Plötzlicher Kindstod – Körperliche Untersuchung

Sind keine sicheren Todeszeichen erkennbar, ist bei fehlenden Lebenszeichen unverzüglich mit der leitliniengerechten Reanimation (Wiederbelebung) zu beginnen.

Eine umfassende klinische Untersuchung (ärztliche Untersuchung) ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

  • Unmittelbare Vitalitätsprüfung (Prüfung der Lebenszeichen)
    • Prüfung von Reaktion beziehungsweise Bewusstseinszustand, Atmung und Kreislaufzeichen (Anzeichen eines vorhandenen Blutkreislaufs)
    • Kontrolle auf sichere Todeszeichen: Totenflecken (Hautverfärbungen nach dem Tod), Totenstarre (Versteifung des Körpers nach dem Tod), Fäulnis (Zersetzung des Körpers) oder mit dem Leben unvereinbare Verletzungen
    • Bei Wiederherstellung eines Spontankreislaufs (eigenständigen Blutkreislaufs) vollständige Untersuchung nach dem ABCDE-Schema (Atemwege, Atmung, Kreislauf, neurologischer Zustand und vollständige körperliche Untersuchung) sowie kontinuierliche Überwachung
  • Allgemeine körperliche Untersuchung – nach Feststellung des Todes als sorgfältige Untersuchung des vollständig entkleideten Körpers von Kopf bis Fuß; inklusive Körpergewicht, Körperlänge und Kopfumfang; des Weiteren:
    • Dokumentation von Ernährungszustand, Entwicklungsstand, Körperpflege und möglicher Dehydratation (Flüssigkeitsmangel)
    • Inspektion auf angeborene Fehlbildungen und dysmorphe Merkmale (auffällige körperliche Formmerkmale)
    • Inspektion von Haut und Schleimhäuten (feuchten Auskleidungen der Körperhöhlen):
      • Hautfarbe und Verteilung der Totenflecken
      • Petechien (punktförmige Hautblutungen), Exantheme (Hautausschläge), Purpura (flächenhafte Hautblutungen), Ikterus (Gelbsucht) oder Ödeme (Wassereinlagerungen)
      • Verletzungen, Hämatome (Blutergüsse), Schürfungen, Verbrennungen, Narben, Druckmarken oder Einstichstellen
    • Untersuchung von Kopf und Hals:
      • Kopfhaut, Schädelkontur und Fontanellen (weiche Schädelstellen)
      • Augen und Konjunktiven (Bindehäute)
      • Mundhöhle einschließlich Lippen, Zunge, Gaumen und Lippen- beziehungsweise Zungenbändchen
      • Halsregion auf Schwellungen, Verletzungen oder Kompressionsmarken (Druckspuren)
    • Inspektion von Nase, Mund und Ohren auf Sekret, Schaum, Blut, Erbrochenes oder Fremdmaterial
    • Untersuchung von Thorax (Brustkorb) und Rücken auf Asymmetrien, Deformitäten, Verletzungen oder Druckmarken
    • Inspektion und Palpation (Abtasten) des Abdomens (Bauches) auf Auftreibung, Resistenzen (tastbare Verhärtungen), Organvergrößerungen, Hernien (Brüche) oder Verletzungen
    • Untersuchung von Genital- und Analregion auf Verletzungen, Blutungen, Sekrete oder Fehlbildungen
    • Untersuchung der Extremitäten (Gliedmaßen) und des Bewegungsapparats auf Schwellungen, Fehlstellungen oder Hinweise auf Frakturen (Knochenbrüche)
    • Dokumentation sämtlicher durch Reanimation oder medizinische Maßnahmen entstandener beziehungsweise möglicherweise entstandener Veränderungen
    • Zeitnahe Befunddokumentation mittels Körperschema und gegebenenfalls standardisierter Fotodokumentation; Untersuchungsbefunde und potenzielle Spuren dürfen vor ihrer Dokumentation nicht durch Reinigung oder unnötige Manipulation verändert werden

Für den plötzlichen Säuglingstod beziehungsweise das Sudden Infant Death Syndrome (SIDS; Syndrom des plötzlichen Säuglingstods) existieren keine spezifischen oder pathognomonischen (krankheitsbeweisenden) körperlichen Befunde. Der zunächst zutreffende Arbeitsbegriff lautet „plötzlicher unerwarteter Tod im Säuglingsalter“. Die Diagnose SIDS ist eine Ausschlussdiagnose (Diagnose nach Ausschluss anderer Ursachen) und darf erst nach vollständiger Obduktion (Leichenöffnung) einschließlich Zusatzuntersuchungen, Untersuchung der Auffindesituation sowie Auswertung der klinischen und familiären Vorgeschichte gestellt werden. Eine unauffällige äußere körperliche Untersuchung allein belegt die Diagnose nicht.

Red Flags (Warnzeichen) bei plötzlichem Kindstod

  • Fehlende oder widersprüchliche Angaben zur Auffindesituation oder zum zeitlichen Ablauf
  • Ungeklärte, multiple oder geformte Verletzungen sowie Hämatome bei einem noch nicht selbstständig mobilen Säugling
  • Verletzungen unterschiedlichen Alters oder Hinweise auf Frakturen
  • Verletzungen von Mundhöhle, Lippen- oder Zungenbändchen sowie Kompressionsmarken am Hals
  • Blut, Fremdmaterial oder ungewöhnlich ausgeprägte Sekretionen an Nase oder Mund
  • Auffällige Verteilung der Totenflecken im Widerspruch zur angegebenen Auffindeposition
  • Ausgeprägte Mangelernährung, Dehydratation oder Hinweise auf Vernachlässigung
  • Klinische Hinweise auf Infektion, Intoxikation (Vergiftung), Stoffwechselerkrankung, angeborene Fehlbildung, Trauma (Verletzung) oder Ersticken

Bei entsprechenden Warnzeichen ist eine alternative natürliche oder nichtnatürliche Todesursache vorrangig abzuklären; die Untersuchung und Beweissicherung erfolgen interdisziplinär unter Einbeziehung von Pädiatrie (Kinderheilkunde), Kinderpathologie (Untersuchung kindlicher Krankheiten anhand von Organ- und Gewebeveränderungen) beziehungsweise Rechtsmedizin (gerichtliche Medizin) und den zuständigen Ermittlungsbehörden.

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.