Zerebrale Atherosklerose – Folgeerkrankungen
Im Folgenden die wichtigsten Erkrankungen bzw. Komplikationen, die durch eine zerebrale Atherosklerose (Arterienverkalkung der Hirngefäße) mitbedingt sein können:
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Ischämischer Schlaganfall (Hirninfarkt) – zentrale klinische Komplikation (Folgeerkrankung) der symptomatischen intrakraniellen (innerhalb des Schädels gelegenen)/zerebralen Atherosklerose; möglich durch lokale Thrombose (Blutgerinnselbildung), arterioarterielle Embolie (Gefäßverschluss durch verschlepptes Blutgerinnsel), hämodynamisch relevante Stenose (bedeutsame Gefäßverengung) oder Verschluss perforierender Arterien (durchbohrender Schlagadern) [1, LL1, LL2]
- Rezidivierender ischämischer Schlaganfall – insbesondere bei symptomatischer hochgradiger intrakranieller atherosklerotischer Stenose prognostisch relevant [1, LL1-LL3]
- Lakunärer Infarkt/perforatorischer Infarkt – möglich bei atherosklerotischer Plaqueausdehnung (Ausbreitung von Gefäßablagerungen) in den Abgangsbereich perforierender Arterien, insbesondere im Stromgebiet der Arteria cerebri media (mittlere Hirnschlagader), Arteria basilaris (Hirnbasisschlagader) oder intrakraniellen Vertebralarterien (Wirbelschlagadern) [1, LL1]
- Territorialinfarkt (Hirninfarkt in einem Gefäßversorgungsgebiet) – bei Stenose oder Verschluss großer intrakranieller Arterien, insbesondere Arteria carotis interna (innere Halsschlagader), Arteria cerebri media, Arteria vertebralis (Wirbelschlagader) oder Arteria basilaris [1, LL1]
- Stummer zerebraler Infarkt – als bildmorphologisch nachweisbare ischämische Hirnläsion (durch Minderdurchblutung entstandene Hirnschädigung) ohne akut erinnerliches Schlaganfallereignis; insbesondere bei asymptomatischer (ohne Beschwerden verlaufender) oder oligosymptomatischer (mit wenigen Beschwerden verlaufender) intrakranieller atherosklerotischer Erkrankung relevant [1, 2]
- Folgezustand nach Hirninfarkt – mit persistierenden motorischen (die Bewegung betreffenden), sensiblen (die Empfindung betreffenden), sprachlichen, visuellen (das Sehen betreffenden), koordinativen oder neuropsychologischen Defiziten (Einschränkungen der geistigen Leistungsfunktionen) nach atherosklerotisch bedingtem ischämischem Schlaganfall [LL2, LL3]
Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)
- Transitorische ischämische Attacke (TIA) (vorübergehende Durchblutungsstörung des Gehirns) – häufige klinische Manifestation (Krankheitserscheinung) der symptomatischen zerebralen/intrakraniellen Atherosklerose; der Begriff PRIND wird nicht mehr als eigenständige moderne Diagnosekategorie (Krankheitseinteilung) geführt [1, LL1-LL3]
- Vaskuläre kognitive Störung (gefäßbedingte Störung der geistigen Leistungsfähigkeit) – bei intrakranieller atherosklerotischer Erkrankung durch klinische oder stumme Hirninfarkte, strategische Infarkte, rezidivierende Ischämien (wiederkehrende Minderdurchblutungen) und/oder chronische zerebrovaskuläre Schädigung (langfristige Schädigung der Hirngefäße) begünstigt [1-3]
- Vaskuläre Demenz (gefäßbedingte Demenz) – als Folge relevanter zerebrovaskulärer Hirnschädigung bei intrakranieller atherosklerotischer Erkrankung möglich; insbesondere bei multiplen Infarkten (mehreren Hirninfarkten), strategischen Infarkten oder zusätzlicher zerebraler Kleingefäßerkrankung (Erkrankung der kleinen Hirngefäße) [2, 3]
Weiteres
- Extrakranielle Folgeerkrankungen (außerhalb des Schädels gelegene Folgeerkrankungen) der systemischen Atherosklerose (Arterienverkalkung im gesamten Körper) – z. B. koronare Herzkrankheit (Erkrankung der Herzkranzgefäße), periphere arterielle Verschlusskrankheit (Durchblutungsstörung der Arme oder Beine), Aortenaneurysma (Aussackung der Hauptschlagader) oder extrakranielle Karotisstenose (Verengung der Halsschlagader außerhalb des Schädels) – sind keine spezifischen Folgeerkrankungen der zerebralen/intrakraniellen Atherosklerose und werden unter Atherosklerose gesondert dargestellt.
- Okuläre ischämische Ereignisse (durch Minderdurchblutung bedingte Ereignisse am Auge) – z. B. Amaurosis fugax (vorübergehende Erblindung eines Auges) oder retinaler Arterienverschluss (Verschluss einer Netzhautschlagader) – sind bei Atherosklerose grundsätzlich relevant, werden aber nicht als typische direkte Folgeerkrankungen der zerebralen/intrakraniellen Atherosklerose geführt, sondern primär bei Karotis-, Ophthalmikus- oder retinaler Gefäßbeteiligung (Beteiligung der Halsschlagader, Augenschlagader oder Netzhautgefäße) eingeordnet.
- Post-Stroke-Depression (Depression nach Schlaganfall) und Post-Stroke-Epilepsie (Epilepsie nach Schlaganfall) – sind mögliche Folgen eines Schlaganfalls, aber nicht spezifisch genug für die zerebrale/intrakranielle Atherosklerose; sie werden daher in dieser Schablone nicht als eigenständige Folgeerkrankungen der zerebralen Atherosklerose geführt.
Prognosefaktoren
- Stenosegrad und Symptomstatus
- Hochgradige symptomatische intrakranielle Stenosen haben ein höheres Risiko für Rezidivereignisse (Wiederholungsereignisse) als asymptomatische oder niedriggradige Stenosen [1, LL1]
- Lokalisation der Stenose
- Stenosen der Arteria cerebri media, intrakraniellen Arteria carotis interna, Arteria basilaris und intrakraniellen Vertebralarterien sind klinisch besonders relevant [1, LL1]
- Rezidivierende transitorische ischämische Attacke oder rezidivierender ischämischer Schlaganfall
- Rezidivereignisse trotz leitliniengerechter Sekundärprävention (Vorbeugung weiterer Krankheitsereignisse) weisen auf ein hohes vaskuläres Risiko (Gefäßrisiko) hin [1, LL1-LL3]
- Unzureichende Kontrolle vaskulärer Risikofaktoren
- Arterielle Hypertonie (Bluthochdruck), Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung), Nikotinkonsum, körperliche Inaktivität und Adipositas (Fettleibigkeit) erhöhen das Risiko für Progression (Fortschreiten) und vaskuläre Rezidivereignisse [1, LL2, LL3]
- Bildgebende Hochrisikomerkmale
- Progression der Stenose, multiple Infarkte, frische diffusionsgewichtete Läsionen in der Magnetresonanztomographie (MRT), eingeschränkte Kollateralversorgung (Umgehungskreislaufversorgung) oder hämodynamisch relevante Minderperfusion (bedeutsame Minderdurchblutung) sprechen für ein erhöhtes Risiko [1, LL1]
- Kognitive Beeinträchtigung
- Eine vaskuläre kognitive Störung oder Demenz weist auf eine relevante zerebrovaskuläre Gesamtschädigung hin und ist prognostisch ungünstig [2, 3]
Literatur
- Gutierrez J, Turan TN, Hoh BL, Chimowitz MI. Intracranial atherosclerotic stenosis: risk factors, diagnosis, and treatment. Lancet Neurol. 2022;21(4):355-368. https://doi.org/10.1016/S1474-4422(21)00376-8
- Sabayan B, Goudarzi K, Westendorp RGJ, Sattar N, Jukema JW, de Craen AJM et al.: Intracranial Atherosclerosis Disease Associated With Cognitive Impairment and Dementia: Systematic Review and Meta-Analysis. J Am Heart Assoc. 2023;12(23):e032506. https://doi.org/10.1161/JAHA.123.032506
- Zhao D, Gottesman RF, Sharrett AR, Windham BG, Knopman DS, Mosley TH et al.: Intracranial Atherosclerotic Disease and Incident Dementia: The ARIC Study (Atherosclerosis Risk in Communities). Circulation. 2024;150(11):838-847. https://doi.org/10.1161/CIRCULATIONAHA.123.067003
Leitlinien
- Psychogios M, Brehm A, López-Cancio E, Marco De Marchis G, Meseguer E, Katsanos AH et al.: European Stroke Organisation guidelines on treatment of patients with intracranial atherosclerotic disease. Eur Stroke J. 2022;7(3):III-LIV. https://doi.org/10.1177/23969873221099715
- Kleindorfer DO, Towfighi A, Chaturvedi S, Cockroft KM, Gutierrez J, Lombardi-Hill D et al.: 2021 Guideline for the Prevention of Stroke in Patients With Stroke and Transient Ischemic Attack: A Guideline From the American Heart Association/American Stroke Association. Stroke. 2021;52(7):e364-e467. https://doi.org/10.1161/STR.0000000000000375
- S2k-Leitlinie: Sekundärprophylaxe ischämischer Schlaganfall und transitorische ischämische Attacke – Teil 2: Lebensstil, arterielle Stenosen, andere Ursachen und Management besonderer Situationen. (AWMF-Registernummer 030-143) Februar 2022 Langfassung