Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) – Körperliche Untersuchung

Eine umfassende klinische Untersuchung ist die Grundlage für die Auswahl der weiteren diagnostischen Schritte:

Bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (Störung mit Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität) (ADHS) bestehen in der Regel keine spezifischen körperlichen Befunde. Die körperliche Untersuchung dient insbesondere der Erfassung somatischer (körperlicher) Differentialdiagnosen (anderer möglicher Erkrankungen) und Begleiterkrankungen (gleichzeitig bestehender Erkrankungen) sowie der Erhebung von Ausgangsbefunden vor einer medikamentösen Therapie (Behandlung mit Arzneimitteln).

  • Allgemeine körperliche Untersuchung – inklusive Blutdruck, Puls, Körpergewicht und Körpergröße; bei Kindern und Jugendlichen zusätzlich Beurteilung anhand alters- und geschlechtsspezifischer Perzentilen (Vergleichswerte für Gleichaltrige); des Weiteren:
    • Inspektion (Betrachtung) von Haut und Schleimhäuten
    • Inspektion und Palpation (Abtasten) der Schilddrüse [Struma (vergrößerte Schilddrüse); Zeichen einer Hyperthyreose (Schilddrüsenüberfunktion) wie Tremor (Zittern) und Tachykardie (beschleunigter Herzschlag)]
    • Auskultation (Abhören) des Herzens [Herzgeräusch; Arrhythmie (Herzrhythmusstörung); Tachykardie] und Beurteilung des kardiovaskulären (Herz und Kreislauf betreffenden) Status; insbesondere vor Einleitung einer medikamentösen Therapie
    • Auskultation der Lunge [pathologische Atemgeräusche]
    • Palpation des Abdomens (Bauches) [Druckschmerz; Abwehrspannung (unwillkürliche Anspannung der Bauchdecke); Organomegalie (Organvergrößerung)]
    • Orientierende Prüfung des Seh- und Hörvermögens, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen [Visusminderung (verminderte Sehschärfe); Hörminderung als mögliche Ursache von Aufmerksamkeits- bzw. Leistungsproblemen]
    • Bei Hinweisen auf schlafbezogene Atmungsstörungen (Atemstörungen im Schlaf) orientierende Untersuchung des HNO-Bereichs [Mundatmung; behinderte Nasenatmung; Tonsillenhyperplasie (vergrößerte Gaumenmandeln)]
  • Neurologische Untersuchung (Untersuchung des Nervensystems) – inklusive Untersuchung der Hirnnerven (Gehirnnerven), Motorik (Bewegungsfunktion), Sensibilität (Empfindungsfähigkeit), Muskeleigenreflexe (Reflexe der Muskeln), Koordination (Zusammenspiel von Bewegungen) und des Gangbildes (Art des Gehens) sowie Beurteilung des Entwicklungsstandes bei Kindern und Jugendlichen
    • Beobachtung auf motorische und vokale Tics (unwillkürliche Bewegungen bzw. Lautäußerungen) [Tics]
    • Beurteilung von Fein- und Grobmotorik sowie Koordination [umschriebene motorische Entwicklungsstörung (Störung der Bewegungsentwicklung); Ataxie (Störung der Bewegungskoordination)]
    • Fokussierte Suche nach neurologischen Auffälligkeiten bei entsprechender Anamnese (Krankengeschichte) [fokales (örtlich begrenztes) neurologisches Defizit (Ausfall einer Nervenfunktion); Bewusstseinsstörung (Beeinträchtigung des Bewusstseins); Hinweis auf Epilepsie (Anfallsleiden) oder Folgen einer erworbenen Hirnschädigung (nach der Geburt entstandenen Schädigung des Gehirns)]
  • Psychiatrische Untersuchung (Untersuchung der psychischen Gesundheit) und Verhaltensbeobachtung
    • Beurteilung von Aufmerksamkeit, Konzentrationsfähigkeit, Aktivitätsniveau, Impulsivität und Psychomotorik (Zusammenspiel von psychischen Vorgängen und Bewegung); ADHS-Symptome müssen in der Untersuchungssituation nicht zwingend zu beobachten sein
    • Psychopathologischer Befund (Beurteilung psychischer Auffälligkeiten) mit Beurteilung von Bewusstsein, Orientierung, Affektivität (Gefühlsleben), Antrieb (innere Bereitschaft zu Aktivität), formalen und inhaltlichen Denkstörungen (Störungen des Ablaufs bzw. Inhalts des Denkens) sowie Wahrnehmungsstörungen (Störungen der Sinneswahrnehmung)
    • Beurteilung auf häufige psychische und neuroentwicklungsbezogene (die Entwicklung des Nervensystems betreffende) Begleit- bzw. Differentialdiagnosen, insbesondere depressive Störungen (Erkrankungen mit anhaltend gedrückter Stimmung), Angststörungen (Erkrankungen mit übermäßiger Angst), bipolare Störung (Erkrankung mit Wechseln zwischen depressiven und manischen Phasen), Autismus-Spektrum-Störungen (Störungen der sozialen Interaktion und Kommunikation mit eingeschränkten oder wiederholten Verhaltensmustern), Tic-Störungen (Erkrankungen mit wiederkehrenden unwillkürlichen Bewegungen oder Lauten), oppositionelle Verhaltensstörung (anhaltendes trotziges und verweigerndes Verhalten) bzw. Störungen des Sozialverhaltens (anhaltende Regel- und Grenzverletzungen) sowie substanzbezogene Störungen (Probleme durch Alkohol, Drogen oder andere Substanzen)
    • Bei entsprechender Symptomatik Erfassung von Suizidalität (Selbsttötungsgefährdung) und Fremdgefährdung (Gefährdung anderer)
  • Vor Beginn einer medikamentösen Therapie
    • Erneute bzw. aktuelle körperliche und neurologische Untersuchung
    • Bestimmung von Puls, Blutdruck, Körpergewicht und Körpergröße; bei Kindern und Jugendlichen Dokumentation der entsprechenden Altersperzentilen
    • Kardiovaskuläre Untersuchung [Herzgeräusch; Arrhythmie; Hypertonie (Bluthochdruck); Tachykardie]
    • Eine weiterführende kardiologische Diagnostik (Untersuchungen des Herzens) ist bei auffälliger kardiovaskulärer Anamnese, positiver Familienanamnese (Krankheitsgeschichte der Familie) oder pathologischem Untersuchungsbefund indiziert; eine routinemäßige apparative Diagnostik (Untersuchungen mit medizinischen Geräten) bei unauffälliger Anamnese und Untersuchung ist nicht erforderlich.
  • Gesundheitscheck

In eckigen Klammern [ ] wird auf mögliche pathologische (krankhafte) körperliche Befunde hingewiesen.