Kammerflattern – Differentialdiagnosen
Im Folgenden die wichtigsten Differentialdiagnosen (mögliche andere Erkrankungen) des Kammerflatterns (Herzrhythmusstörung mit sehr schneller Kammertätigkeit):
Endokrine, Ernährungs- und Stoffwechselkrankheiten (E00-E90)
- Hyperkaliämie (erhöhter Kaliumwert im Blut) – kann ein sinuswellenähnliches Elektrokardiogramm (Herzstromkurve)-Bild mit massiver QRS-Verbreiterung (Verbreiterung des Kammererregungsabschnitts) und Verschmelzung von QRS-Komplex (Abschnitt der Herzstromkurve zur Herzkammererregung) und T-Welle (Abschnitt der Herzstromkurve zur Erregungsrückbildung) verursachen; wichtigste metabolische Pseudodifferentialdiagnose (stoffwechselbedingte scheinbare andere Erkrankung) zum Kammerflattern, insbesondere bei Niereninsuffizienz (Nierenschwäche), Azidose (Übersäuerung), Kaliumzufuhr oder kaliumsparender Medikation (Behandlung mit kaliumsparenden Arzneimitteln).
Herzkreislaufsystem (I00-I99)
- Antidrome atrioventrikuläre Reentrytachykardie (kreisende Herzrhythmusstörung zwischen Vorhof und Herzkammer mit breiten Kammerkomplexen) über eine akzessorische Leitungsbahn (zusätzliche elektrische Leitungsbahn) – regelmäßige Breite-Komplex-Tachykardie (Herzrasen mit breitem Kammererregungsabschnitt) durch antegrade Leitung (Weiterleitung in normaler Richtung) über eine akzessorische Bahn; kann eine ventrikuläre Tachykardie (Herzrasen aus den Herzkammern) imitieren und bei sehr hoher Frequenz differentialdiagnostisch gegenüber Kammerflattern relevant sein.
- Kammerflimmern (chaotische elektrische Aktivität der Herzkammern) – chaotische ventrikuläre elektrische Aktivität ohne organisierte Komplexe; wichtigste unmittelbare Abgrenzung, da Kammerflattern in Kammerflimmern übergehen kann und beide bei Pulslosigkeit als schockbare Rhythmen (durch Elektroschock behandelbare Herzrhythmen) behandelt werden.
- Monomorphe ventrikuläre Tachykardie (gleichförmiges Herzrasen aus den Herzkammern) – regelmäßige Breite-Komplex-Tachykardie mit noch erkennbaren, gleichförmigen QRS-Komplexen; bei sehr hoher Frequenz kann die Morphologie (Form) sinusoidal erscheinen und dem Kammerflattern ähneln.
- Polymorphe ventrikuläre Tachykardie (vielgestaltiges Herzrasen aus den Herzkammern) – Breite-Komplex-Tachykardie mit wechselnder QRS-Morphologie (Form des Kammererregungsabschnitts) und meistens hämodynamischer Instabilität (Kreislaufinstabilität); abzugrenzen vom gleichförmig-sinusoidalen Muster des Kammerflatterns.
- Präexzitiertes Vorhofflimmern (Vorhofflimmern mit zusätzlicher elektrischer Leitungsbahn) bei Wolff-Parkinson-White-Syndrom (angeborene zusätzliche elektrische Leitungsbahn am Herzen) – sehr schnelle, irreguläre Breite-Komplex-Tachykardie durch antegrade Leitung über eine akzessorische Bahn; relevante Notfalldifferentialdiagnose (mögliche andere Erkrankung im Notfall), da eine Fehlklassifikation therapeutisch riskant sein kann.
- Präexzitiertes Vorhofflattern (Vorhofflattern mit zusätzlicher elektrischer Leitungsbahn) bei Wolff-Parkinson-White-Syndrom – Vorhofflattern (Herzrhythmusstörung mit schneller Vorhoftätigkeit) mit sehr schneller ventrikulärer Überleitung (Weiterleitung auf die Herzkammern) über eine akzessorische Bahn; kann bei hoher Frequenz eine ventrikuläre Tachyarrhythmie (schnelle Herzrhythmusstörung aus den Herzkammern) imitieren.
- Supraventrikuläre Tachykardie (Herzrasen oberhalb der Herzkammern) mit aberranter Leitung (abweichender elektrischer Leitung) – supraventrikuläre Tachykardie mit breitem QRS-Komplex durch Schenkelblock (Leitungsstörung in den Herzkammern) oder frequenzabhängige Aberration (frequenzabhängig abweichende Erregungsleitung); bei jeder unklaren regelmäßigen Breite-Komplex-Tachykardie gegenüber ventrikulärer Tachykardie und Kammerflattern abzugrenzen.
- Torsade-de-Pointes-Tachykardie (spitzenwendige Herzrhythmusstörung) – polymorphe ventrikuläre Tachykardie bei verlängerter QT-Zeit (verlängerter Erregungsrückbildungszeit in der Herzstromkurve) mit typischem Achsen- beziehungsweise Amplitudenwechsel (Wechsel der Ausschlagsrichtung beziehungsweise Ausschlagshöhe); wichtige Differentialdiagnose bei Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit), Elektrolytstörung (Störung der Blutsalze), Bradykardie (langsamer Herzschlag) oder QT-verlängernder Medikation (Behandlung mit QT-verlängernden Arzneimitteln).
- Vorhofflattern mit 1:1-Überleitung (eins-zu-eins-Weiterleitung auf die Herzkammern) und aberranter Leitung – sehr schnelle regelmäßige Breite-Komplex-Tachykardie, meistens um 250-300/min; kann bei extremer Frequenz und breitem QRS-Komplex elektrokardiographisch (in der Herzstromkurve) mit Kammerflattern verwechselt werden.
Medikamente
- Natriumkanalblockierende Medikamente (Arzneimittel mit Hemmung von Natriumkanälen), insbesondere Klasse-I-Antiarrhythmika (Arzneimittel gegen Herzrhythmusstörungen der Klasse I) und trizyklische Antidepressiva (ältere Arzneimittel gegen Depressionen) – können toxisch eine extreme QRS-Verbreiterung, Breite-Komplex-Tachykardien oder ein sinuswellenähnliches Elektrokardiogramm-Bild verursachen; relevant bei entsprechender Medikamenten- oder Intoxikationsanamnese (Vorgeschichte einer Vergiftung).
- QT-verlängernde Medikamente – können eine Torsade-de-Pointes-Tachykardie auslösen; differentialdiagnostisch relevant bei verlängerter QT-Zeit, Bradykardie, Hypokaliämie (erniedrigter Kaliumwert im Blut) oder Hypomagnesiämie (erniedrigter Magnesiumwert im Blut).
Weiteres
- Elektrokardiogramm-Artefakt (Störbild in der Herzstromkurve) durch Bewegung, Muskelzittern, Tremor (Zittern) oder Elektrodenproblem – kann ein pseudo-ventrikuläres Flatter- oder Flimmerbild (scheinbar aus den Herzkammern stammendes Flatter- oder Flimmerbild) erzeugen; gegen echtes Kammerflattern sprechen erhaltene Hämodynamik (Kreislauffunktion), tastbarer regelmäßiger Puls, echte QRS-Komplexe in einzelnen Ableitungen (Messkanälen der Herzstromkurve) und Verschwinden nach Elektrodenkorrektur.