Pseudoallergie – Medizingerätediagnostik
Obligate Medizingerätediagnostik
Bei Verdacht auf eine Pseudoallergie (allergieähnliche Reaktion ohne klassische Allergie) bestehen keine obligaten medizingerätediagnostischen Untersuchungen. Die Medizingerätediagnostik dient nicht dem Nachweis einer Pseudoallergie, sondern ausschließlich der differentialdiagnostischen Abklärung klinisch ähnlicher Erkrankungen bzw. Beschwerden.
Fakultative Medizingerätediagnostik – in Abhängigkeit von den Ergebnissen der Anamnese (Krankengeschichte) und der körperlichen Untersuchung – zur differentialdiagnostischen Abklärung
- H2-/CH4-Atemtest – bei gastrointestinalen Beschwerden (Beschwerden des Magen-Darm-Trakts) wie Meteorismus (Blähbauch), Flatulenz (vermehrte Darmgasabgänge), Abdominalschmerzen (Bauchschmerzen) oder Diarrhoe (Durchfall) und klinischem Verdacht auf eine Kohlenhydratmalabsorption (unzureichende Aufnahme von Kohlenhydraten im Darm) bzw. -intoleranz (Unverträglichkeit von Kohlenhydraten) als Differentialdiagnose einer vermuteten Pseudoallergie [1, 2, LL1-LL3].
- Lactose-H2-/CH4-Atemtest – zur Diagnostik einer Lactosemalabsorption (unzureichende Aufnahme von Milchzucker im Darm); für die Diagnose einer klinisch relevanten Lactoseintoleranz (Milchzuckerunverträglichkeit) ist zusätzlich die standardisierte Erfassung der während bzw. nach der Testbelastung auftretenden Beschwerden erforderlich [1, 2, LL1, LL3].
- Fructose-H2-/CH4-Atemtest – kann bei gezieltem klinischem Verdacht auf eine Fructosemalabsorption (unzureichende Aufnahme von Fruchtzucker im Darm) bzw. -intoleranz (Fruchtzuckerunverträglichkeit) eingesetzt werden; aufgrund der dosisabhängigen Fructoseabsorption und der begrenzten diagnostischen Standardisierung ist der Befund zurückhaltend und stets zusammen mit der reproduzierbaren Symptomatik zu interpretieren [2, LL1].
- Sorbit-H2-/CH4-Atemtest – kein routinemäßig zu empfehlendes Standardverfahren; aufgrund der physiologisch dosisabhängig begrenzten Sorbitresorption und der unzureichenden Validierung ist der diagnostische Zusatznutzen gegenüber einer strukturierten Ernährungsanamnese mit gezielter Reduktion und Reexposition begrenzt [2].
- Eine simultane Messung von H2 und CH4 kann die diagnostische Aussage verbessern, da eine relevante Methanproduktion mit niedriger H2-Exkretion und dadurch falsch-negativen reinen H2-Atemtests einhergehen kann. Der aktuelle Konsens von 2026 empfiehlt die simultane Messung beider Gase; die europäische Leitlinie bewertet die CH4-Messung insbesondere bei niedriger H2-Exkretion als hilfreich [LL1, LL3].
- Der Nachweis einer Kohlenhydratmalabsorption ist nicht mit einer klinischen Kohlenhydratintoleranz gleichzusetzen. Für die Diagnose einer Intoleranz ist die reproduzierbare, möglichst standardisiert erfasste Symptomatik während der Testbelastung entscheidend [1, LL1, LL3].
- Ösophagogastroduodenoskopie bzw. Ileokoloskopie – bei gastrointestinalen Alarmzeichen, persistierenden bzw. progredienten Beschwerden oder bei konkretem Verdacht auf eine organische gastrointestinale Erkrankung; gegebenenfalls einschließlich histologischer Untersuchung, z. B. zum Ausschluss einer Zöliakie (Glutenunverträglichkeit des Dünndarms) oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankung (CED) (lang andauernde entzündliche Darmerkrankung) [LL2].
- Abdomensonographie (Ultraschall der Bauchorgane) bzw. weiterführende abdominelle Schnittbilddiagnostik – ausschließlich bei entsprechender klinischer Fragestellung bzw. bei Verdacht auf eine strukturelle oder entzündliche gastrointestinale Erkrankung; kein Verfahren zum Nachweis einer Pseudoallergie [LL2].
Hinweise für die Durchführung des H2-/CH4-Atemtests
- Nach Abschluss einer Antibiotikatherapie sollte bis zur Durchführung des Atemtests ein Abstand von mindestens vier Wochen eingehalten werden [LL1].
- Nach einer Darmreinigung für endoskopische oder operative Eingriffe sollte ein Abstand von mindestens zwei Wochen eingehalten werden [LL1].
- Mindestens einen Tag vor der Untersuchung sollten schwer resorbierbare, fermentierbare Kohlenhydrate und ballaststoffreiche Nahrungsmittel vermieden werden [LL1].
- Vor Beginn der Untersuchung ist eine Nüchternperiode von mindestens acht Stunden einzuhalten [LL1]. Eine starre Vorgabe wie „ab 17 Uhr keine Nahrung und ab 22 Uhr keine Getränke“ ist nicht erforderlich; entscheidend ist das standardisierte Nüchternintervall.
- Rauchen ist am Untersuchungstag mindestens zwei Stunden vor Beginn und während der gesamten Untersuchung zu vermeiden [LL1].
- Körperliche Aktivität sollte mindestens zwei Stunden vor und während der Untersuchung eingeschränkt werden [LL1].
- Präparate mit fermentierbaren Kohlenhydraten sowie nach Möglichkeit Prokinetika, Laxanzien und Probiotika sollten mindestens 24 Stunden vor der Untersuchung pausiert werden; medizinisch notwendige Arzneimittel dürfen nur nach ärztlicher Abwägung verändert oder abgesetzt werden [LL1].
- Unmittelbar vor der Ausgangsmessung sollte die Mundhöhle gereinigt bzw. antiseptisch gespült werden, um eine relevante H2-Produktion durch orale Bakterien zu vermindern [LL1].
- Während der Testung sollten gastrointestinale Beschwerden strukturiert und möglichst mittels standardisierter Symptomskalen dokumentiert werden [1, LL1, LL3].
Red Flags (Warnzeichen) bei Pseudoallergie
- Akute Dyspnoe (Atemnot), Stridor (pfeifendes Atemgeräusch), Bronchospasmus (krampfartige Verengung der Bronchien) oder klinische Zeichen eines Larynxödems (Schwellung des Kehlkopfes)
- Hypotonie (niedriger Blutdruck), Synkope (kurzzeitige Bewusstlosigkeit) oder Kreislaufinstabilität
- Rasch progrediente generalisierte Haut- bzw. Schleimhautreaktionen in Verbindung mit respiratorischen, gastrointestinalen oder kardiovaskulären Symptomen
- Gastrointestinale Blutung, Meläna (schwarzer Teerstuhl) oder Hämatochezie (sichtbares frisches Blut im Stuhl)
- Unbeabsichtigter Gewichtsverlust, persistierendes Fieber oder Anämie (Blutarmut)
- Persistierendes Erbrechen, progrediente Abdominalschmerzen oder nächtliche Diarrhoe
Bei gastrointestinalen Alarmzeichen ist eine organische Erkrankung durch eine gezielte weiterführende Diagnostik abzuklären. Bei Zeichen einer schweren systemischen Hypersensitivitätsreaktion (schwere Überempfindlichkeitsreaktion des gesamten Körpers) ist eine unverzügliche notfallmedizinische Versorgung erforderlich.
Literatur
- Cassella DG, Zignani N, Cavazzuti C et al.: Lactose breath test in adults: Are symptoms predictive of lactose malabsorption? Clin Nutr ESPEN. 2026;72:102831. doi: 10.1016/j.clnesp.2025.11.151.
- Usai-Satta P, Oppia F, Lai M, Cabras F: Hydrogen Breath Tests: Are They Really Useful in the Nutritional Management of Digestive Disease? Nutrients. 2021;13(3):974. doi: 10.3390/nu13030974.
Leitlinien, Referenzwerte und Protokolle
- Hammer HF, Fox MR, Keller J et al.: European guideline on indications, performance, and clinical impact of hydrogen and methane breath tests in adult and pediatric patients: European Association for Gastroenterology, Endoscopy and Nutrition, European Society of Neurogastroenterology and Motility, and European Society for Paediatric Gastroenterology Hepatology and Nutrition consensus. United European Gastroenterol J. 2022;10(1):15-40. doi: 10.1002/ueg2.12133. [LL1]
- Lenti MV, Hammer HF, Tacheci I et al.: European Consensus on Malabsorption-UEG & SIGE, LGA, SPG, SRGH, CGS, ESPCG, EAGEN, ESPEN, and ESPGHAN. Part 1: Definitions, Clinical Phenotypes, and Diagnostic Testing for Malabsorption. United European Gastroenterol J. 2025;13(4):599-613. doi: 10.1002/ueg2.70012. [LL2]
- Perets TT, Thurm T, Ben-Yehoyada M et al.: A national consensus guideline on the performance and interpretation of hydrogen- and methane-based breath tests for carbohydrate malabsorption, small intestinal bacterial overgrowth, and intestinal methanogen overgrowth. Ann Gastroenterol. 2026;39(4):383-389. doi: 10.20524/aog.2026.1082. [LL3]