschaft für klinische Onkologie.
  • AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
  • BRCA1/BRCA2 – Breast Cancer Gene 1 beziehungsweise 2; Gene, deren bestimmte Veränderungen das Brust- und Eierstockkrebsrisiko erhöhen.
  • BRIP1 – BRCA1 Interacting Protein C-terminal Helicase 1; Gen mit Bedeutung für die Reparatur von Erbgutschäden.
  • DESKTOP – Descriptive Evaluation of Preoperative Selection Criteria for Operability; Studienprogramm zur Auswahl geeigneter Patientinnen für eine Rezidivoperation.
  • ECOG – Eastern Cooperative Oncology Group; der ECOG-Performance-Status beschreibt den Allgemeinzustand und die körperliche Belastbarkeit.
  • ESGE – European Society for Gynaecological Endoscopy; europäische Fachgesellschaft für gynäkologische Endoskopie.
  • ESGO – European Society of Gynaecological Oncology; europäische Fachgesellschaft für gynäkologische Onkologie.
  • ESHRE – European Society of Human Reproduction and Embryology; europäische Fachgesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie.
  • ESMO – European Society for Medical Oncology; europäische Fachgesellschaft für medizinische Onkologie.
  • FIGO – Fédération Internationale de Gynécologie et d’Obstétrique; internationale Fachgesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe, deren Stadieneinteilung die Tumorausbreitung beschreibt.
  • G1/G2 – histologische Differenzierungsgrade 1 beziehungsweise 2; Beschreibung der Ähnlichkeit des Tumorgewebes mit normalem Gewebe.
  • GOG – Gynecologic Oncology Group; gynäkoonkologische Studiengruppe.
  • HIPEC – hypertherme intraperitoneale Chemotherapie.
  • LL – Leitlinie; Kennzeichnung der Leitlinien im Quellenverzeichnis.
  • NICE – National Institute for Health and Care Excellence; britische Einrichtung zur Bewertung medizinischer Verfahren und Erstellung von Leitlinien.
  • OVHIPEC – Studienbezeichnung für Untersuchungen zur hyperthermen intraperitonealen Chemotherapie beim Ovarialkarzinom.
  • PALB2 – Partner and Localizer of BRCA2; Gen mit Bedeutung für die Reparatur von Erbgutschäden.
  • RAD51C/RAD51D – Gene aus der RAD51-Gruppe mit Bedeutung für die Reparatur von Erbgutschäden.
  • S3 – höchste methodische Entwicklungsstufe einer deutschen Leitlinie mit systematischer Evidenzbewertung und strukturierter Konsensfindung.
  • SEE-FIM – Sectioning and Extensively Examining the FIMbriated End; Protokoll zur besonders sorgfältigen Untersuchung der Eileiterenden.
  • SOC – Surgery or Chemotherapy; Studienprogramm zum Vergleich einer Operation mit einer alleinigen medikamentösen Behandlung beim Rezidiv.
  • TRUST – Trial of Radical Upfront Surgical Therapy; Studie zur primären Operation beim fortgeschrittenen Ovarialkarzinom.
  • doi – Digital Object Identifier; dauerhafte Kennung einer wissenschaftlichen Veröffentlichung.

Literatur

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Leitlinien

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  4. American College of Obstetricians & Gynecologists Committee on Clinical Consensus—Gynecology: ACOG Clinical Practice Update: Salpingectomy for the Prevention of Epithelial Ovarian Cancer. Obstet Gynecol 2026;148(4):e275 bis e280. doi: 10.1097/AOG.0000000000006400 [LL4].
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