Chondroitin-Therapie

Chondroitinsulfat gehört zur Gruppe der Glykosaminoglykane (langkettige Zuckermoleküle) (GAG) und ist ein natürlicher Bestandteil von Knorpel, Bindegewebe, Sehnen und Haut. Als sulfatiertes Glykosaminoglykan ist Chondroitinsulfat ein wesentlicher Bestandteil der Proteoglykane (Eiweiß-Zucker-Verbindungen) der extrazellulären Knorpelmatrix (Gerüstsubstanz des Knorpels außerhalb der Zellen). Aufgrund seiner ausgeprägten hydrophilen Eigenschaften trägt es zur Wasserbindung, Druckelastizität und biomechanischen Belastbarkeit des Gelenkknorpels bei. Darüber hinaus wurden antiinflammatorische und antikatabole Wirkungen auf den Knorpelstoffwechsel beschrieben [13].

Bei der Arthrose (Gelenkverschleiß) kommt es zu einer Störung der Homöostase (des biologischen Gleichgewichts) der extrazellulären Knorpelmatrix mit gesteigertem Abbau von Proteoglykanen und Kollagen sowie Veränderungen der Chondrozytenfunktion (Funktion der Knorpelzellen). Chondroitinsulfat kann dabei über unterschiedliche biologische Mechanismen auf inflammatorische und katabole Prozesse einwirken [13]. Ein klinisch definierter isolierter Chondroitinsulfatmangel als Ursache der Arthrose ist allerdings nicht nachgewiesen.

Mit zunehmendem Alter steigt das Arthroserisiko. Altersabhängige Veränderungen des Proteoglykanstoffwechsels, der Chondrozytenfunktion und der Regenerationsfähigkeit der Knorpelmatrix tragen hierzu bei. Vor diesem Hintergrund wird Chondroitinsulfat als Symptomatic Slow Acting Drug in Osteoarthritis (SYSADOA) zur symptomatischen Therapie der Arthrose eingesetzt. Die klinische Evidenz ist besonders für pharmazeutisch standardisiertes Chondroitinsulfat bei Gonarthrose (Kniegelenksarthrose) gut dokumentiert [1, 10-12, LL2].

Ziele einer Chondroitinsulfat-Therapie

Chondroitinsulfat zielt bei der Gonarthrose auf eine Verminderung von Schmerzen und eine Verbesserung der Gelenkfunktion und Beweglichkeit. Aufgrund seines verzögerten Wirkungseintritts wird es den SYSADOA (Symptomatic Slow Acting Drugs in Osteoarthritis) zugeordnet. Darüber hinaus liegen aus randomisierten Langzeitstudien und Metaanalysen Hinweise auf strukturmodifizierende Effekte im Sinne einer verminderten radiologischen Gelenkspaltverschmälerung (im Röntgenbild erkennbaren Abnahme des Gelenkspalts) vor [9, 10].

Indikationen (Anwendungsgebiete)

  • Arthrose
  • Coxarthrose (Hüftgelenksarthrose) – die klinische Evidenz ist geringer als bei Gonarthrose
  • Gonarthrose – am besten untersuchte Indikation; insbesondere für pharmazeutisch standardisiertes Chondroitinsulfat liegen positive randomisierte Studiendaten zu Schmerz und Funktion vor [11, 12].
  • Primäre Arthrose sonstiger Gelenke: Hand (Finger, Handwurzel, Mittelhand, Gelenke zwischen diesen Knochen)
  • Rhizarthrose (Arthrose des Daumensattelgelenks)

Die European Society for Clinical and Economic Aspects of Osteoporosis, Osteoarthritis and Musculoskeletal Diseases (ESCEO) empfiehlt pharmazeutisch standardisiertes Chondroitinsulfat als SYSADOA im ersten pharmakologischen Behandlungsschritt der Gonarthrose [LL2]. Andere internationale Leitlinien bewerten Chondroitinsulfat zurückhaltender, sodass die Leitlinienlage insgesamt heterogen ist [LL3, LL4]. Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Gonarthrose“ enthält keine eigenständige Empfehlung zur Chondroitinsulfat-Monotherapie; sie berücksichtigt jedoch Studien zur Kombination von Glucosamin und Chondroitinsulfat [LL1].

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Chondroitinsulfat sollte nicht bzw. mit Vorsicht verwendet werden bei:

  • Personen mit bekannter Überempfindlichkeit gegenüber Chondroitinsulfat oder Bestandteilen des verwendeten Präparats.
  • Schwangerschaft und Stillzeit aufgrund unzureichender klinischer Daten.
  • Patienten unter Therapie mit Vitamin-K-Antagonisten: Für Glucosamin/Chondroitinsulfat-Kombinationen liegen Fallberichte und Pharmakovigilanzdaten über erhöhte International Normalized Ratio (INR)-Werte vor; bei gleichzeitiger Anwendung ist daher eine entsprechende Gerinnungskontrolle sinnvoll [14].

Wirkweise von Chondroitinsulfat

  • Unterstützung der Knorpelmatrix: Chondroitinsulfat ist Bestandteil der Proteoglykane der extrazellulären Knorpelmatrix und trägt zu deren strukturellen und biomechanischen Eigenschaften bei.
  • Unterstützung der Wasserbindung im Knorpel: Die negativ geladenen Sulfatgruppen ermöglichen eine ausgeprägte Wasserbindung. Dadurch trägt Chondroitinsulfat zur Druckelastizität und Stoßdämpfung des Gelenkknorpels bei.
  • Antiinflammatorische und antikatabole Eigenschaften: Experimentelle Untersuchungen zeigen eine Modulation inflammatorischer Mediatoren und kataboler Signalwege sowie Effekte auf den Knorpelmatrixstoffwechsel [13].

Nach oraler Aufnahme ist Chondroitinsulfat bzw. sind Bestandteile und Metaboliten des Moleküls systemisch verfügbar. Pharmakokinetische Untersuchungen zeigen nach oraler Gabe messbare Veränderungen der Chondroitinsulfat-Konzentration und -Zusammensetzung im Plasma. Molekulargewicht und Präparatequalität beeinflussen dabei die Bioverfügbarkeit [15].

Die Chondroitinsulfate der extrazellulären Matrix besitzen ausgeprägte hydrophile Eigenschaften und erhöhen damit die Fähigkeit der Proteoglykane, Wasser im Knorpel zu binden. Der hohe Wassergehalt des Gelenkknorpels ist eine wesentliche Voraussetzung für dessen Druckelastizität, reibungsarme Bewegung, Elastizität und Stoßdämpfung.

Des Weiteren besitzt Chondroitinsulfat antiinflammatorische und antikatabole Eigenschaften. Klinische Studien und Metaanalysen zeigen eine Verminderung von Schmerzen sowie eine Verbesserung von Gelenkfunktion und Beweglichkeit [1, 5-8, 11, 12]. Eine Cochrane-Analyse von 43 Studien mit 9.110 Patienten ergab für Chondroitinsulfat gegenüber Placebo eine Verbesserung der Schmerzen und des Lequesne-Index; die Autoren bewerteten die beobachteten Unterschiede als klein bis moderat und wahrscheinlich klinisch relevant [1].

Eine umfassende Metaanalyse von 18 randomisierten placebokontrollierten Studien zur Gonarthrose zeigte ebenfalls eine signifikante Reduktion der Schmerzen und Verbesserung der Funktion unter Chondroitinsulfat. Die Analyse zeigte zugleich, dass Präparatequalität und Studiendesign einen wesentlichen Teil der Unterschiede zwischen den einzelnen Studien erklären. Besonders konsistente positive Ergebnisse wurden für pharmazeutisch standardisierte Präparate beschrieben [12].

Chondroitinsulfat wird zu den SYSADOA (Symptomatic Slow Acting Drugs in Osteoarthritis) gezählt. Charakteristisch sind der verzögerte Wirkungseintritt und ein im Vergleich zu klassischen Analgetika (Schmerzmitteln) längerfristig ausgerichteter symptomatischer Therapieeffekt. In einer älteren randomisierten Vergleichsstudie entwickelte sich die Wirkung von Chondroitinsulfat langsamer als unter Diclofenac, hielt nach Beendigung der Behandlung jedoch länger an.

Besonders aussagekräftig ist die randomisierte, doppelblinde, placebo- und aktiv kontrollierte CONCEPT-Studie mit 604 Patienten mit symptomatischer Gonarthrose. Pharmazeutisch standardisiertes Chondroitinsulfat in einer Dosierung von 800 mg täglich war hinsichtlich der Reduktion von Schmerzen und der Verbesserung des Lequesne-Index signifikant wirksamer als Placebo. Die erzielten Verbesserungen waren mit Celecoxib 200 mg täglich vergleichbar. Auch hinsichtlich klinisch relevanter sekundärer Endpunkte zeigte sich eine signifikante Verbesserung; das Sicherheitsprofil war günstig [11].

Neben der symptomatischen Wirkung bestehen Hinweise auf strukturmodifizierende Effekte. In der zweijährigen randomisierten, doppelblinden und placebokontrollierten STOPP-Studie mit 622 Gonarthrosepatienten betrug der Verlust der minimalen Gelenkspaltbreite unter Chondroitinsulfat 800 mg täglich im Mittel 0,07 mm gegenüber 0,31 mm unter Placebo. Eine radiologische Progression (im Röntgenbild erkennbare Verschlechterung) von mindestens 0,25 mm trat bei 28 % der Patienten unter Chondroitinsulfat gegenüber 41 % unter Placebo auf [9].

Eine Metaanalyse von drei zweijährigen randomisierten placebokontrollierten Studien bestätigte einen kleinen, statistisch signifikanten strukturmodifizierenden Effekt: Chondroitinsulfat reduzierte die Abnahme der minimalen Gelenkspaltbreite gegenüber Placebo um durchschnittlich 0,13 mm [10]. Damit liegen Hinweise darauf vor, dass Chondroitinsulfat neben der symptomatischen Wirkung die radiologisch messbare strukturelle Progression einer Gonarthrose verlangsamen kann. Die langfristige klinische Bedeutung dieser strukturellen Effekte wird weiterhin untersucht.

Auch die Kombination von Glucosamin und Chondroitinsulfat wurde bei Gonarthrose untersucht. In der multizentrischen MOVES-Studie mit 606 Patienten mit mittelstarken bis starken Gonarthroseschmerzen war die Kombination aus Chondroitinsulfat und Glucosaminhydrochlorid Celecoxib hinsichtlich der Schmerzreduktion nach sechs Monaten nicht unterlegen. Der WOMAC-Schmerzscore nahm in beiden Behandlungsgruppen um etwa 50 % ab; auch Gelenkfunktion, Steifigkeit, Schwellung und Gelenkerguss (Flüssigkeitsansammlung im Gelenk) verbesserten sich in vergleichbarem Ausmaß [8].

In der großen GAIT-Studie mit 1.583 Patienten zeigte sich in der Gesamtpopulation beim primären Schmerzendpunkt kein signifikanter Vorteil von Glucosamin, Chondroitinsulfat oder deren Kombination gegenüber Placebo. In der vorab stratifizierten Subgruppe mit mittelstarken bis starken Schmerzen zeigte die Kombination aus Glucosamin und Chondroitinsulfat dagegen eine höhere Responderrate als Placebo; aufgrund der begrenzten Subgruppengröße ist dieses Ergebnis als unterstützender Hinweis zu bewerten [2]. Die unterschiedlichen Studienergebnisse unterstreichen die Bedeutung von Patientenselektion, Präparatequalität und pharmazeutischer Standardisierung [11, 12].

Insgesamt sprechen die verfügbaren Daten dafür, dass insbesondere pharmazeutisch standardisiertes Chondroitinsulfat bei symptomatischer Gonarthrose Schmerzen reduzieren und die Gelenkfunktion verbessern kann. Die häufig untersuchte Dosierung beträgt 800 mg täglich. Aufgrund des günstigen Sicherheitsprofils und des verzögerten symptomatischen Effekts stellt Chondroitinsulfat insbesondere für eine längerfristig ausgerichtete konservative Behandlung eine therapeutische Option dar [1, 11, 12, LL2]. Hinweise auf eine Verminderung der radiologischen Progression ergänzen die symptomatische Evidenz [9, 10].

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Literatur

  1. Singh JA, Noorbaloochi S, MacDonald R, Maxwell LJ: Chondroitin for osteoarthritis. Cochrane Database Syst Rev. 2015;(1):CD005614. doi: 10.1002/14651858.CD005614.pub2.
  2. Clegg DO, Reda DJ, Harris CL et al.: Glucosamine, chondroitin sulfate, and the two in combination for painful knee osteoarthritis. N Engl J Med. 2006;354(8):795-808. doi: 10.1056/NEJMoa052771.
  3. Das A Jr, Hammad TA: Efficacy of a combination of FCHG49 glucosamine hydrochloride, TRH122 low molecular weight sodium chondroitin sulfate and manganese ascorbate in the management of knee osteoarthritis. Osteoarthritis Cartilage. 2000;8(5):343-350. doi: 10.1053/joca.1999.0308.
  4. McAlindon TE, LaValley MP, Gulin JP, Felson DT: Glucosamine and chondroitin for treatment of osteoarthritis: a systematic quality assessment and meta-analysis. JAMA. 2000;283(11):1469-1475. doi: 10.1001/jama.283.11.1469.
  5. Richy F, Bruyere O, Ethgen O et al.: Structural and symptomatic efficacy of glucosamine and chondroitin in knee osteoarthritis: a comprehensive meta-analysis. Arch Intern Med. 2003;163(13):1514-1522. doi: 10.1001/archinte.163.13.1514.
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  8. Hochberg MC, Martel-Pelletier J, Monfort J et al.: Combined chondroitin sulfate and glucosamine for painful knee osteoarthritis: a multicentre, randomised, double-blind, non-inferiority trial versus celecoxib. Ann Rheum Dis. 2016;75(1):37-44. doi: 10.1136/annrheumdis-2014-206792.
  9. Kahan A, Uebelhart D, De Vathaire F, Delmas PD, Reginster JY: Long-term effects of chondroitins 4 and 6 sulfate on knee osteoarthritis: the study on osteoarthritis progression prevention, a two-year, randomized, double-blind, placebo-controlled trial. Arthritis Rheum. 2009;60(2):524-533. doi: 10.1002/art.24255.
  10. Hochberg MC: Structure-modifying effects of chondroitin sulfate in knee osteoarthritis: an updated meta-analysis of randomized placebo-controlled trials of 2-year duration. Osteoarthritis Cartilage. 2010;18 Suppl 1:S28-S31. doi: 10.1016/j.joca.2010.02.016.
  11. Reginster JY, Dudler J, Blicharski T, Pavelka K: Pharmaceutical-grade Chondroitin sulfate is as effective as celecoxib and superior to placebo in symptomatic knee osteoarthritis: the ChONdroitin versus CElecoxib versus Placebo Trial (CONCEPT). Ann Rheum Dis. 2017;76(9):1537-1543. doi: 10.1136/annrheumdis-2016-210860.
  12. Honvo G, Bruyère O, Geerinck A et al.: Efficacy of Chondroitin Sulfate in Patients with Knee Osteoarthritis: A Comprehensive Meta-Analysis Exploring Inconsistencies in Randomized, Placebo-Controlled Trials. Adv Ther. 2019;36(5):1085-1099. doi: 10.1007/s12325-019-00921-w.
  13. Henrotin Y, Mathy M, Sanchez C, Lambert C: Chondroitin sulfate in the treatment of osteoarthritis: from in vitro studies to clinical recommendations. Ther Adv Musculoskelet Dis. 2010;2(6):335-348. doi: 10.1177/1759720X10383076.
  14. Knudsen JF, Sokol GH: Potential glucosamine-warfarin interaction resulting in increased international normalized ratio: case report and review of the literature and MedWatch database. Pharmacotherapy. 2008;28(4):540-548. doi: 10.1592/phco.28.4.540.
  15. Volpi N, Mantovani V, Galeotti F et al.: Oral Bioavailability and Pharmacokinetics of Nonanimal Chondroitin Sulfate and Its Constituents in Healthy Male Volunteers. Clin Pharmacol Drug Dev. 2019;8(3):336-345. doi: 10.1002/cpdd.587.

Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle

  1. S3-Leitlinie: Prävention und Therapie der Gonarthrose. (AWMF-Registernummer 187-050) [Mai 2025]. Langfassung [LL1]
  2. Bruyère O, Honvo G, Veronese N et al.: An updated algorithm recommendation for the management of knee osteoarthritis from the European Society for Clinical and Economic Aspects of Osteoporosis, Osteoarthritis and Musculoskeletal Diseases (ESCEO). Semin Arthritis Rheum. 2019;49(3):337-350. doi: 10.1016/j.semarthrit.2019.04.008 [LL2]
  3. Kolasinski SL, Neogi T, Hochberg MC et al.: 2019 American College of Rheumatology/Arthritis Foundation Guideline for the Management of Osteoarthritis of the Hand, Hip, and Knee. Arthritis Rheumatol. 2020;72(2):220-233. doi: 10.1002/art.41142 [LL3]
  4. Bannuru RR, Osani MC, Vaysbrot EE et al.: OARSI guidelines for the non-surgical management of knee, hip, and polyarticular osteoarthritis. Osteoarthritis Cartilage. 2019;27(11):1578-1589. doi: 10.1016/j.joca.2019.06.011 [LL4]