Ernährungstherapie bei Gicht/Hyperurikämie
Gicht ist eine entzündliche Stoffwechselerkrankung, die durch erhöhte Harnsäurespiegel im Blut (Hyperurikämie) gekennzeichnet ist. Überschreitet die Harnsäurekonzentration die Löslichkeitsgrenze, können sich Mononatriumuratkristalle bilden, die sich vor allem in Gelenken, Weichteilen und Nieren ablagern. Dies führt zu akuten entzündlichen Schüben mit starken Schmerzen (Gichtarthritis) sowie langfristig zu Gelenkschäden und Komplikationen wie Nephrolithiasis (Harnsäuresteinen).
Die Ernährung spielt eine zentrale Rolle, da sie sowohl die Harnsäureproduktion als auch die Ausscheidung von Harnsäure über die Nieren beeinflusst. Ernährungstherapeutische Maßnahmen sind daher ein grundlegender Bestandteil der Behandlung von Hyperurikämie und Gicht.
Wissenschaftliche Grundlagen
Gicht gehört zu den ältesten beschriebenen Stoffwechselerkrankungen der Medizin. Historische Quellen aus der Antike beschreiben bereits den Zusammenhang zwischen üppiger Ernährung, Alkoholkonsum und dem Auftreten schmerzhafter Gelenkentzündungen. Lange Zeit wurde Gicht deshalb als Wohlstandskrankheit bezeichnet. Erst im Verlauf des 20. Jahrhunderts wurden die biochemischen Zusammenhänge des Purinstoffwechsels genauer verstanden.
Harnsäure entsteht beim Abbau von Purinen. Purine sind stickstoffhaltige Verbindungen, die Bestandteil der DNA und RNA aller Zellen sind. Sie entstehen sowohl endogen im Stoffwechsel als auch durch den Abbau von Körperzellen und werden zusätzlich über die Nahrung aufgenommen. Besonders purinreich sind tierische Lebensmittel wie Fleisch, Innereien und bestimmte Fischarten. Beim Purinabbau entsteht Harnsäure, die beim Menschen das Endprodukt dieses Stoffwechselweges darstellt.
Im physiologischen Zustand wird Harnsäure zu etwa zwei Dritteln über die Nieren und zu etwa einem Drittel über den Darm ausgeschieden. Kommt es zu einer Überproduktion von Harnsäure oder zu einer verminderten Ausscheidung, steigt die Konzentration im Blut an. Überschreitet sie die Löslichkeitsgrenze von etwa 6,8 mg/dl, können sich Mononatriumuratkristalle bilden, die in Gelenken und Geweben entzündliche Reaktionen auslösen.
Heute gilt als gesichert, dass bei etwa 80-90 % der Patienten mit Hyperurikämie primär eine verminderte renale Harnsäureausscheidung vorliegt, während eine Überproduktion seltener ist. Neben genetischen Faktoren spielen dabei Lebensstilfaktoren eine wichtige Rolle, insbesondere Ernährung, Alkohol, Übergewicht und Insulinresistenz. Moderne Leitlinien betrachten Gicht deshalb zunehmend als metabolische Systemerkrankung, die eng mit Adipositas, Hypertonie (Bluthochdruck), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung) und Diabetes mellitus verknüpft ist [1, 2].
Zielsetzung der Ernährungstherapie
Die Ernährungstherapie ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung von Hyperurikämie und Gicht und verfolgt mehrere therapeutische Ziele. Im Vordergrund steht die Senkung der Serumharnsäure, da erhöhte Harnsäurespiegel die Voraussetzung für die Bildung von Uratkristallen und damit für Gichtanfälle darstellen. Leitlinien empfehlen in der Regel einen Zielwert von unter 6 mg/dl (360 µmol/l), bei schweren Verläufen teilweise noch niedrigere Zielwerte [1].
Durch eine geeignete Ernährung sollen außerdem akute Gichtanfälle reduziert und langfristige Komplikationen wie Gelenkdestruktionen, Tophi (knötchenartige Ablagerungen von Mononatriumuratkristallen im Gewebe, die bei chronischer Gicht entstehen) oder Harnsäuresteine verhindert werden. Gleichzeitig zielt die Ernährungstherapie darauf ab, metabolische Begleiterkrankungen günstig zu beeinflussen. Da viele Gichtpatienten gleichzeitig unter Übergewicht, Insulinresistenz oder kardiovaskulären Risikofaktoren leiden, hat eine Ernährungsumstellung häufig einen umfassenden gesundheitlichen Nutzen.
Neben der Senkung der Harnsäurewerte spielt auch die Verbesserung der Lebensqualität eine wichtige Rolle. Häufige Gichtanfälle führen zu Schmerzen, Bewegungseinschränkungen und Arbeitsausfällen. Eine stabile Stoffwechsellage kann dazu beitragen, solche Episoden deutlich zu reduzieren.
Im Sinne der Leitlinienlogik lässt sich die Ernährungstherapie folgendermaßen einordnen [1, 2]:
- Bei diagnostizierter Hyperurikämie oder Gicht erfolgt zunächst eine Analyse der Ernährungs- und Lebensgewohnheiten.
- Anschließend werden purinreiche Lebensmittel reduziert, fructosehaltige Getränke eingeschränkt und der Alkoholkonsum angepasst.
- Ergänzend werden Maßnahmen zur Gewichtsnormalisierung empfohlen.
- Der Verlauf wird durch regelmäßige Kontrolle der Harnsäurewerte sowie durch die Beobachtung der Anfallshäufigkeit überwacht.
Grundprinzipien
Die Ernährungstherapie bei Gicht basiert auf mehreren grundlegenden Prinzipien, die darauf abzielen, sowohl die Harnsäureproduktion zu reduzieren als auch die Harnsäureausscheidung zu verbessern. Klassisch stand lange Zeit eine strikte purinarme Diät im Mittelpunkt. Moderne ernährungsmedizinische Konzepte verfolgen jedoch einen breiteren Ansatz und berücksichtigen das gesamte Ernährungsmuster.
Heute wird häufig eine mediterran orientierte Ernährung empfohlen. Diese Ernährungsform zeichnet sich durch einen hohen Anteil an Gemüse, Obst, Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Nüssen und pflanzlichen Ölen aus und wird mit günstigen Effekten auf Entzündungsprozesse, das Körpergewicht sowie metabolische Risikofaktoren in Verbindung gebracht.
Ein zentrales Element bleibt dennoch die Reduktion purinreicher Lebensmittel. Besonders hohe Purinmengen finden sich in Innereien, einigen Fischarten sowie großen Mengen Fleisch. Gleichzeitig wird eine pflanzenbetonte Ernährung empfohlen, da pflanzliche Lebensmittel trotz teilweise vorhandener Purine das Gichtrisiko insgesamt nicht erhöhen und häufig sogar günstige metabolische Effekte zeigen.
Ein weiterer wichtiger Faktor ist der Alkoholkonsum. Alkohol hemmt die Harnsäureausscheidung über die Niere und kann gleichzeitig den Purinstoffwechsel beeinflussen. Besonders Bier erhöht das Risiko für Gichtanfälle, da es sowohl Alkohol als auch purinreiche Hefebestandteile enthält.
Auch Fructose (Fruchtzucker) spielt eine bedeutende Rolle. Besonders relevant sind hierbei zuckerhaltige Softdrinks und größere Mengen Fruchtsaft. Hohe Mengen an Fructose können im Stoffwechsel zu einem verstärkten Abbau von ATP (Adenosintriphosphat, dem zentralen Energiespeicher der Zellen) führen. Bei diesem Prozess entstehen Zwischenprodukte, aus denen schließlich Harnsäure gebildet wird, sodass der Harnsäurespiegel im Blut ansteigen kann. Studien zeigen, dass der regelmäßige Konsum fructosereicher Getränke mit einem erhöhten Gichtrisiko verbunden ist [3]: Bei Frauen erhöht bereits ein fructosehaltiges Getränk pro Tag das Risiko etwa um das 1,74-Fache, bei zwei oder mehr Getränken täglich um etwa das 2,39-Fache. Bei Männern steigt das Risiko um etwa das 1,45-Fache bei einem Getränk täglich und um etwa das 1,85-Fache bei zwei oder mehr Getränken pro Tag [6].
Weitere Ernährungsfaktoren können den Harnsäurespiegel ebenfalls beeinflussen. Der regelmäßige Konsum größerer Mengen von Getränken oder Lebensmitteln mit Zuckeraustauschstoffen wie Sorbit oder Xylit kann mit einem erhöhten Risiko für Hyperurikämie bzw. Gicht verbunden sein [7]. Auch eine sehr hohe Zufuhr von Vitamin A, insbesondere durch hochdosierte Nahrungsergänzungsmittel, kann mit erhöhten Harnsäurespiegeln assoziiert sein [8, 9].
Angestrebte Wirkmechanismen
Die positiven Effekte der Ernährungstherapie bei Gicht beruhen auf mehreren physiologischen Mechanismen. Ein wichtiger Mechanismus ist die Verringerung der Harnsäurebildung durch eine reduzierte Aufnahme purinreicher Lebensmittel. Da Purine beim Abbau direkt zur Bildung von Harnsäure führen, kann eine geringere Purinzufuhr die Gesamtproduktion senken.
Ein weiterer Mechanismus betrifft die renale Harnsäureausscheidung. Übergewicht und Insulinresistenz führen häufig zu einer verminderten renalen Uratclearance (Fähigkeit der Nieren, Harnsäure (Urat) aus dem Blut zu entfernen und über den Urin auszuscheiden). Gewichtsreduktion und metabolische Verbesserungen können diese Ausscheidungsfunktion wieder verbessern und damit den Harnsäurespiegel senken [4].
Auch bestimmte Lebensmittelgruppen haben spezifische Effekte. Milchprodukte können beispielsweise die Harnsäureausscheidung fördern und werden in epidemiologischen Studien mit einem geringeren Gichtrisiko in Verbindung gebracht. Pflanzliche Lebensmittel liefern zudem Ballaststoffe, Polyphenole und andere sekundäre Pflanzenstoffe, die entzündungsmodulierende Eigenschaften besitzen.
Ferner wird angenommen, dass entzündungshemmende Ernährungsmuster – etwa mediterrane Ernährung – systemische Entzündungsprozesse reduzieren können. Da Gichtanfälle letztlich eine Immunreaktion auf Uratkristalle darstellen, könnten solche Effekte zur Verringerung der Anfallshäufigkeit beitragen.
Zielgruppen und Ausschlusskriterien
Geeignete Zielgruppen
- Personen mit asymptomatischer Hyperurikämie
- Patienten mit diagnostizierter Gicht
- Patienten mit metabolischem Syndrom (klinische Bezeichnung für die Symptomkombination Adipositas, Hypertonie (Bluthochdruck), erhöhte Nüchternglucose und Nüchterninsulin-Serumspiegel (Insulinresistenz) sowie Fettstoffwechselstörung)
- Personen mit Übergewicht oder Adipositas
- Patienten mit Harnsäuresteinen
- Erwachsene und ältere Patienten
Eingeschränkte Eignung
- Untergewichtige Patienten
- Schwere chronische Erkrankungen mit erhöhtem Energiebedarf
Indikationsbezogene Eignung
- Gichtarthritis
- Hyperurikämie
- Metabolisches Syndrom
- Adipositas
- Insulinresistenz
Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie
Zu Beginn der Ernährungstherapie steht in der Regel eine strukturierte Analyse der bisherigen Ernährungsgewohnheiten. Dabei werden insbesondere purinreiche Lebensmittel, alkoholische Getränke, zuckerhaltige Getränke und hochverarbeitete Lebensmittel erfasst. Ziel ist es, individuelle Auslöser und ungünstige Ernährungsmuster zu erkennen.
Ein häufiger Fehler besteht darin, die Ernährung zu abrupt und zu stark einzuschränken. Sehr strenge Diäten sind meist schwer langfristig einzuhalten und können sogar kurzfristig die Harnsäure erhöhen, etwa bei starkem Gewichtsverlust. Daher wird in der Praxis meist eine schrittweise Umstellung empfohlen.
Der erste Schritt besteht häufig in der Reduktion besonders purinreicher Lebensmittel wie Innereien oder sehr großer Fleischportionen. Parallel wird der Alkoholkonsum überprüft und gegebenenfalls reduziert. Anschließend wird der Anteil pflanzlicher Lebensmittel erhöht und die Ernährung insgesamt ballaststoffreicher gestaltet.
In der Ernährungsmedizin wird häufig zwischen einer purinarmen und einer streng purinarmen Ernährung unterschieden. Als Orientierung gelten folgende Richtwerte:
- Purinarme Kost: weniger als etwa 3.000 mg Harnsäure pro Woche
- Streng purinarme Diät: maximal etwa 2.000 mg Harnsäure pro Woche
Ein Rechenbeispiel verdeutlicht die Bedeutung der Purinzufuhr: Ein gesunder Mensch scheidet im Durchschnitt etwa 400-800 mg Harnsäure pro Tag aus. Bereits 100 g Kalbsbries enthalten jedoch etwa 525 mg Purine, aus denen im Stoffwechsel etwa 1.260 mg Harnsäure entstehen. Damit übersteigt eine solche Portion deutlich die tägliche Ausscheidungskapazität des Körpers.
Bei übergewichtigen Patienten spielt auch eine moderate Gewichtsreduktion eine wichtige Rolle. Bereits eine Gewichtsabnahme von etwa fünf bis zehn Prozent des Körpergewichts kann die Harnsäurespiegel verbessern.
Die Ernährungstherapie ist grundsätzlich langfristig angelegt und sollte nicht als kurzfristige Diät verstanden werden. Regelmäßige Kontrollen der Harnsäurewerte helfen dabei, den Erfolg der Maßnahmen zu beurteilen und gegebenenfalls Anpassungen vorzunehmen.
Empfohlene Lebensmittel
Eine gichtgerechte Ernährung basiert vor allem auf pflanzenreichen, wenig verarbeiteten Lebensmitteln. Sie liefern Ballaststoffe, Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe und enthalten meist nur wenig Purine.
- Gemüse (reichlich, täglich): z. B. Brokkoli, Paprika, Karotten, Zucchini, Tomaten, Spinat, Salate
- Obst (1-2 Portionen täglich): z. B. Beeren, Äpfel, Birnen, Orangen
- Vollkornprodukte: z. B. Haferflocken, Vollkornbrot, Vollkornnudeln, Naturreis
- Hülsenfrüchte: z. B. Linsen, Bohnen, Kichererbsen
- Fettarme Milchprodukte: z. B. Naturjoghurt, Skyr, Quark, fettarme Milch
- Nüsse und Samen: z. B. Mandeln, Walnüsse, Haselnüsse, Leinsamen, Chiasamen
- Pflanzliche Öle: vor allem Olivenöl und Rapsöl
Typische Beispiele für Mahlzeiten
- Gemüsepfanne mit Naturreis oder Vollkornnudeln
- Großer Salat mit Kichererbsen, Tomaten, Gurke und Olivenöl
- Naturjoghurt oder Skyr mit Beeren und einer Handvoll Nüsse
- Haferflocken mit Joghurt, Obst und Nüssen
- Vollkornbrot mit Hüttenkäse und Gemüse
Nicht empfohlene bzw. möglichst zu vermeidende Lebensmittel
Einige Lebensmittel enthalten besonders viele Purine oder fördern die Harnsäurebildung und sollten daher möglichst selten verzehrt werden.
- Innereien: z. B. Leber, Niere, Herz
- Rotes Fleisch: z. B. Rind, Schwein oder Lamm – besser nur 2-3-mal pro Woche in kleinen Portionen (ca. 80-120 g)
- Bestimmte Fischarten mit hohem Puringehalt: z. B. Sardinen, Hering, Makrele
- Stark zuckerhaltige Getränke: z. B. Cola, Limonaden, Energydrinks, stark gesüßte Eistees
- Stark verarbeitete Lebensmittel: z. B. Fertiggerichte, Wurstwaren, stark gezuckerte Snacks
Genussmittelkonsum
Tabak (Rauchen)
- Erhöht das kardiovaskuläre Risiko, das bei Gichtpatienten ohnehin erhöht ist
- Kann entzündliche Prozesse fördern
- Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.
Alkohol
- Alkohol erhöht das Risiko für Gichtanfälle [5]
- Besonders ungünstig: Bier (auch alkoholfreies Bier) und Spirituosen
- Hemmt die Harnsäureausscheidung
- Bei bestehender Gicht wird häufig eine deutliche Reduktion oder ein weitgehender Verzicht empfohlen.
Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag
Beim Einkaufen
- Fleischportionen bewusst klein halten (z. B. 80-120 g statt großer Portionen)
- Häufiger zu pflanzlichen Proteinquellen greifen (Linsen, Bohnen, Tofu)
- Stark zuckerhaltige Getränke vermeiden
- Frische Lebensmittel bevorzugen statt stark verarbeiteter Produkte
Bei der Mahlzeitenplanung
- Hauptmahlzeiten nach dem „Tellerprinzip“ gestalten:
- Hälfte Gemüse
- ein Viertel Vollkornprodukte
- ein Viertel Proteinquelle
- Fleisch nicht täglich einplanen
- Pflanzliche Gerichte regelmäßig integrieren
Im Alltag und Beruf
- Ausreichend trinken (mindestens etwa 2 Liter täglich, sofern medizinisch nichts dagegen spricht)
- Wasser oder ungesüßten Tee bevorzugen
- Lange Fastenphasen vermeiden
Im Restaurant
- Kleinere Fleischportionen wählen
- Mehr Gemüsebeilagen bestellen
- Bier möglichst meiden
Bei Heißhunger oder Snacks
- Joghurt, Nüsse oder Obst statt süßer Snacks
- Zuckerhaltige Getränke durch Wasser oder Mineralwasser ersetzen
Ernährungsphysiologische Bewertung
Aus ernährungsphysiologischer Sicht stellt eine gichtgerechte Ernährung in der Regel eine ausgewogene und gesundheitsfördernde Ernährungsweise dar. Sie basiert auf einer hohen Zufuhr pflanzlicher Lebensmittel, einer moderaten Proteinaufnahme und einer begrenzten Aufnahme purinreicher tierischer Produkte. Dadurch entspricht sie weitgehend den allgemeinen Empfehlungen für eine präventive Ernährung.
Die Proteinversorgung sollte in der Regel etwa 0,8-1,0 g pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag betragen. Ein Teil des Proteins kann dabei problemlos aus pflanzlichen Quellen stammen, beispielsweise aus Hülsenfrüchten, Nüssen oder Vollkornprodukten. Milchprodukte gelten trotz ihres Proteingehalts als günstig, da sie die Harnsäureausscheidung fördern können.
Die Kohlenhydratzufuhr sollte überwiegend aus komplexen Kohlenhydratquellen wie Vollkornprodukten stammen. Zuckerreiche Lebensmittel und Getränke, insbesondere solche mit hohem Fructosegehalt, sollten reduziert werden. Fett sollte vor allem aus ungesättigten Fettsäuren stammen, etwa aus pflanzlichen Ölen, Nüssen oder Samen.
Durch den hohen Anteil an Gemüse, Obst und Vollkornprodukten liefert diese Ernährungsweise in der Regel ausreichend Ballaststoffe sowie wichtige Mikronährstoffe wie Vitamin C, Kalium und Magnesium. Insgesamt gilt eine gichtgerechte Ernährung daher als langfristig ausgewogen und gesundheitlich vorteilhaft.
Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen
Die Ernährungstherapie bei Gicht gilt grundsätzlich als sicher. Dennoch können bei ungünstiger Umsetzung einige Risiken auftreten.
Sehr strenge purinarme Diäten können zu einer unnötigen Einschränkung der Proteinaufnahme führen. Wird gleichzeitig der Fleischkonsum stark reduziert, ohne geeignete pflanzliche oder milchbasierte Proteinquellen zu integrieren, kann langfristig eine unzureichende Proteinversorgung entstehen.
Ein weiteres potentielles Problem ist eine zu schnelle Gewichtsreduktion. Extrem kalorienarme Diäten, Crash-Diäten oder längere Fastenphasen können den Harnsäurespiegel kurzfristig erhöhen, da beim Abbau körpereigener Gewebe zusätzliche Purine freigesetzt werden. In solchen Situationen kann es paradoxerweise sogar zu Gichtanfällen kommen.
Auch sehr ballaststoffreiche Ernährung kann zu Beginn vorübergehend gastrointestinale Beschwerden wie Blähungen oder Völlegefühl verursachen. Diese Symptome sind meist harmlos und verschwinden nach einer Anpassungsphase.
Langfristige gesundheitliche Risiken der Ernährungstherapie sind jedoch selten. Im Gegenteil wird eine pflanzenreiche Ernährung häufig mit positiven Effekten auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes mellitus und Adipositas in Verbindung gebracht. Da Gichtpatienten ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko haben, kann eine solche Ernährungsweise auch aus präventiver Sicht besonders sinnvoll sein [1].
Kontraindikationen (Gegenanzeigen)
Absolute Kontraindikationen
- Keine
Relative Kontraindikationen (ggf. mit Monitoringbedarf)
- Schwere Niereninsuffizienz (Nierenschwäche)
- Ausgeprägte Mangelernährung
- Essstörungen
In diesen Fällen sollte die Ernährungstherapie individuell angepasst und ärztlich begleitet werden.
Vorteile
- Senkung der Harnsäurespiegel
- Reduktion von Gichtanfällen
- Verbesserung metabolischer Risikofaktoren
- Unterstützung der Gewichtsreduktion
- Günstige Effekte auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen
Grenzen
- Begrenzte Senkung der Harnsäurewerte
- Genetische Faktoren bleiben unbeeinflusst
- Bei ausgeprägter Hyperurikämie meist nicht ausreichend
In vielen Fällen ist daher zusätzlich eine medikamentöse Therapie erforderlich.
Wissenschaftliche Einordnung
Die wissenschaftliche Evidenz zeigt eindeutig, dass Lebensstil und Ernährung eine relevante Rolle bei der Entstehung und dem Verlauf der Gicht spielen. Internationale Leitlinien – insbesondere die Empfehlungen des American College of Rheumatology (ACR) und der European League Against Rheumatism (EULAR) – betonen die Bedeutung von Gewichtsreduktion, Alkoholreduktion und einer insgesamt gesunden Ernährung als Basis der Therapie [1, 2].
Systematische Reviews und Metaanalysen zeigen, dass insbesondere der Konsum fructosereicher Getränke sowie hoher Alkoholkonsum mit einem deutlich erhöhten Risiko für Hyperurikämie und Gichtanfälle verbunden sind [3]. Gleichzeitig weisen epidemiologische Studien darauf hin, dass mediterrane oder pflanzenbetonte Ernährungsmuster mit einem geringeren Gichtrisiko assoziiert sein können.
Allerdings zeigt die Studienlage auch, dass Ernährung allein meist nur eine moderate Senkung der Harnsäurewerte bewirkt. Typischerweise lassen sich durch Lebensstilmaßnahmen Reduktionen von etwa 0,5-1 mg/dl erreichen. Bei deutlich erhöhten Harnsäurespiegeln oder bei häufigen Gichtanfällen ist deshalb zusätzlich eine medikamentöse Therapie erforderlich.
Fazit
Die Ernährungstherapie ist ein zentraler Bestandteil der Behandlung von Hyperurikämie und Gicht. Durch eine purinbewusste, pflanzenreiche und metabolisch günstige Ernährung lassen sich Harnsäurespiegel senken, Gichtanfälle reduzieren und metabolische Begleiterkrankungen positiv beeinflussen.
Aus ernährungsmedizinischer Sicht stellt eine moderate, langfristig umsetzbare Ernährungsumstellung die sinnvollste Strategie dar. Sie sollte nicht als kurzfristige Diät verstanden werden, sondern als dauerhafte Anpassung des Lebensstils. Bei ausgeprägter Hyperurikämie oder häufigen Gichtanfällen ist jedoch meist eine Kombination aus Ernährungstherapie und medikamentöser Behandlung erforderlich.
Literatur
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