HELLP-Syndrom – Prävention

Das HELLP-Syndrom (Hämolyse, erhöhte Leberenzyme und Thrombozytopenie) ist eine schwere schwangerschaftsspezifische Multiorgankomplikation (Komplikation mehrerer Organsysteme), die häufig mit einer Präeklampsie (schwangerschaftsbedingte Erkrankung mit Bluthochdruck und möglicher Organbeteiligung) assoziiert ist. Die Diagnose beruht auf der typischen Laborkonstellation aus Hämolyse (Zerfall roter Blutkörperchen), erhöhten Transaminasen und einer Thrombozytenzahl < 100 G/l. Hypertonie (Bluthochdruck) oder Proteinurie (vermehrte Eiweißausscheidung im Urin) können fehlen; ein normaler Blutdruck schließt ein HELLP-Syndrom daher nicht aus [LL1-LL3].

Eine sicher wirksame, ausschließlich gegen das HELLP-Syndrom gerichtete Primärprophylaxe (Vorbeugung vor dem erstmaligen Auftreten) ist derzeit nicht verfügbar. Prävention umfasst deshalb die frühzeitige Erfassung des individuellen Präeklampsie- und HELLP-Risikos, die leitliniengerechte ASS-Prophylaxe bei erhöhtem Präeklampsierisiko, die rasche Erkennung klinischer Warnzeichen, die unverzügliche stationäre Abklärung bei Verdacht sowie die strukturierte Nachsorge nach durchgemachtem HELLP-Syndrom [LL1-LL3]. Die Evidenz zur ASS-Prophylaxe bezieht sich überwiegend auf Präeklampsie, insbesondere auf präterm auftretende Präeklampsie; ein eigenständiger präventiver Effekt auf das HELLP-Syndrom ist nicht gesichert [2, LL1-LL3].

Verhaltensbedingte Risikofaktoren

Für das HELLP-Syndrom sind nur wenige modifizierbare Risikofaktoren direkt untersucht. Allgemeine Lebensstilfaktoren dürfen daher nicht als gesicherte HELLP-Ursachen oder als spezifische Angriffspunkte einer HELLP-Prophylaxe dargestellt werden.

  • Übergewicht und Adipositas (starkes Übergewicht)
    • Ein höherer präkonzeptioneller BMI ist in einer großen populationsbasierten Kohorte mit einer höheren HELLP-Rate assoziiert. Für Adipositas gegenüber Normalgewicht war die Assoziation beim frühen HELLP-Syndrom stärker als beim späten HELLP-Syndrom [1].
    • Eine Gewichtsoptimierung vor der Konzeption ist insbesondere bei Adipositas, chronischer Hypertonie (dauerhaftem Bluthochdruck) oder Diabetes mellitus (Zuckerkrankheit) sinnvoll. Dass eine Gewichtsreduktion das HELLP-Risiko unmittelbar senkt, ist jedoch nicht durch Interventionsstudien belegt; die Empfehlung beruht auf Risikofaktor- und allgemeiner kardiometabolischer Prävention [1, LL1-LL3].
  • Ernährung und Mikronährstoffe
    • Für ein bestimmtes Ernährungsmuster oder eine einzelne Mikronährstoffsupplementation ist keine spezifische Prävention des HELLP-Syndroms nachgewiesen [LL1-LL3].
    • Auch für Magnesium, Selen, Vitamine, Calcium, NO-Donatoren oder Fischöl ist nach der aktuellen deutschen Leitlinie kein präventiver Effekt auf Präeklampsie gezeigt; daraus darf keine HELLP-spezifische Empfehlung abgeleitet werden [LL1].
  • Körperliche Aktivität
    • Regelmäßige, schwangerschaftsadaptierte Bewegung kann das allgemeine Risiko hypertensiver Schwangerschaftserkrankungen (Schwangerschaftserkrankungen mit Bluthochdruck) und kardiometabolische Risikofaktoren günstig beeinflussen. Eine direkte HELLP-spezifische Schutzwirkung ist nicht belegt [LL1-LL3].
    • Bettruhe oder routinemäßige Immobilisation sind keine Maßnahmen zur HELLP-Prävention; Einschränkungen der Aktivität müssen sich aus der individuellen geburtshilflichen Situation ergeben [LL1-LL3].
  • Nikotin, Alkohol und Drogen
    • Nikotin-, Alkohol- und Drogenverzicht ist wegen der maternalen (die Mutter betreffenden), fetalen (das ungeborene Kind betreffenden) und plazentaren (den Mutterkuchen betreffenden) Risiken obligater Bestandteil der Schwangerschaftsvorsorge. Eine spezifische Senkung des HELLP-Risikos durch diese Maßnahmen ist nicht nachgewiesen [LL1-LL3].
    • Sympathomimetisch wirksame Substanzen wie Kokain oder Amphetamine können hypertensive Notfälle, Plazentalösung (vorzeitige Ablösung des Mutterkuchens) und präeklampsieähnliche Konstellationen auslösen und sind konsequent zu vermeiden [LL1-LL3].
  • Medikamentenadhärenz
    • Bei leitliniengerechter Indikation zur ASS-Prophylaxe sind regelmäßige Einnahme, korrekte Dosierung und eine möglichst abendliche Einnahme für den präventiven Effekt wesentlich [LL1].
    • ASS darf nicht eigenständig begonnen, pausiert oder abgesetzt werden; Indikation, Kontraindikationen, Blutungsrisiko und Behandlungsdauer sind geburtshilflich festzulegen [LL1-LL3].
  • Psychosoziale und versorgungsbezogene Faktoren
    • Stress oder Schlafmangel sind keine gesicherten isolierten Ursachen des HELLP-Syndroms. Relevant sind jedoch Versorgungsbarrieren, die Risikostratifizierung, Medikamenteneinnahme, Blutdruck- und Laborkontrollen oder die rechtzeitige Abklärung von Warnsymptomen verzögern können [LL1-LL3].

Präventionsfaktoren (Schutzfaktoren)

Schutz ergibt sich beim HELLP-Syndrom vor allem aus einer risikoadaptierten geburtshilflichen Versorgung. Die Maßnahmen verhindern das Syndrom nicht sicher, können aber präeklampsieassoziierte Risiken reduzieren und eine gefährliche Verzögerung von Diagnostik und Behandlung vermeiden.

  • Erfassung einer HELLP-Anamnese (HELLP-Syndrom in der Krankengeschichte) – Ein früheres HELLP-Syndrom ist ein wesentlicher Risikomarker für ein erneutes HELLP-Syndrom und andere hypertensive Schwangerschaftserkrankungen [3-5, LL1].
  • Präkonzeptionelle Beratung (Beratung vor einer Schwangerschaft) – Vor einer weiteren Schwangerschaft sollen Verlauf, Gestationsalter (Schwangerschaftsalter) und Schweregrad des vorausgegangenen HELLP-Syndroms aufgearbeitet sowie chronische Hypertonie, Nierenkrankheit, Diabetes mellitus, Adipositas und klinisch begründete Autoimmun- oder Gerinnungserkrankungen (Erkrankungen der Blutgerinnung) berücksichtigt werden [1, 3-5, LL1-LL3].
  • Risikostratifizierung im 1. Trimenon (Einteilung des Risikos im ersten Schwangerschaftsdrittel) – Anamnese (Krankengeschichte) und klinische Risikofaktoren sowie bei Verfügbarkeit ein validiertes multimodales Präeklampsie-Screening ermöglichen eine risikoadaptierte Überwachung und die rechtzeitige Indikationsstellung zur ASS-Prophylaxe [2, LL1-LL3].
  • Acetylsalicylsäure – Bei anamnestischem oder im Screening ermitteltem hohem Präeklampsierisiko soll niedrig dosiertes ASS früh in der Schwangerschaft, spätestens vor 16+0 SSW, begonnen werden. Die deutsche Leitlinie empfiehlt 100-150 mg/Tag, vorzugsweise abends [2, LL1].
  • Aufklärung über HELLP-Warnzeichen – Rechtsbetonte Oberbauch-, epigastrische (den mittleren Oberbauch betreffende) oder retrosternale Schmerzen (Schmerzen hinter dem Brustbein), Übelkeit, Erbrechen, ausgeprägtes Krankheitsgefühl, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Dyspnoe (Atemnot) oder neurologische Symptome (Beschwerden des Nervensystems) erfordern eine sofortige medizinische Abklärung; Warnsymptome können den Laborveränderungen vorausgehen [LL1-LL3].
  • Kontinuierliche Schwangerschaftsvorsorge – Standardisierte Blutdruckmessungen, klinische Verlaufskontrollen und bei Verdacht unverzügliche Laboruntersuchungen sind entscheidend. Normotonie oder fehlende Proteinurie schließen ein HELLP-Syndrom nicht aus [LL1-LL3].

Primärprävention

Die Primärprävention richtet sich an Patientinnen ohne aktuelles HELLP-Syndrom, insbesondere nach einem HELLP-Syndrom in einer früheren Schwangerschaft oder bei erhöhtem Präeklampsierisiko.

  • Präkonzeptionelle Beratung nach HELLP-Syndrom
    • Der Entlassungsbericht und die Befunde der Indexschwangerschaft (betroffenen vorausgegangenen Schwangerschaft) sollen hinsichtlich Gestationsalter, Vollständigkeit der HELLP-Trias, Blutdruckverlauf, Proteinurie, fetaler Wachstumsrestriktion (Wachstumsverzögerung des ungeborenen Kindes), Plazentalösung, Leberkomplikationen, Nierenversagen, Gerinnungsstörung und Entbindungsindikation aufgearbeitet werden [LL1-LL3].
    • Die deutsche S2k-Leitlinie nennt für Deutschland ein HELLP-Wiederholungsrisiko von etwa 13 % [3, LL1]. Eine große aktuelle US-Kohorte fand eine HELLP-Rezidivrate (Rate des erneuten Auftretens) von 4,6 % und nach vorausgegangenem HELLP-Syndrom ein Risiko von 11,5 % für eine schwere hypertensive Schwangerschaftserkrankung [4]. Die Spannbreite ist durch unterschiedliche Populationen, Falldefinitionen und Studiendesigns zu erklären; eine individuelle exakte Vorhersage ist nicht möglich [3, 4].
    • Die Beratung soll zugleich realistisch und entlastend sein: In einer norwegischen Registerstudie blieben mehr als 75 % der zweiten Schwangerschaften nach HELLP-Syndrom ohne hypertensive Schwangerschaftserkrankung. Gegenüber Frauen ohne HELLP-Anamnese blieben Frühgeburt, Wachstumsrestriktion, Plazentalösung und andere Komplikationen jedoch häufiger [5].
  • Optimierung vorbestehender Erkrankungen
    • Chronische Hypertonie, Diabetes mellitus, chronische Nierenkrankheit (lang andauernde Erkrankung der Nieren) und andere relevante Grunderkrankungen sollen vor der Konzeption möglichst stabil eingestellt werden; potenziell fetotoxische Medikamente sind vor Schwangerschaftseintritt zu überprüfen [LL1-LL3].
    • Bei Adipositas ist eine präkonzeptionelle Gewichtsoptimierung sinnvoll. Die direkte Evidenz für das HELLP-Syndrom ist beobachtend und belegt keine kausale Risikoreduktion durch Gewichtsabnahme [1].
    • Eine routinemäßige Thrombophilie- oder Autoimmundiagnostik allein wegen eines vorausgegangenen HELLP-Syndroms ist nicht generell abzuleiten. Die Diagnostik soll sich an Manifestationszeitpunkt, Anamnese, klinischen Hinweisen und Differentialdiagnosen orientieren [LL1-LL3].
  • Frühe Risikostratifizierung in der Folgeschwangerschaft
    • Die geburtshilfliche Vorstellung soll frühzeitig erfolgen. Ein vorausgegangenes HELLP-Syndrom, insbesondere bei früher Manifestation, begründet eine Hochrisikobetreuung [3-5, LL1-LL3].
    • Allen Schwangeren soll eine Präeklampsie-Risikoeinschätzung angeboten werden; bei Verfügbarkeit kann das kombinierte Screening zwischen 11+0 und 13+6 SSW maternale Faktoren, mittleren arteriellen Blutdruck, uterinen Doppler und biochemische Marker einbeziehen [LL1-LL3].
  • ASS-Prophylaxe bei erhöhtem Präeklampsierisiko
    • Bei anamnestischem Risiko oder hohem Risikowert im validierten Präeklampsie-Screening soll ASS 100-150 mg/Tag, vorzugsweise abends, ab der Frühschwangerschaft und spätestens vor 16+0 SSW eingenommen werden [LL1].
    • Das in der ASPRE-Studie untersuchte Schema verwendete 150 mg/Tag von 11-14 SSW bis 36 SSW und reduzierte die Rate präterm auftretender Präeklampsie bei entsprechend gescreenten Hochrisikopatientinnen [2, LL1].
    • Die ASS-Empfehlung ist eine Präeklampsieprophylaxe. Sie darf nicht als Nachweis einer spezifischen HELLP-Prophylaxe oder als Garantie gegen ein Rezidiv dargestellt werden [2, LL1-LL3].
  • Nicht routinemäßig empfohlene Maßnahmen
    • Magnesium, Selen, Vitamine, Calcium, NO-Donatoren und Fischöl sind keine leitliniengemäßen Standardmaßnahmen zur Präeklampsie- oder HELLP-Prävention [LL1].
    • Der präventive Effekt von niedermolekularem Heparin auf Präeklampsie ist nicht erwiesen; eine Gabe allein zur HELLP-Prophylaxe ist nicht indiziert. Eigenständige thromboembolische oder immunologische Indikationen bleiben davon unberührt [LL1-LL3].

Sekundärprävention

Die Sekundärprävention (Früherkennung und Verhinderung des Fortschreitens) zielt auf die frühestmögliche Erkennung eines beginnenden oder inkompletten HELLP-Syndroms und auf die Vermeidung von Leberruptur (Leberriss), Blutung, disseminierter intravasaler Gerinnung (schwere Gerinnungsstörung mit Gerinnselbildung und Blutungsneigung), Eklampsie (Krampfanfall im Rahmen einer schweren schwangerschaftsbedingten Erkrankung), Schlaganfall, Nierenversagen, Lungenödem (Flüssigkeitsansammlung in der Lunge), Plazentalösung und Multiorganversagen (Versagen mehrerer Organe).

  • Warnsymptome und sofortige Einweisung
    • In der zweiten Schwangerschaftshälfte soll bei Oberbauch- oder retrosternalen Schmerzen ein HELLP-Syndrom ausgeschlossen werden. Typische zusätzliche Beschwerden sind epigastrische Schmerzen, Übelkeit, Erbrechen, Kopfschmerzen, Sehstörungen und ausgeprägtes Krankheitsgefühl [LL1-LL3].
    • Bei klinischem oder laborchemischem Verdacht auf ein HELLP-Syndrom, insbesondere bei persistierenden Oberbauchschmerzen, soll eine umgehende Klinikeinweisung erfolgen. Ein ambulantes Abwarten bis zur nächsten Routinekontrolle ist nicht vertretbar [LL1].
    • Ein HELLP-Syndrom kann bei Blutdruckwerten < 140/90 mmHg und ohne ausgeprägte Proteinurie auftreten; fehlende klassische Präeklampsiezeichen dürfen die Diagnostik nicht verzögern [LL1-LL3].
  • Unverzügliche Labordiagnostik
    • Erforderlich sind Blutbild mit Thrombozytenzahl, Transaminasen, LDH, Bilirubin sowie geeignete Hämolyseparameter einschließlich Haptoglobin und peripherem Blutausstrich; zusätzlich sind Nierenfunktion und Gerinnung entsprechend der klinischen Situation zu beurteilen [LL1-LL3].
    • LDH ist nicht hämolysespezifisch und soll nicht isoliert zur Diagnose verwendet werden. Entscheidend ist die Gesamtkonstellation aus Klinik, Thrombozytopenie, Leberwerterhöhung und Hämolysezeichen [LL1].
    • Bei HELLP-Syndrom sollen die Laboruntersuchungen initial in 6- bis 8-stündigen Intervallen wiederholt werden, besonders bei diskreten oder inkompletten Ausgangsbefunden. Die Erkrankung kann schubweise innerhalb weniger Stunden progredient verlaufen [LL1].
  • Differentialdiagnostik
    • Bei Thrombozytopenie, Anämie (Blutarmut) und/oder Nierenversagen sind insbesondere thrombotisch-thrombozytopenische Purpura (seltene Erkrankung mit Blutplättchenverbrauch und kleinsten Gefäßverschlüssen), atypisches hämolytisch-urämisches Syndrom (Erkrankung mit Zerfall roter Blutkörperchen, Blutplättchenmangel und vorwiegender Nierenschädigung) und akute Schwangerschaftsfettleber (schwere schwangerschaftsbedingte Lebererkrankung mit Fetteinlagerung) abzugrenzen; weitere Differentialdiagnosen richten sich nach Klinik und Labor [LL1-LL3].
    • Persistierende oder atypische Befunde, eine sehr frühe Manifestation oder eine fehlende Besserung nach Entbindung erfordern eine frühzeitige interdisziplinäre Abklärung, insbesondere hämatologisch, nephrologisch oder hepatologisch [LL1-LL3].
  • Maternale und fetale Überwachung
    • Erforderlich sind engmaschige Kontrollen von Blutdruck, neurologischem Status, Atmung, Sauerstoffsättigung, Flüssigkeitsbilanz, Urinausscheidung, Blutungszeichen und Laborverlauf sowie eine gestations- und situationsgerechte fetale Überwachung [LL1-LL3].
    • Bei Verdacht auf Leberhämatom (Bluterguss der Leber), Leberruptur oder intraabdominelle Blutung (Blutung im Bauchraum) ist eine unverzügliche abdominelle Bildgebung erforderlich. Die Sonographie ist die primäre Modalität; bei unklarem Befund oder zur Beurteilung von Leberhämatom, Kapselruptur und Hämoperitoneum (Blutansammlung im Bauchraum) kann abhängig von Schwangerschaftsstatus, hämodynamischer Stabilität und klinischer Dringlichkeit eine CT oder MRT erforderlich sein [7].
  • Vermeidung akuter Komplikationen
    • Eine schwere Hypertonie ist unverzüglich leitliniengerecht zu behandeln. Magnesiumsulfat dient bei entsprechender Indikation der Prophylaxe beziehungsweise Therapie einer Eklampsie, nicht der Behandlung der HELLP-Trias [LL1-LL3].
    • Kortikosteroide sind zur maternalen Therapie des HELLP-Syndroms oder zur Verlängerung der Schwangerschaft nicht geeignet. Davon zu trennen ist die antenatale Kortikosteroidgabe zur fetalen Lungenreifung bei drohender Frühgeburt [LL1].
    • Die Beendigung der Schwangerschaft ist die einzige kausale Therapie. Zeitpunkt und Geburtsmodus sind abhängig von Gestationsalter, maternaler Stabilität, fetalem Zustand, Laborverlauf und vorhandenen Komplikationen interdisziplinär festzulegen [LL1-LL3].

Tertiärprävention

Die Tertiärprävention (Vermeidung von Folgeschäden und weiteren Komplikationen) umfasst die Vermeidung postpartaler Komplikationen, die vollständige klinische und laborchemische Erholung, die Prävention langfristiger kardiovaskulärer (Herz und Blutgefäße betreffender) und renaler Folgeschäden (die Nieren betreffender Folgeschäden) sowie die Planung weiterer Schwangerschaften.

  • Unmittelbare postpartale Überwachung
    • Nach der Entbindung sind intensivierte Kontrollen von Blutdruck, klinischem Zustand, Flüssigkeitsbilanz, Nierenfunktion, Thrombozytenzahl, Leberwerten und Hämolyseparametern bis zur eindeutigen Stabilisierung erforderlich. Eine postpartale Exazerbation (Verschlechterung nach der Geburt) hypertensiver Schwangerschaftserkrankungen ist möglich [LL1-LL3].
    • Eine präpartal begonnene intravenöse Magnesiumsulfatgabe sollte bei fortbestehender Indikation bis zu 48 Stunden postpartal weitergeführt werden; ein früheres Beenden setzt die in der Leitlinie beschriebenen stabilen klinischen Voraussetzungen voraus [LL1].
    • Das individuelle postpartale Thromboembolierisiko (Risiko eines Gefäßverschlusses durch ein Blutgerinnsel) soll bewertet werden. Eine medikamentöse Thromboseprophylaxe richtet sich nach Gesamtrisiko, Blutungsrisiko, Thrombozytenzahl und weiteren geburtshilflichen beziehungsweise internistischen Faktoren [LL1-LL3].
  • Abschlussgespräch und Warnzeichen
    • Vor Entlassung sollen Diagnose, Verlauf, mögliche postpartale Warnzeichen, Medikation, Blutdruckselbstmessung, Kontrollintervalle und Notfallwege verständlich dokumentiert und besprochen werden [LL1-LL3].
    • Neu auftretende oder zunehmende Oberbauchschmerzen, Kopfschmerzen, Sehstörungen, Dyspnoe, neurologische Symptome, Blutungen, Oligurie (stark verminderte Urinausscheidung) oder deutliche Blutdruckanstiege erfordern auch nach der Geburt eine sofortige Abklärung [LL1-LL3].
  • Früh- und Langzeitnachsorge
    • Nach hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen empfiehlt die deutsche Leitlinie strukturierte Kontrollen nach etwa 6 Wochen, 6 Monaten und 12 Monaten sowie anschließend jährlich. Erfasst werden sollen insbesondere Blutdruck, Körpergewicht beziehungsweise BMI, Lipidstatus, Glukosestoffwechsel, Nierenfunktion und Proteinurie [6, LL1].
    • Persistierende Hypertonie, Proteinurie, eingeschränkte Nierenfunktion, Thrombozytopenie, Hämolyse oder erhöhte Leberwerte sind fachärztlich abzuklären und dürfen nicht pauschal als verzögerte HELLP-Rückbildung gewertet werden [LL1-LL3].
    • Die Evidenz zum langfristig erhöhten kardiovaskulären Risiko stammt überwiegend aus Studien zu hypertensiven Schwangerschaftserkrankungen und Präeklampsie, nicht ausschließlich aus HELLP-Kohorten. Wegen der engen klinischen Assoziation und des schweren Verlaufs ist eine konsequente kardiovaskuläre Risikoprävention nach HELLP dennoch leitliniengerecht [6, LL1-LL3].
  • Planung weiterer Schwangerschaften
    • Vor einer erneuten Konzeption soll eine geburtshilflich-internistische Risikoberatung erfolgen. Dabei sind das Gestationsalter bei Erstmanifestation, maternale und fetale Komplikationen, verbliebene Organschäden, aktuelle Risikofaktoren und die Indikation zur frühen ASS-Prophylaxe zu berücksichtigen [3-5, LL1-LL3].
    • Ein früheres HELLP-Syndrom ist keine generelle Kontraindikation (Gegenanzeige) für eine weitere Schwangerschaft. Es begründet jedoch eine früh beginnende, spezialisierte und risikoadaptierte Betreuung [3-5, LL1-LL3].
  • Psychosoziale Unterstützung
    • Nach intensivmedizinischem Verlauf, Frühgeburt, traumatischer Geburtserfahrung oder perinatalem Verlust (Verlust des Kindes um den Geburtszeitraum) soll die psychische Belastung aktiv erfasst und bei Bedarf eine psychologische oder psychotherapeutische Unterstützung vermittelt werden [LL1].

Autoren: Prof. Dr. med. G. Grospietsch, Dr. med. W. G. Gehring

Literatur

  1. Wang LQ, Bone JN, Muraca GM et al.: Prepregnancy body mass index and other risk factors for early-onset and late-onset haemolysis, elevated liver enzymes and low platelets (HELLP) syndrome: a population-based retrospective cohort study in British Columbia, Canada. BMJ Open 2024;14(3):e079131. doi: 10.1136/bmjopen-2023-079131
  2. Rolnik DL, Wright D, Poon LC et al.: Aspirin versus Placebo in Pregnancies at High Risk for Preterm Preeclampsia. N Engl J Med 2017;377(7):613-622. doi: 10.1056/NEJMoa1704559
  3. Leeners B, Neumaier-Wagner PM, Kuse S et al.: Recurrence risks of hypertensive diseases in pregnancy after HELLP syndrome. J Perinat Med 2011;39(6):673-678. doi: 10.1515/jpm.2011.081
  4. Trawick E, Kucirka LM, Fuller M et al.: Risk of Recurrent Severe Preeclampsia, HELLP (Hemolysis, Elevated Liver Enzymes, and Low Platelet Count) Syndrome, and Eclampsia in a Subsequent Pregnancy. Obstet Gynecol 2026; online ahead of print. doi: 10.1097/AOG.0000000000006398
  5. Malmström O, Håberg SE, Morken NH: Probability and outcomes of second pregnancy after HELLP syndrome in the first: A population-based registry study. Acta Obstet Gynecol Scand 2020;99(9):1206-1213. doi: 10.1111/aogs.13859
  6. Lewey J, Beckie TM, Brown HL et al.: Opportunities in the Postpartum Period to Reduce Cardiovascular Disease Risk After Adverse Pregnancy Outcomes: A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2024;149(7):e330-e346. doi: 10.1161/CIR.0000000000001212
  7. Masselli G, Bonito G, Gigli S et al.: Imaging of Acute Abdominopelvic Pain in Pregnancy and Puerperium—Part II: Non-Obstetric Complications. Diagnostics (Basel) 2023;13(18):2909. doi: 10.3390/diagnostics13182909

Leitlinien

  1. S2k-Leitlinie: Hypertensive Erkrankungen in der Schwangerschaft (HES): Diagnostik und Therapie. AWMF-Registernummer 015-018, Stand Juli 2024, Version 7.0. Langfassung [LL1]
  2. Magee LA, Brown MA, Hall DR et al.: The 2021 International Society for the Study of Hypertension in Pregnancy classification, diagnosis & management recommendations for international practice. Pregnancy Hypertens 2022;27:148-169. doi: 10.1016/j.preghy.2021.09.008 [LL2]
  3. Thomopoulos C, Hitij JB, De Backer T et al.: Management of hypertensive disorders in pregnancy: a Position Statement of the European Society of Hypertension Working Group 'Hypertension in Women'. J Hypertens 2024;42(7):1109-1132. doi: 10.1097/HJH.0000000000003739 [LL3]