Schock – Medikamentöse Therapie
Therapieziele
- Wiederherstellung einer ausreichenden Organperfusion (Organdurchblutung) und Sauerstoffversorgung.
- Unverzügliche Behandlung der Schockursache.
- Vermeidung von Organschäden durch Hypoperfusion (Minderdurchblutung), übermäßige Flüssigkeitszufuhr und unerwünschte Arzneimittelwirkungen.
Die Therapie richtet sich nach Schockform, Kreislaufzustand und Therapieansprechen. Hämorrhagischer (durch Blutverlust verursachter), septischer (durch eine schwere Infektionsreaktion verursachter), kardiogener (durch eine unzureichende Herzleistung verursachter) und anaphylaktischer (durch eine schwere allergische Reaktion verursachter) Schock erfordern unterschiedliche Strategien. Mischformen sind möglich. Die folgenden Dosierungen gelten für Erwachsene; die Behandlung erfolgt unter kontinuierlicher Überwachung.
Therapieempfehlungen
Allgemeine Maßnahmen
- Ursache unmittelbar erkennen und behandeln: Blutungskontrolle, Infektionsherdsanierung (Beseitigung der Infektionsquelle), Wiederherstellung der Koronarperfusion (Durchblutung der Herzkranzgefäße) bzw. Beendigung der Allergenexposition (Kontakt mit dem Allergieauslöser) haben Vorrang vor einer ausschließlich symptomatischen Kreislauftherapie [LL1, LL2, LL4, LL5].
- Kreislauftherapie wiederholt überprüfen: Blutdruck, Bewusstseinslage, Hautperfusion, Rekapillarisierungszeit, Diurese (Urinausscheidung) und Lactatverlauf gemeinsam beurteilen. Echokardiographie dient der frühen Einordnung der Schockursache und der Beurteilung der Herzfunktion [LL11].
- Flüssigkeit nach Bedarf geben: Weitere Flüssigkeitsgaben von Volumenansprechen und Flüssigkeitstoleranz abhängig machen. Ein Blutdruckanstieg allein belegt keine ausreichende Organperfusion. Bei zunehmender pulmonaler Stauung (Blut- und Flüssigkeitsstauung in der Lunge) oder fehlendem Volumenansprechen die weitere Flüssigkeitszufuhr begrenzen [LL3, LL11].
- Oxygenierung und Atemweg sichern: Sauerstoffgabe und Beatmung nach klinischem Bedarf; eine notwendige Intubation hämodynamisch vorbereiten. Hypothermie (Unterkühlung) vermeiden [LL1, LL5].
Hämorrhagischer Schock
- Blutung sofort kontrollieren: Je nach Ursache Kompression, Tourniquet, operative, endoskopische oder interventionelle Blutstillung; bei erwarteter Massivtransfusion das lokale Massivblutungsprotokoll aktivieren [LL1, LL9].
- Kristalloide zurückhaltend einsetzen: Bis zur Blutstillung nur die zur Aufrechterhaltung einer ausreichenden Perfusion erforderliche Menge geben. Blutprodukte früh bereitstellen; ein festgelegter prozentualer Blutverlust ist keine ausreichende Grundlage für die Wahl zwischen Kristalloiden und Transfusion [LL1, LL3].
- Permissive Hypotonie (vorübergehend bewusst akzeptierter niedriger Blutdruck) gezielt anwenden: Bei traumatischer Blutung ohne klinischen Hinweis auf Hirnverletzung bis zur Blutstillung systolischen Blutdruck von 80-90 mmHg bzw. mittleren arteriellen Druck (MAP) von 50-60 mmHg anstreben. Bei schwerem Schädel-Hirn-Trauma (Verletzung von Schädel und Gehirn) empfiehlt die europäische Traumaleitlinie einen MAP von mindestens 80 mmHg; die niedrigen Blutdruckziele sind hier nicht anzuwenden [LL1].
- Transfusion nach Blutungsdynamik steuern: Bei aktiver lebensbedrohlicher Blutung sind Kreislaufzustand, Blutverlust und erwarteter weiterer Transfusionsbedarf maßgeblich. Nicht auf einen Hämoglobinabfall oder das Erreichen eines Schwellenwertes warten. Nach Blutstillung und Stabilisierung ist eine restriktive Transfusionsstrategie unter Berücksichtigung von Ischämie (unzureichender Blutversorgung) und Begleiterkrankungen angemessen [LL1, LL9].
- Gerinnung früh behandeln: Initial protokollgestützte, anschließend labor- bzw. viskoelastisch gesteuerte Gabe von Plasma, Thrombozyten und Gerinnungsfaktoren. Bei plasmabasierter Behandlung empfiehlt die europäische Traumaleitlinie mindestens ein Verhältnis Plasma:Erythrozytenkonzentrate von 1:2. Ein ausgewogenes Massivtransfusionsprotokoll berücksichtigt zusätzlich Thrombozyten; die Reihenfolge der Verhältnisangaben muss ausdrücklich angegeben werden [1, LL1].
- Tranexamsäure ursachenspezifisch einsetzen: Bei traumatischer erheblicher Blutung so früh wie möglich und innerhalb von drei Stunden nach Verletzung verabreichen. Eine pauschale Gabe bei jeder Massenblutung ist nicht gerechtfertigt; bei akuter gastrointestinaler Blutung (Blutung im Magen-Darm-Trakt) ist eine routinemäßige Anwendung nicht empfohlen [4, LL1].
- Begleitstörungen korrigieren: Ionisiertes Calcium kontrollieren und im Normbereich halten; Hypothermie vermeiden. Fibrinogen und Thrombozyten nach Blutungssituation und Gerinnungsbefunden substituieren [LL1, LL9].
- Noradrenalin nur ergänzend einsetzen: Bei lebensbedrohlicher Hypotonie trotz laufender adäquater Volumen- und Blutproduktgabe vorübergehend zur Sicherung des Perfusionsdrucks. Vasopressoren ersetzen weder Blutstillung noch Blutprodukte [LL1].
Septischer Schock
- Antiinfektive Therapie unverzüglich beginnen: Intravenöse Antiinfektiva idealerweise innerhalb einer Stunde nach Erkennen des septischen Schocks. Blutkulturen vor Therapiebeginn abnehmen, sofern dies keine relevante Verzögerung verursacht. Auswahl nach Infektionsherd, Resistenzrisiko und lokalen Empfehlungen; anschließend gezielte Anpassung. Eine notwendige Infektionsherdsanierung früh durchführen [LL2].
- Balancierte Kristalloide bevorzugen: Die deutsche S3-Leitlinie nennt 30 ml/kg Körpergewicht innerhalb der ersten drei Stunden als Richtwert bei sepsisinduzierter Hypoperfusion bzw. septischem Schock. Die europäische Volumenleitlinie empfiehlt initial bis zu 30 ml/kg unter wiederholter klinischer Beurteilung. Dies ist keine verpflichtende Einmalgabe und kein Ziel, das bei fehlender Flüssigkeitstoleranz erreicht werden muss [LL2, LL3].
- Weitere Flüssigkeitszufuhr individualisieren: Wiederholte kleinere Boli nur bei erwartetem Nutzen. Nach initialer Flüssigkeitsgabe zeigte eine vasopressorbetonte restriktive Strategie gegenüber einer liberalen Strategie keinen signifikanten Mortalitätsunterschied; daraus ergibt sich kein allgemeines Optimum von 15-45 ml/kg [2].
- Noradrenalin früh einsetzen: Vasopressor der ersten Wahl. Bei ausgeprägter oder persistierender Hypotonie parallel zur initialen Flüssigkeitstherapie beginnen; nicht auf eine „ausgeschöpfte“ Volumentherapie warten. Initial einen MAP von etwa 65 mmHg anstreben und anschließend nach Organperfusion individualisieren [LL2, LL10].
- Vasopressoren bei Bedarf ergänzen: Bei unzureichendem MAP unter Noradrenalin Vasopressin ergänzen; bei weiterhin unzureichendem Druck kann Adrenalin hinzukommen. Vasopressinanaloga sind nicht pauschal gleichwertig; Terlipressin wird für die routinemäßige Behandlung des septischen Schocks nicht empfohlen [LL8, LL10].
- Kardiale Dysfunktion (Funktionsstörung des Herzens) gezielt behandeln: Bei persistierender Hypoperfusion trotz ausreichender Vorlast und ausreichendem Blutdruck kann Dobutamin zusätzlich zu Noradrenalin eingesetzt werden [LL10].
- Kortikosteroide bei anhaltendem Vasopressorbedarf erwägen: Hydrocortison mit oder ohne Fludrocortison. Die deutsche S3-Leitlinie beschreibt anhaltenden Bedarf als Noradrenalin mindestens 0,25 µg/kg/min über mindestens vier Stunden trotz ausreichender Volumengabe [LL2].
Kardiogener Schock
- Ursache unverzüglich behandeln: Bei akutem Koronarsyndrom (akuter Durchblutungsstörung des Herzens) dringliche Koronarangiographie und Revaskularisation. Mechanische Infarktkomplikationen (strukturelle Schäden nach einem Herzinfarkt) und relevante Rhythmusstörungen (Störungen des Herzrhythmus) erfordern eine spezifische Behandlung [LL4].
- Volumen nur bei begründetem Bedarf geben: Bei linksventrikulärem Pumpversagen (Pumpversagen der linken Herzkammer) ist Flüssigkeitszufuhr keine primäre Schocktherapie. Bei Verdacht auf unzureichende Vorlast und fehlende Stauung kann ein kleiner, eng überwacht verabreichter Flüssigkeitsbolus sinnvoll sein. Bei pulmonaler Stauung weitere Volumengaben vermeiden [LL3].
- Noradrenalin bei schwerer Hypotonie bevorzugen: Zur Sicherung des Perfusionsdrucks in der niedrigsten wirksamen Dosis und möglichst kurzzeitig. Adrenalin ist keine gleichwertige Standardalternative; im randomisierten Vergleich beim infarktbedingten kardiogenen Schock traten darunter häufiger refraktärer Schock (auf die Behandlung nicht ausreichend ansprechendes Kreislaufversagen) und Lactatazidose (Übersäuerung durch erhöhte Lactatkonzentration) auf [3].
- Inotropie bei anhaltend unzureichender Förderleistung verbessern: Dobutamin bei persistierender Hypoperfusion und vermindertem Herzzeitvolumen; bei Hypotonie gegebenenfalls zusammen mit Noradrenalin. Wirkung anhand von Perfusion und Hämodynamik beurteilen [FI2].
- Bei unzureichender Stabilisierung früh eskalieren: Interdisziplinäres Schockteam und individuelle Prüfung einer mechanischen Kreislaufunterstützung. Eine routinemäßige intraaortale Ballonpumpe beim infarktbedingten Schock ohne mechanische Komplikation ist nicht empfohlen [LL4].
Anaphylaktischer Schock
- Adrenalin sofort intramuskulär verabreichen: In den anterolateralen Oberschenkel; bei Erwachsenen 0,5 mg. Bei fortbestehenden Atemwegs-, Atmungs- oder Kreislaufproblemen nach fünf Minuten wiederholen. Ein verfügbarer Autoinjektor soll ohne Verzögerung eingesetzt werden [LL5, LL7].
- Auslöser stoppen und Kreislauf unterstützen: Allergenexposition beenden, Hilfe alarmieren, situationsgerechte Lagerung und Sauerstoffgabe. Den Patienten nicht aufstehen oder gehen lassen [LL6].
- Kristalloide rasch geben: Bei Hypotonie initial 500-1.000 ml intravenös, anschließend weitere Gaben nach Wirkung und Verträglichkeit. Balancierte Lösungen eignen sich besonders bei wiederholter Volumengabe; Blutprodukte sind ohne begleitende Blutung nicht Bestandteil der Behandlung [LL5, LL6].
- Refraktäre Anaphylaxie (auf die Behandlung nicht ausreichend ansprechende schwere allergische Reaktion) gezielt behandeln: Bei fortbestehenden Atemwegs- oder Kreislaufproblemen trotz zweier angemessener intramuskulärer Adrenalingaben und Flüssigkeitstherapie eine titrierte intravenöse Adrenalininfusion durch erfahrenes Personal beginnen. Intravenöse Adrenalinboli bei vorhandenem Kreislauf sind keine routinemäßige Alternative [LL6].
- Zusatzmedikamente indikationsgerecht verwenden: Inhalatives Salbutamol bei persistierendem Bronchospasmus (Verkrampfung der Bronchialmuskulatur) zusätzlich zu Adrenalin. Nach Kreislaufstabilisierung können H1-Antihistaminika persistierende Hautsymptome behandeln. Antihistaminika und Glukokortikoide ersetzen Adrenalin nicht; Glukokortikoide werden nicht routinemäßig zur Verhinderung biphasischer Reaktionen (erneut auftretender Beschwerden nach vorübergehender Besserung) eingesetzt [LL6, LL7].
Weitere Schockformen
- Nicht hämorrhagischer hypovolämischer Schock (Kreislaufversagen durch Flüssigkeitsmangel ohne Blutverlust): Flüssigkeits- und Elektrolytverluste mit Kristalloiden ersetzen; Menge und Zusammensetzung nach Verlustursache und Therapieansprechen wählen [LL3].
- Obstruktiver Schock (Kreislaufversagen durch eine mechanische Behinderung des Blutflusses): Bei Hochrisiko-Lungenembolie (schwerer Verstopfung einer Lungenarterie durch ein Blutgerinnsel) dringliche Reperfusion nach Eignung und Verfügbarkeit; bei Spannungspneumothorax (Luftansammlung unter Druck zwischen Lunge und Brustwand) sofortige Entlastung mit anschließender definitiver Versorgung; bei Perikardtamponade (Behinderung der Herzfüllung durch Flüssigkeit im Herzbeutel) dringliche Drainage. Kreislaufmedikamente dienen der Überbrückung bis zur Ursachenbehandlung [LL5].
Wirkstoffe (Hauptindikationen)
Die Präparatewahl und Anwendung müssen die jeweilige Fachinformation berücksichtigen. Angaben zu Vasopressoren beziehen sich auf kontinuierliche Infusionen, sofern nicht ausdrücklich eine intramuskuläre Anwendung genannt ist. Intravenöse Infusionen werden nach Wirkung titriert.
Kristalloide Infusionslösungen
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Balancierte isotone Elektrolytlösung | Bei Sepsis (lebensbedrohlicher Organschädigung durch eine fehlregulierte Reaktion auf eine Infektion) bevorzugt. Bei hämorrhagischem Schock restriktiv bis zur Blutstillung; bei kardiogenem Schock nur bei begründetem Volumenbedarf [LL1-3]. |
| Natriumchlorid 0,9 % | Keine generelle Kontraindikation. Größere Mengen können Hyperchlorämie und metabolische Azidose (stoffwechselbedingte Übersäuerung) begünstigen; bei Sepsis werden balancierte Kristalloide bevorzugt [LL6, LL10]. |
- Wirkweise: Vergrößerung des extrazellulären Flüssigkeitsvolumens mit zeitlich begrenzter intravasaler Volumenwirkung.
- Indikationen: Absoluter oder relativer Volumenmangel mit erwartetem Nutzen einer Flüssigkeitsgabe.
- Kontraindikationen: Präparatespezifische Gegenanzeigen beachten; bei Überwässerung, pulmonaler Stauung oder fehlender Flüssigkeitstoleranz keine ungezielte weitere Volumengabe.
- Nebenwirkungen: Flüssigkeitsüberlastung, Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge), Verdünnungseffekte und Elektrolyt- bzw. Säure-Basen-Störungen.
Hydroxyethylstärke ist zur Volumentherapie bei Sepsis und kritisch Kranken nicht einzusetzen [LL10].
Blutkomponenten
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Erythrozytenkonzentrat (EK) | Bei aktiver Blutung keine isolierte Hämoglobin-Schwelle. Nach traumatischer Blutung Hämoglobin-Zielbereich häufig 7-9 g/dl; bei Ischämie individuell anpassen [LL1, LL9]. |
| Therapeutisches Plasma, z. B. gefrorenes Frischplasma (FFP) | Für plasmabasierte traumatische Massivblutungsbehandlung initial Plasma:EK mindestens 1:2; anschließend befundgesteuert. Nicht als reiner Volumenersatz [LL1, LL9]. |
| Thrombozytenkonzentrat (TK) | Bei traumatischer fortbestehender Blutung Thrombozyten über 50.000/µl, bei Schädel-Hirn-Trauma über 100.000/µl anstreben [LL1]. |
- Wirkweise: EK verbessern die Sauerstofftransportkapazität; Plasma ersetzt Gerinnungsfaktoren; TK verbessern die primäre Hämostase.
- Indikationen: Klinisch relevanter Blutverlust bzw. blutungsassoziierter Mangel an Erythrozyten, Gerinnungsfaktoren oder Thrombozyten.
- Kontraindikationen: Produktinkompatibilität und präparatespezifische Gegenanzeigen; besondere Transfusionsanforderungen individuell berücksichtigen.
- Nebenwirkungen: Hämolytische (mit Zerfall roter Blutkörperchen verbundene), febrile (mit Fieber verbundene) oder allergische Transfusionsreaktionen, transfusionsassoziierte Kreislaufüberlastung, transfusionsassoziierte akute Lungenschädigung und citratbedingte Hypocalcämie [LL9].
Gerinnungsfaktoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Fibrinogenkonzentrat | Bei funktionellem Fibrinogenmangel bzw. Fibrinogen ≤ 1,5 g/l. Keine ungezielte prophylaktische Gabe; Zulassung des verwendeten Präparates beachten [LL1]. |
- Wirkweise: Bereitstellung des Substrats für die Fibrinbildung.
- Indikationen: Blutung mit nachgewiesenem oder funktionellem Fibrinogenmangel.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; weitere Gegenanzeigen gemäß Fachinformation.
- Nebenwirkungen: Überempfindlichkeitsreaktionen und thromboembolische Komplikationen (Komplikationen durch Blutgerinnsel) [LL9].
Bei lebensbedrohlicher Blutung unter Antikoagulation erfolgt eine substanzspezifische Antagonisierung. Bei Vitamin-K-Antagonisten sind Prothrombinkomplexkonzentrat und intravenöses Vitamin K maßgeblich; Plasma ist hierfür nicht die bevorzugte Standardtherapie [LL1].
Antifibrinolytika
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Tranexamsäure | So früh wie möglich, innerhalb von drei Stunden nach Verletzung. Nierenfunktion berücksichtigen; ausschließlich über den vorgesehenen Applikationsweg anwenden [LL1, FI4]. |
- Wirkweise: Hemmung der Fibrinolyse durch Blockade der Interaktion von Plasminogen mit Fibrin.
- Indikationen: Traumatische erhebliche Blutung bzw. entsprechendes Blutungsrisiko; weitere Blutungsindikationen nach spezifischer Leitlinie und Fachinformation.
- Kontraindikationen: Unter anderem akute arterielle oder venöse Thrombose (Blutgerinnselbildung in einer Schlagader oder Vene), schwere Niereninsuffizienz (stark eingeschränkte Nierenfunktion) und Krampfanfälle in der Anamnese gemäß Fachinformation [FI4].
- Nebenwirkungen: Übelkeit, Erbrechen, Hypotonie bei zu rascher intravenöser Gabe, Krampfanfälle und thromboembolische Ereignisse [FI4].
Elektrolytsubstitution bei Massivtransfusion
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Calciumchlorid bzw. Calciumgluconat | Bei transfusionsassoziierter Hypocalcämie; Normbereich anstreben. Calciumchlorid und Calciumgluconat enthalten unterschiedliche Mengen elementaren Calciums und sind nicht volumenbezogen austauschbar [LL1]. |
- Wirkweise: Wiederherstellung calciumabhängiger Gerinnungs- und Kontraktionsprozesse.
- Indikationen: Hypocalcämie, insbesondere während Massivtransfusion.
- Kontraindikationen: Hypercalcämie; präparatespezifische Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Hypercalcämie, Bradykardie (verlangsamter Herzschlag) bzw. Arrhythmien (unregelmäßiger Herzschlag) bei zu rascher Gabe und Gewebeschädigung bei Extravasation (Austritt der Infusionslösung in das umliegende Gewebe).
Katecholaminerge Vasopressoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Noradrenalin | Dosis als Noradrenalin-Base angeben. Erste Wahl beim septischen Schock; bevorzugter Vasopressor bei schwerer Hypotonie im kardiogenen Schock [3, LL2, FI1]. |
| Adrenalin – intramuskulär | Bei Verwendung einer Lösung mit 1 mg/ml entsprechen 0,5 mg einem Volumen von 0,5 ml. In den anterolateralen Oberschenkel injizieren [LL5]. |
| Adrenalin – intravenöse Infusion | Bei refraktärer Anaphylaxie durch erfahrenes Personal; beim septischen Schock gegebenenfalls zusätzlich zu Noradrenalin und Vasopressin. Keine routinemäßigen intravenösen Boli bei vorhandenem Kreislauf [LL6, LL10]. |
- Wirkweise: Noradrenalin erhöht vorwiegend über α-adrenerge Vasokonstriktion den Perfusionsdruck. Adrenalin wirkt zusätzlich ausgeprägt β-adrenerg und bronchodilatatorisch.
- Indikationen: Noradrenalin bei schockbedingter schwerer Hypotonie; Adrenalin primär bei Anaphylaxie sowie in ausgewählten refraktären Schockzuständen.
- Kontraindikationen: Bei lebensbedrohlicher Anaphylaxie besteht keine absolute Kontraindikation gegen intramuskuläres Adrenalin. Bei Vasopressortherapie Volumenmangel gleichzeitig korrigieren; präparatespezifische Gegenanzeigen beachten.
- Nebenwirkungen: Tachyarrhythmien (schneller und unregelmäßiger Herzschlag), Myokardischämie (unzureichende Durchblutung des Herzmuskels), periphere Ischämie (Minderdurchblutung der Gliedmaßen), Hypertonie (Bluthochdruck) und Gewebsnekrose (Absterben von Gewebe) bei Extravasation; unter Adrenalin zusätzlich Hyperglykämie und Lactatanstieg [3, FI1].
Eine notwendige Noradrenalingabe kann kurzfristig über einen geeigneten, eng überwachten peripheren Zugang begonnen werden, um den Therapiebeginn nicht durch die Anlage eines zentralvenösen Katheters zu verzögern. Bei fortgesetzter Behandlung ist ein geeigneter dauerhafter Zugang erforderlich [LL2].
Nicht katecholaminerge Vasopressoren
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Vasopressin (Argipressin) | Zusatz zu Katecholaminen bei katecholaminrefraktärer Hypotonie im septischen Schock. Keine Bolusgabe; Dosen über 0,03 I.E./min nur als Notfalltherapie gemäß Fachinformation [LL8, FI3]. |
- Wirkweise: Vasokonstriktion über V1-Rezeptoren, unabhängig von adrenergen Rezeptoren.
- Indikationen: Ergänzende Behandlung des septischen Schocks bei unzureichendem Perfusionsdruck trotz adäquater Volumentherapie und Katecholaminen.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei kardialer, intestinaler oder peripherer Ischämie besonders sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung [FI3].
- Nebenwirkungen: Digitale (Finger und Zehen betreffende), intestinale (den Darm betreffende) und myokardiale Ischämie, Arrhythmien, verminderte Herzleistung und Hyponatriämie [FI3].
Positiv inotrope Katecholamine
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Dobutamin | Bei vermindertem Herzzeitvolumen und persistierender Hypoperfusion. Kann den Blutdruck senken; bei Hypotonie gegebenenfalls mit Noradrenalin kombinieren [FI2]. |
- Wirkweise: Vorwiegend β1-adrenerge Steigerung der myokardialen Kontraktilität.
- Indikationen: Kardiogener Schock bzw. septischer Schock mit kardialer Dysfunktion und persistierender Hypoperfusion trotz ausreichender Vorlast und ausreichendem Perfusionsdruck.
- Kontraindikationen: Mechanische Behinderung der Ventrikelfüllung bzw. des Ausflusses; präparatespezifische Gegenanzeigen beachten [FI2].
- Nebenwirkungen: Tachykardie (beschleunigter Herzschlag), Arrhythmien, Myokardischämie und Hypotonie [FI2].
Kortikosteroide beim septischen Schock
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Hydrocortison | Bei anhaltendem Vasopressorbedarf trotz ausreichender Volumengabe; Therapiedauer nach Verlauf [LL2]. |
| Fludrocortison | Optionale Ergänzung zu Hydrocortison gemäß S3-Leitlinie; kein Ersatz für Hydrocortison. Anwendung beim septischen Schock als Off-Label-Use [LL2]. |
- Wirkweise: Glukokortikoide bzw. mineralokortikoide Effekte mit Unterstützung der Gefäßreaktivität.
- Indikationen: Septischer Schock mit anhaltendem Vasopressorbedarf; keine generelle Behandlung jeder Schockform.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit und präparatespezifische Gegenanzeigen; Begleiterkrankungen und Infektionsrisiken berücksichtigen.
- Nebenwirkungen: Hyperglykämie, Hypernatriämie, Hypokaliämie, Flüssigkeitsretention und neuromuskuläre Schwäche (Schwäche der Nerven- und Muskelfunktion).
Wirkstoffe (Nebenindikationen)
Inhalative β2-Sympathomimetika bei anaphylaxiebedingtem Bronchospasmus
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Salbutamol | Zusätzlich zu Adrenalin bei fortbestehendem Bronchospasmus; behandelt nicht den anaphylaktischen Kreislaufschock [LL6]. |
- Wirkweise: β2-adrenerge Bronchodilatation.
- Indikationen: Persistierender Bronchospasmus bei Anaphylaxie.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; bei Tachyarrhythmien besondere Vorsicht.
- Nebenwirkungen: Tachykardie, Tremor (Zittern), Hypokaliämie und bei hoher kumulativer Dosis Lactatanstieg.
H1-Antihistaminika bei persistierenden Hautsymptomen nach Anaphylaxie
| Wirkstoff | Besonderheiten |
|---|---|
| Cetirizin | Erst nach Stabilisierung zur Behandlung persistierender Urtikaria (Nesselsucht) bzw. Pruritus (Juckreiz). Keine Behandlung der schockbedingten Hypotonie [LL6]. |
- Wirkweise: Blockade von H1-Rezeptoren.
- Indikationen: Persistierende histaminvermittelte Hautsymptome nach Kreislaufstabilisierung.
- Kontraindikationen: Überempfindlichkeit; schwere Nierenfunktionsstörung gemäß Fachinformation.
- Nebenwirkungen: Müdigkeit, Somnolenz (Benommenheit), Kopfschmerzen und Mundtrockenheit.
Beachte
- Blutdruckziele sind schockspezifisch: Ein einheitlicher MAP-Zielbereich für alle Schockformen ist nicht angemessen. Insbesondere sind die vorübergehenden niedrigen Druckziele bei unkontrollierter traumatischer Blutung von den Zielen bei Sepsis und Hirnverletzung zu unterscheiden [LL1, LL2].
- Perfusionsparameter gemeinsam bewerten: Eine Diurese von mindestens etwa 0,5 ml/kg/h ist ein Orientierungswert; nicht allein deshalb zusätzliche Flüssigkeit geben. Lactatverlauf, Rekapillarisierungszeit und klinisches Bild gemeinsam berücksichtigen [LL10, LL11].
- Herzindex korrekt einordnen: Der Herzindex beschreibt das auf die Körperoberfläche bezogene Herzzeitvolumen. Er ist keine Clearance. Bei persistierendem Schock kann eine Messung von Herzzeitvolumen bzw. Schlagvolumen die Therapie unterstützen; starre Zielwerte ersetzen die klinische Perfusionsbeurteilung nicht [LL11].
- Therapieverschlechterung sofort abklären: Zunehmende Atemnot unter Flüssigkeitsgabe erfordert die Überprüfung auf Stauung und kardiale bzw. obstruktive Ursachen. Die Auswahl eines Katecholamins erfolgt anschließend nach Schockform und Hämodynamik.
Red Flags (Warnzeichen) bei Schock
- Persistierende Hypotonie, Bewusstseinsstörung oder rasch zunehmender Vasopressorbedarf: Sofortige Reevaluation der Ursache und intensivmedizinische Eskalation.
- Fortbestehende Blutung, zunehmendes Lactat oder ausbleibende Perfusionsverbesserung: Unzureichende Ursachenbehandlung, weitere Blutverluste und Mischschock prüfen.
- Akute Atemwegsobstruktion (Verengung oder Verschluss der Atemwege), Stridor (pfeifendes Atemgeräusch) oder schwere Atemnot bei Anaphylaxie: Adrenalin unverzüglich geben und Atemwegssicherung vorbereiten.
- Neue Ischämiezeichen oder Extravasation unter Vasopressoren: Infusionszugang, Dosis und Perfusionszustand unmittelbar überprüfen.
Abkürzungen
- AWMF: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften.
- DOI: Digital Object Identifier.
- EAACI: European Academy of Allergy and Clinical Immunology.
- EK: Erythrozytenkonzentrat.
- ERC: European Resuscitation Council.
- ESC: European Society of Cardiology.
- ESICM: European Society of Intensive Care Medicine.
- FFP: Gefrorenes Frischplasma.
- FI: Fachinformation.
- H1: Histaminrezeptor Typ 1.
- I.E.: Internationale Einheiten.
- LL: Leitlinie.
- MAP: Mittlerer arterieller Druck.
- TK: Thrombozytenkonzentrat.
- V1: Vasopressinrezeptor Typ 1.
Literatur
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- Levy B, Clere-Jehl R, Legras A et al.: Epinephrine Versus Norepinephrine for Cardiogenic Shock After Acute Myocardial Infarction. J Am Coll Cardiol. 2018;72(2):173-182. doi:10.1016/j.jacc.2018.04.051.
- HALT-IT Trial Collaborators: Effects of a high-dose 24-h infusion of tranexamic acid on death and thromboembolic events in patients with acute gastrointestinal bleeding (HALT-IT): an international randomised, double-blind, placebo-controlled trial. Lancet. 2020;395(10241):1927-1936. doi:10.1016/S0140-6736(20)30848-5.
Leitlinien
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- S3-Leitlinie: Sepsis – Prävention, Diagnose, Therapie und Nachsorge – Update 2025. (AWMF-Registernummer: 079-001), April 2025, Version 4.0 Langfassung. [LL2]
- Mekontso Dessap A, AlShamsi F, Belletti A et al.: European Society of Intensive Care Medicine (ESICM) 2025 clinical practice guideline on fluid therapy in adult critically ill patients: part 2—the volume of resuscitation fluids. Intensive Care Med. 2025;51(3):461-477. doi:10.1007/s00134-025-07840-1. [LL3]
- Byrne RA, Rossello X, Coughlan JJ et al.: 2023 ESC Guidelines for the management of acute coronary syndromes. Eur Heart J. 2023;44(38):3720-3826. doi:10.1093/eurheartj/ehad191. [LL4]
- Lott C, Karageorgos V, Abelairas-Gomez C et al.: European Resuscitation Council Guidelines 2025 Special Circumstances in Resuscitation. Resuscitation. 2025;215 Suppl 1:110753. doi:10.1016/j.resuscitation.2025.110753. [LL5]
- Resuscitation Council UK: Emergency treatment of anaphylaxis: Guidelines for healthcare providers. Mai 2021. Langfassung. [LL6]
- Muraro A, Worm M, Alviani C et al.: EAACI guidelines: Anaphylaxis (2021 update). Allergy. 2022;77(2):357-377. doi:10.1111/all.15032. [LL7]
- Honarmand K, Um KJ, Belley-Côté EP et al.: Canadian Critical Care Society clinical practice guideline: The use of vasopressin and vasopressin analogues in critically ill adults with distributive shock. Can J Anaesth. 2020;67:369-376. doi:10.1007/s12630-019-01546-x. [LL8]
- Bundesärztekammer: Querschnitts-Leitlinien zur Therapie mit Blutkomponenten und Plasmaderivaten. Gesamtnovelle 2020. Langfassung. [LL9]
- Evans L, Rhodes A, Alhazzani W et al.: Surviving sepsis campaign: international guidelines for management of sepsis and septic shock 2021. Intensive Care Med. 2021;47:1181-1247. doi:10.1007/s00134-021-06506-y. [LL10]
- Monnet X, Messina A, Greco M et al.: ESICM guidelines on circulatory shock and hemodynamic monitoring 2025. Intensive Care Med. 2025. Publikation. [LL11]
Fachinformationen
- Noradrenaline 0.16 mg/ml solution for infusion. Summary of Product Characteristics. Fachinformation. [FI1]
- Dobutamine 5 mg/ml solution for infusion in pre-filled syringe. Summary of Product Characteristics. Fachinformation. [FI2]
- Empressin 40 I.E./2 ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung. Fachinformation. [FI3]
- Tranexamic Acid 100 mg/ml Solution for Injection. Summary of Product Characteristics. Fachinformation. [FI4]