Ernährungstherapie bei Untergewicht und Mangelernährung
Untergewicht und Mangelernährung bezeichnen Zustände, in denen Energie- und Nährstoffzufuhr über einen längeren Zeitraum nicht ausreichen, um Körpergewicht, Organfunktion, Immunabwehr und funktionelle Leistungsfähigkeit zu erhalten. Betroffen sind nicht nur sehr schlanke Menschen, sondern vor allem Patienten mit akuten oder chronischen Erkrankungen, bei denen der Stoffwechsel gesteigert oder die Nahrungsaufnahme eingeschränkt ist.
Nach aktuellen Konzepten wird Mangelernährung anhand von phänotypischen Kriterien (sichtbare oder messbare körperliche Merkmale, z. B. Gewichtsverlust, niedriger BMI (Body-Mass-Index/Körpermassen-Index), reduzierte Muskelmasse) und ursächlichen Kriterien (z. B. verminderte Nahrungsaufnahme, Malabsorption, Entzündung/Erkrankung) diagnostiziert. Die GLIM-Kriterien (Global Leadership Initiative on Malnutrition) fassen diese Aspekte in einem international anerkannten Diagnose-Framework zusammen und bilden heute die Basis moderner Definitionen in der klinischen Praxis [2].
Untergewicht wird häufig über den BMI definiert (z. B. < 18,5 bei Erwachsenen nach WHO-Einteilung), ist aber immer im Kontext von Muskelmasse, Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) und funktionellem Status zu beurteilen. Entscheidend ist die klinische Relevanz: Schon mäßige, unbeachtete Gewichtsverluste erhöhen Morbidität (Krankheitsbelastung), Mortalität (Sterblichkeit), Komplikationsraten und Krankenhausverweildauer [1, 4].
Wissenschaftliche Grundlagen
Mangelernährung wurde lange Zeit v. a. mit Hunger, Armut oder Katastrophenszenarien assoziiert. In der modernen Medizin rückten zunächst parenterale Ernährung und künstliche Ernährung im intensivmedizinischen Setting in den Fokus. Erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurde deutlich, dass krankheitsassoziierte Mangelernährung in Krankenhäusern, Pflegeheimen und auch im ambulanten Bereich extrem häufig ist und prognostisch ähnlich bedeutsam sein kann wie die Grunderkrankung selbst [1, 4]. Fachgesellschaften wie ESPEN und DGEM haben daraufhin strukturierte Leitlinien zur Diagnostik und Therapie publiziert [3-5].
Medizinisch-pathophysiologisch lassen sich grob zwei Hauptwege unterscheiden [1, 2, 5]:
- Mangelversorgung durch zu geringe Zufuhr oder Malabsorption (z. B. bei Dysphagie (Schluckstörung), Kurzdarmsyndrom)
- Mangelversorgung durch entzündungsgetriebenen Katabolismus mit Appetitlosigkeit und gesteigertem Muskelabbau, wie er bei vielen Tumorerkrankungen, schweren Infektionen oder chronisch-entzündlichen Erkrankungen vorkommt.
In der Praxis überlagern sich diese Mechanismen häufig. Die GLIM-Kriterien versuchen, diese Komplexität in ein praktikables Schema zu bringen: Zunächst erfolgt ein Screening (z. B. NRS‑2002, MUST). Bei Risiko wird dann geprüft, ob mindestens ein phänotypisches und ein ätiologisches Kriterium erfüllt sind, um Mangelernährung zu diagnostizieren und in Schweregrade einzuteilen [2]. Leitlinien wie die ESPEN-Guidelines zu Geriatrie, Onkologie und Hospitalnutrition bauen darauf auf und empfehlen ein systematisches Vorgehen von der Identifikation über die Ernährungstherapie bis zum Monitoring [3-5].
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Ziel der Ernährungstherapie bei Untergewicht und Mangelernährung ist es, eine angemessene Energie- und Nährstoffzufuhr sicherzustellen, um Gewicht und vor allem Muskelmasse aufzubauen oder zu stabilisieren, die funktionelle Kapazität zu verbessern und krankheitsbedingte Komplikationen zu reduzieren.
Im Vordergrund stehen kurzfristig die Stabilisierung des Ernährungszustands und die Vermeidung akuter Risiken (z. B. Refeeding-Syndrom: gefährliche Stoffwechselentgleisung, die auftreten kann, wenn ein stark mangelernährter Mensch plötzlich wieder zu viel Energie (v. a. Kohlenhydrate) bekommt), mittel- bis langfristig die Verbesserung der Lebensqualität, der Autonomie und der Gesamtprognose [1, 3, 4].
Primäre therapeutische Zielparameter sind häufig objektive Messgrößen wie BMI (individuell zu definierende Zielbereiche), Gewichtsverlauf, fettfreie Masse (z. B. bioelektrische Impedanzanalyse, CT-Muskelfläche), Muskelkraft (Handkraft), Ernährungsmarker (z. B. Albumin als Verlaufsparameter mit Vorsicht), Entzündungsmarker sowie Energie- und Proteinbilanz [1, 2].
Sekundäre Ziele umfassen die Verbesserung subjektiver Beschwerden wie Fatigue (Erschöpfung), Appetitlosigkeit und Schwäche, die Steigerung der körperlichen und sozialen Aktivität, die Reduktion von Krankenhausaufenthalten und – falls möglich – die Reduktion von Medikamentendosen (z. B. bei besserer Wundheilung, weniger Infekten) [3-5].
Leitlinien folgen typischerweise einer klaren Logik [2-4]:
- Indikation: Screening und Diagnostik nach GLIM
- Intervention: Stufenplan von energiereicher Kost bis enteraler/parenteraler Ernährung
- Monitoring: regelmäßige Kontrolle von Gewicht, Nahrungsaufnahme, Laborparametern und Funktion
- Risikomanagement: v. a. Refeeding-Syndrom, Elektrolytstörungen, gastrointestinale Unverträglichkeiten
Kurzfristig (Tage bis Wochen) ist eine vorsichtige, aber zügige Steigerung der Energiezufuhr relevant, langfristig (Monate) stehen Erhalt und Ausbau der funktionellen Kapazität und Lebensqualität im Vordergrund [3].
Grundprinzipien
Zunächst soll die Energiezufuhr auf ein Niveau angehoben werden, das den Bedarf deckt und eine moderate Gewichtszunahme ermöglicht (typischerweise ca. 30-40 kcal/kg KG/Tag, individuell anzupassen) [3, 4].
Parallel ist eine hohe Proteinzufuhr entscheidend (meist 1,2-1,5 g Protein/kg KG/Tag, bei ausgeprägtem Katabolismus oder Sarkopenie (Verlust an Muskelmasse, Muskelkraft und Muskelfunktion) teils höher, bei Niereninsuffizienz (Nierenschwäche) angepasst), um den Aufbau oder Erhalt von Muskelmasse zu unterstützen [1-3].
Strukturell hat sich eine hohe Mahlzeitenfrequenz mit 5-7 kleineren Mahlzeiten bewährt, weil große Portionen bei mangelndem Appetit oder früher Sättigung oft nicht toleriert werden. Die normale Kost wird konsequent durch energiedichte Komponenten (z. B. Öle, Sahne, Nüsse) und proteinreiche Zutaten (z. B. Milchpulver, Ei) angereichert. Reicht dies nicht aus, kommen orale bilanzierte Diäten (Trinknahrungen) hinzu. Leitlinien empfehlen, frühzeitig – und nicht erst bei massiver Gewichtsabnahme – auf diese Maßnahmen zurückzugreifen [3-5].
In allen Phasen ist die Kombination mit Bewegungs- bzw. Krafttraining, wenn möglich, zentral, um den anabolen Stimulus der Proteinzufuhr für den Muskelaufbau zu nutzen [1, 3].
Angestrebte Wirkmechanismen
Die erwarteten Effekte der Ernährungstherapie beruhen vor allem auf der Verbesserung der Energie- und Proteinbilanz. Durch eine adäquate Zufuhr werden katabole Prozesse gebremst, die Muskelprotein-Synthese gefördert und der Verlust an fettfreier Masse reduziert oder umgekehrt eine Zunahme ermöglicht [1, 2]. Dies wirkt sich direkt auf Kraft, Mobilität, Sturzrisiko, Wundheilung und Infektanfälligkeit aus [1, 3, 4].
Gleichzeitig wird die Versorgung mit essentiellen Mikronährstoffen (z. B. Vitamin D, B‑Vitamine, Zink) verbessert, die an zahlreichen immunologischen, neurologischen und regenerativen Prozessen beteiligt sind.
Pathophysiologisch plausibel ist, dass eine frühzeitige Ernährungstherapie die proinflammatorische (entzündungsfördernde) und katabole Stoffwechselsituation entschärft, insbesondere in Kombination mit der Behandlung der Grunderkrankung (z. B. Tumortherapie, antiinflammatorische (entzündungshemmende) Therapien).
Mehrere Leitlinien und Reviews sehen eine verbesserte Morbidität und teilweise auch Mortalität bei konsequentem Ernährungsmanagement [1, 3-5].
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Erwachsene mit BMI < 18,5 oder ungewolltem Gewichtsverlust (> 5 % in 3 Monaten oder > 10 % in 6 Monaten), unabhängig vom Ausgangs-BMI [2]
- Geriatrische (ältere) Patienten (häufig mit Multimorbidität, Sarkopenie, Frailty/Gebrechlichkeit), auch bei scheinbar einem BMI im gesunden Bereich, wenn Muskelmasse und Funktion reduziert sind [3]
- Krebspatienten mit Tumorkachexie oder therapiebedingter Inappetenz (z. B. bei Chemotherapie, Radiotherapie) [5]
- Patienten mit chronisch-entzündlichen Erkrankungen (z. B. chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Herzinsuffizienz (Herzschwäche), chronisch entzündliche Darmerkrankung wie Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa) mit Gewichtsverlust und erhöhter Entzündungsaktivität [1, 3].
- Patienten nach größeren Operationen, Intensivaufenthalten oder längerer Immobilisation, insbesondere wenn Muskelmasse deutlich reduziert ist [4]
Eingeschränkte Eignung
- Fortgeschrittene Niereninsuffizienz (z. B. Stadium 4-5) erfordert eine individuelle Anpassung der Proteinzufuhr; hier ist eine enge Abstimmung mit Nephrologie nötig
- Schwere Herzinsuffizienz, schwere Lebererkrankungen und andere Organinsuffizienzen mit Risiko für Volumenüberlastung oder metabolische Entgleisungen
- Ausgeprägte gastrointestinale Beschwerden (z. B. schwere Gastroparese (verzögerter Weitertransport der Nahrung), intestinale Obstruktionen (Darm ist blockiert oder verstopft)), bei denen orale Ernährung nur eingeschränkt möglich ist
Indikationsbezogene Eignung bei medizinischen Ernährungsformen
- Tumorerkrankungen: Frühe Ernährungstherapie wird explizit empfohlen [5].
- Geriatrie/Pflege: Ernährungstherapie dient hier nicht nur der Gewichtszunahme, sondern vor allem dem Erhalt von Selbstständigkeit und Lebensqualität [3].
- Stationäre Patienten allgemein: Systematisches Ernährungsmanagement ist laut ESPEN-Hospital-Guideline Standard der Versorgung [4].
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Zu Beginn steht eine strukturierte Ernährungsanamnese (Essmengen, -zeiten, -vorlieben, Beschwerden), ergänzt durch Daten wie Gewicht, BMI, Gewichtsverlauf, ggf. BIA und Laborwerte. Parallel sollten aktuelle Medikation, Komorbiditäten und funktioneller Status erfasst werden. Auf Basis von Screening (z. B. NRS‑2002) und anschließender GLIM-basierten Diagnostik wird der Schweregrad der Mangelernährung beurteilt und ein individueller Therapieplan erstellt [2-4].
Typische Fehler zu Beginn sind eine zu schnelle Steigerung der Energiezufuhr bei stark unterernährten Patienten (Refeeding-Gefahr), eine unterschätzte Proteinzufuhr (kalorienreich, aber eiweißarm) sowie fehlende Integration der Trinknahrung in den Tagesablauf. Auch wird die nötige Kontinuität oft unterschätzt: Einzelne Trinkflaschen oder wenige energiereiche Mahlzeiten reichen nicht aus, wenn sie nicht über Wochen konsequent umgesetzt werden [1, 3].
Eine sinnvolle Übergangsphase beinhaltet einen behutsamen Kostaufbau. Insbesondere bei ausgeprägter Mangelernährung sollte in den ersten Tagen mit moderater Energiezufuhr begonnen und diese schrittweise gesteigert werden, während Elektrolyte (Phosphat, Kalium, Magnesium) und klinischer Zustand eng überwacht werden. Mentale und organisatorische Aspekte sind zentral: Aufklärung über Ziele und Nutzen, Einbindung von Angehörigen, Berücksichtigung von Geschmacksvorlieben, Essensumgebung und Unterstützung (z. B. beim Öffnen von Trinknahrung, mundgerechtes Anrichten) [3, 4].
Ein typischer Schritt-für-Schritt-Ablauf könnte so aussehen:
- Zunächst Anpassung der normalen Kost (energiedicht, eiweißreich).
- Parallel Einführung von 1-2 Portionen Trinknahrung pro Tag.
- Nach 1-2 Wochen erfolgt eine Evaluation von Gewicht, Nahrungsaufnahme und Verträglichkeit.
- Falls Ziele nicht erreicht werden, wird die Intensität gesteigert (mehr Trinknahrung, hochkalorischere Varianten, ggf. enterale Ernährung über Sonde).
Die Gesamtdauer beträgt häufig mindestens 8-12 Wochen; bei chronischen Erkrankungen kann eine langfristige Unterstützung sinnvoll sein [1, 3].
Das therapeutische Setting hängt von Schweregrad und Komorbiditäten ab: Bei leichten bis moderaten Formen erfolgt die Therapie oft ambulant mit regelmäßigen Kontrollen (Arztpraxis, Ernährungsberatung). Schwere Mangelernährung, hohes Refeeding-Risiko oder komplexe Komorbiditäten erfordern eher ein stationäres Setting und engmaschige ärztliche Überwachung. Leitlinien betonen, dass Ernährungstherapie nicht allein „selbstständig“ erfolgen sollte, sondern im Idealfall ärztlich verordnet und durch Ernährungsfachkräfte begleitet wird [3, 4].
Empfohlene Lebensmittel
Im Zentrum stehen Lebensmittel, die viel Energie und Protein auf kleinem Volumen liefern und gut in den Alltag integriert werden können.
- Milch- und Milchprodukte: Vollmilch, Joghurt (3,5 % Fett oder mehr), Quark, Käse, Skyr – gut anreicherbar mit Sahne, Nüssen, Honig
- Proteinreiche Lebensmittel: Eier, Fisch, Geflügel, Hülsenfrüchte, Tofu – möglichst in leicht verdaulicher Form (z. B. Aufläufe, Eintöpfe)
- Energiedichte Fette: Pflanzliche Öle (z. B. Raps-, Oliven-, Leinöl), Nüsse, Nussmus, Avocado – ideal zum Anreichern von Brotaufstrichen, Salaten oder warmen Gerichten
- Getreide und Kartoffeln: Vollkornprodukte, Haferflocken, Kartoffeln, Reis, Nudeln – gern mit zusätzlichem Fett und Protein kombiniert (z. B. Nudeln mit Käsesauce, Kartoffelbrei mit Sahne)
- Orale bilanzierte Diäten (Trinknahrung): Hochkalorische (1,5-2 kcal/ml) und eiweißreiche Produkte, ggf. auch spezielle Formulierungen (z. B. für onkologische Patienten), in Absprache mit medizinischem Team [3-5]
Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel
Viele gesunde Lebensmittel sättigen stark – dadurch essen Untergewichtige weniger, obwohl sie gesund wären.
- Sehr voluminöse, energiearme Speisen: Große Salatportionen, klare Brühen ohne Einlage, sehr wasserreiche Rohkost – sie können das Sättigungsgefühl erhöhen, ohne ausreichend Energie zu liefern
- Produkte mit hohem Ballaststoffgehalt bei geringem Energiegehalt: Z. B. große Mengen reiner Vollkornprodukte ohne Fett/Proteinbeilage – bei empfindlichem Darm individuell anpassen
- Light-Produkte und stark fettarme Varianten: Light-Joghurt, fettarme Margarine, fettarmer Käse – sie liefern wenig Energie, obwohl das Volumen groß ist
- Zuckerreiche, aber proteinarme Snacks: Reine Süßigkeiten ohne Nährstoffdichte (z. B. Bonbons) sind zwar energiereich, aber ohne Protein und Mikronährstoffe – sie sollten nicht den Hauptteil der Energiezufuhr ausmachen
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Tabakkonsum kann Appetit, Geschmacksempfinden und Wundheilung negativ beeinflussen und das Infektionsrisiko erhöhen.
- Rauchen kann den Energiebedarf erhöhen und gleichzeitig die Nahrungsaufnahme reduzieren – ungünstig bei bestehender Mangelernährung.
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- In moderaten Mengen kann Alkohol kurzfristig appetitanregend wirken, birgt aber Risiken (v. a. Sturzgefahr, Wechselwirkungen mit Medikamenten, Leberbelastung).
- Wenn kein medizinischer Grund für einen vollständigen Verzicht besteht und keine Interaktionen mit Medikamenten vorliegen, orientiert man sich an den üblichen Grenzwerten des Niedrigrisikokonsums (Erwachsene, ohne relevante Vorerkrankungen/Interaktionen):
- Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
- Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol/Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage/Woche
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Untergewichtige sollen mehr Energie auf kleinerem Volumen essen – aber mit hoher Nährstoffqualität. Das gelingt vor allem über:
- Fett- und eiweißreiche Lebensmittel, nicht über reine Zuckerquellen
- Anreicherung von Gerichten
- Mehrere kleine Mahlzeiten über den Tag verteilt (5-7) statt wenige große
- Flüssige oder weiche Speisen, die leicht zu essen sind
- Energiedichte Snacks, die sich nebenbei integrieren lassen – Nüsse und Nussmischungen, Käsewürfel, Oliven + Käse-Spieße, Vollfett-Joghurt mit Honig oder Granola, energiereiche Riegel (Müsli-, Hafer-, Proteinriegel), Mini-Sandwich (z. B. Frischkäse + Avocado)
Energie-Booster
- 1-2 EL Öl in jedes warme Gericht einrühren (Raps-, Oliven-, Leinöl)
- 1-2 EL Nussmus in Haferbrei, Joghurt, Suppen oder Smoothies
- Sahne oder Crème fraîche in Suppen, Soßen, Kartoffelpüree, Rührei
- Butter großzügig auf Brot, in Gemüse, Nudeln
- Milchpulver in Joghurt, Suppen, Rührei, Smoothies
- Käse überbacken oder unterheben
- Rührei mit Käse und Sahne zubereiten
Protein-Booster
- 2-3x täglich Eiweißkomponenten: Ei, Quark, Skyr, Hüttenkäse, Tofu
- 2-3 EL Milchpulver pro Tag (leicht einzurühren)
- 1 Portion Trinknahrung am Tag (bei Bedarf 2)
Einkauf und Vorratshaltung
- Basis-Ausstattung: Haltbare Milch oder Sterilmilch, Sahne, Milchpulver, Nüsse/Nussmus, Haferflocken, Eier, Käse, TK-Gemüse, hochwertige Öle und ggf. Trinknahrung. Sinnvoll ist es, eine Einkaufsliste mit Standardprodukten zu führen, die regelmäßig aufgefüllt wird.
- Angehörige oder Nachbarn können gezielt um Hilfe gebeten werden.
Alltagstauglichkeit bei Beruf, Familie und sozialem Kontext
- Wer tagsüber wenig Zeit oder Appetit hat, kann Mahlzeiten stärker auf die Zeiten legen, in denen das Essen besser gelingt (z. B. energiereiches Frühstück und Abendessen) und dazwischen kleine Snacks einbauen: ein Stück Käse, eine Handvoll Nüsse, ein Joghurt oder eine halbe Flasche Trinknahrung. Im beruflichen Kontext sind gut transportierbare Optionen (Trinknahrung, Energieriegel mit Eiweiß, kleine Nussmischungen, Käsewürfel) hilfreich.
- Im Familien- oder Pflegekontext ist es sinnvoll, die gleiche Mahlzeit für alle zu kochen, aber die Portion des betroffenen Menschen mit zusätzlichen Energie- und Proteinbausteinen anzureichern (z. B. Extralöffel Öl, mehr Käse, ein zusätzliches Ei). So muss nicht doppelt gekocht werden und der soziale Aspekt des gemeinsamen Essens bleibt erhalten.
- Hilfreich sind zudem sichtbare Erinnerungen: Trinknahrung und Snacks sollten im Blickfeld stehen (z. B. auf dem Tisch statt im Schrank), ggf. mit Wecker oder Handy-Erinnerung. Eine einfache Dokumentation (z. B. Häkchenliste am Kühlschrank: „3 Zwischenmahlzeiten heute?“) unterstützt die konsequente Umsetzung, ohne zu sehr zu belasten.
Beispielhafter Tagesplan (ca. 2.500-3.000 kcal, energiedicht, gesund)
Frühstück:
- 2 Rühreier mit Käse
- 1 Scheibe Brot mit Butter
- 1 Joghurt (10 % Fett) mit Honig
- 1 Glas Kakao (mit Vollmilch)
Zwischenmahlzeit am Vormittag:
- 1 Handvoll Nüsse + 1 kleines Obst
Mittagessen:
- Nudeln mit Käsesahnesauce (zusätzlicher Parmesan + 1 EL Öl)
- Gedämpftes Gemüse (mit Butter geschwenkt)
Nachmittags-Snack:
- Griechischer Joghurt (10 %) mit 2 EL Nussmus + Granola
Abendessen:
- Omelette (2 Eier) mit Käse und Gemüse
- 1 kleines Dessert (Eis, Pudding oder Quarkspeise)
Später Snack (optional, wenn noch Appetit):
- 1 Glas Vollmilch
Ernährungsphysiologische Bewertung
Ernährungsphysiologisch zielt die Therapie auf eine energie- und proteinreiche, insgesamt aber weiterhin ausgewogene Kost ab. Die Energiezufuhr ist abhängig von Alter, Aktivität und Krankheitsstatus. Es sollte eine langsame, aber stetige Gewichtszunahme oder zumindest Stabilisierung erreicht werden [1, 3, 4].
Die Proteinzufuhr ist mit 1,2-1,5 g/kg KG/Tag deutlich höher als in der üblichen Allgemeinbevölkerung empfohlen, um Muskelmasseaufbau und -erhalt zu unterstützen. Bei fortgeschrittener Niereninsuffizienz ist eine individuelle Anpassung unter nephrologischer Mitbetreuung erforderlich [2, 3].
Übermäßig ballaststoffreiche Kost kann bei geringem Appetit ungünstig sein, da sie das Sättigungsgefühl stark erhöht. Dennoch sollte langfristig eine ausreichende, aber nicht exzessive Ballaststoffzufuhr angestrebt werden, um Darmgesundheit und Stoffwechsel zu unterstützen.
Mikronährstoffe (Vitalstoffe) spielen eine zentrale Rolle: Vitamin D, B‑Vitamine (insbesondere B12 und Folsäure), Eisen, Zink, Selen und Magnesium sind häufig kritisch und sollten gezielt geprüft und bei Mängeln substituiert werden [1, 3].
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Die wichtigste kurzfristige Komplikation ist das Refeeding-Syndrom, das bei stark unterernährten Patienten auftreten kann, wenn die Energiezufuhr zu schnell gesteigert wird. Typisch sind rasche Abfälle von Phosphat, Kalium und Magnesium, Flüssigkeitsverschiebungen und kardiale (das Herz betreffende) Komplikationen. Daher empfehlen Leitlinien bei Hochrisikopatienten einen schrittweisen Kostaufbau mit engmaschiger Elektrolytkontrolle [1, 3, 4].
Daneben können gastrointestinale Beschwerden wie Übelkeit, Blähungen oder Durchfall auftreten, insbesondere bei sehr fettreicher Kost, ungewohnt hoher Proteinzufuhr oder unzureichend angepasster Trinknahrung. Dies lässt sich meist durch schrittweise Steigerung, Anpassung der Produktwahl (z. B. andere Geschmackssorten, andere Konsistenz) und individuelle Beratung beherrschen [3, 5].
Langfristig drohen ohne angemessene Planung Nährstoffungleichgewichte: Wird der Fokus ausschließlich auf Energie gelegt (z. B. durch Zucker und Fett ohne Protein), kann zwar Gewicht zunehmen, aber die Muskelmasse trotzdem gering bleiben. Die Kombination mit körperlicher Aktivität ist entscheidend, um eine reine Fettzunahme zu vermeiden. Relevante Wechselwirkungen mit Medikamenten (z. B. Insulinbedarf bei Diabetes mellitus, Diuretika (entwässernde Medikamente) und Elektrolyte, Antikoagulanzien (Blutverdünner) und Vitamin-K-Zufuhr) sind zu berücksichtigen und erfordern ggf. eine Anpassung der Medikamente in Absprache mit dem ärztlichen Team [1, 3, 4].
Auch psychische Aspekte dürfen nicht unterschätzt werden: Essensdruck, Schuldgefühle oder Frustration bei ausbleibender Gewichtszunahme können die Umsetzbarkeit im Alltag beeinträchtigen. Eine wertschätzende, realistische Aufklärung („kleine Schritte, aber konsequent“) sowie evtl. psychosoziale Unterstützung sind hier Teil einer ganzheitlichen Risikoprävention.
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Akutes, unbehandeltes Refeeding-Syndrom → zunächst Stabilisierung und Elektrolytausgleich, erst dann erneuter, vorsichtiger Kostaufbau
- Akute intestinale Obstruktion (Blockade im Darm) oder Ileus (Darmverschluss) → orale/enterale Ernährung bis zur Klärung nicht indiziert
- Schwere hämodynamische Instabilität (Kreislauf und Blutdruck sind nicht stabil, sodass wichtige Organe nicht ausreichend mit Blut und Sauerstoff versorgt werden können) → orale/enterale Zufuhr ist aktuell nicht möglich oder gefährlich
Relative Kontraindikationen (mit Monitoringbedarf)
- Fortgeschrittene Niereninsuffizienz (z. B. Stadium 4-5) bei hoher Proteinzufuhr → strenge Kontrolle von Nierenfunktion, Elektrolyten und Azidose (Übersäuerung).
- Schwere Herzinsuffizienz mit Risiko für Volumenüberlastung → Flüssigkeitszufuhr und Natriumgehalt der Nahrung müssen angepasst und überwacht werden
- Schwere Leberinsuffizienz (Leberschwäche) mit Neigung zu Enzephalopathie (Funktionsstörung des Gehirns) → Proteinzufuhr und Proteinquelle (z. B. anteilig pflanzliches Eiweiß) müssen individuell angepasst werden
Vorteile
- Kurzfristig kann sie zu einer Stabilisierung oder Zunahme von Gewicht und Muskelkraft, einer besseren Verträglichkeit medizinischer Therapien (z. B. Chemotherapie) und einer geringeren Komplikationsrate führen.
- Mittelfristig verbessern sich häufig die körperliche Leistungsfähigkeit, die Mobilität und die Selbstständigkeit im Alltag, was besonders bei älteren Menschen eine große Rolle spielt.
- Langfristig können Krankenhausaufenthalte, Pflegebedürftigkeit und Mortalität reduziert werden, insbesondere wenn die Ernährungstherapie frühzeitig und konsequent umgesetzt wird [1,3-5].
Grenzen
- Appetitlosigkeit, Geschmacksveränderungen oder Übelkeit begrenzen oft die orale Zufuhr, selbst bei optimaler Anreicherung.
- Soziale, finanzielle oder organisatorische Hürden (z. B. Einsamkeit, geringe Unterstützung, Kosten für bestimmte Produkte) können die Umsetzung erschweren.
- In fortgeschrittenen Erkrankungsstadien (palliative Situationen) kann Gewichtsstabilisierung manchmal wichtiger sein als Zunahme, und der Fokus verschiebt sich auf Komfort und Symptomkontrolle.
Wissenschaftliche Einordnung
Die Studienlage zur Ernährungstherapie bei Mangelernährung ist insgesamt robust und konsistent: Zahlreiche Beobachtungsstudien und Interventionsstudien zeigen, dass Mangelernährung mit schlechteren Outcomes assoziiert ist und gezielte Ernährungstherapie klinisch relevante Vorteile bringt [1, 3-5].
Insbesondere bei älteren Menschen, onkologischen und hospitalisierten Patienten konnte gezeigt werden, dass ein strukturiertes Ernährungsmanagement zu besserer Funktion, geringerer Komplikationsrate und teilweise auch zu reduzierter Mortalität führt [1, 3, 4].
Fachgesellschaften wie ESPEN und nationale Gesellschaften (z. B. DGEM) empfehlen übereinstimmend, Mangelernährung systematisch zu screenen, nach standardisierten Kriterien zu diagnostizieren (z. B. GLIM) und frühzeitig zu behandeln [2-5]. Die Leitlinien stützen sich dabei auf eine Mischung aus randomisierten Studien, Metaanalysen und hochwertigen Beobachtungsdaten. Wo die Evidenzlage noch begrenzt ist (z. B. optimale Proteinmengen bei bestimmten Komorbiditäten, Rolle spezifischer Supplemente), werden Empfehlungen als Expertenkonsens gekennzeichnet.
Fazit
Im Vergleich zu vielen anderen Ernährungsformen ist die Ernährungstherapie bei Mangelernährung ein medizinisch notwendiger Baustein der Behandlung. Sie ist evidenzbasiert, in Leitlinien verankert und in ihrer Bedeutung für die Prognose mit Medikamenten- oder Physiotherapie vergleichbar.
Mangelernährung sollte systematisch erkannt, ernst genommen und aktiv behandelt werden – früh, konsequent und interdisziplinär. Wo Grenzen erreicht sind, etwa in palliativen Situationen oder bei schweren Komorbiditäten, bleibt Ernährungstherapie dennoch ein wichtiges Instrument, um Komfort und Symptomlast positiv zu beeinflussen. Insgesamt ist sie ein hochwirksamer, vergleichsweise risikoarmer und kosteneffektiver Ansatz, der in keiner umfassenden Therapieplanung fehlen darf.
Literatur
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