Ringelröteln (Erythema infectiosum) – Prävention
Zur Prävention des Erythema infectiosum (Ringelröteln) muss auf eine Reduktion individueller Expositionsrisiken geachtet werden.
Das Erythema infectiosum wird durch das humane Parvovirus B19 (Virus B19) verursacht. Eine spezifische Impfung oder eine wirksame Postexpositionsprophylaxe (Vorbeugung nach Kontakt mit einem Krankheitserreger) steht nicht zur Verfügung. Die Prävention (Vorbeugung) beruht daher auf Expositionsreduktion (Verringerung des Kontakts), Standardhygiene (Grundregeln zur Vermeidung von Infektionen), respiratorischer Hygiene (Hygiene beim Husten und Niesen), Flächenhygiene (Reinigung häufig berührter Oberflächen) und gezielter Beratung von Risikogruppen, insbesondere Schwangeren, Patienten mit hämolytischen Anämien (Blutarmut durch vermehrten Abbau roter Blutkörperchen) und immunsupprimierten Patienten (Patienten mit geschwächtem Abwehrsystem) [1-4, LL1-LL3].
Verhaltensbedingte Risikofaktoren
- Kontakt- und Expositionsfaktoren
- Enger Kontakt zu Kindern im Haushalt, in Kindertagesstätten, Schulen oder Gemeinschaftseinrichtungen.
- Beruflicher Kontakt zu Kindern, insbesondere in Kindertagesstätten, Schulen, pädiatrischen Einrichtungen (Einrichtungen für Kinderheilkunde) und geburtshilflich-pränatalmedizinischen Bereichen (Bereichen der Geburtshilfe und vorgeburtlichen Medizin).
- Familiärer Kontakt zu Kindern oder Erwachsenen mit fieberhafter respiratorischer Symptomatik (Beschwerden der Atemwege), unklarem Exanthem (Hautausschlag) oder bestätigter Parvovirus-B19-Infektion.
- Kontakt zu respiratorischen Sekreten (Absonderungen aus den Atemwegen) oder kontaminierten Händen, Taschentüchern, Spielzeug und häufig berührten Oberflächen.
- Gemeinsame Nutzung von Trinkgefäßen, Besteck, Speisen, Zahnbürsten oder Schnullern mit potenziell infektiösen Personen.
- Medizinische Risikokonstellationen
- Schwangerschaft bei fehlender Immunität (Abwehrschutz), insbesondere bei relevanter Exposition in der ersten Schwangerschaftshälfte.
- Hämolytische Anämien, z. B. Sichelzellanämie (erblich bedingte Blutarmut mit sichelförmigen roten Blutkörperchen), Thalassämie (erblich bedingte Störung der Bildung des roten Blutfarbstoffs) oder hereditäre Sphärozytose (erblich bedingte Kugelzellanämie), wegen des Risikos einer aplastischen Krise (akuter Ausfall der Blutbildung).
- Immunsuppression (Unterdrückung des Abwehrsystems), z. B. nach Organtransplantation (Übertragung eines Organs), bei hämatologischen Neoplasien (Blutkrebserkrankungen) oder unter relevanter immunsuppressiver Therapie (Behandlung zur Unterdrückung des Abwehrsystems), wegen des Risikos persistierender Infektion (anhaltende Infektion) und chronischer Anämie (dauerhafter Blutarmut).
- Exposition gegenüber Blut oder Blutprodukten; transfusionsassoziierte Infektionen (durch Blutübertragung verursachte Infektionen) sind selten, aber biologisch möglich.
Präventionsfaktoren
Zur Prävention des Erythema infectiosum muss auf eine Reduktion individueller Risikofaktoren geachtet werden.
- Händehygiene
- Regelmäßiges Händewaschen mit Wasser und Seife, insbesondere nach Kontakt mit Kindern, respiratorischen Sekreten, Taschentüchern, Spielzeug oder häufig berührten Flächen.
- Händedesinfektion im medizinischen Umfeld nach den jeweiligen Standardhygienevorgaben.
- Respiratorische Hygiene
- Husten und Niesen in die Ellenbeuge oder in ein Einmaltaschentuch.
- Entsorgung benutzter Taschentücher und anschließende Händehygiene.
- Maskentragen bei engem Kontakt in Ausbruchssituationen oder bei unvermeidbarem Kontakt zu symptomatischen Personen, insbesondere zum Schutz Schwangerer, immunsupprimierter Patienten und Patienten mit hämolytischen Anämien.
- Kontaktreduktion
- Vermeidung engen körperlichen Kontakts zu Personen mit akuter fieberhafter respiratorischer Symptomatik oder bekanntem Parvovirus-B19-Ausbruch, soweit praktisch möglich.
- Kein Teilen von Trinkgefäßen, Besteck, Speisen, Zahnbürsten oder Schnullern.
- Reinigung häufig berührter Oberflächen und Gegenstände, insbesondere in Haushalten, Kindertagesstätten, Schulen und medizinischen Einrichtungen.
- Schwangere
- Bei relevanter Exposition oder Symptomen serologische Abklärung (Blutuntersuchung auf Antikörper) mit Parvovirus-B19-IgG und Parvovirus-B19-IgM.
- Bei unklarer serologischer Konstellation, Verdacht auf frische Infektion, Immunsuppression oder fetalen Auffälligkeiten (Auffälligkeiten beim ungeborenen Kind) gegebenenfalls Nukleinsäurenachweis mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR).
- Keine generelle Bestimmung des Parvovirus-B19-Immunstatus in jeder Schwangerschaft; gezielte Testung bei Exposition, Symptomen, beruflichem Risiko oder fetalen Auffälligkeiten.
- Bei fehlender Immunität nach relevanter Exposition erneute serologische Kontrolle nach 2-3 Wochen.
- Bei gesicherter mütterlicher Primärinfektion (Erstinfektion) Überweisung beziehungsweise Mitbetreuung durch Pränataldiagnostik (vorgeburtliche Diagnostik).
- Berufliche Prävention
- Aufklärung schwangerer Mitarbeiter in Kindertagesstätten, Schulen, Pädiatrie (Kinderheilkunde), Geburtshilfe und medizinischer Versorgung über Übertragungswege, fehlende Impfung und begrenzte Vermeidbarkeit der Exposition.
- Arbeitsmedizinische Beratung bei Schwangerschaft und relevantem beruflichem Kontakt zu Kindern, immunsupprimierten Patienten oder Patienten mit hämolytischen Anämien.
- Bei asymptomatischem medizinischem Personal nach Exposition keine routinemäßige Arbeitsfreistellung; Source Control bis einschließlich Tag 14 nach letzter Exposition.
- Bei medizinischem Personal mit Prodromalsymptomen (Vorläuferbeschwerden) Ausschluss von der Arbeit bis mindestens 5 Tage nach Symptombeginn, Fieberfreiheit für mindestens 24 Stunden ohne Antipyretika und klinischer Besserung.
- Impfung und Postexpositionsprophylaxe
- Keine zugelassene Impfung gegen humanes Parvovirus B19 verfügbar.
- Keine empfohlene medikamentöse Postexpositionsprophylaxe verfügbar.
- Intravenöse Immunglobuline (über die Vene verabreichte Abwehrstoffe) sind nicht zur Postexpositionsprophylaxe indiziert; sie können bei persistierender Parvovirus-B19-Infektion immunsupprimierter Patienten therapeutisch relevant sein.
Sekundärprävention
Die Sekundärprävention (Früherkennung und Frühbehandlung) richtet sich an Patienten mit ersten Symptomen oder relevanter Exposition gegenüber Parvovirus B19, um Komplikationen frühzeitig zu erkennen und gezielt zu behandeln.
- Früherkennung und Diagnostik
- Klinische Einordnung bei typischem Wangenerythem (Rötung der Wangen), girlandenförmigem Exanthem, Fieber, Myalgien (Muskelschmerzen) oder Arthralgien (Gelenkschmerzen).
- Beachtung, dass Patienten beim Auftreten des klassischen Exanthems häufig nicht mehr wesentlich ansteckend sind; die höchste Infektiosität (Ansteckungsfähigkeit) liegt typischerweise vor dem Exanthem während der Prodromalphase (Vorläuferphase).
- Gezielte Diagnostik bei Schwangerschaft, Immunsuppression, hämolytischer Anämie, aplastischer Krise, schwerem Verlauf oder unklarer Exposition.
- Laborparameter
- Parvovirus-B19-IgM und Parvovirus-B19-IgG zur Abklärung akuter, zurückliegender oder fehlender Immunität.
- Parvovirus-B19-DNA mittels Polymerase-Kettenreaktion (PCR) bei unklarer Serologie, Immunsuppression, fetaler Abklärung, aplastischer Krise oder Verdacht auf persistierende Infektion.
- Kleines Blutbild mit Retikulozyten bei Verdacht auf Anämie oder aplastische Krise.
- Hämolyseparameter bei Patienten mit vorbestehender hämolytischer Erkrankung, z. B. Bilirubin, Lactatdehydrogenase (LDH), Haptoglobin und Retikulozyten.
- Schwangerschaft
- Bei Symptomen, relevanter Exposition oder fetalem Verdacht auf Anämie beziehungsweise Hydrops fetalis (Wassersucht des ungeborenen Kindes) serologische Diagnostik mit Parvovirus-B19-IgG und Parvovirus-B19-IgM.
- Bei bestätigter mütterlicher Primärinfektion regelmäßige sonographische Überwachung (Ultraschallüberwachung) auf fetale Anämie und Hydrops fetalis.
- Dopplersonographie (Ultraschalluntersuchung der Blutströmung) der Arteria cerebri media (mittlere Hirnarterie) zur nichtinvasiven Abschätzung einer fetalen Anämie.
- Fetale Komplikationen treten überwiegend innerhalb der ersten 8 Wochen nach mütterlicher Infektion auf; die Überwachung muss diesen Zeitraum abdecken.
- Bildgebung
- Sonographie (Ultraschalluntersuchung) in der Schwangerschaft zur Beurteilung von Hydropszeichen, Aszites (Bauchwasser), Pleuraerguss (Flüssigkeit im Brustfellraum), Perikarderguss (Flüssigkeit im Herzbeutel), Kardiomegalie (Herzvergrößerung), Plazentaveränderungen (Veränderungen des Mutterkuchens) und fetalem Wachstum.
- Dopplersonographie der Arteria cerebri media bei Verdacht auf fetale Anämie.
- Infektionsschutz bei Verdacht auf infektiöse Phase
- Vorübergehende Kontaktreduktion zu Schwangeren, immunsupprimierten Patienten und Patienten mit hämolytischen Anämien bei akuter fieberhafter respiratorischer Symptomatik oder gesicherter infektiöser Phase.
- Konsequente Hände- und respiratorische Hygiene im Haushalt, in Gemeinschaftseinrichtungen und im medizinischen Umfeld.
- Therapieansätze
- Symptomatische Therapie (Behandlung der Beschwerden) bei unkompliziertem Verlauf, z. B. Fiebersenkung, Analgesie (Schmerzbehandlung) und ausreichende Flüssigkeitszufuhr.
- Bei aplastischer Krise supportive Therapie (unterstützende Behandlung) einschließlich Transfusionen (Blutübertragungen) nach klinischer Indikation.
- Bei persistierender Infektion unter Immunsuppression gegebenenfalls intravenöse Immunglobuline und Anpassung der Immunsuppression nach fachärztlicher Nutzen-Risiko-Abwägung.
- Bei schwerer fetaler Anämie pränatalmedizinische Abklärung (vorgeburtlich-medizinische Abklärung) und gegebenenfalls intrauterine Transfusion (Blutübertragung in der Gebärmutter).
Tertiärprävention
Die Tertiärprävention (Vermeidung von Folgeschäden) zielt darauf ab, mögliche Komplikationen des Erythema infectiosum bei Risikogruppen langfristig zu minimieren.
- Langzeittherapie
- Bei immunkompetenten Patienten (Patienten mit normal funktionierendem Abwehrsystem) in der Regel keine Langzeittherapie erforderlich.
- Bei persistierender Parvovirus-B19-Infektion unter Immunsuppression Verlaufskontrolle von Hämoglobin, Retikulozyten und Parvovirus-B19-DNA.
- Bei chronischer Anämie individuelle Therapieplanung, einschließlich intravenöser Immunglobuline und Anpassung immunsuppressiver Therapie, wenn klinisch vertretbar.
- Rehabilitation und Nachsorge
- Nach aplastischer Krise Kontrolle der hämatologischen Erholung (Erholung der Blutbildung), insbesondere bei Sichelzellanämie, Thalassämie, hereditärer Sphärozytose oder anderer chronischer hämolytischer Anämie.
- Nach fetaler Anämie oder intrauteriner Transfusion strukturierte geburtshilfliche und neonatologische Nachsorge (Nachsorge für Neugeborene).
- Bei persistierenden Arthralgien symptomorientierte rheumatologische oder hausärztliche Verlaufskontrolle.
- Komplikationsprävention bei Risikogruppen
- Patienten mit chronischen hämolytischen Anämien sollten über das Risiko einer aplastischen Krise informiert werden.
- Immunsupprimierte Patienten sollten bei ungeklärter normozytärer Anämie (Blutarmut mit normal großen roten Blutkörperchen), Retikulozytopenie oder persistierender Virämie gezielt auf Parvovirus B19 abgeklärt werden.
- Schwangere nach gesicherter Infektion benötigen eine strukturierte pränataldiagnostische Überwachung, bis das relevante Risikozeitfenster für fetale Anämie und Hydrops fetalis überschritten ist.
Literatur
- Kagan KO, Hoopmann M, Geipel A, Sonek J, Enders M. Prenatal parvovirus B19 infection. Arch Gynecol Obstet. 2024;310(5):2363-2371. https://doi.org/10.1007/s00404-024-07644-6
- Dittmer FP, Guimarães CM, Peixoto AB, Pontes KFM, Bonasoni MP, Tonni G, Araujo Júnior E. Parvovirus B19 Infection and Pregnancy: Review of the Current Knowledge. J Pers Med. 2024;14(2):139. https://doi.org/10.3390/jpm14020139
- Xiong Y, Tan J, Liu Y et al.: The risk of maternal parvovirus B19 infection during pregnancy on fetal loss and fetal hydrops: a systematic review and meta-analysis. J Clin Virol. 2019;114:12-20. https://doi.org/10.1016/j.jcv.2019.03.004
- Beck R, Enders M, Modrow S. Parvovirus B19-Infektion und Schwangerschaft. Epidemiologisches Bulletin. 2024;24:3-9. https://edoc.rki.de/handle/176904/11724
Leitlinien
- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF). S2k-Leitlinie Labordiagnostik schwangerschaftsrelevanter Virusinfektionen. AWMF-Registernummer 093-001, Version 2.0. https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/093-001
- Centers for Disease Control and Prevention (CDC). Infection Control in Healthcare Personnel: Epidemiology and Control of Selected Infections Transmitted Among Healthcare Personnel and Patients – Parvovirus B19. Updated 2025. https://www.cdc.gov/infection-control/hcp/healthcare-personnel-epidemiology-control/parvovirus.html
- Society for Maternal-Fetal Medicine (SMFM). Human Parvovirus B19 in Pregnancy. 2024. https://www.smfm.org/parvovirus-b19