Zerebrale Atherosklerose – Körperliche Untersuchung
Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:
Bei asymptomatischer zerebraler Atherosklerose (Arterienverkalkung der Hirngefäße) kann die körperliche Untersuchung unauffällig sein. Pathologische Befunde weisen insbesondere auf eine zerebrale oder retinale Ischämie (Durchblutungsstörung des Gehirns oder der Netzhaut) sowie eine begleitende extrakranielle oder systemische Atherosklerose hin. Der Nachweis und die Quantifizierung vaskulärer Stenosen (Gefäßverengungen) erfordern eine bildgebende Diagnostik.
- Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruckmessung an beiden Armen, Puls, Körpergewicht und Körpergröße; des Weiteren:
- Auskultation (Abhören) des Herzens sowie Beurteilung von Herzfrequenz und Herzrhythmus
- Inspektion (Betrachtung) und Palpation (Abtasten) der Extremitäten einschließlich Prüfung der peripheren Pulse und auf Seitendifferenzen
- Gefäßstatus –
- Auskultation beider Arteriae carotides (Halsschlagadern) und der supraklavikulären Gefäßregionen (Gefäßregionen oberhalb der Schlüsselbeine) [systolisches Strömungsgeräusch (während der Auswurfphase des Herzens hörbares Gefäßgeräusch) über einer Arteria carotis]
- Beachte: Ein fehlendes Strömungsgeräusch schließt eine relevante Karotisstenose (Verengung der Halsschlagader) nicht aus; aus der Lautstärke des Strömungsgeräusches lässt sich der Stenosegrad nicht zuverlässig ableiten.
- Neurologische Untersuchung – vollständiger neurologischer Status mit besonderer Beurteilung von:
- Bewusstseinslage, Orientierung und Aufmerksamkeit [Bewusstseinsminderung, Aufmerksamkeitsstörung]
- Sprache und Sprechen [Aphasie (Sprachstörung), Dysarthrie (Sprechstörung)]
- Hirnnerven einschließlich Pupillenreaktion, Augenmotilität, Gesichtsmotorik, Schluckakt und Zungenmotorik [Blickdeviation (Abweichung der Blickrichtung), Doppelbilder, zentral bedingte Fazialisparese (Gesichtslähmung), Dysphagie (Schluckstörung), Zungendeviation (Abweichung der Zunge)]
- Gesichtsfeldprüfung [homonyme Hemianopsie (gleichseitiger Gesichtsfeldausfall beider Augen) oder Quadrantenanopsie (Ausfall eines Gesichtsfeldviertels)]
- Motorik einschließlich Kraftprüfung, Halteversuchen und Muskeltonus [Mono-, Hemi- oder Tetraparese (Lähmung einer Extremität, einer Körperhälfte oder aller vier Extremitäten), Absinken oder Pronation (Einwärtsdrehung) einer Extremität, spastische Tonuserhöhung (krankhaft erhöhte Muskelspannung)]
- Muskeleigenreflexe (durch Muskeldehnung ausgelöste Reflexe) und Pyramidenbahnzeichen (Zeichen einer Schädigung der motorischen Nervenbahnen) [seitendifferent gesteigerte Muskeleigenreflexe, positives Babinski-Zeichen (Aufwärtsbewegung der Großzehe bei Bestreichen der Fußsohle)]
- Oberflächen- und Tiefensensibilität (Wahrnehmung oberflächlicher und tiefer Reize) einschließlich kortikaler Sensibilitätsleistungen (im Gehirn verarbeiteter Sinneswahrnehmungen) [Hemihypästhesie (verminderte Empfindlichkeit einer Körperhälfte), Störung der Lage- oder Diskriminationssensibilität (Störung der Wahrnehmung der Körperstellung oder der Unterscheidung von Berührungsreizen)]
- Koordination einschließlich Finger-Nase- und Knie-Hacke-Versuch [Dysmetrie (Fehlbemessung von Bewegungen), Intentionstremor (Zittern bei zielgerichteten Bewegungen), Extremitätenataxie (Koordinationsstörung der Gliedmaßen)]
- Stand und Gang einschließlich Romberg-Versuch und Prüfung des Tandemgangs [Stand- oder Gangataxie (Koordinationsstörung beim Stehen oder Gehen), Fallneigung]
- Höhere kortikale Funktionen (höhere Leistungen der Großhirnrinde) [Neglect (Nichtbeachtung einer Körper- oder Raumhälfte), Apraxie (Störung erlernter Handlungsabläufe), Agnosie (Störung des Erkennens trotz intakter Sinneswahrnehmung)]
- Neuropsychologische Kurzuntersuchung – Prüfung von Aufmerksamkeit, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Gedächtnis und Exekutivfunktionen (Fähigkeiten zur Planung und Steuerung von Handlungen) [kognitive Verlangsamung (Verlangsamung geistiger Vorgänge), Aufmerksamkeits- oder Exekutivfunktionsstörung]
- Ophthalmologische Untersuchung – orientierende Prüfung der Sehschärfe mit vorhandener Korrektur, der Pupillenreaktionen und der Gesichtsfelder sowie Funduskopie [retinale Cholesterinembolien (Cholesterinablagerungen in den Netzhautgefäßen), sogenannte Hollenhorst-Plaques; retinaler Arterienverschluss (Verschluss einer Netzhautarterie); relatives afferentes Pupillendefizit (abgeschwächte Pupillenreaktion bei Beleuchtung des betroffenen Auges)]
- Gesundheitscheck
Red Flags (Warnzeichen) bei zerebraler Atherosklerose
- Plötzlich aufgetretene fokale neurologische Ausfälle (auf einen bestimmten Bereich des Nervensystems begrenzte Funktionsstörungen), auch bei vollständiger Rückbildung innerhalb kurzer Zeit
- Akute einseitige Schwäche oder Sensibilitätsstörung (Empfindungsstörung) von Gesicht, Arm oder Bein
- Akute Sprach- oder Sprechstörung
- Plötzlicher einseitiger Sehverlust oder neu aufgetretener Gesichtsfeldausfall
- Akute Doppelbilder, Dysphagie, Dysarthrie, schwere Stand- oder Gangataxie oder andere Hirnstammzeichen (Anzeichen einer Funktionsstörung des Hirnstamms)
- Fluktuierende, rezidivierende oder progrediente neurologische Defizite (schwankende, wiederkehrende oder fortschreitende Ausfälle des Nervensystems)
- Akute Bewusstseinsminderung in Verbindung mit fokal-neurologischen Befunden
Bei einem Red-Flag-Befund ist unverzüglich eine notfallmäßige Schlaganfalldiagnostik mit Zuweisung in eine spezialisierte Schlaganfalleinheit erforderlich.
In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.