Ernährungstherapie bei Diabetes mellitus Typ 2

Diabetes mellitus Typ 2 ist eine chronische Stoffwechselerkrankung. Im Zentrum stehen zwei pathophysiologische Prozesse: Die Körperzellen reagieren zunehmend schlechter auf Insulin (Insulinresistenz), und gleichzeitig nimmt die Insulinproduktion der Bauchspeicheldrüse (Pankreas) im Verlauf ab (fortschreitende β-Zell-Dysfunktion). Die Folge sind dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte – zunächst vor allem nach dem Essen, später häufig auch nüchtern – sowie ein erhöhtes Risiko für diverse Folgeerkrankungen. Dazu zählen insbesondere Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, der Nieren (diabetische Nephropathie), der Augen (diabetische Retinopathie) und der peripheren Nerven (diabetische Polyneuropathie) [1, 2].

Es ist möglich, dass sich die Stoffwechsellage durch relevante Gewichtsreduktion und Lebensstiländerung so deutlich verbessert, dass die Blutzuckerwerte ohne Medikamente wieder im Normalbereich liegen (→ Remission/Rückbildung der Erkrankung, keine Heilung). Die Ernährungstherapie ist dabei keine kurzfristige Diät im Sinne restriktiver Verbote, sondern ein strukturiertes, langfristig angelegtes Behandlungselement. Ziel ist es, Blutzuckerwerte und HbA1c (Langzeitblutzuckerwert) zu verbessern, das kardiometabolische Gesamtrisiko zu senken (z. B. Blutdruck, Blutfette, Gefäßrisiko), eine nachhaltige Gewichtsregulation zu unterstützen und die Lebensqualität zu erhöhen.

Beachte: Menschen mit Typ-2-Diabetes benötigen keine spezielle Diabeteskost. Empfohlen wird – wie für die Allgemeinbevölkerung – eine ausgewogene, ballaststoffreiche Ernährungsweise mit überwiegend unverarbeiteten Lebensmitteln, hochwertiger Fettqualität, ausreichender Proteinzufuhr, einer bewussten Auswahl und Portionierung von Kohlenhydraten sowie einer insgesamt moderaten Energiedichte.

Die konkrete Ausgestaltung erfolgt individuell. Sie richtet sich nach Ausgangsgewicht und Fettverteilung, bestehenden Komorbiditäten (z. B. Steatosis hepatis (Fettleber), Hypertonie (Bluthochdruck), chronische Nierenerkrankung), Alltagsbedingungen sowie der aktuellen Medikation. Besonders relevant ist dabei das Risiko für Hypoglykämien (Unterzuckerungen) unter Insulintherapie oder der Einnahme von Sulfonylharnstoffen. Entsprechend wird die Ernährungstherapie geplant, regelmäßig überwacht (z. B. HbA1c, Gewicht bzw. Taillenumfang, Glucoseprofile) und bei Bedarf angepasst [1, 2].

Wissenschaftliche Grundlagen

Die Ernährungstherapie bei Typ-2-Diabetes hat sich von rein kohlenhydratfokussierten „Zuckerdiäten“ hin zu personenzentrierten Ernährungsstrategien entwickelt. Moderne Leitlinien betonen weniger starre Makronährstoffquoten, sondern priorisieren Energie- und Gewichtsmanagement, Lebensmittelqualität, kardiovaskuläre Risikoreduktion sowie die Einbettung in Lebensstil und Pharmakotherapie [1, 2].

Medizinisch basiert die Ernährungstherapie auf der pathophysiologischen Trias aus Insulinresistenz, hepatischer Glucoseüberproduktion (übermäßige Produktion von Glucose in der Leber) und eingeschränkter Insulinsekretion. Entscheidend sind Energiebilanz, Nährstoffqualität, Umsetzbarkeit im Alltag und Sicherheitsaspekte (z. B. Hypoglykämierisiko unter Insulin/Sulfonylharnstoffen).

Zentrale Annahmen sind:

  • Eine Gewichtsreduktion verbessert Insulinsensitivität (Empfindlichkeit der Körperzellen gegenüber Insulin) und Blutzuckerwerte.
  • Die Kohlenhydratmenge und -qualität beeinflussen die postprandiale Glykämie (Blutzuckerwerte nach dem Essen).
  • Ballaststoffe und wenig hochverarbeitete Lebensmittel verbessern Stoffwechselparameter.
  • Die Ernährung wirkt nur dann nachhaltig, wenn sie in den Alltag, Präferenzen und Behandlungskonzept integrierbar ist [1-3, 5, 6].

Zielsetzung der Ernährungstherapie

Primär soll eine stabile glykämische Kontrolle (gute Einstellung bzw. Regulation der Blutzuckerwerte) erreicht werden (z. B. HbA1c, Nüchternglucose, postprandiale Glucose), idealerweise mit gleichzeitiger Verbesserung zentraler kardiometabolischer Zielparameter (Körpergewicht, BMI (Body-Mass-Index/Körpermassen-Index) bzw. Taillenumfang (Bauchfett), Blutdruck, LDL-Cholesterin, Triglyceride) [1, 2].

Sekundäre Ziele sind Symptomkontrolle (z. B. Müdigkeit durch Hyperglykämie (Überzuckerung), Reduktion glykämischer Schwankungen, Steigerung der Lebensqualität, Prävention bzw. Verlangsamung von Folgekomplikationen sowie – wo sicher möglich – Vereinfachung oder Reduktion der Medikation (insbesondere bei Gewichtsreduktion) [1-3].

Leitlinienlogik (Indikation → Intervention → Monitoring → Risiken):

  • Die Indikation zur strukturierten Ernährungstherapie besteht grundsätzlich.
  • Die Intervention wird nach Ausgangslage priorisiert [1, 2, 7]:
    • Gewichtsreduktion (bei Übergewicht/Adipositas)
    • Verbesserung der Lebensmittelqualität (Ballaststoffe, geringere Energiedichte, weniger hochverarbeitete Lebensmittel)
    • Anpassung der Kohlenhydratstrategie (z. B. moderat kohlenhydratreduziert oder mediterran)
    • Protein- und Natriumstrategie bei diabetischer Nierenerkrankung
  • Das Monitoring umfasst Verlaufskontrollen von HbA1c, Glucoseprofil, Gewicht/Taillenumfang, Blutdruck, Blutfetten, Nierenparametern und – unter bestimmten Medikamenten – Hypoglykämien (Unterzuckerungen).
  • Risiken ergeben sich v. a. aus restriktiven Diäten, Interaktionen mit Antidiabetika (blutzuckersenkende Medikamente) sowie potentiellen Nährstoffverschiebungen [1, 2].

Kurzfristige Ziele (Wochen bis 3 Monate) sind z. B. HbA1c-Reduktion, Gewichtsabnahme, Verbesserung postprandialer Spitzen (Blutzuckerspitzen nach dem Essen) und eine alltagstaugliche Routine.

Langfristig (≥ 6-12 Monate) stehen Gewichtsstabilisierung, kardiovaskuläre Risikoreduktion, Komplikationsprävention und nachhaltige Ernährungsqualität im Vordergrund [1-3].

Grundprinzipien

Kern ist eine individuell passende, energiebewusste und nährstoffdichte Ernährung mit hoher Lebensmittelqualität. In der Praxis bewährt sich ein „Baukastenprinzip“ [1, 5, 6]:

  • Gemüse, Salate als Volumenbasis
  • Ausreichende Proteinquelle pro Mahlzeit
  • Hochwertige Fette (v. a. aus Nüssen, Samen, Olivenöl)
  • Kohlenhydrate gezielt nach Menge und Qualität (Vollkorn, Hülsenfrüchte bevorzugen; Zucker/Weißmehl begrenzen)
  • Ballaststoffreiche Snacks statt hochverarbeiteter Produkte

Die Mahlzeitenstruktur ist flexibel. Häufig günstig sind 2-3 Hauptmahlzeiten mit klaren Portionsregeln, um dauerndes Snacken und damit wiederholte Glucoseanstiege zu reduzieren.

Bei Insulintherapie oder Hypoglykämierisiko muss die Struktur an Therapie und Alltag angepasst werden (z. B. planbare Kohlenhydratmengen, Korrekturregeln) [1].

Phasen können sinnvoll sein: Anfänglich eine strukturierte Reduktionsphase (Kaloriendefizit, hoher Strukturgrad), anschließend eine Stabilisierungsphase (Gewicht halten, Essmuster verstetigen) und schließlich eine Erhaltungsphase (Routinen, Rückfallprophylaxe). Bei geeigneten Personen kann eine intensivere Gewichtsmanagement-Strategie Remission (Rückbildung der Erkrankung) unterstützen, wobei Nachhaltigkeit und Rückfallrisiko aktiv angesprochen werden müssen [3].

Angestrebte Wirkmechanismen

Die Ernährungstherapie wirkt über mehrere, teils additive Mechanismen: Ein Kaloriendefizit reduziert viszerales und intrahepatisches Fett (Fett, das sich im Bauchraum um die inneren Organe herum sowie in der Leber ansammelt), verbessert die Insulinsensitivität und senkt die Glucoseproduktion in der Leber. Damit sinken Nüchternglucose und HbA1c. Ein deutlicher Gewichtsverlust kann bei einem Teil der Betroffenen zu Remission führen, ist jedoch langfristig rückfallgefährdet, wenn das Gewicht wieder ansteigt [3].

Die Kohlenhydratstrategie beeinflusst vor allem die postprandiale Glykämie (Blutzuckerwerte nach dem Essen). Kohlenhydrate werden im Darm zu Glucose abgebaut und ins Blut aufgenommen. Je schneller und in größerer Menge dies geschieht, desto stärker steigt der Blutzucker an. Werden weniger Kohlenhydrate verzehrt oder solche gewählt, die langsamer aufgenommen werden (z. B. Lebensmittel mit niedrigerer glykämischer Last), fallen die Blutzuckerspitzen nach den Mahlzeiten flacher aus. Gleichzeitig sinkt der erforderliche Insulinbedarf. Die glykämische Last beschreibt dabei, wie stark eine übliche Portionsgröße eines Lebensmittels den Blutzucker tatsächlich ansteigen lässt. Sie berücksichtigt sowohl die Art der Kohlenhydrate (wie schnell sie ins Blut gelangen) als auch die verzehrte Menge. Vollkornprodukte, Hülsenfrüchte oder Gemüse haben in der Regel eine niedrigere glykämische Last als Weißmehlprodukte, Süßigkeiten oder gezuckerte Getränke.
In klinischen Studien zeigen kohlenhydratreduzierte Ernährungsansätze kurzfristig häufig stärkere Verbesserungen des HbA1c-Wertes. Langfristig ist jedoch weniger die exakte Kohlenhydratmenge entscheidend, sondern vor allem die nachhaltige Umsetzbarkeit im Alltag und die Gesamtqualität der Ernährung [4].

Ballaststoffe (insbesondere lösliche) verzögern die Kohlenhydratresorption, erhöhen die Sättigung, verbessern Darmhormonantworten und können HbA1c sowie Nüchternglucose senken. Lösliche Ballaststoffe sind quellfähige, wasserbindende Faserstoffe, die im Verdauungstrakt eine gelartige Struktur bilden. Dadurch wird die Magenentleerung verlangsamt und die Glucose langsamer ins Blut abgegeben. Typische Quellen sind Hafer, Gerste, Hülsenfrüchte, Flohsamenschalen, Äpfel oder Beeren. Durch diese Effekte können sowohl der HbA1c-Wert als auch die Nüchternblutzuckerwerte messbar gesenkt werden. Die Evidenz für lösliche Fasersupplemente (z. B. Flohsamenschalen) zeigt klinisch relevante Verbesserungen, wobei Unterschiede in Studiendauer, Dosierung und Patientengruppen berücksichtigt werden müssen [5].

Mediterrane Muster kombinieren eine hohe Nährstoffdichte, günstige Fettqualität, Ballaststoffreichtum und geringe Verarbeitung von Lebensmitteln. Metaanalysen randomisierter Studien zeigen im Mittel Verbesserungen von HbA1c, Gewicht und kardiovaskulären Risikoparametern [4].

Zielgruppen und Ausschlusskriterien

Geeignete Zielgruppen

  • Erwachsene mit diagnostiziertem Typ-2-Diabetes (mit/ohne Medikation) [1, 2]
  • Übergewicht/Adipositas (Gewichtsreduktion als zentraler Hebel) [1-3]
  • Kardiovaskuläre Risikokonstellation [1, 4, 6]
  • Ältere Menschen (geriatrisch): Fokus auf Proteinsuffizienz (unzureichende Eiweißversorgung), Sarkopenieprävention (Vorbeugung gegen altersbedingten Muskelabbau), einfache Strukturen [1]
  • Schwangerschaft: Erfordert eine spezialisierte diabetologische Betreuung. Dabei muss zwischen bestehendem Typ-2-Diabetes und einem neu aufgetretenen Schwangerschaftsdiabetes unterschieden werden [1].
  • Kinder und Jugendliche mit Typ-2-Diabetes: spezialisiertes Setting erforderlich [1]

Eingeschränkte Eignung

  • Insulin, Sulfonylharnstoffe: erhöhtes Hypoglykämierisiko bei Kaloriendefizit oder Kohlenhydratreduktion → Dosis-/Therapieanpassung und enges Monitoring [1]
  • Diabetische Nephropathie (Nierenerkrankung): Protein- und Natriumstrategie an Stadium anpassen [7]
  • Essstörungen, schwere Frailty (Gebrechlichkeit), ungewollter Gewichtsverlust: restriktive Ansätze vermeiden [1]

Indikationsbezogene Eignung/Komorbiditäten (Begleiterkrankungen)

  • Nicht-alkoholische Fettlebererkrankung, Hypertonie (Bluthochdruck), Dyslipidämie (Fettstoffwechselstörung): mediterran/ballaststoffreich, energie- und salzbewusst besonders sinnvoll [1, 4]
  • Insgesamt ist weniger die Diagnose Typ-2-Diabetes als die Kombination aus Medikation, Nierenfunktion, Ernährungsstatus und Umsetzbarkeit entscheidend für die konkrete Ausgestaltung [1, 7].

Durchführung und Ablauf der Ernährungstherapie

Küchen- und Einkaufsumgebung werden so gestaltet, dass Standardentscheidungen leichtfallen (ballaststoffreiche Grundnahrungsmittel, proteinreiche Basis, gesunde Fette; hochverarbeitete Snackfoods möglichst nicht vorrätig haben).

Parallel werden Ausgangswerte dokumentiert (Gewicht/Taillenumfang, Blutdruck, HbA1c, Blutfette, ggf. Nierenwerte; aktuelles Glucoseprofil) und ein realistischer Zielkorridor definiert [1, 2]. Häufige Startfehler sind zu komplexe Regeln, zu radikale Restriktion, fehlende Proteinplanung (→ Hunger), flüssige Kalorien und das Unterschätzen von Hypoglykämien (Unterzuckerungen) unter blutzuckersenkender Therapie [1].

Eine Übergangsphase von 1-2 Wochen kann helfen: Zunächst Getränke, Frühstück und Snacks standardisieren, dann Hauptmahlzeiten umbauen, erst danach Feinsteuerung der Kohlenhydrate. Organisatorisch bewährt sich ein Wochenplan mit 6-10 wiederholbaren Standardgerichten statt täglicher Neuerfindung.

Empfohlene Zeiträume: erste Evaluation nach 2-4 Wochen (Umsetzbarkeit, Hypoglykämien, Hunger, Glucoseverlauf). Anschließend nach 8-12 Wochen (HbA1c-Effekt), langfristig quartalsweise mit Labor- und Risikoparametern [1].
Beendigung bedeutet meist nicht „Stop“, sondern einen Übergang in eine Erhaltungsroutine mit Rückfallstrategien (z. B. definierter „Reset-Plan“ bei Gewichtszunahme oder HbA1c-Anstieg).

Empfohlene Lebensmittel

Gemüse und Salate

  • Zu jeder Hauptmahlzeit eine große Portion (mindestens die Hälfte des Tellers)
  • Frisch oder tiefgekühlt – beides ist gleichwertig
  • Besonders günstig: Brokkoli, Zucchini, Paprika, Blattgemüse, Tomaten, Aubergine, Pilze
  • Hülsenfrüchte (Linsen, Kichererbsen, Bohnen) 3-4 × pro Woche einbauen – als Beilage, Salat oder Hauptgericht [4, 5]

Proteinquellen (Sättigungsanker jeder Mahlzeit)

  • Fisch (1-2x/Woche), z. B. Lachs, Hering, Makrele
  • Mageres Fleisch in moderaten Mengen
  • Eier
  • Naturjoghurt, Skyr, Quark, Hüttenkäse (ungesüßt)
  • Pflanzliche Alternativen wie Tofu, Tempeh, Hülsenfrüchte [1]

Jede Mahlzeit sollte eine erkennbare Proteinquelle enthalten – das stabilisiert den Blutzucker und erhöht die Sättigung.

Kohlenhydrate – gezielt auswählen

  • Vollkornbrot statt Weißbrot
  • Haferflocken statt gezuckerter Cerealien
  • Naturreis oder Bulgur statt weißem Reis
  • Kartoffeln in moderaten Portionen, möglichst kombiniert mit Gemüse und Protein
  • Obst in alltagstauglichen Portionen (z. B. 1 Apfel oder eine Handvoll Beeren), bevorzugt zu einer Mahlzeit [1, 4]

Fette – Qualität vor Quantität

  • Olivenöl als Standardfett in der Küche
  • Eine kleine Handvoll Nüsse täglich
  • Samen (Leinsamen, Chiasamen) ins Müsli oder Joghurt
  • Avocado gelegentlich

Der Schwerpunkt sollte auf ungesättigten Fettsäuren liegen [4].

Ballaststoff-Booster

  • Haferkleie oder Flohsamenschalen (z. B. 1 TL in Joghurt oder Wasser)
  • Regelmäßig Hülsenfrüchte
  • Vollkorn statt Auszugsmehl

Lösliche Ballaststoffe können Blutzucker und HbA1c messbar verbessern [5]. Sie finden sich vor allem in Hafer und Gerste, Hülsenfrüchten (z. B. Linsen und Bohnen), Äpfeln und Beeren sowie in besonders konzentrierter Form in Flohsamenschalen.

Nicht empfohlene bzw. einzuschränkende Lebensmittel

Hochverarbeitete Produkte

  • Süßigkeiten, Chips, Gebäck, Softdrinks, Fertiggerichte
  • Häufig hoher Zucker-, Fett- und Kaloriengehalt bei niedriger Sättigung

Ein hoher Konsum ist mit einem erhöhten Typ-2-Diabetes-Risiko assoziiert und erschwert Gewichts- und Blutzuckerkontrolle [6].

Wenn die Zutatenliste lang ist, ist Zurückhaltung sinnvoll.

Zuckerreiche Getränke

  • Limonaden, Eistee, Fruchtsäfte, gesüßte Kaffeespezialitäten

Flüssige Kalorien sättigen kaum, erhöhen aber rasch den Blutzucker [1].

Raffinierte Kohlenhydrate

Beim Raffinieren werden Getreide oder Zucker industriell verarbeitet und „gereinigt“. Dabei gehen Ballaststoffe, Vitamine und Mineralstoffe weitgehend verloren. Übrig bleibt vor allem schnell verfügbarer Zucker bzw. Stärke.

  • Weißbrot, Croissants, helle Nudeln, weißer Reis, stark gezuckerte Frühstücksflocken, Haushaltszucker

Genussmittelkonsum

Tabak (Rauchen)

  • Tabak erhöht das kardiovaskuläre Risiko (Risiko für große Gefäßerkrankungen (Makroangiopathie)) und verschlechtert die Prognose bei Diabetes mellitus [1].
  • Rauchen ist mit höherem Risiko für mikrovaskuläre Komplikationen (Schäden an kleinen Gefäßen (Mikroangiopathie)) assoziiert [1].
  • Klare Empfehlung: vollständige Abstinenz.

Alkohol

  • Evidenzlage: insgesamt eher riskant bei Typ-2-Diabetes wegen Kalorien, Blutdruck, Triglyceriden und Hypoglykämierisiko (→ Alkohol nicht nüchtern trinken) unter Therapie [1]
  • Wenn konsumiert: keine Hochdosisaufnahme; bevorzugt alkoholfreie Tage [1]
    • Niedrigrisikokonsum (Erwachsene ohne relevante Vorerkrankungen, ohne Medikation mit Interaktionen):
      • Frauen: maximal 10-12 g reiner Alkohol pro Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage pro Woche
      • Männer: maximal 20-24 g reiner Alkohol pro Tag, zusätzlich mindestens 2 alkoholfreie Tage pro Woche

Praktische Tipps zur Umsetzung im Alltag

  • Standardfrühstück etablieren: z. B. Skyr/Quark natur + Beeren + Nüsse/Samen oder Omelett + Gemüse
    → reduziert Entscheidungslast und stabilisiert Vormittagswerte
  • „Proteine zuerst“-Prinzip: Jede Hauptmahlzeit startet mit Proteinanker (z. B. Fisch/Tofu/Hülsenfrüchte) + großem Gemüseanteil, Kohlenhydrate werden danach passend ergänzt
  • Ballaststoffroutine: täglich einen „Fixpunkt“ (Hülsenfrüchte oder Hafer/Flohsamenschalen); bei Verstopfung langsam steigern und Flüssigkeit mitplanen [5]
  • Getränke regelbasiert: Wasser, ungesüßter Tee/Kaffee als Standard; Säfte/Softdrinks sind Ausnahmen
  • Restaurantstrategie: Gemüsebeilage verdoppeln, Soßen separat, Dessert teilen oder ersetzen
  • Notfallplan: 2-3 schnelle Standardmahlzeiten (z. B. TK-Gemüse + Protein + Olivenöl; Linsensalat; Eier + Salat), um Take-away-Spiralen zu vermeiden
  • Messwerte nutzen, nicht bekämpfen: Glucoseprofile zeigen Muster (z. B. Frühstücksspitzen) und steuern gezielt Anpassungen (Portion, Zusammensetzung, Reihenfolge) [1]

Ernährungsphysiologische Bewertung

Eine qualitativ hochwertige Typ-2-Ernährung ist meist makronährstoffflexibel, aber strukturell ähnlich: ausreichend Proteine, hohe Ballaststoffdichte, hochwertige Fette, kontrollierte Energiedichte und geringer Konsum hochverarbeiteter Lebensmittel [1, 4-6].

Makronährstoffe (Hauptnährstoffe):

  • Kohlenhydrate: Nicht die Menge allein, sondern Qualität und Kontext sind entscheidend. Vollkorn, Hülsenfrüchte und stärkehaltiges Gemüse liefern langsamere Glucosefreisetzung und mehr Mikronährstoffe (Vitalstoffe). Bei ausgeprägten postprandialen Spitzen kann eine moderat kohlenhydratreduzierte Strategie kurzfristig HbA1c senken [1, 4].
  • Proteine (Eiweiß): Unterstützen Sättigung und Muskelmasse, wichtig bei Gewichtsreduktion und im Alter. Bei chronischer Nierenerkrankung müssen Proteine zielgerichtet angepasst werden [7].
  • Fette: Mediterrane Fettqualität (v. a. ungesättigte Fette) ist mit günstigen kardiometabolischen Effekten vereinbar; extreme „fettarm“-Ansätze sind nicht zwingend überlegen, wenn die Lebensmittelqualität stimmt [4].

Mikronährstoffe und kritische Punkte:

  • Bei stark restriktiven Kostformen drohen Defizite (z. B. B-Vitamine, Calcium, Jod, Magnesium) – weniger durch „Diabetesdiät“ per se, mehr durch einseitige Umsetzung [1].
  • Ballaststoffarme Ernährungsweisen sind häufig mikronährstoffärmer und erschweren Gewichts- und Glucosekontrolle [6].

Energiezufuhr:

  • Schon eine moderate, kontinuierliche Gewichtsreduktion verbessert die Insulinsensitivität (Empfindlichkeit der Körperzellen gegenüber Insulin). Intensive Gewichtsmanagementprogramme können Remission ermöglichen, erfordern aber ein Konzept zur Gewichtserhaltung [3].

Ballaststoffe:

  • Ballaststoffe sind ein zentraler Wirkhebel: Lösliche Fasern zeigen in Metaanalysen eine HbA1c-Senkung und verbessern weitere glykämische Parameter. Praktisch bedeutet das: Hülsenfrüchte, Hafer, Gemüse, ggf. gezielte Supplemente (z. B. Flohsamenschalen) – Menge oder Dosis schrittweise und in kleinen Schritten erhöhen [5].

Langfristige Ausgewogenheit:

  • Mediterrane, vollwertige Muster sind langfristig meist gut ausgewogen. Die größten Probleme entstehen durch zu hohe Komplexität oder zu restriktive Regeln, die Umsetzbarkeit und soziale Umsetzbarkeit senken [1, 4].

Medizinische Risiken und mögliche Komplikationen

Nährstoffmängel/Unterversorgung:

  • Stark kalorienreduzierte oder monotone Diäten können Protein- und Mikronährstoffunterversorgung begünstigen, v. a. bei älteren Menschen (Sarkopenierisiko/Risiko für altersbedingten Muskelabbau) [1].
  • Sehr kohlenhydratreduzierte Muster ohne ausreichendes Gemüse/Hülsenfrüchte können ballaststoffarm werden. Folgen sind Obstipation (Verstopfung), ungünstige Lipidverschiebungen oder schlechtere Langzeitumsetzbarkeit [4, 5].

Stoffwechselveränderungen:

  • Hypoglykämien (Unterzuckerungen): Zentrales Risiko bei Kaloriendefizit oder Kohlenhydratreduktion unter Insulin und Sulfonylharnstoffen; erfordert proaktives Dosismanagement und enges Selbstmonitoring [1]
  • Lipide: Unter bestimmten kohlenhydratarmen Strategien können LDL-Cholesterin oder Gesamtcholesterin ansteigen; dann Fettqualität, Gewichtsverlauf und Gesamtmuster prüfen [4]

Gastrointestinale Effekte (Auswirkungen auf den Magen-Darm-Trakt):

  • Ballaststoffsteigerung kann anfänglich Blähungen verursachen; langsame Steigerung, ausreichende Flüssigkeit und Auswahl verträglicher Quellen reduzieren Beschwerden [5]

Relevante Wechselwirkungen mit Medikation:

  • Bei Änderungen der Diabetesmedikation oder einer deutlichen Ernährungsumstellung müssen beide Maßnahmen aufeinander abgestimmt werden. Einige Medikamente beeinflussen Appetit, Flüssigkeitshaushalt oder Unterzuckerungsrisiko [1, 2]. 

Nierenfunktion/Proteinstrategie:

  • Bei diabetischer Nephropathie sollen Proteine nicht pauschal erhöht werden. Nach den Leitlinien der internationalen Nierenfachgesellschaft KDIGO wird für Erwachsene mit Diabetes und chronischer Nierenerkrankung (nicht dialysepflichtig) eine Proteinzufuhr im Bereich des allgemeinen Bedarfs von etwa 0,8 g/kg Körpergewicht/Tag empfohlen [7].

Kurzfristige Risiken:

  • Hypoglykämien (Unterzuckerungen), orthostatische Beschwerden (Kreislaufprobleme beim Aufstehen) bei rascher Gewichtsreduktion, Magen-Darm-Beschwerden bei abruptem Anstieg der Ballaststoffaufnahme [1, 5].

Langfristige Risiken:

  • Jo-Jo-Effekte mit Rückkehr schlechter Stoffwechselkontrolle; daher Fokus auf Erhaltungsstrategien (Routinen, Rückfallplan) [3]
  • Ein hoher Anteil hochverarbeiteter Lebensmittel ist mit ungünstigen Langzeitoutcomes assoziiert und sollte strukturell reduziert werden [6].

Kontraindikationen (Gegenanzeigen)

Absolute Kontraindikationen

  • Keine

Relative Kontraindikationen (ggf. mit Monitoringbedarf)

  • Hohe Hypoglykämiegefahr (Insulin/Sulfonylharnstoffe) bei geplanter starker Kalorien- oder Kohlenhydratreduktion → enges Monitoring, Dosisanpassung [1]
  • Fortgeschrittene chronische Nierenerkrankung → Protein-/Elektrolytstrategie nach KDIGO, engmaschige Kontrollen [7]
  • Frailty (Gebrechlichkeit), ungewollter Gewichtsverlust, Essstörung → restriktive Ansätze vermeiden, ernährungsmedizinische Expertise erforderlich [1]

Vorteile

  • Verbesserung von HbA1c (Langzeitblutzuckerwert), Gewicht, Blutdruck und Lipiden – abhängig von Strategie und Umsetzbarkeit [1, 4, 5]
  • Reduktion postprandialer Glucosespitzen und glykämischer Variabilität (Abschwächung von Blutzuckerspitzen nach dem Essen und Verminderung starker Blutzuckerschwankungen) [1, 4]
  • Potential zur Remission bei geeignetem Profil und relevantem Gewichtsverlust [3]
  • Häufig bessere Lebensqualität durch strukturierte, alltagstaugliche Routinen [1]

Grenzen

  • Der Langzeiterfolg hängt stark von Umsetzbarkeit und Präferenzen ab [1, 2, 4].
  • Remission ist möglich, aber nicht garantiert und rückfallgefährdet bei Gewichtszunahme [3].
  • Soziale, psychologische und ökonomische Faktoren (Schichtarbeit, Stress, Food Environment) begrenzen die reine Ernährungslogik [1].
  • Bei Komorbiditäten (Begleiterkrankungen) sind zusätzliche Restriktionen erforderlich, die die Planung komplexer machen [7].

Wissenschaftliche Einordnung

Die Evidenz unterstützt Ernährungstherapie als zentrale Säule der Typ-2-Diabetesbehandlung. Leitlinien (ADA; ADA/EASD) betonen Individualisierung, Gewichtsmanagement, Lebensmittelqualität und die Integration in medikamentöse Strategien [1, 2].

Hochwertige Daten zeigen: Intensive Gewichtsmanagementprogramme können Remission über Jahre ermöglichen, allerdings mit abnehmender Remissionsrate bei Gewichtsrückgang; daraus folgt klinisch die Notwendigkeit eines strukturierten Erhaltungsplans [3].

Metaanalysen randomisierter Studien stützen mediterrane Muster als wirksam für HbA1c und kardiometabolische Marker [4]. Kohlenhydratreduzierte Ansätze zeigen kurzfristig oft stärkere HbA1c-Effekte, langfristig gleichen sich Effekte häufig an, sodass Umsetzbarkeit und Sicherheit (v. a. Hypoglykämien) entscheidend sind [2, 4]. Ballaststoffe, insbesondere lösliche, zeigen konsistente glykämische Verbesserungen in Metaanalysen [5]. Parallel wächst die Evidenz, dass hohe Ultraverarbeitung mit ungünstigen Diabetes-Outcomes assoziiert ist.

Die Evidenz ist solide und die klinischen Effekte sind gut dokumentiert. Langfristig bestimmen jedoch vor allem Alltagstauglichkeit und Therapiesicherheit den Erfolg [1-6].

Fazit

Die Ernährungstherapie ist bei Typ-2-Diabetes eine leitlinienbasierte Intervention und sollte strukturiert, individuell und sicherheitsorientiert umgesetzt werden.

Kurzfristig sind Verbesserungen von HbA1c und Glucoseprofil häufig erreichbar. Langfristig entscheidet die Kombination aus Gewichtsmanagement, Lebensmittelqualität (ballaststoffreich, mediterran, wenig ultraverarbeitet) und Umsetzbarkeit. Remission ist bei geeigneten Personen durch relevanten Gewichtsverlust möglich, bleibt jedoch ohne Erhaltungsstrategie rückfallgefährdet.

Klinisch ist Ernährungstherapie damit nicht „optional“, sondern eine zentrale Behandlungsachse – vergleichbar in Bedeutung mit medikamentösen Maßnahmen, jedoch mit höherer Anforderung an Umsetzbarkeit und kontinuierliches Monitoring [1-3].

Literatur

  1. American Diabetes Association Professional Practice Committee: 2. Diagnosis and Classification of Diabetes: Standards of Care in Diabetes – 2025. Diabetes Care. 2025;48(Suppl 1):S27-S49. doi: 10.2337/dc25-S002.
  2. Davies MJ, Aroda VR, Collins BS et al.: Management of Hyperglycemia in Type 2 Diabetes, 2022. A Consensus Report by the American Diabetes Association (ADA) and the European Association for the Study of Diabetes (EASD). Diabetes Care. 2022 Nov 1;45(11):2753-2786. doi: 10.2337/dci22-0034.
  3. Lean MEJ, Leslie WS, Barnes AC et al.: 5-year follow-up of the randomised Diabetes Remission Clinical Trial (DiRECT) of continued support for weight loss maintenance in the UK: an extension study. Lancet Diabetes Endocrinol. 2024 Apr;12(4):233-246. doi: 10.1016/S2213-8587(23)00385-6.
  4. Wu MJ et al.: Impact of the Mediterranean Diet on Glycemic Control, Body Mass Index, Lipid Profile, and Blood Pressure in Type 2 Diabetes: A Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Nutrients. 2025 Dec 13;17(24):3908. doi: 10.3390/nu17243908.
  5. Xie Y, Chen L, Gou L et al.: Effects of soluble fiber supplementation on glycemic control in adults with type 2 diabetes mellitus: A systematic review and meta-analysis of randomized controlled trials. Clin Nutr. 2021 Apr;40(4):1800-1810. doi: 10.1016/j.clnu.2020.10.032.
  6. Delpino FM, Figueiredo LM, Bielemann RM et al.: Ultra-processed food and risk of type 2 diabetes: a systematic review and meta-analysis of longitudinal studies. Int J Epidemiol. 2022 Aug 10;51(4):1120-1141. doi: 10.1093/ije/dyab247.
  7. Kidney Disease: Improving Global Outcomes (KDIGO) Diabetes Work Group: KDIGO 2022 Clinical Practice Guideline for Diabetes Management in Chronic Kidney Disease. Kidney Int. 2022 Nov;102(5S):S1-S127. doi: 10.1016/j.kint.2022.06.008.