Mandelentzündung (Tonsillitis) – Differentialdiagnosen

Atmungssystem (J00-J99)

  • Akute virale Pharyngitis/Tonsillopharyngitis – häufigste infektiöse Differenzialdiagnose akuter Halsschmerzen; typisch sind Husten, Rhinitis, Heiserkeit, Konjunktivitis oder Diarrhoe, während ausgeprägte eitrige Tonsillenbeläge und fehlender Husten eher gegen eine rein virale Genese sprechen.
  • Epiglottitis – potenziell lebensbedrohliche supraglottische Entzündung mit stärkster Odynophagie, Dysphagie, Speichelfluss, kloßiger Sprache, Stridor oder Atemnot; die Tonsillenbefunde können diskret sein.
  • Hyperkeratose der Tonsillen – weißliche, nichtentzündliche keratotische Beläge ohne typische systemische Infektzeichen; relevante Abgrenzung zu eitriger Tonsillitis, Soor und Diphtherie.
  • Peritonsillarabszess/Peritonsillitis – wichtigste lokal fortgeschrittene Differenzialdiagnose bei einseitig starken Halsschmerzen, Fieber, Trismus, kloßiger Sprache, Uvulaverlagerung und Schluckstörung.
  • Retropharyngealabszess/Parapharyngealabszess – tiefe Halsinfektion mit Fieber, schwerer Dysphagie, Nackensteife, reduzierter Kopfbeweglichkeit, kloßiger Sprache oder Atemwegsgefährdung; insbesondere bei Kindern beziehungsweise immunsupprimierten Patienten relevant.
  • Tonsillolithiasis/kryptische Tonsillen – weiß-gelbliche Detritus- oder Steinbildungen in Tonsillenkrypten mit Halitosis und Fremdkörpergefühl, meistens ohne Fieber und ohne akute entzündliche Allgemeinsymptome.

Blut, blutbildende Organe – Immunsystem (D50-D90)

  • Angina agranulocytotica – nekrotisierend-ulzerierende Entzündung des lymphatischen Rachenrings als Ausdruck einer schweren Granulozytopenie beziehungsweise Agranulozytose; besonders relevant bei Fieber, Ulzera, fehlender Eiterreaktion und Risikomedikation.
  • PFAPA-Syndrom – autoinflammatorisches Syndrom mit periodischem Fieber, aphthöser Stomatitis, Pharyngitis und zervikaler Adenitis; wichtige Differenzialdiagnose bei rezidivierender Tonsillitis im Kindesalter mit beschwerdefreien Intervallen.

Infektiöse und parasitäre Krankheiten (A00-B99)

  • Adenovirus-Pharyngokonjunktivalfieber – virale Pharyngotonsillitis mit Fieber, Pharyngitis und Konjunktivitis; klinisch relevant als nichtantibiotikapflichtige Differenzialdiagnose.
  • Angina Plaut-Vincent – fusospirochätäre ulzeronekrotische Tonsillitis, meistens einseitig mit Foetor ex ore, schmierigen Belägen und nur mäßiger Allgemeinsymptomatik.
  • Candidose der Mundhöhle/des Oropharynx (Soor) – abstreifbare weißliche Beläge mit gerötetem Untergrund, begünstigt durch Immunsuppression, Inhalationscorticoide, Antibiotikatherapie, Diabetes mellitus oder Prothesen.
  • Diphtherie – seltene, aber hochrelevante Differenzialdiagnose mit fest haftenden grau-weißen Pseudomembranen, Blutungsneigung beim Ablösen, süßlichem Foetor, zervikaler Lymphadenopathie und möglicher Atemwegsobstruktion.
  • Gonokokken-Pharyngitis – sexuell übertragene pharyngeale Infektion, häufig asymptomatisch oder mit Tonsillopharyngitis; nur bei entsprechender Exposition, persistierenden Beschwerden oder Therapieversagen differenzialdiagnostisch relevant.
  • Herpangina/Hand-Fuß-Mund-Krankheit – enterovirale Erkrankung mit vesikulären oder ulzerösen Läsionen an Gaumenbögen, Uvula, Tonsillen oder hinterem Pharynx; bei Hand-Fuß-Mund-Krankheit zusätzlich palmoplantare beziehungsweise orale Effloreszenzen.
  • Herpes-simplex-Virus-Pharyngotonsillitis – primäre Herpes-simplex-Virus-Infektion mit schmerzhaften Vesikeln, Ulzera, Gingivostomatitis, Fieber und zervikaler Lymphadenitis.
  • HIV-Primärinfektion – akutes retrovirales Syndrom mit Fieber, Pharyngitis, Exanthem, generalisierter Lymphadenopathie, Myalgien und Schleimhautulzera; nur bei entsprechender Exposition differenzialdiagnostisch relevant.
  • Infektiöse Mononukleose (Pfeiffersches Drüsenfieber) – Epstein-Barr-Virus-Infektion mit Fieber, ausgeprägter Müdigkeit, Tonsillopharyngitis, generalisierter Lymphadenopathie, Splenomegalie und häufig deutlicher Tonsillenvergrößerung.
  • Scharlachangina – Streptococcus-pyogenes-Infektion mit Tonsillopharyngitis, Fieber, Himbeerzunge und feinfleckigem scarlatiniformem Exanthem; insbesondere im Kindesalter relevant.
  • Syphilis des Oropharynx – oropharyngealer Primäraffekt oder sekundäre Syphilis mit Ulzerationen, Plaques muqueuses oder Lymphadenopathie; nur bei entsprechender Sexualanamnese und persistierenden Schleimhautläsionen differenzialdiagnostisch relevant.
  • Tuberkulose der Tonsille/des Pharynx – seltene chronische Differenzialdiagnose mit persistierenden Ulzerationen, einseitiger Tonsillenvergrößerung, B-Symptomatik oder zervikaler Lymphadenopathie.

Neubildungen – Tumorerkrankungen (C00-D48)

  • Lymphom des Waldeyer-Rachenrings/Tonsillenlymphom – einseitige oder asymmetrische Tonsillenvergrößerung, persistierende Lymphadenopathie, B-Symptomatik oder Therapieresistenz; relevante Abgrenzung zur chronisch-rezidivierenden Tonsillitis.
  • Tonsillenkarzinom/oropharyngeales Plattenepithelkarzinom – persistierende einseitige Tonsillenvergrößerung, Ulzeration, Dysphagie, Odynophagie, Otalgie, Blutung oder zervikale Raumforderung; bei Risikofaktoren beziehungsweise humanem Papillomvirus-assoziierter Erkrankung besonders relevant.

Psyche – Nervensystem (F00-F99; G00-G99)

  • Glossopharyngeusneuralgie – anfallsartige, einschießende Schmerzen im Tonsillen-, Zungenwurzel-, Rachen- oder Ohrbereich ohne entzündlichen Lokalbefund; Auslösung häufig durch Schlucken, Sprechen oder Husten.